Einzelbild herunterladen
 

2. Seite 4. Beilage

Kasseler Neueste Nachrichten

r

Dienstag, 31. Dezember 1929

trumem Sie- sickr-...?

km rüc&iuörts sittlkMer ^lckressitm

Pereinispaziert, meine Damen und Herren, Eie sehen hier den großen, gewaltigen, noch nie dage­wesenen Sensationssilm in zwölf Akten unter dem hinreißenden TitelErinnern Sie sich---?*

oderDas Jahr 1929'.

Der Film ist für Erwachsene, sowohl als auch für Minderjährige freigegeben worden, wir betonen, meine Damen und Herren, er mußte steigegeben werden, weil das Schicksal, das diesen Film gedreht hat, sich niemals an die Vorschriften der Prüfstelle hält und jedermann auch Dinge erleben läßt, die er von rechtswegen garnicht erleben will, noch dürfte. Sie sehen hier vor Ihren Augen mit voller Deutlich­keit das Gemengsel von Erbaulichem und Unerbau- lichem, so das Jahr 1929 Ihnen zum Schrecken und zur Ergötzung produziert hat, und wir glauben, Ihren besonderen Wünschen entsprochen zu haben, wenn wir diesmal noch auf eine synchronisierte Ton- Begleitung verzichteten und die musikalische Illustra­tion Ihrem eigenen Beifallsgemurmel oder Ach- und Wehegeschrei überließen, das wir hiermit kräftig zu gebrauchen geziemend bitten.

Wir beginnen mit der Vorführung von hinten, weil wir der Meinung sind, daß das Unmittelbar- Erlebte mit kräftigeren Farben in Ihrer Erinnerung haftet, so also, daß die Spannung steigen wird, je weiter wir ins Jmmer-Unbekanntere der verblaßen­den Erinnerung Vorstößen.

f. (Ui: Sezewkr

Hier sehen Sie den wackeren Mister Byrd zum Sudpol fliegend. Zwar hat nachher ein gewtffer Herr Gran behauptet, der Byrd wäre garnicht dort ge­wesen, am Südpol nämlich, aber Sie dürfen sich das Nicht vergrauen lassen. Herr Gran war vor vielen

Jahren auch einmal am Südpol, und nun gönnt er es keinem anderen. Obwohl dort nicht das Geringste zu holen ist. Es sei denn, ein Quentchen Ruhm. Und wie das mit dem Ruhm ist, das sehen Sie im

'VD- poL

Regung des Gefühls, und sie gingen hin und spende­ten Pelze und Anzüge und Renngewinne in großer Zahl und taten, was sie konnten, das Los dieser Armen zu verbessern. Und wie dankte man's ihnen? Die Mitwelt sah auch hier nur den Mist, auf dem die Sklarek-Lorbeeren gewachsen waren und ging an ein Groß-Reinemachen am laufenden Band, wie

mans noch nie gesehen hatte. Es ist eben kein Verlaß auf den Antrieb, dem das Volk dem Ruhmsüchtigen

4. (Ul: September

Da kennt Opels Fritzchen aus Rüsselsheim schon viel eher seine Pappenheimer und weiß, wie mans anstellen muß, wenn man oben hinaus will. Er packt

sich so «n paar Raketen, Marke Sander, in seine Flugkiste und haut ab, mit einem. Donnern und Kra­chen, das es an sich hat, und das das Beisallsgemur- mel gärnicht zu hören braucht. So etwas ist eine schöne runde Sache. Man frage Eckener. Er fliegt im

Ukc Alf

bisher das schnellste Schiff der Welt, sozusagen altes Eisen. Im

7. (Ul: Joni

sehen Sie den Pharaonen-Sprößling Fuad, wie er Schulter an Schulter mit Hindenburg in Berlin ein­zieht. Nun können Sie getrost Ihre Kehlen öffnen. Ein ordentlicher Begrüßungstaumel macht sich immer noch sehr gut. Dieser Fuad verdient es zweifellos. Er ist, obwohl nun schon ein halbes Jahr um ist, immer noch König von Aegypten und hat uns nicht so herrin­gelegt wie der Amanullah von dem noch die Rede

sein wird. Glanz und Größe sind eben vergänglich. Aber Sie brauchen deshalb jetzt im

8. (Ul: Mai

nicht zu erschrecken. Was Sie da sehen, ist zwar nicht glanzvoll, aber auch nicht minder romantisch als ir­gend so ein orientalisches Königtum. Die Vagabunden stnds, die gen Stuttgart tippeln, um dort einen Kon-

der relative Einstein. Er feiert seinen 50. Geburts­lag. und die Stadt Berlin schenkt ihm ein Haus das chr nicht gehört und tauscht das Haus weil es ihr nicht gehört, gegen ein Grundstück um, das ihr auch nicht gehört und---und dann verzichtet Ein-

stein auf die weitere Entwicklung und begnügt sich, wie Diogenes, mit einer Wochenend-Tonne, die nicht der Stadi Berlin gehört. Und weil schon von Relati­vität die Rede ist oder doch tvenrgstens von Einstein, der sie erfand, so sehen Sie hier im

10. (Ui: Märr

den Major Segrave, der in Florida, mit seinem Un­getüm von einem Auto 370 Stunden-Kilometer hin­

legt. Das ist bis dato das schnellste von Autoraserei, was da war. Aber inzwischen baut sich der Segrave schon einen viel schnelleren Wagen, gegen dessen Leistung die 370 Kilometer ein Schneckentempo sein werden. Weil nämlich alles relativ ist (wie schon Ein­stein sagt).

11. (Ut: Seßruor

Relativ ist auch Glanz und Größe des Herrn Leo Trotzk, gewesen, der hier gerade seine Koffer packt, um, dem Ausweisungsbefehl der Sowjets Folge

2. (Ut: November

12. (Ut: Januar

6. (Ut: ZuL

Hessischer Volkskalender

paner und der Yankees ein urkd setzt sich dann in aller Ruhe mit «in paar Millionären an den grünen Tisch, damit die Sache in Zukunft einen soliden Un- tergruild bekommt. Er redet nicht, er leistet nur etwas. Und wir kommen sogleich zum

Ja, sehen Sie, meine Damen und Herren, so ist das mit diesem Film, wir können nicht mit einem happy end dienen. Es sei denn. Sie glauben der Ver­sicherung die wir Ihnen gratis und franco zugeben: der nächste Film, genannt1930', wird viel, viel schö­ner, besser, spannender und happyendiger sein.

Erich Boyer.

In diefM-Mt reitet ein gewisser Thomas Mann auf seinxtzi Dichterrotz nach Stockholm und holt sich TrStrSen Nobelpreis, also, wenn man vom Geld ab­steht, den Ruhm der Unsterblichkeit. Und nun sehen Sie mal genau hin: Alle Welt meint, wenn von des Dichters Werk die Rede ist, dieBuddenbrooks', und

leistend, sich gen Konstantinopel zu verfrachten. Es ist bei ihm schnell hinauf, aber auch nicht minder schnell hinunter gegangen. Im Exil Hai er jetzt Zett, darüber nachzudenken, daß cs tm Grunde genommen völlig gleich ist, ob man sich als roter Zar oder als König versucht. Sie sehen nämlich tm

5. (Ut: ttuguet

rund um die Welt, er läßt die Leute meckern, was sie wollen, er schert sich nicht um ihre mißmutigen Prophezeiungen, er heimst lieber den Beifall der Ja-

wo auch mehr geleistet als geredet wird. Sie sehen hier den wackeren Kapitän Ziegenbein von derBre­men'. wie er sich dasblaue Band des Ozeans' holt. Er stellt keine Programme auf,'er greift nicht nach Vorschußlorbeeren, er fährt ganz einfach los, und nach vier Tagen ist die britischeMaure.ania',

unfern alten Bekannten Amanullah der gerade im Begriff ist, sich aus seinem unsicheren Afghanistan ins sichere Rom zurückzuziehen.Gestern noch auf stolz:»

gerade die hat er vor unzähligen Jahren schon ge- schrieben und seither Besseres, Tieferes, Wertvolleres, wofür er dann auch den Preis erhielt. Wer schert sich darum! Die Mitwelt flicht dem Erfolgreichen Kränze aus dem Gemüse, daß ihr am besten mundet. Worüber auch die Helden des

Schluß des ArtikelsQuerschnitt durch das Jahr 1929":

pe verwegen nichts abkurtzen. Auf Hauptsummen /ausgeliehene Kapitalien / soll der Besitzer des guts auf einen jeden Gulden y2 albus versteuern, mit bericht weme die zinse zustehen und wo der zink- herr gesessen und mag dem zinsherrn solliche steuer an zinse uff de nechste zinszeit Widder abziehen. Handwerksgesellen, Taalöner, die über 15 jar kom­men, und irer Elternbrot und hauß nit sein, die sollen vom haubt 1% albus geben. Hauswirt oder meister, in des arbeit hauß sie sind, sollen die An­lage an iren Verdiensten inne behalten und der Obrigkeit abliefern. Was aber Armer leuth feind, die von ires leib gebrechen wegen, nicht werben noch dienen können, der soll mit dieser anlage ver­schonet werden. Klöster, Stifte, auch Universität, die Einnahmen von außerhalb des Fürstentums gele­genen Gütern haben, müssen 3V, Teil ihres jährli­chen Einkommens abliefern. Die Ritterschaft und Adel soll von dem Einkommen, niemand ausgenom­men, den 6ten Teil abgeben. Was sie von Fedder vlhe jahrsfallend haben und in ihre Küchen selbst gebrauchen, das soll nicht angeschlagen werden, was sie aber umb geldt verkaufen soll nach anzahl der Nutzung versteuert werden. Ferner seid auß der Ritterschaft und Stetten nemlich: Jorge von Pap­penheim. Hans Keudel, Philip von Talwigk, Erb- schalk Joh. Reidesel und Ludwig Koch berufen wor­den sein zu empfangen. Und wo der Türk geschla­gen, oder die fach durch einen sridden bigelegt, oder er selbst zurück ziehen würde, soll das geld zu ge­meines Lands notturst liegen bleiben.'

Berücksichtigt man die unerschwinglichen Ausga­ben für die von Landgras Philipp wieder Hergestell, ten umfangreichen Befestigungswerke seiner Resi­denz, ferner die hohen Kosten des Wiederaufbaus der eingeäscherten 308 Gebäulichkeiten am Wilhclms- berg und Brink, ferner die geringen Vermögens­werte, weiter die erwähnte Türkensteuer, so kann man sich ein Bild von der bedrängten Lage der da­maligen Einwohner Kassels machen, die nebenher die gewöhnliche alljährliche Steuer: für 1 Ochsen 6 Gulden, 1 Kuh 5 Gulden, 1 Schwein 1 Gulden usw. auch noch zu entrichten hatte».

Auch in diesem Jahre sind in diesen Tage» der Jahreswende wieder viele Kalender in den Schau­fenstern der Buchhandlungen zu scheu, die nun erst wieder ihre Bedeutung erlangen, da oas alte Jahr auf der Schwelle steht. Der Hcss-sckze Volkskalender aus dem Verlrg von Friovr. Lometsch in Kassel ist em alter bewachrtcr Heimatsfrcuno, ganz auf die Bedürfnisse des Hessenvolkes abgcstimmt, dessen Sagen es treulich sammelt und in immer mannig- fack>erer Weise zusanrmenträgt. nicht minder die Mlßerst amüsanten hessischen, alten und doch lehrreichen Schnurren, die sich auf jedem Kalenderblatte finden und ob ihrer tiefen Weisheit nnd Gediegenheit doch beiter stimmen. Mit über­aus leuem Fleiß ist der jedem Kalendermoaar bei­gefügte Karten- und Bienenkalender redigiert; der Landmann und auch der städtische Garlenjreund fin­det in diesen kurze» Anleitungen alles, was in den etirzelnen Monaten im Garren au Arbeit vorzubc- reiten und durc^usühren ist. Der Bienenkalenoer tst 'n seiner 9: . geradezu vorbildlich und er bietet nicht »hi dem erfahrenen Imker, sondern vor allem dem Anfänger sehr wertvolle Fingerzeige. Für die Lano- und Hausfrair ist ein kleiner Geflügelkalender emgeschoben der wichtige Anregung^ bringt um dem Huhnervolk mehr (Sier von besserer Qualität ourm rattanelle Pflege und Fütterung en'lockcn Die hessischen Wandersreunde finbeji lohnende Aus- fluaspunkte und Landschaften beschrieben, allerlei kleine Schwanke und Schnurren, Erzählungen und Heimatbilder erfreuen den Leser, der immer wieder durch geschickt aufgemachte Spariabellen daraus hm- ^-^en nnro, daß-Sparen Gewinn bringt und daß deshalb von jung und alt das Sparen wiederum gelernt werde» muß Im Anhang sind sämtliche Mark.e in der Prodi»; Hessen-Nassau und de» au- grenzenden Nachbarprovinze» verzeichnet.

müssen aber noch über die i n n e r p o l i t i s ch e n Kämpfe und Leiden, denen das deutsche Volk gerade im Jahre 1929 ausgesetzt war, gemacht werden. Wir sind den Mißständen in unserem politischen Leben im­mer energisch zu Leibe gerückt, wir haben immer wie­der alle, die sich noch nicht dem leidigen Parteiismus verschrieben haben, zum Sammeln ausgerufen, und wir halten es für unsere Pflicht, auch in Zukunft in dieser Richtung weirerzuwirken. Wie notwendig diese Mahnung zur Selbstbesinnung ist, haben diese letzten zwölf Monate eindringlich bewiesen. Am Anfang des Jahres stand eine Teilkrise im Reiche, und das Jahr schwß auch mit einer T e i l k r i s e, die zum Ausschei­den des Reichsfinanzministers führte. Zwischen diesen Krisen lag eine Zeit der Energielosigkeit, in der alle notwendigen Reformen von einer Woche zur anderen verschoben wurden. Fast alles, was auf den Gebieten der Finanz- u. Verwaltungsreform geschehen muß, ist schließlich für das neue Jahr aufgehoben worden Große Ausgaben sind hier zu erfüllen, aber ebenso wichtig wie die Sanierung unserer Finanzen ist auch die Sanierung unseres parlamentari­schen und parteipolitischen Lebens. Neue Kräfte rühren sich; im abgelaufenen Jahre haben sie, obwohl es im Gebälk manches Parteige­bäudes bereits erheblich knisterte, den entscheidenden Vorstoß noch nicht gewagt. Tie Pflicht aller Verant­wortungsbewußten aber ist es, diese Reform­bewegungen in Gang zu halten und ihnen die rich- tige Richtung zu geben.

Bei uns selbst muß die Arbeit tm neuen Jahr beginnen: Niederkämpfen aller egoistischen Regungen und mutiges, sachliches Schaffen für Volk und Staat lautet die Parole. Findet sie Gefolgschaft, dann wird im neuen Jahre trotz mancher bangen Stunden ein Aufwärts' über der Entwicklung unseres politischen und wirtschaftlichen Lebens stehenDie Zukunft aber kommt durch uns kontmt sie und sie tut dies, weil sie in dem Weltenplane Gottes vorgesehen ist. Unser Genie ist die Geduld und die Kraft des Lebens'.

Rossen' als Staatsbesucher in Berlin, heute als Pri­vatmann in Italien.

*

Steuersorgen schon In alter Zeit

Don Gustav Wentzell

Nur noch kurze Zeit, dann werden die Steuer­erklärungen in Stadt und Land wieder versandt und mancher gewissenhafte Staatsbürger wird beim Aus- füHen der Formulare verzweiflungsvoll ausrufen: mir wird von alledem so dumm, als ging mir ein Mühlrad im «Kops herum'. Wie man erzählt, soll das Neueste im Berliner Panoptikum darin bestehen, daß dort ein glücklicher Steuerzahler, der sämtliche Fragebögen zur vollsten Zufriedenheit aller Instan­zen ausgesüllt bat, in Wachs modelliert zur Schau gestellt wird.

Wenn wir in der Geschichte des engeren Vater­landes annähernd 400 Jahre zurückblättern, so se­hen wir während der fegens- und schmerzensreichen Regierungszeit Philipps des Großmütigen unsere Vorfahren besonders schweren Herzens mit dem Ausfüllen von Steuer-Fragebogen und Registern be­schäftigt. Will man nun einen Vergleich mit der da­maligen Zeit ziehen, so muß man berücksichtigen, daß nur ein Bruchteil der Steuerpflichtigen des 16 Jahrhunderts des Lesens und Schreibens kundig war, während wir so glücklich sind, mit diesem gei­stigen Werkzeug ausgerüstet, rasch zu entziffern, was zu blechen ist.

Ein Auszug einer Resolution aus dem Jahre 1547 lautet:Türkensteuer zu widerstand unseres Heylichen Christlichen Glaubens gegen den Erb­feind dem Türken, auch erhaltung der Christlichen Land und Leut. Ein jeder soll sein Haab und Gut. getreulich vermittelst handgebender Gelübnuß an Eydes gabt den Einwohnern angeben, jede Renthe. Zinse, Auflommen, Nutzungen, Haus, hoffe, garten, Acker, wiesen, gehölzc, zehenden. geld und flüchte auff den rechten Werth zeder nach seinen vermögen, das niemandts Hochs oder niedernstandt verschont bleibe. Die Bürger und andere Personen sollen von 1 Gulden / den Gulden uff 26 albus gerechnet / K albus geben, ob sie ihre Güter gantz ober zum theil noch nicht bezahlt haben, dem Käufer dürfen

3. (Ut: C&M-tr

ein Liedchen zu flnegen haben. Da lebten in Berlin drei edle Brüder, Sklarek mit Namen, denen ging die Rot der Zeiten im allgemeinen und die der Be­amten vom Oberbürgermeister abwärts im besonde­ren sehr zu Herzen, und es überkam sie eine große

greß abzuhalten. Auch sie halten etwas auf filmische Massenwirkung und schicken nur solche Typen hin, die nach was aussehen. Die anderen pennen weiter tn jenem Straßengraben, den sie gerade bewohnen Raum ist in der kleinsten Hütte, sagt schon Diogenes.

9. (Ut: dpril

Deshalb brauchen Sie aber nicht zu glaube», daß der würdige Herr hier Diogenes sei. Es ist Einstein,