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Nr. 36

Zwanzigster Jahrgang

Kasseler Neueste Nachrichten

1. Beilage

Mittwoch, 12. Februar 1930

Oie Jubelfeier der Kasseler Wirte

' In einer Fabrik in Niederzwehren geriet ein Schlosser aus der Wolfhager Straße zwischen stür­zende Eisenteile und verletzte sich am Fuß so schwer, Latz er von der Sanitätshauptwache in das Marien- krankenhaus eingeliesert werden mußte. Dieselbe Wache brachte einen Straft Wagenführer aus der War­tenbergstraße, der.infolge Unterernährung im Arbeitsamt bewußtlos zusammengebrochen war, in seine Wohnung.

Im Gutshof Philippinenhof ging ein 6jähriger Junge rückwärts in die Küche, stürzte in einen Wa,chzuber mit sockender Seifenlauge und wurde am Rücken, Gesäß und beiden Beinen so schwer verbrüht, daß er von der Sanitätswache Nebetthaustraße in ernstem Zustande in das Marienkranlenhaus eingelie­fert wurde.

In der G a r t e n st r a ß e wurde ein Gärtner plötz­lich geisteskrank und lief heimlich nach Mitternacht im Hemd von seiner Wohnung nach der Hafenbrücke, um sich in die Fulda zu stürzen. Dies konnten zum Glück vorbeikommende Arbeiter verhindern, die den Un­glücklichen mit zur Revierwache Moritzstraße nahmen.

Die Sanitätswache Fuldadrücke betreute einen 76jährigen Invaliden aus der Wildemannsgasse. der in der Brüderstraße bewußtlos zusammenge­brochen war und sich schwer am Hinterops verletzt hatte.

In der Zahlstelle des Wohlfahrtsamtes in der Kantstraße wurde ein Mann von schweren Krampf­anfällen heimgesucht. Durch einen zufällig anwesen­den Sanitäter wurde ihm zwar Hilfe zvteil, doch wurde es allgemein bitter empfunden, daß kein anderer Raum vorhanden war, wohin der Kranke gebracht werden konnte, da ja tut Heimtransport dem Wohlfahrtsamt Geld kostet. Es ist wirklich nicht unbedingt nötig, daß Kranke von dem an Zahltagen sehr starken Verkehr aufgeregt werden.

Ein Match zweier Autos. Ans dem Altmarkt fuhr heute nacht eine Antodroschke eine andere, die aus der Fischgasse kam, in Höbe der Marktgasse seit­lich an. Der Anprall war so heftig, daß die Karrosse- rie der angefahrenen Kraftdroschke eingedrückt und die Glasscheiben zertrümmert wurden. Durch Glas­splitter zogen sich die Fahrgäste Verletzungen am Kopf zu. Sie ließen sich durch die Sanitätswache Fuldabrücke verbinden. Beide Wagen wurden auf Anordnung der Polizei-Unfallkommission zur Klä­rung der Schulfrage sichergestellt.

Im festlichen Rahmen be­ging gestern abend im Stadt­park der rührige Kasseler Wirte verein das Fest sei­nes 40jährigen Bestehens, das dadurch eine besondere Note er­hielt, daß fein Gründer Frie­drich Ritter in Rüstigkeit Äs einziger Ueberlebenber der ersten Mitglieder daran teil- nehmen konnte.

Stadwerordneter Grenze- bach, der nicht minder eifrige Derzeitige Vorsitzende gab in seiner tiefgründig angelegten

Festansprache einen Ueberblick über die geschichtlichen Verdienste des Vereins, die wir be­reits vor einigen Tagen ausführlich gewürdigt haben. Seine Worte zeugten von dem sozialen Verständnis des Vereins, dessen Stolz auf ein gutes Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeit­nehmern und die felbstzeschaffcrcen Einrichtungen, so besonders die Fachschule, die nun schon 35 Jahre tüchtigen Nachwuchs herangebildet hat

Ein Bund der Selbsthilfe und der Kollegialität

Wolle der Verein sein imd häßliche Konkurrenz­kämpfe von vornherein ausswließen. lieber 500 Mit­glieder zähle der Verein bei nur 480 Konzessionen in Kassel, ein Zeichen, daß nicht nur die berufs­tätigen Gastwirte erfaßt werden, sondern diese auch später dem Verein treu bleiben. (Ente so straffe olles umfassende Organisation -ft in der Tat selten')

Ein gutes Gasthaus hebt das Ansehen der ganzen Stadt!"

Dieses Wort des Herrn Grenzebach sollte, Wir Wün­schen es von Herzen, jedem Kasseler Wirt bet der

Ausgestaltung seines Betriebes eine Richtschnur fein. Die Kaskaden und die Karlsaue würden uns nickte nützen. Wenn es nicht gelingt, den Fremden gut. preiswert und behaglich zu bedienen. Das hier noch manches zu geschehm bat, ist nicht bedenklich. Wenn es nur der Ansporn bleibt, trotz aller Nöte der Zeit unaufhaltsam zu lernen, zu erneuern und ju bessern.

Und es folgte die Schar der Gratulanten: Ver­treter des Provinzialrerbandes und befreundeter Vereine sowie des Kochkunstvereins. Es wurde bet uneigennützigen Führer gebucht und bet Bedeutung des Vereins und Verbandes als Bollwerk des so schwer kämpfenden Gastgewerbes. Eine junge Dante trug einen wohlgelungenen Festspruch vor. luftige Ausführungen des Jägerquartetts Wechselten mit humorvollen Darbietungen und vor allem wurde das Tanzbein geschwungen. Und das sei den Wirten, die sonst nur Arbeit von anderer Leute Vergnügen haben, von Herzen gegönnt. G.

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, Eine Reitze von Auszeichnungen riefen lebhaften Beifall hervor. Es erhielten ein silbernes Ehren,eichen für 25- t «ihrige Mitgliedschaft: Ehrenmitglied Brauerei-Direktor Senbell, Gastwirt Heinrich Nickel. Emil Schmalenberg.

ms Schütze. Ein Jnbtläumsgedenktzlatt für 25jährige sschäftstängkeit: Gastwirt Robert Blum, Ferdinand Hemmcrich. Heinrich Riethmüller, Johannes Siebert. Sil­berne Ehrenzeichen für mindestens 5jährige Mitarbeit im Hanfe erhielten: Elbe Hildebrandt bei Georg Staub, Anna Kraut bei Georg Hafer, Krida Kröll bei Gottsried Nickel, Trini Müller bei Henning, Bertha Duvhorn bei Storni Maurer, Katharina Scherb bei Voeber tKaiserbofi, Elise Zimmermann bei Kranke «Ratskellers, Kris Anbei, Willy Bode, Karl Büchner, Karl Dörig bei tioeber (Kaiferbofs, Karl Dornwell bei BolleZur Krone", Hans Eisfeltz, Ferdinand Hein bei Loeber lKaisevhofs, Friedrich Kuhn- henn hei Georg Hafer IStadchallet. Wilhelm Kirsch, Lud- wig May bei Loeber sKaiierhofs, Fritz Noll bei Dannen­berg, Fritz Pfannknch hei Goldmann. Bernhardt Schick bei Schmalenberg, Alfred Mehle. Kaiferhot. Eine Auszeich­nung mit der Berechtiaungsurkunde der Dheodor-Müller- Stistung erhielt: Conrad Wickert bei Loeber, Kaiferhot.

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Unser Bild: Stabt». Grenzebach.

Mißverstandene neue Sachlichkeit?

Interview mit mir selbst

Höre den Kundigen: ein gutes Interview ist eine Kunst. Es erfordert suggestive Kräfte. Denn Hand aufs Herz wie wenig Menschen gibt es, die eine klare Frage ebenso klar beantworten! Frage ich da gestern jemanden nach seiner Ansicht über das Kasseler Berkehrsproblem, und er erzählt mir, daß er schon lange keinen netten Damenverkehr mehr gehabt habe. Wenn ich aber etwas niedliches wisse . . .

Oder aber: wie oft windet sich das Opfer des In­terviews um die Antwort herum, die du gerne hören möchtest. Frag mal einen Geschäftsmann auf Ehre und Gewissen nach dem genauen Gewinn der letzten Monate: die Wahrheit sagt er dir schon aus Ee- fchästsprinzip nicht. Lügt er aber nach oben, droht ihm die Steuerschraube; lügt er nach unten, drohen feine Kreditgeber . . .

Aber glaube mir: es liegt nur an dir. Du mußt schon vorher wissen, was das Objekt deiner Frage­kunst antworten soll. Oder vielmehr: was die Leser wissen wollen. Das andere ist dann nur noch eine Kleinigkeit. Man hypnotisiere den Auserwählten, suggeriere ihm die gewünschte Auskunft, und ein glän­zendes Interview ist fertig . . .

- Interviewen ist also eine Kunst. Weil man sich selbst den Kopf zerbrechen muß. Aber bei vielen ist es nur Kunsthandwerk.

Beschloß ich also voll Selbstbewußtsein, etwas Neues, noch nie Dagewesenes zu tun. Laß andere andere befragen. Ich interviewe mich selbst.

Das Ei des Kolumbus. Welche Perspektiven! Die anderen können uns belügen. Gewiß, wir uns auch. Aber das sollte doch verwunderlich sein, wenn der Scharfblick des gewiegten Journalisten nicht der eigenen Seele auf den Grund sehen könnte!

Also lege ich mein bescheidenes Innere in Gedan­ken vor mich auf den Seziertisch und beginne:

Was hältst du von deinem Charakter?

Pause. Große Pause. - -

Also, das hätte ich nicht fragen sollen. Das ist eine Gemeinheit; schwindeln hilft doch nichts!

Ich (der Frager) habe von mir (bem Befragten) keine Antwort bekommen. Ich (der Befragte) hätte mich (den Frager) am liebsten hinausgeworfen. Wie kann auch ich (der Frager) mich (den Befragten) in eine so peinliche Lage bringen, beinahe emgesteheu zu müssen, daß . . .

Wer es ist doch wohl lehrreich, sich ab und zu selbst zu interviewen-- Gl.

Kasseler Filmschau

Chassalla-Lichtspiele.

Ein Stück Wettgeschichte zeigt dasChassalla" in dem FilmDas Geheimnis von Mayer- ling. Um so mehr interessant, als vor kurzem Oesterreichs augenblicklicher Bundeskanzler Schober in Rom weilte, um mit Mussolini über eine neue Poli­tik zu beraten. Welche Kluft liegt zwischen dem Drama von Mayerling, dem Meuchelmord von Genf, dem Attentat von Sarajewo und schließlich dem Oesterreich von 1930, das verzweifelt um feine Existenz ringt Das Schicksal derer von Habsburg hat sich erfüllt und der Film zeigt mtt aller Offenheit die unhaltbare Lage der Donaumonarchie in jenen kritischen Zeiten. Ohne zielbewußte energische Führer war die Katastrophe nicht aufzuhatten. Prominente Darsteller (Erna Morena, Leni Riefenstahl, Maly Delschast, Eugen Neufeld, Alfons Fryland) verhelfen bem Film zu einem Erfolg, der mtt durch das Inter«

Die Zuschrift in Nr. 18 derK. N. N." bedarf drin­gend einer Ergänzung grundsätzlicher Art, um so mehr, als hier ein System berührt wurde, das in dem ge­nannten Sparkassenneubau an der Frankfurter Straße nicht erst seinen ersten Vertreter in Kassel eingeführt hat. Noch vor zwei Jahren als die zweifelhafte Kunst Le Corbusiers u. W. Gropius in Frankfurt Stadtrat May üppige Blüten trieb und Entrüstungsstürme der steuerzahlenden Bürger- und Architettenschast erregte, hielten einflußreiche Leute die Einführung desneuen Bauens" im immerhin nicht gerade wohlhabenden Kassel für unmöglich. Diesbezügliche Warner wurden mit den Worten abgetan:Kassel läßt andere Städte das Lehrgeld zahlen." Und heute?

Nachdem er sich seine häßlichsten Hörner abgestoßen hatte, haben wir in Kassel den neuen Baugedanken übernommen, immerhin noch reichlich früh übernom­men (s. Sonntagsbilderbogen derK. N. N." vom 19. Januar 1930). Für und wider diesen Gedanken wurde besonders von interessierter Seite fo viel Unwahres, Uebertriebenes und Frisiertes in die Welt gesetzt, daß es sich lohnt, heute, nachdem doch schon ein gewisser Abschluß erreicht ist, sich mit der Frage einmal kritisch zu befassen. Wie der Spitzbogen nicht das einzige Ee- stattungselement des gotischen Baustils ist, bestimmt das flache Dach nur zum Teil die äußere Erscheinungs­form der in Frage kommenden Neubauten. Da die flache Dachform bie'bei uns übrigens schon früher wiederholt aufgetaucht und wieder verschwunden ist Stadt- und Straßenbild wesentlich beeinflußt und dem­zufolge allgemein im Brennpunkt des Meinungs­streites steht, soll zunächst nur hiervon die Rede fein.

Sachlichkeit",restlose Ausnutzung jedes Kubik­zentimeters", das waren die Hauptschlagworte, die neuen Formen populär zu machen. Es muß zugegeben werden, daß bei öffentlichen Gebäuden sowohl aus sachlichen wie aus monumentalen Erwägungen bem flachen ober wenig geneigten Dach unter Berücksichti­gung gewisser technischer Erfordernisse ber Vorzug zu geben ist. Zu wenig kann beispielsweise ber schräge Bodenraum eines Schulgebäudes nutzbar gemacht wer­den. Selbstverständlich muß sich ber Neubau auch der Oertlichkeit anpassen, was im Falle der Sparkassen- zweigftelle kaum zutreffen dürste.

Ganz anders liegen die Verhältnisse beim Woh­nungsbau, vor allem beim Einzelhaus. Die Erfah­rungen, die u. a. besonders auch Frankfurt a. M. mit dem flachen Wohnhausdach gemacht hat, haben erge­ben, daß von Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit keine Rede sein kann. Da man derneuen Sachlich­keit" allein nicht noch länger maßlose Opfer bringen kann, läßt man im Norden Frankfurts neben flachen Dächern neuerdings wieder steile Dächer erstehen. Ver­suche mit 15 verschiedenen Flachdachdichtungen haben zu keinem brauchbaren Ergebnis geführt, die Repara­turkosten wuchsen schon nach wenigen Jahren ins Un­erträgliche. Auch das Einzelhaus des Stadtrats May wurde hiervon nicht verschont; bereits ein Jahr nach Fertigstellung mußten Außenputz und Dachfuß voll­kommen erneuert werden. Aehnliche Erfahrungen hat man mit den ausgefallensten Häusern der Experimen- tiersittllung Weißenhof bei Stuttgart gemacht; die Handwerker kommen nie heraus. Es ist eben durch­aus richtig, daß die Flachbauten z. B Italiens einem weit günstigeren Klima als bet uns ausgesetzt find Uebrigens hinkt dieser soviel genannte Vergleich .er­

heblich, denn die Dächer Italiens find gewöhnlich gar nicht flach, sondern nur wenig geneigt und außerdem mit gebrannten Ziegeln abgedeckt.

Das wichtigste Argument der Anhänger des flachen Daches, die Kostenfrage, ist beim Wohnungsbau eben­falls längst zugunsten des Steildaches entschieden. Wohl find die reinen Erstellungskosten des Flachdaches niedriger, dagegen verschieben die kostenlosen Boden­räume, die außerdem mit geringen Mitteln zu weite­ren Wohnräumen auszubauen find, das VerhÄtnis so­fort zugunsten des Steildaches. Auch müssen beim Flachdachhaus vollwertige, gerade Räume für unent­behrliche Abstellzwecke geopfert werden. Noch ein an­deres Moment findet viel zu wenig Berücksichtigung. Der Bodenraum des Schrägbaches isoliert bas obere Geschoß gegen starke Kälte unb Hitze, bie oberen Be­wohner ber Kubusbauten finb bagegen in biefer Be­ziehung gewiß nicht zu beneiben.

Die neue Sachlichkeit betont befonbers, mit der kost­spieligen Ornamentik früherer Jahrzehnte bie aber schon bei Kriegsausbruch größtenteils bet Vergangen­heit angehörte aufgeräumt zu haben. Sie will an ihre Stelle künstlerische Verteilung unb Gruppierung bet Baukörper, lebhafte unb klare Farbkontraste setzen. Selbstverstänblich läßt stch bie erstgenannte und wich­tigste Bebingung nur erfüllen, wenn entsprechenbe Massen vorhanben sind wie z. B. bei größeren öffent­lichen Gebäuden und Wohnhausblocks. Ganz gute Lösungen dieser Art versprechen die Fasanenhosschule und das Schwimmbad zu werden. Nicht gelöst ist die Tessenowschule, die außerdem einen unglücklichen, viel zu tiefen Bauplatz erhalten hat.

Um nicht unruhig und unwirtschafttich zu werden, muß stch beim Einzel- unb Reihenhaus die Auflösung des Gesamtbaukörpers in mäßigen Grenzen halten, dafür läßt sich hier viel mit einem Wechsel des Bau­stoffes bzw. der Farbe erreichen. Der Verzicht auf jede Art Belebung ber Flächen unb Massen bei gleich­zeitiger Anwenbung des Flachdaches führt denn zu jenen Wohnkisten ber Rothenbergfiedlung, denen gegenüber die von uns fo viel geschmähten Kasernen- bauten früherer Jahrzehnte wie Paläste anmuten. Nachdem man sich durch viele üble Experimente in andern Großstädten z. B. Berlin und Magdeburg zu ganz erträglichen Reihenhaustypen durchgerun­gen hat, hätte uns unsere Stabtverwaltung wirklich mit ben Rothenberghäusern verschonen können, deren Errichtung ber Stabt Kassel nie zur Ehre gereichen wirb, ganz abgesehen bavon, baß die mit fast 12 000 Reichsmark festgestellten Durchschnittskosten einer Wohnung bei geschmackvollerer Bauweise auch nicht wesentlich überschritten werben bürsten.

Die vorstehenben Ausführungen fallen dazu bei« tragen,neue Sachlichkeit" unbflaches Dach' nicht von vornherein und grundsätzlich abzulehnen. Auch hier spielen basWie" ber Ausführung unb die Be­gleitumstände die ausschlaggebende RoÜe. Jedenfalls haben überall entstanbene bedeutende Bauausführun­gen der neuesten Zeit gezeigt, daß wir auf dem Wege zu einem aus der Not unserer Zeit geborenen, gesun- ben Baustil schon ein beträchtliches Stück vorwärts- geschritten finb. Daran vermögen auch die verschie­denen in Kassel vorgenommenen Fehlbildungen nichts zu ändern. Ab.

Aeiies aus Kassel

Kassel, 12. Februar.

Sberpräsidmm noch verwaist

In der gestrigen Sitzung des Preußischen Ka­binetts war, wie gemeldet, die Ernenming des Oberpräsihcmten für Hessen-Nassau in Aussicht ge­nommen. Da jedoch die gefttige Tagesordnung des Kabinett» mit anderen Wichtigen Gegenständen statt belastet war, und da die erst für den L April in Aussicht genommene Neubesetzung des Oberprä- sidennuposlens in Kassel noch nicht eilig ist, so hat das Kabinett gestern von einer Beschlußfassuirg in dieser Frage Abstand genommen. Außerdem spre­chen hierbei Rücksichten auf den Provinzialausschuß mtt, der nach der preußischen Verfassung vor oct Ernennung eines Regierungspräsidenten oder Ober- präsidenien zu höre« ist. An der Kandidatur des sozialdemokratischen Landtagsabge ordneten Dr. Haas hat sich jedoch nichts geändert. Mit der de- ftnttiven @ntcijj<ttng in einer der nächsten Diens- sagssitzungen ist zu rechnen.

Film der Anfälle

esse an den beinahe historischen Ereignissen begründet

Die Kaviarprinzefsin" mit ber reizenden Anny Dnbra läßt gar halb eine fröhliche Stim­mung aufkommen Irgendein kleines Mädel aus der dunkelsten Provinz erlebt, in Paris schier unglaub­liche Dinge. Es steckt eine tüchtige Portion Humor in der kleinen Anny Dnbra, unb wenn man bavon an» gesteckt wirb, so dürfte ber Zweck vollauf erreicht sein.

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Broadway" im Eapitol.

Das Capitol zeigt die stumme Fassung des ameri­kanischen TonfilmsBroadway", ber nach bem auch in Kassel bekannten gleichnamigen Sensationsstück mit ungeheurem Prunk unb photographischem Auf­wand gedreht wurde. Es ist die Geschichte der Riva­lität zweier Alkoholschmuggler, deren blutiger Aus­trag sich auf dem rauschenden Hintergrund eines mit allem Pomp des Dollarlandes ausgeftatteten Nacht­lokals vollzieht. Ein Detektiv, ber überall auftaucht, wo man ihm nicht vermutet, muß für bie nötige Spannung sorgen. Hauptsache ist aber bas Milieu: Kühne lleberschneibungen bes Broadway, ber Haupt- unb Vergnügungsstraße Neuyorks, Bilder einer Re­vue aus allen nur möglichen Perspektiven, am Ende sogar in farbiger Wiedergabe. Die stumme Fassung des Broadway" krankt leider an einer Ueberfülle von Titeln, in denen ganze Dialoge geführt werden, ein

Fehler, ber ben flüssigen Fortgang ber Hanblung we­sentlich behinbert. Die musikalische Illustration ver­sucht mit Erfolg, biesen Mangel burch Tempo unb Be­ziehungsreichtum roieber auszugleichen. V.

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Ein Film vorn deutschen Rundfunk.

Zum zweiten Male kommt dieser Film, ber im Auftrage der Reichsrundfunkgesellschaft gedreht wor­ben ist, nach Kassel. Und wieder sind alle Ausführun­gen ausvettauft. Was zeigt dieser Film? In vielen Trickbildern Wirb der technische Vorgang der Rund­funksendung unb des Empfanges dargestellt. Man erfährt, was eigentlich eine elektrische Welle ist, wie sie gemessen Wirb, Wie der Mikrophonstrom ihr aufge­lagert Wirb Man wird vertraut gemacht mit den Aufgaben des Detektors, der Hochfrequenz-, Audion- unb Niederfrequenzröhren. Man bekommt Einblick in viele andere Einzelheiten dieses technischen Wun- derwetts. Im zweiten Teil folgen Bilder der deut­schen Sendestationen. Bilder vom Sendebetrieb fol­gen, man sieht die deutschen Rundfunksprecher und vieles, was sich ben Augen ber Hörer zumeist ver­birgt. Ein neuer Titel: Was bietet ber Rundsuizsk? Eine Fülle von kleinen Szenen gibt Aufschluß. Teil­weise sind reizvoll kleine Silber in bie Lautsprecher hineintomponiert. Ja, dieser Film ist wirklich unter« halffam, belehrend und werbend für ben Rundfunk. Es fehlt ihm nur ber Ton, den man, Weit es eben ein Runbfuukfilm ist, hierc vermißt.

Wanderfroh... Keimatfroh!

Der Wanderführerlehrgang des städtischen Jugend­amtes hat am Montag im Saal der Jugend be­gonnen.

Der Leiter bes Lehrganges, Stabtturnrat Buche­nau, hielt ben Einführungsvortrag vor einer aus allen Volksschichten zusammengesetzten Menge. Was et sprach, ging zu Herzen unb schuf bie rechte Stim­mung für ben ganzen Lehrgang. Wir wollen retten, was aus ber ausgeklungenen Jugendbewegung übrig geblieben ist: Die Sehnsucht der Jugend, heraus aus ben Gassen unb Ecken in bie Weite unb Ferne, in Luft. Licht unb Sonne. In ber Iuoenb lebt Sonnen« kinbschaft unb Sonnensehnsucht. Eine Hand voll Sonne in bas Leben eines Menschen werfen, ist mit bas Veste, was man geben kann Wir wollen kämpfen für bie. bie im Hinterhaus vergraben. Lust nicht atmen, Licht nicht sehen, denen keine Blumen blühen, denen keine Vögel fingen, die nicht lachen, «in» gen. springen, die verwelken und vergehen. Wir wollen keine Jugend schlaff unb fahl, bie blaßaesichtig hockt in buntpfen Stuben. Wir wollen kecke Buben, frische Mädchen mit Nerven wie aus Stahl.

Und wie bem Körper, so soll auch bem Gemüt Jein Recht werben. Zur harmonischen deutschen Persönlich­keit gehört neben gebändigter Krgft auch die Tiefe bes Gemüts. Seine Werte entfalten sich am beiten in bet Stille und Einsamkeit der Natur, beim Rannen und Rauschen des Waldes, auf der sonndurchgllihten Heide, in der ländlichen Stille eines Dorfes, bei ber Anbacht in stillen Kapellen. Mit ber heimatlichen Landfckaft unb ihren Volksstämmen soll bie Jugend verwachsen und so mit tausend Fäden verwurzeln am Mutterhoden heiliger Heimatliebe.

Herzhaft und froh erklang das Wanderlied: Heute wollen wir das Ränzlein schnüren, und bann nahm Herr Ide das Wort zu seinem Vortrag:Die Eigen­art ber hessischen Heimat."

Wandern heißt mehr als die Beine bewegen, Wan­dern heißt Schauen Emvfinden, Erleben. Was steht alle der Landichaft, ben Bergen, Tälern, Flüssen. Wal- bern im Gesicht geschrieben! Was rufen uns bte Bauten von Menfchenhanb alle zu. bie Stadtbilber, bte Kirchen, bie Rathäuser, bie Brücken, hie Mauern, bte Türme, bas Bürgerhaus! Die gigantischen Alven- wiesen reißen ben Blick nach oben, aber die heisiichen Berge sind schlicht unb ruhig in ben Linien. Hessens Gesicht ist ruhig und hat von jeher ben Volkscharakter beeinflußt. Unbewußt künstlerisch gestaltet, halten bte Bauten aus Stein an Stein gefügt unb aus unzähli­gen Balken von beutschen Eichen ben Vergleich mtt Rothenburg o. T. aus. Die hessischen Rathäuser sind gehobene Bürgerhäuser" voll von hölzernem Etrlan- benschmuck. Die hessischen Burgen sinb gebrungen und in sich gekehrt, nicht aus bem Streben nach Glanz ge­baut. Wahrzeichen beutscher Vürgerktaft sinb bte Prachtexemplare beutscher Bürgerhäuser mtt bem bebenftänbigen Holzsackwerk in Allendorf, Wttzen- hausen Kirchhain, Kassel unb noch vielerorts Merk« roürbtge Brunnen zwingen zum Stehenbletben, tückengewölbte Brücken erscheinen als Lastträger, bte wie lebenbe Wesenwillkommen" heißen. Ringwalle unb Kirchenreste predigen deutsche Vergangenheit. Auch Kleinigkeiten wollen nicht übersehen sein. Em spärlicher Mauertest, eine geborstene Säule, ein Baum, kann uns zutusen: Habe Ehrfurcht vor mir, ich habe Jahrhunderte geschaut und deine Urahnen gekannt.

So wollen mir unsere Jugend anleiten, daß sie beim Wandern überall das Lebendige sehen lernt und die edelste Eigenart unserer hessischen Heimat schätzen lernt: die Standhaftigkeit unb bie Treue.

Herr Jbe hatte die Jugend zu packen verstanden. Andächtig und still folgte sie unb mit Begeisterung würbe bas Hessenlieb gesungen: Ich kenne etn Lanb.

An einen guten Besuch ber Veranstaltung am Mittwoch abend, bet ber Herr Schulz über bte hef- fifche Flora mit Lichtbilbern spricht, kann nach bem guten Anfang zu urteilen, nicht gezweifelt werben

Das Finanzamt fragt zuviel

aber diesmal war esgut gemeint".

Der Präsident des Landessinanzamtes teilt mit: Die Versendung von Branchesragebogen gleichzeitig mit dem Vordruck ber Steuererklärung hat, wie mir bekannt geworden ist, in den Kreisen der Gewerbetreibenden vielsach Beunruhigung hervorgerufen. Der Zweck dieser Versendung von Fragebogen war, den Gewerbetreibenden von vorn­herein Gelegenheit zu geben, über ihre vielfach nicht günstigen Verhältnisse bas Finanzamt eingehend zu unterrichten unb dadurch gegebenenfalls die Anwen­dung zu Hoher Schätzungssätze zu verhin­dern. Nach meinen Anordnungen sollten bte Fra­gebogen ben Vordrucken der Steuererklärungen nicht durchweg, sondern nur für nichtbuchführende Gewer­betreibende unb nur in den Fällen betgefügt wer­den, in denen ein Bedürfnis zur ausführlichen Erläuterung der in der Steuererklärung anzugeben­den beruflichen Einkünfte von vornherein besteht. Ich bin mir bewußt, daß die hiernach erforderliche richtige Auswahl der für die Zusendung der Frage- bogen in Betracht kommenden Gewerbetreibenden nicht immer möglich gewesen fein wird. Soweit Ge­werbetreibende einen ihnen zugegangenen Frage­bogen, den sie ganz oder teilweise auszufüllen nicht in ber Sage sind, unausgefüllt lassen, wird das Fi­nanzamt diese Unterlassung nicht beanstanden, son­dern sich daraus beschränken, im Steuerermiltlungs- versahren, wenn es zur Feststellung der steuerlichen Verhältnisse erforderlich sein sollte, bestimmte Fra­gen an Gewerbetreibende zu stellen oder nachträg­lich um bie Beantwortung des Fragebogens zu er­füllen.

Sich habe die Finanzämter mit entsprechender Weisung versehen und sie ersucht, die Veranlammg der Gewerbetreibenden mit wirtschaftlichem Ver­ständnis vorzunehmen.

®ewin«e ber Staats-Lotterie. 5. Klaffe. 34. 260. Preuk.» Süddeutfche Klaffen-Lotterie, 3. Ziehungstag. 11. Februar. 50 000 Ji 244 709: 10 000 Jl 170 866, 284 073, 387 249, 5000 .* 118 468, 177 643. 284 663 ; 3000 Jl 1557, 85 561. 143 214. 149 601, 211039. 224.452, 244 071, 253 304. 259 524. 377 684, 395 719, 396 203 : 2000 Jl 45 754, 54 00p, 69 964, 76 446. 98 422, 100 810, 147 932, 243 211. 254,483.' 265 500. 282 959, 301 074. 306 135, 333 095, 384 805; 1000 '-Jl 5501, 29 766. 75 468, 83 164, 117,458, 120 549, 124 583.1 144 672. 148 870, 150 048. 150 951, 158 634. 180 915, 193 354, 197 038, 198116,

201 049, 203 707, 214 055, 258 456. 262 702, 279 326, 287 987.

294 266. 318 810, 329 148, 331 037, 350 950. 364 275, 370 940,

376 197, 395 630, 398 923 ; 500 Jl 6486, 6729, 12 187, 14 733,

39 904, 40 936, 60 581, 70 010, 73 833, 76 805, 77 075, 80 036. 130 726. 135 588, 137 169, 138 850, 1:59 210, 147145, 155 089, 83 725, 99 036, 100 263, 115 537. 117 652, 120 154, 125 634. 155 822, 156 795, 157 013. 167 288, 172 356, 197 775, 208 738, 205 328. 206 461, 207 819, 215 407, 221144, 221794, 226 814, 237 373, 237 738. 245 497. 250 838, 261 012. 264 160. 266 434.

272 136, 272 376, 276 254, 278 987, 280 200, 281112, 285 494,

301 211, 309 428, 310 039, 312 313, 316 774, 316 922. 328 676.

336 165, 336 820, 340 954 . 341 780, 343 207, 347 038. 347 826,

378 584, 381 736, 386 213, 387 896. (Ohne Gewähr.»

Donnerstag, den 13. Februar:

Wolkig bis heiter, bei abflauenben Winden tags­über mild, nachts noch leichter Frost.

SSebin sehen wir am Donnerstags

Staatsthe e t e r:Die Zirkusyrinzessin". Ceerette von Kalman, 19,30 Uhr.

Kleines Th tute r: ..Hellseherei", 20 Uhr.

«-tadtvark: Pelttni Revue:Es ist etwas los', 20 Uhr

«tadtvark: Kaffee-Konzert. 16 Uhr.

Kaff e e P öltet: Des große Programm", 21 Uhr

Use - T 6 e e ter:Der weiße Teufel". Ufa-Tonsilm-Wo- chenschan.

Palast-Theater: GroßfilmLockendes Gift', Buh- nenschau.

Kino des Bestens:Der Erzieher meiner Tochter" undNuri".

gt ft. Oberbeyern: Münchener Fasching mit Einlage.

«r-erfele: Frau Elise Bock-Berlin svricht über Liebe und Bertüngnng, 30 Uhr.