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Kasseler Abendzeitung

20. Jahrgang

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

Donnerstag, 13. März 1930

Nummer 61

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

SaSW£ i. KLL'TL?S' >«'"«SÄ2£«-5 ä nunSbtttätt innert«» von 5 Tagen »ablbar. (Sericutertani Raffel. - Postscheckkonto ftranffurt a. M. b^u.

Kasseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

hrf»ehntne8rodfe: wvchentNch sechsmal «atSmftfasS. 9fBonnement8etet8: fftt den Monat 2.80* e?!.,If?9c IcUuna in« Hau«, in der GekchSiisstelle abgebolt 2.10 JL Durch die Polt monatlich 2.30 Jt auSichliehlich 3" effunaBeebüfr än ÄdCen oon Mberer toeroalt bcftebt kein Ansvru» auf Liekerung »er 3eiwuo oder »Ä tedMblun« de« »emgsvreiseS Verlas. Scbrittleitung und Druckerei: Kölnische Strafte 10. - Telephon, sammetoummer 8800. Juristische Svrechstunde leben Dienstag von 5 bis 7 Uhr Löluische Strafte Nr. 10.

Vor Unterzeichnung der ^oungabkommen

Loch heule Entscheidung der Reichspräsidenten? / Aushebung einer kommunistischen Loge / Bene Lieberschwemmungen in Südsrankreich

Kommentare des Auslandes

Eigener Drahtbericht.

KommunistischeRollkommandos

Eigene r' Draht Lite 1<ht,

werden müsse. Das radikale Blatt schließt sich im gro­ßen und ganzen dem deutschen Standpunkt in der Sanktionssrage an und nützt die von deutscher Seite angeführten Argumente.polemisch gegen Tardieu aus

Homme Libre" meint, man sei sich tm Reichstag darüber klar gewesen, daß, falls die Young- gesetze nur mit einer Mehrheit von fünf oder sechs Stimmen angenommen worden wären, dies im aus­länd eine unheilvolle Wirkung ausgeübt und die Gefahr heraufbeschworen hätte, gewiffe materielle Vorteile des Uoungplanes illusorisch zu machen Aber durch die Abstimmung seien die innerpolittschen Schwierigkeiten in Deutschland immer noch nicht ve- tzoben.

AnWußbewegung in Oesterreich

Wien. 13. Mär;.

. Die ö-fterreichisch--deutsche Wirtschaftsdelegation veranstaltete gestern eine KundHSbung für den wirt­schaftlichen Zusammenschluß mit Deutschland. U. a. waren anwesend Innenminister Schumy, der frü­hereösterreichische Gesandte in Berlin Dr. Riedel und für die Sozialdemokraten Sektionschef Dr. Vetter.

Die angeschlossenen Körperschaften Hirten nach einer Mitteilung des Präsidiums der Organisation über eine Million Mitglieder zngeführt. Erne um­fangreiche Umfrage in allen Wirtschaft Streifen hatte

ein für die Idee des Anschlusses seihr erfreuliches Ergebnis.

Es sprachen für den Landbund der M»g. Am­mann, für die Arbeiterkammer der Sekretär Hofrat Dr. Palla, der den Zusammenschluß auch als ein Mittel zur Milderung der Arbeitslosigkeit bezeichnete Der christlichsoziale Abg. Prof. Drexel erklärte, er sche im Zusammenschluß das einzige Mittel zur Mil­derung der Wirtschafisno.t. Unter lebhaftem .subel der Versammlung sprach er den Wunsch aus, daß der fetzt abzuschließende Handelsvertrag zwischen Deutschland und Oesterreich der letzte sei, den die beiden als selbständige Staaten schließen muffen.

Rnßland mb die Reichsbahn

Berlin, 13. März.

Zn diesen Tagen ist die Nachricht aufgetaucht, daß eine engere Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Reichsbahngesellschaft und dem sowjet-russischen Ver- kehrskommissariat vereinbart worden sei zwecks Reor­ganisation des russischen Eisenbahnwesens. Hieran ist nur soviel richtig, daß von russischer Seite der Wunsch geäußert worden ist, mit Hilfe deutscher In­genieure die russischen Eisenbahnwerkftatten, die sich offenbar in einem wenig leistungsfähigen Zustande befinden, nach deutsch-nn Vorbild zu reorganisieren.

Eine Entscheidung der Relchsbahngesellschaft über diesen Wunfrt ist indessen noch nicht gefallen, da ge­rade im vorliegenden Fall erhebliche politische Gesichts­punkte mit zur Debatte stehen, die allein der Beurtei­lung der zuständigen Reichsbehörden unterliegen kön­nen. Gerade in Anletracht der jetzt zu Tage getrete­nen Spannung zwischen Deutschland und Rußland muß diese Frage besonders sorgfältig erwogen wer­den.

l~ Berlin, 13. Dlürz.

Wie der .Vorwärts" mttteilt, rechnet man in Re- Iierungskreisen damit, daß das gestern im Reichstag beschlösse«? Vertragswert, das heute dem Reichsrat unterbreitet wird, «och am heutigen Tage dem Reichspräsidenten z«r Unterzeichnung vorgelegt wirv.

Warschauer Scho

- Warschau, 13. März.

Die halbamtlicheGazeta P o l s k a" beschäftigt sich mit der Ratifizierung des Houngplane^ und des Polenabkommens im deutschen Reichstag. Das Blatt hebt hervor, daß der Widerstand der deutschen Ra­tionalisten in der Haltung des Reichspräsidenten von Hindenburg ein Gegengewicht gefunden habe. Die Regierung Müller habe die schwere und große Schlacht «Wonnen. Die Ratifizierung des War­schauer Abkommens fei umsomehr zu be- Grüßen, als sie den Abschluß des deutsch-polni­schen Handelsvertrages voraussetze.

DerExpreß Poranny" bringt eine kurze Unterredung feines Korrespondenten mit Reichs­außenminister Dr. CurtiuZ. Der Außenminister hat erklärt, daß die Regierung den parlamentarischen Kamvf gewonnen habe, und daß man nunmehr an her Schwelle einer neuen Aera der Befriedung Euro­pas stehe. Der Handelsvertrag mit Polen sei fertig. Der deutsche Gesandte Rauscher werde in den nächsten Tagen fein Werk durch die Unterfchrift krönen.

Was die Umbildung der deutfchen Ge­sandtschaft in Warschau in eine Botschaft an- helange, so fei in dem deutschen Haushalt für 1930 ent derartiger Posten nicht vorgeseben, das bedeute aber nicht etwa eine negative Entscheidung in dieser

Dresden, 13. März.

Düs Presseamt des Polizeipräsidiums Dresden teilte kurz vor Mitternacht folgendes mit: Der politi­schen Abteilung des Polizeipräsidinms war bekannt, daß die kommunistische Antifa (Antifaschistische Ar­beitslose eine sogenannte Rote Loge, bei der es sich vssenbar um eine geheime Verbindung tm Sinne der §§ 128 und 129 des Re chsstrafgesetzbuches han­delte, gegründet hat. Die Aufgabe, der Mitglieder die- fer Roten Loge, die zum ersten mal bei den Vorkomm­nissen am 6. März ausgetreten ist, und auch heute an­läßlich des kommunistischen Hungermarsches nach Dresden wieder in Tätigkeit treten sollte, besteht u. a. darin, bei Umzügen ufro. sog. Rollkomma «do s z u b i l d e n, die der Polizei besondere Schwierigkei­ten machen, aufs Ganze zu gehen und insbesondere einzelne Polizeibeamte abzudrängen, zu überfallen und zu mißhandeln haben. ......

Nunmehr gelang es den Beamten der politischen Abteilung des Polizeipräsidiums, diesen komm«, uistischen Geheimbund bei einer Besprechung

Frage

Paris nimmt Kenntnis

Paris, 13. März.

Die Morgenpresse verzeichnet zwar die Tatsache her endgültigen Ratifizierung des Aoungplans durch den Reichstag, aber nur wenige Blatter würdigen die Bedeutung dieses Beschlusses.

^Das Organ Daladiers,La Republique", schreibt: Eine entscheidende Etappe ist auf dem Wege her von der Unterzeichnung der Abkommen vom Haag zu deren Inkraftsetzung führt, zuruckgelegt wor­den. Die deutsche Regierung hat mit Beharrttchkei das Werk verteidigt, das Stresemann nicht vollenden konnte, das aber den normalen Abschluß der vom «esunden Menschenverstand diktierten Politik bar« stellt, die man als Ersüllungspolitik zu bezeichnen hrleai. Durch die Aussprache im Reichstag ist uns ntr Kemttnis gebracht worden, daß alle deutschen Parteien sich darin einig sind, die A b k o m m e n vom Hag als provisorisch zu. betrachten, und daß früher ober später deren Revision ms Auge gefaßt

Das Wasser steigt...

Neue Hiobsbotschaften aus Südfrankreich

Ministerpräsident Tardieu verlangte die Streichung dieses einleitenden Paragraphen. Tie Kammer lehnte jedoch den Antrag der Regierung auf Streichung die­ser Bestimmung mit 292 gegen 286 Stimmen ab. Die Vertrauensfrage hatte der Ministerpräsident nicht ge­stellt. Darauf wurde der zweite Teil des Artikels, be­treffend den unentgeltlichen Unterricht mtt 420 gegen 165 Stimmen genehmigt.

Sodann begann die Diskussion der Artikel, betref­fend die Kredite für die neuen Ministerien und Unter­staatssekretariate. Der Vorschlag des ^inanzau-iamfi ses. die Zahl der Regierungsmitglieder obligatorisch auf 25 festzulegen wurde, nachdem Tardieu die Ver­trauensfrage daaegen eingesetzt hatte, mtt 320 gegen 260 stimmen nnn der Kammer abgelehnt.

Rach zwölfitündiger Nachtsitzung »ahm die Kam­mer gegen 10 Ubr vormittags das B u d a e t m i t 476 neuen 112 Stimmen an Es W#»« 04 Milliarden Einnahmen und 50/- Milliarden Franken Uns^ahen mit er.em Einnahmeuberschuß von nur 208 Millionen Franken.

Paris, 13. März.

Noch jinb hie Opfer und Schäden der südfranzö- Pfchen Ueberschwemmung nicht genau ermittelt, und schon treffen Meldungen von einer neuen Ueber- sch vemmungskatastrophe ein.

Am Südwesten Frankreichs sind infolge 48stündi- get Regen- und Schneefälle zahlreiche Flusse, so die Gave. der Adour und die Garoune über die Ufer getreten. Die Städte Tarbes, Pau. Bayonne und Foix icheinen besonders stark be droht zu sein I» Foix befürchtet man den Bruch etnes großen Staudammes. Das Städtchen S a - He-s oe Bear« steht zu drei Viertel unter Wasser. In Bayonne steigt bie Rive stündlich «m 10 Zentimeter. Fast alle Telephonverbindungen sinh unterbrochen. Der Eisenbahuvcttehr erleidet starke Verspätungen.

Aus Bordeaux wird gleichfalls ein starkes Lnschwellen der Garoune und ihrer Rebenslüffe ge- meldet. Die Garonue stieg gestern in neun Stun­den um 5,70 Meter.

1:1

Llngenöqende Vorbereitung

Die Ursache her Flottenkonserenz-Krise.

London, 13. März.

Die Schuld für bie ganz ungünstige Entwicklung her Londoner Flottenkonferenz wird in derDimes und auch in einigen anderen Blattern darauf zuruck- geführt, daß bie technischen Fragen sehr eingehend, die politischen Voraussetzungen der Konferenz jedoch so gut wie gar nicht vorbereitet wurden

Der diplomatische Mitarbeiter desDaily Tele­graph" stellt fest, daß bie Prüfung der französi­schen Denkschrift, in der die Bedürfnisse Frank­reichs niebergelegt sind, zu Ueberralchungen fuhren werbe, ba an ber für den 31. März 1936 ausgegebenen schätzunasweisen Stärke bet französischen Flotte von 724'479 Tonnen ja 120 000 Tonnen fehlten und daß die fran-östsche Flotte, dank eines geschickt verkleideten Berechnungssystems um diese Zeit tatsächlich 840 000 Tonnen stark sein werbe. . .... .. ,._

r Eine Niederlage und ein Sieg Tardieus in her Sammer.

Paris, 13. März.

In bet Nachtsitzung, bie bie Kammer abgehalten hat um die Frage der Einheitsschule zum Ab­schluß zu bringen, hat die Regierung eine neueste. Verlage erlitten. Der Finan;aus,chuß der Kammer hatte dem betreffenden Paragraphen, d-r ble Elnfuh- rung bes unentgeltlichen Unterrichts m der untersten Klasse der höheren Lehranstalten vornchl, slne Bestim­mung vorangestellt, die die allmähliche Ausdehnung der Reform auf sämüiche Unterrlchtsklaffen m Aus­sicht stellt.

in einet kleinen Schankwirtschaft in der inneren Stadl zu überraschen und die Teilnehmer an biefer Ver­sammlung, 33 an der Zahl, die die Plane für den Hungermarsch besprachen, s e st z u n e h m e n und nach dem Polizeipräsidium zu transportieren. Sietverden heute der Staatsanwaltschaft zur weiteren Entschlie- hung zugeführt werden.

* * *

Reuyork, 13. März. Einer Delegation von zwan­zig Russen ist von ber Emwanderungsbehorde in Ellis Island die Einreisegenehmigung nach den Ver­einigten Staaten nicht erteilt worben. Die Delegation behauptet, sie komme nach Amerika, um amerikanische Maschinen durch Vermittlung ber Amtorg-Ges-llschait zu kaufen. Die Gefellschafi stellt dies aber tn Abrede.

Staatssekretär Meißner

Von Reichspressechef Ministerialdirekwr Dr. Zechlin.

Staatssekretär Otto Meißner vollendet am 13. März sein 50. Lebensjahr.

Der Staatssekretär beim Reichspräsidenten macht sich nicht durch Reden und Zeitungsartikel bekannt. Er braucht keine Propaganda, um feine Existenz in die Erscheinung treten zu lassen und um seine Daseins­berechtigung zu beweisen. Wie vor bet Revolution der Ehef des Zivilkabinetts dem Souverän m wichti­gen Fragen zur Seite stand, so ist Staatssekretär Meißner Begleiter und Berater des Staatsoberhauptes der Deutschen Revublik. Er unterstützt den Reichsprä­sidenten bei der Repräsentation und bei den Empfan­gen der Diplomaten, er steht ihm aus feinen Reisen iur Seite, er nimmt in seinem Auftrage an den Bera­tungen des Kabinetts teil und verfolgt die parlamen­tarischen Verhandlungen. Er sondiert in Zeiten der volitischen Krise. Der Staatssekretär ist es, der täg­lich vormittags dem Reichspräsidenten Vortrag zu hal­ten hat und damit ist ihm da die Vorträge des vet- antwortlichen Reichskanzlers und der verantwortlichen Reichsminister naturgemäß nur in größeren Zwischen­räumen stattfinden können neben dem Reichspresse, chef die laufende politischeOrientierung des Staatsoberhauptes übertragen. Alles in ollem: eine Aufgabe die ein Hobes Maß von Einfühlungsver­mögen volitifcher Klucheit und Sachkenntnis voraus­setzt 'Staatssekretär Meißner hat, indem er zwei Reichspräsidenten von verschiedener Wesensart , und Schulung nacheinander zur Seite stand, seine eminen­ten Fähigkeiten erwiesen

In diesen Tagen werden zehn Fabre vergangen sein feitbem Dr. Otto Meißner als Ministerialdirek­tor die Leitung des ReichsprSsidentenbureaus über» Nlchm An dem politischen Geschehen dieses für Deutschlands Wiederaufstieg ausschlaggebend wichtigen Jahrzehnts hat er stärksten Anteil genommen. Der große Einfluß, den die Weimarer Verfassung dem Staatsoberhaupt im Gegensatz zu manchen anderen republikanischen und monarchisch-konstitutionellen Grundgesetzen verleiht, ist in mancher Periode dieses Dezenniums der breiten Oeffentlichkeit sichtbar gewor­den. Der erste wie der zweite Reichsvräfident haben ihn mit größtem Veranttonrtungsgefühl und staats- männisckem Blick unparteiisch geübt Otto Meißner, ber Verfasser eines der besten Kommentare zur Reichs­verfassung vom 11. Au-mst 1919. ist beiden ein treuer Weggenosse, ein zuverlässiger Berater gewesen Aus seiner Schulung als Jurist, als Verwaltungsbeamter, als Offizier, aus seiner Tätigkeit bei der Ukraine­delegation in Kiew wie der im Auswärtigen Amt hat er die mannigfachsten Kenntnisse mitaebracht. An ber Sette feiner Gattin hat er eine Geselligkeit vornehmen Stils gepflegt Das Ausland ist tbm aus zahlreichen Reifen bekannt. Den geborenen El'ässer trafen Zu­sammenbruch und Niederlage besonders schwer. Kein Zweifel daß einen Mann mit solchen Kräften des Geistesunb bet Seele noch große Aufgaben erwarten.

Nach der Schlacht

th. Berlin, 13. März

Die große parlamentarische Schlacht um die Außen« Politik ist nunmehr ausgekämpft Der Youngplan und das Polenabkommen sinh endgültig vom Reichstag angenommen worden. Run« mehr haben die Parlamente in Paris und Loudon, Brüssel und Rom das Wort, um die gleichen Beschlüsse, die der deutsche Reichstag faßte, endgültig an die Stelle de» Dawesplanes treten zu lassen.

Das Ergebnis der gestrigen Reichstagsfitzung war von Anfang an nicht zweifelhaft, aber der Verlauf der Sitzung und die Einzelheiten der Abstimmung waren trotzdem in' vieler Hinsicht spannend genug. Die Bayerische Volkspartei war durch den preu­ßischen Antrag auf Streichung des § 35 des Finanz­ausgleichgesetzes verärgert wie man sieht, eine emi­nent außenpolitische Angelegenheit!!, und es war bekannt geworden, daß die Fraktion der Bayerischen Volkspartei nach ihrer Stimmenthaltung vom Don­nerstag gestern in die offene Opposition gehen wollte. Die. Abstimmung verlief aber glatt, und das Zentrum hat eingedenk seines Paktes mit dem Reichspräsidenten von Hindenburg den Vorstoß seiner bayerischen Bun- besbrüber pariert. Es würbe fleißig vorher ausgezählt unb abkommanbiert, bamit bas Resultat ber britten Lesung nicht zu sehr von bem Re­sultat ber zweiten Lesung abweichen sollte.

Bei dem Poungplan ist die Mehrheit ein wenig ge­ringer geworden al» bei der zweiten Lesung, bei» Polenabkommen dagegen, dem kritsschsten Puntte des ganzen Gesetzwerkes, ergab sich sogar eine Mehrheit von 19 Stimmen für die Annahme des Bertrages gegenüber der Mehrheit von 18 Stimmen bei der zweiten Lesung. Der Aussetzungsantrag der Rechten wurde durch den D r ingii tg te iis - antragderMehr heil des Hauses in seiner poli­tischen Wirkung sofort wieder aufgehoben, so daß Reichspräsident von Hindenburg nunmehe- vollkomme« freie Hand hat, den youngplan zu verkünden. Er wird selbstverständlich von dieser Freiheit durch eine sofortige Vollziehung dieses vom Reichstag beschlossenen Gesetzes, das heute dem Reichsrat unterbreitet wird, Gebrauch machen.

Auch ber obligate Mißtrauensantrag fehlte nicht; selbstverständlich mit negativem Erfolg. Di« Front der großen Koalition hat mit einigen Ab­bröckelungen Stand gehalten. Aber die überaus lange Debatte, die ber Abstimmung voranging, zeigt noch ein­mal mit aller Deutlichkeit bie großen Schwierigkeiten, bie zur Erzielung dieses Resultates überwunben wer­ben müßten. Die Zurückhaltung bes Zen­trums konnte kaum beullicher bargelegt werben, als burch bie Ausführungen bes Abgeordneten Brüning, ber unter anberem eine Entschließung verlas, in wel­cher lebiglich eine Reihe von Vorbehalten gemacht wurden, die in bie Form von Wünschen nach stärkeren Sicherungen gefleibet waren. Daß bie Opposition ber Rechten unb ber Linken noch einmal alle Register zog, um Propaganda vor der Oeffentlichkeit zu machen, ist eine Selbstverständlichkeit.

Etwas Neues dagegen war es, daß auch ber Ver­treter eines deutschen Landes, der Nationalsozialist sche Abgeordnete Frick als Vertreter des Landes Thü­ringen, im Plenum des Reichstages einen offene« Angriff gegen die Außenpolitik des Reichskabinetts richtete. Der preußische Ministerialdirektor Dr. Brecht gab spontan eine Erwiderung ab, in ber er feststellte, daß die große Mehrheit der deutschen Län­der keineswegs auf bem. Standpunkt des thüringische« Vertreters stehe.

Die Verhandlungen über die Finanzfragen sind gestern noch nicht wefentlich weiter ge-« kommen. Die Weimarer Parteien sind immer noch nicht einig geworden, und sie wollen ihre Besprechun­gen im Laufe des heutigen Tages fottsetzen. Die Deutsche Volkspartei ist an diesen Besprechungen allerdings noch nicht beteiligt, unb sie wird ihrer­seits abwarten, bis am Dienstag der nächsten Woche ber Finanzminister Dr. Moldenhauer seine zurzeit im ReichSrat befindliche Vorlage dem Reichstag in erster Lesung unterbreiten wird. Dann wird diese Vorlage tm zuständigen Ausschuß des Reichstags be­handelt werben und dort eine ausreichende Gelegen­heit zu neuen Komproniißverhandlungen zwischen dem Zenttum und der Deutschen Volkspattei fein.

Die Prognose für diese Verhandlungen ist zwar nach wie vor nicht besonders günstig, aber zunächst tröstet man sich im Parlament damit, daß die außen­politischen Ausgaben gelöst sind, und die finanzpoli­tischen Fragen sind eine Sorge der nächsten Woche.

Reichsdankpräsident Luther

von Hindenburg ernannt.

Berlin, 13. Biärz.

Der Reichspräsident hat gestern die Ernennung tes Reichskanzlers a. D. Dr. L «ther zum Reichsbankprä- stdenten für hie Amtsdauer von vier Jahren vollzogen.