Kasseler Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
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Kasseler Abendzeitung
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Nummer 59
Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.
Dienstag, 11. März 1930
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
20. Jahrgang
Oie Kommunisten wollen die Straße erobern!
Gm neuer Kampsbeschluß der 3. Meniationale / Smbenbmg und der Koalitions-Wirrwarr / Vor der Wahl des «eichsbankpräfldenten
Hunzermärsche am 1. Mai (eigene Drahtmeldung.)
Kowuo, 11. März.
Wie aus Moskau gemeldet wird, hat das Präfix dium der kommunistischen Internationale im Zusammenhänge mit den bevorstehenden Mai-Feiern beschlossen, die Erwerbslosenverbände, unter Führung der kommunistischen Partei zu sogenannten Hungermärsche« zu versammeln, die nach den Hauptstädten Deutschlands, Frankreichs und Englands unternommen werden sollen.
rika seine Forderung auf völlige Handelsfreiheit im Kriegsfälle nicht aufgebe, seien alle Verhandlungen zwecklos. — Ein regionaler Pakt der gegenseitigen Uelerstützung zur Durchführung der Sanktionen könne daher nicht abgeschlossen werden.
Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Herold^ verzeichnet einen weit stärkeren Optimismus und rüctt den Abschluß eines französisch-italienischen Vertrages in den Mittelpunkt. Dieser Vertrag sei bereits fertiggestellt und bedürfe nur noch der Unterzeichnung.
Der Flottensachverständige der „Morningpost"' gibt unumwunden zu, daß Frankreichs Zahlen in ihrer gegenwärtigen Form dem zwischen England, Amerika und Japan erreichten Ausgleich aufhalten und daß tatsächlich kein konkretes Abkommen erreicht werden könne, bevor nicht eine Einigung zwischen den europäischen Mächten erzielt worden sei. Das Schicksal der Konferenz hänge daher gegenwärtig von der Prüfung der französischen Zahlen ab.
Schobers Reisspläne
Wien, 11. März.
Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, wird Bundeskanzler Schober der Einladung Folge leisten und am 1. Mai zu einem Besuche in Paris ein- treffen. Hierauf wird sich der Bundeskanzler nach London begeben.
Vor Luthers Wahl
Eigener Drahtbertcht.
Mit der Führung des Hungermarsches «ach London wurde der englische Kommunist Hamilton beauftragt, während die französischen Kommunisten de« Marsch nach Paris unter der Führung des franzö- fischen Kommunisten D u r i o t antreten werden.
Die Komintern verlangen weiter, daß am 1, Mai ein neuerlicher Versuch gemacht werden soll, die Straße zu erobern und eine Attacke gegen die bürgerlichen Regierungen zu organisieren.
Lurtius md Krestinski
Berlin, 11. März.
I« unterrichteten Kreisen verlautet, daß dieser Lage Reichsaußenminister Lurtius sich mit dem russischen Botschafter Krestinski über die Frage »nterhallen habe, wieweit die bolschewistische Propaganda in Deutschland durch Maßnahmen russischer Parteiinstanzen gefördert werde. Es wird versichert, daß Minister Curtius betont hätte, bei der engen Gemeinschaft, die zwischen der Sowjet-Regierung und der Führung der russischen kommunistischen Partei bestehe, könne die deutsche Regierung keinen Unterschied mehr zwischen den Aeußerunge» der kommunistischen Internationale und denen der russische« Regierung machen. Die deutsche Reichsregierung müsse vielmehr künftig für das Auftreten der kommunistischen Internationale die russische Regierung verantwortlich machen.
Amtlich wird diese Information dahin interpretiert, daß in der Unterredung mit dem Sowjet-Botschafter „sämtliche Punkte besprochen worden sind, die zu Schwierigkeiten zwischen der deutschen Regierung und bet Sowjetregierung geführt haben, und daß diese Besprechungen fortgesetzt werden".
Rauscher wieder in Warschau
Am heutigen Dienstag wird der Generalrat der Reichsbank Schachts Nachfolger wäkfien. Man glaubt in unterrichteten Kreisen, daß die Wahl in sehr kurzer Zeit beendet sein wird und daß das Ergebnis der Wahl bereits feststehe.
Die ausländischen Mitglieder des Generalrats, die demnächst ohnehin ausscheiden, wollen -in der Wahl des neuen Reichsbankpräsident e« lediglich aus formalen Gründen noch teilnehmen, die sachliche Entscheidung aber bett Deutschen überlassen Infolgedessen ist mit Sicherheit anzunehmen, daß bereits durch die Entschließung der deutschen Mitglieder dem früheren Reichskanzler Dr. Luther zum Präsidenten der Reichsbank zu bestellen, die Wahl von Schachts Nachfolger vorweg genommen morden ist. In politischeti Kreise« würde bic Wahl Dr. Luthers als E r f o l g der Reichsregierung bezeichnet werden. Man erinnert daran, daß die Reichsregie- rung in Dr Lutber vor allem den Locarno-Relchö- kanzler erblickt. Es gilt als sicher, daß Dr. Luther im Falle seiner Wahl keine großen Neuordnungen plant, sondern sich bemühen will, die Retchsbank als Institut des Reichs und der deutschen Wirtschaft in ruhiger stetiger Weise zu führen.
* * *
Reichsbankvrädent Dr. Schacht hat, nach der DAZ", dem Reichspräsidenten zur Begiründung feu «es Rücktritts ein längeres Schreiben zugehen lassen, in dem er feine Auffassung über die politische ~a$e.
insbesondere über die Aussichten der Reparations- pälttik, nietbergetegt hat.
Oberotäfihentenfrage wieder vrriagN
Berlin, 11. März.
In der Dienstagsitzung des preußischen Kabinetts sollten, wie gemeldet, endlich die seit Wochen zu klärenden Personalfragen erledigt werden. Inzwischen ist laut „Vorwärts" dieser Punkt wiederum von der Tanesyrdnung «bL-setzt worbet-.
Gegensätze del den Demokraten?
Ber 1 in, 11. März.
Die „D.A.Z." berichtet: Wie von absolut zuverlässiger Seite verlautet, haben die Abgg. Fischer- Köln, Hummel und Ta atze« erkennen lassen, daß sie im Falle eines Beitritts bet Demokraten zur Weimarer Koalition die Konsequenzen ziehen unb ihr Mandat ebenfalls «Überlege« würden.
Im „Börsenkurier- heißt es: Gegen eine Beteiligung an bet Weimarer Koalition meldet sich starker Widerstand beim Wirtschaftsflügel der Demokraten.
Warschau, 11. März.
Am Dienstag wird in Warschau die Rückkehr des deutschen Gesandten Rauscher erwartet. Man nimmt an, daß eine Unterzeichnung des deutsch-polnischen Handelsvertrages unmittelbar bevorsteht.
Weimarer Koalition?
Serbien in Verlegenheit
Paris, 11. März.
Nach zweitägiger Unterbrechung wird die französische Kammer am heutigen Dienstag die Beratungen wieder aufnehmen. Für den heutigen Dienstag erwartet man eine ganz besonders interessante Sitzung da es sich um die Einführung des freien Unterrichtes in. der 6. Klaffe handelt. Zu dieser Frage liegt ein Antrag des sozialistischen Abgeordneten und Bürgermeisters von Lyon H e r r i o t vor. Dieser Antrag bildet einen Teil des radikal-sozialistischen Programms zur Einführung der Einheitsschule und dürfte wohl bei einem großen Teil der Regierungsstelle« auf heftigen Widerstand stoßen. Sieben Abgeordnete sind von ihrer Gruppe beauftragt worben. zu dieser Frage Stellung zu nehmen.
Die Sozialisten und Raoikal-Sozialisten wollen kardieu zwingen, die Vertrauensfrage zu stellen, wobei sie dann versuchen werden, die Regierung in die Minderheit zu setzen.
9er erste Sammeltag
Die französische Hilfsaktion für die U»wettet- geschädigte«.
Paris, 1L März.
Die Bank von Frankreich, die als Zentralsammelpelle für die Spenden für die durch die Ueberschwem- mungskatastrophe in Südfrankreich betroffene Bevölkerung bestimmt wurde, hat am Montag, dem ersten Sammeltage, bereits eine Einnahme von 7 % Millionen Francs zu verzeichnen gehabt.
Im Senat haben einige Senatoren beantragt, der schwer geschädigten Bevölkerung der lleberschwent- mungsgebiete eine halbe Milliarde auf lange Sicht und zu niedrigem Zinsfuß zur Verfügung zu pellen.
Zwischen Optimismus
unb Pessimismus
Der Stand der Londoner Verhandlungen.
London, 1L März.
Perti «ar stellt im „Daily Telegraph" fest, daß die französisch-amerikanischen polittschen Verhandlungen in London als beendet angesehen werden können. Vom Standpunkte Briands sei der Kernpunkt der ganzen Frage der Organisierung des Friedens in der Einstellung zu sehen, die Amerika zur Frage der Freiheit der Meere einnehme. Solange Ame
Vo« unserer Berliner Schriftleitung.
th. Berlin, 11. März.
Zm Laufe des heutigen Tages muß die Entscheidung darüber fallen, ob die Weimarer Parteien (Sozialdemokraten, Zentrum und Demokraten) gemeinsam mit der Bayerischen Volkspartei in der Lage find, ein abgeändertes Finanzprogramm aufzustellen, für welches die Mehrheit der genannten Parteien im Reichstag einzutreten hätte. Die Verhandlungen darüber haben gestern bis in die zwölfte Nachtstunde gedauert, haben aber noch nicht zu einem endgültigen Beschlüsse geführt. Immerhin ist man fich weitgehend einig geworden, unb heute sollen nun noch einmal die Fraktionen zu dem bisherigen Verhandlungsergebnis Stellung nehmen, um in einer neuen gemeinsamen Sitzung die letzten Vereinbarungen zu treffen.
Programm -er Weimarer Parteien
Die Verhandlungen haben fich im wesentliche« auf folgender Basis bewegt: Aus dem von der Regierung beschlossenen Finanzprogramm wird zunächst der Plan der Steuersenkungen für 1931 herans- genommen und durch andere Maßnahmen ersetzt, die de« Sozialdemokraten angenehmer find. Außerdem wird die Biersteuererhöhung herausgenommen, die dem Reiche 90 Millionen und den Ländern 40 Millionen bringen sollte. Es wird den Ländern überlasse« werden, ob sie überhaupt eine Biersteuer- erhöhung einführen wollen, und der Betrag dieser Erhöhung würde dann den Ländern allein zugute kommen.
Für das Reich entsteht durch diese Aenderung des Programms ein Defizit von 90 Millionen. Dieses soll dadurch gedeckt werden, daß die Mine- ralwassersteuer, die Beuziu- und Ben» zolbelastung, die zum Teil bisher den Ländern und Gemeinden vorbehalten war, vollständig dem Reiche zufallen soll. Es bleibt aber auch dann «och ein Defizit, das wahrscheinlich durch eine geringfügige Erhöhung der Besitzsteuer gedeckt werden soll.
Für bie weitere Behandlung dieser Sache sind bann zwei Wege offen. Entweder wird das Reichs- tabhtett sich mit dem veränderten Programm be- schäfti-gen müssen, und selbftverftärwlich würde dies sofort zum Rücktritt des Reichsfinanzministers Dr. Woldenhauer führen. Man hält es aber für wahrscheinlicher, daß der zweite Weg gegangen wird, nämlich der Weg des Initiativantrages durch die Patteie«, die hinter diesen Abmachungen stehen. Ma« wurde Anfangs der nächsten Woche dem Reichstag sowo-hl das Regierungsprogramm wie den abgeäaberten Initiativantrag der Parteien vorlegen, »6 der Reichstag hätte dann zu entscheide«.
Dann wird das Kabinett unter allen Umständen auseinanderfallen, denn die Deutsche Volkspartei wird sich diesem Anträge selbstverständlich nicht anschließen.
Was wild Hindenburg tun?
Es fragt sich daun, was Reichspräsident von Hindenburg tun wird. Der Reichskanzler hat gestern dem Reichspräsidenten Vortrag über die politische Lage erstattet und wie man hört, beabsichtigt der Reichspräsident, wenn die Dinge spruchreif geworden find, fich mit einem Briefan den Kanzler zu wenden. Es ist noch durchaus ungeklärt, ob der Reichspräsident beim Zerfallen der Koalition, d. h. beim Ausscheiden der Deutschen Bolkspartei aus der Regierungskoalition, dem Reichskanzler den Auftrag gibt, auf der Basis seines Rumpfkabinetts die Steuergesetze zu erledigen. Es ist auch durchaus möglich, daß an die Demission der Bolkspartei fich d'e Gesamtdemiffion des Kabinetts anschließt. Jedenfalls wird das Kabinett dann schwerlich etwas anderes tun können, als den Versuch macken, die wichtigen Steuergesetze noch vor dem 1 April zu erledigen, und dann würde wohl mit einer Auflösung des Reichstages zu rechnen fein.
Diese Konsequenz ergibt sich vor allem daraus, daß die Bayerische Bolkspartei geneigt ist. das oben erwähnte neue Finanzkomvromiß mitzumachen, daß sie aber nicht geneigt ist, sich für die Dauer an einer Weimarer Koalition zu beteiligen. Ohne die Bayern bat aber diese Koalition keine Mehrheit, und es würden dann, wenn das Rumpfkabinett Müller im Amte bleibt, feine stabilen Parlamentarischen Verhältnisse vorhanden fein.
Es ist dabei möglich, daß bei einer Gesamtdemiffion des Kabinetts Müller ein mittelbar« teilicher Politiker (man spricht vom Zen trutnsabgeordneten Brüning und in zweiter Linie vom volksparteilichen Abgeordneten Dr. Scholz) den Auftrag vom Reichspräsidenten erhält, ein Ueber- aangskabinett zu bilden und die Steuergesetze — wenn notwendig im Verordnungswege, unter Z u - hilfenahme des Artikels 48 — zu erledigen und dann den Reichstag aufzulösen.
Von Praktischer Bedeutung ist im A'tgentblick vor ollem die Tatsache, daß auf Grund der finanziellen Verhandlungen innerhalb der Weimarer Koalition ^"s Zentrum beute bei der 2. Lesung und tnorren bei der dritten Lesung des Houngplanes nicht mehr Stimmenthaltung üben, sondern mit Ia stim men wird sodaß der Houngpftm unbedingt als gesichert angesehen werden kann.
Partei und Individuum
Von
Freiherr» von Lersner
Wir veröffentliche« bte nachfolgenden Ausführungen des bekannten Politikers als interessanten Beitrag zu einem Lbema. aus dessen Bedeutung nur schon mehrfach hingeroicken haben. Unsere .eigene Stellungnahme zu diesen Kragen, die sich in einigen Punkten von den Ansichten Lersners unterscheidet, ist unseren Lesern bereits aus verschiedenen Der» öffentlichungen bekannt.
Seit Versailles ist unser schwer geprüftes Volk i« eine sich ständig vermehrende Anzahl von Parteien gespalten. Wie alle Zerrissenheit bedeutet dies Unsegen.
Hinzu kommt, daß unsere zahlreichen Parteien sich leider als Hauptarbeitsgebiet den Kamps gegen die anderen Parteien erwählt haben. Meist sogar nicht einmal den Kampf gegen Parteien mit grundlegend anders gearteter Welt- und Wirtfchaftsauffassung. Vielmehr fast stets die Bekämpfung der ihnen am nächsten stehenden Nachbarparteien, von denen sie kaum Wesentliches trennt.
Worauf beruht diese Einstellung? Häufig hat bet Verfasser hieraus Antworten erhalten, die man unter dem Zitat zusammenfassen könnte: „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Dieser Grund mag in Einzelfällen stichhaltig fein. Meist ist er es nicht.
Hauptgrund für die erbitterte Fehde der Parteien untereinander ist vielmehr die Einstellung einer Anzahl von Einzelindividuen, nämlich der Parteisekretäre. Wer nicht selbst im Parteileben gestanden und hinter die Kulissen gesehen hat, ahnt kaum etwas von der Allmacht dieser Männer, die bie Hauptglieder der Parteimaschine bilden Ganz allgemein suchen bie Sekretäre aller Parteien sich gegenseitig zu überbieten, inbem sie alles ausgreifen, was den Nachbarparteien Schaden bringen kann. Auf diese Art wollen sie von den ihnen am nächsten verwandte« Nachbarflügeln Mitglieder oder Wahlstimmen zu |(ti) herüberziehen. Hierdurch entsteht eine Kampfesart, die alles andere als politisch unb oft völlig abwegig ist. Verbaut sie boch ben Individuen, bie bie Exponenten bet Partei bilden, ben Abgeordneten, häufig den Weg zu politischer Arbeit schlechthin: Denn-polittsche Arbeit kann nur gemeinsam geleistet werben unter Abwägung ber gemeinsamen Interessen des gesamten Volkes. Die Parteisekretäre glauben vielfach, sie müßten überflüssig und abbaufähig erscheinen, wenn fie nicht ihre politische „Felddienst« sähigkeit" durch dauernden Streit bewiesen. Umgekehrt wäre richtig: Ruhe, sachliche Auseinandersetzung ber politischen unb wirtschaftlichen Fragen, auf bte es ankommt. Ein überraschender Erfolg würbe sich zeigen: bie riesige . Zahl ber Nichtwähler würbe beträchtlich s ch w i n b e n. Das politische Interesse ber Inbivibuen würbe schnell wach werden. Die Partei, ober bie von ihr herausgestellten Inbivibuen — die Äanbibaten —, bte ihre politischen Auffassungen am sachlichsten unb würbigsten vertreten, würden in Bälde einen größeren Zustrom erhalten, als aller noch so heftiger Streit einbringen kann. Hat doch bas Individuum — ber Wähler — nach einzelnen Kampfes« episoden, bie immer aufkommen und aufkommen müssen, meist jedes Gezänk so satt, daß es froh ist, ruhige, sachliche Erörterungen zu hören.
Der Verfasser hat in einer Reihe von Wahlkämpfe« gestanden unb glaubt aus Erfahrung sprechen zu können: Nachhaltigen Erfolg wird meist bie Partei oder bas Jndivibuum haben, bie jeben nicht notwendigen Streit unterläßt, ohne baß sie nun etwa mit ihrer eigenen Auffassung hinter bem Berge hielte.
Einige wenige Inbivibuen — bte Parteiführer — tragen auch häufig, allein durch bie Tatsache ihres Dorhanbenseins, zur Zersplitterung des Volkes unb Erschwerung ber politischen Arbeit bei. Sie vergessen, baß bas Individuum der größte Politiker wäre, bem es gelänge, feine Partei mit ben Nachbarparteien zu verschmelzen, selbst wenn er selbst hierbei seine persönliche Führerschaft opfern würbe. Könnte« seine politischen Auffassungen doch bann in Zukunft — was theoretisch unb praktisch int Reichstag durchaus möglich wäre — auf 250 statt mit 80 Abgeordnetenstimmen rechnen. Ware dies Individuum sowohl politisch als auch persönlich nicht wesentlich mächtiger als vorher?
Unser ganzes heutiges Parteiwesen ist ferner von einer so starken Unduldsamkeit beseelt, daß viele Individuen — und nicht die schlechtesten — sich nicht innerhalb der Parteien betätigen können. Hiermit soll nicht etwa der gefährlichen Einstellung bas Wort geredet werden: „Jeder eine eigene Partei!" Aber heute legen bte Parteien ihren Mitgliedern vielfach derartige Bindungen auf, daß, die freie Meinungsäußerung und bte notwendige freie Entschlußfassung des Individuums nicht nur gefährdet, sondern praktisch unterbunden wirb. Der herrschens sogenannte „Parteizwang" bei Abstimmungen bürste übrigens ben verfassungsmäßigen Rechte« unb Pflichten ber in bie Parlamente entsanbten, nur ihrem Gewissen verantwortlichen Inbivibuen kraß widersprechen. Warum sollen auch die Individuen innerhalb ber gleichen Partei nicht sogar in bett wichtigsten Fragen gegeneinander stimmen dürfen? Der verblichene Abgeordnete, Staatsminister Dr. Heintze, hat in den einschneidendsten Sachen gegen seine Partei gestimmt und blieb doch stets eines ber hervorragendsten Parteimitglieder. Jetzt besteht diese Freiheit des Individuums nicht mehr unb „Parteibisziplin" ist oberstes Dogma geworben. Die Folge ist Abkehr vieler Jndi- otbuen von ben Parteien unb von politischer Arbeit. Hierdurch werben Parteien unb Parlamente an selb-