Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Nummer 304
Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.
Sonnabend/Somriag, 2S./29. Dezember 1929
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
19. Zahrgang
Or. Schacht Hauptdelegierter im Haag?
Loch keine Einigung im Reichskabinett / Der Kampf nm die Sieuerfenkungrpläne / Ungünstiger Eindruck des französischen Flottenmemoranbnms
Vreiischeid zum Koaliiionsproblem
Von unserer Berliner Schriftleitung.
Berlin, 28. Dezember.
Zur Vorbereitung der Haager Konserenz ist das Reichskabinett jetzt in sehr eingehende Beratungen der gesamten politischen Materie eingetreten, die im Haag verhandelt werden soll. Dazu werden wahrscheinlich mehrere Tage «benötigt werden. Gestern nachmittag haben diese Beratungen mit einer vierstündigen Kabinettssitzung begonnen, an der auch der Reichsbankprasi-ent Dr. Schacht teil- nahm. Heute sollen die Beraiungen fortgesetzt werden.
Es handelt sich dabei sowohl um ein sachliches, wie um ein persönlich.-s Problem In sachlicher Hinsicli muß ^arauf geacktet werden, datz in den zahlreichen noch vorhandenen Meinungsverschiedenheiten, die zwischen der Regierung und den Alliierten über das Reprrationsproblem bestchen, jede evtl, neue Belastung des Uouugplanes mit irgendwelchen zusätzlichen Leistungen Deutschlands auf der zweiten Haazer Konferenz vermieden werde, so wie es leider auf der ersten Haager Konferenz nicht in vollem Umfange vermieden werden konnte. In Persönlicher Hinsicht steht die Frage der
Zusammensetzung -er deutschen Delegation im Vordergründe. Der Reichskanzler wird nunmehr bestimmt in Berlin bleiben, schon um den Delegationsmitgliedern die Möglichkeit zu eventuellen Rückfragen an das Gesamt-Kabinett in Berlin zu lasten. Dagegen werden der Außenminister und K§r,S tnanzmin'ster, sowie der Minister kür Leseyren Geviere unbedingt stoch oem Haag gehen. Nun ist es noch fraglich, wer als Mitglied der Sozialdemokraten an der Delegation teilnimmt. Wahrscheinlich wird dies der neue Reichswirtschaftsminister Robert Schmidt sein, so daß auch eine Beteiligung des Reichsinnenministers Se- vering, die ursprünglich geplant war, nicht in Frage kommt.
Das Hauptproblem liegt jedoch in der Beteili- eunfl Dr. Schachts an der deutschen Delegation. Die Regierung hat den Reichsbankprästdenten aufgefordert, als Hauptdelegierter an der Haager Konferenz teilzunehmen und Dr. Schacht hat sich bisher noch nicht zu einer Zusage entscheiden können, weil zwischen ihm und dem Kabinett noch gewisse Meinungsverschiedenheiten vorhanden sind, die sich aus den bekannten Differenzen der letzten Wochen ergeben.
Man strebt nun dahin, durch Vereinbarung gewisser Richtlinien eine gemeinsame politische Basis zu finden, auf der sowohl der Reichsbankpräsident wie die Regierungsmitglieder im Haag gemeinsam operieren können, denn es muß selbstverständlich von vornherein vermieden werden, datz irgendwelche Differenzen innerhalb der deutschen Delegation schon bei Beginn der Haager Konferenz be stehen. Rur wenn die jetzt im Gang befindlichen Besprechungen zu einem Erfolge führen, wird Dr. Schacht als Delegierter an der Haager Konferenz teilnehmen, andernfalls kommt in Frage, daß er als Sachverständiger wie schon bei der früheren Konferenz im Haag teilnimmt, oder evtl, ganz zu Haufe bleibt.
In der Presse wird in verschiedenen Parteilagern der Wunsch geäußert, datz sowohl die Regierung wie
auch Dr. Schacht darauf bedacht sein müssen, ihre Stellungnahme in diesen Fragen vor jeder Missdeutung zu bewahren, und es wird allgemein als wünschenswert bezeichnet, datz diese Verständiungsbestrebungen zu einem Erfolge führen, und daß Dr. Schacht an der zweiten Haager Konferenz als verantwortlicher Haupt- Delegierter neben den Kabinettsmitgliedern teilnehmen wird. Die Frage der
Beteiligung -er Sozial-emokratie
ist unter den jetzigen Umständen weniger eine Restortfrage, da ja der neue Reichswirtschaftsminister bisher kaum Gelegenheit gehabt hat, sich in seinem neuen Res- sort verantwortlich zu betätigen, als vielmehr eine Koalrtwnsfrage. Man legt selbswerständlich allgemein Wert darauf, daß die deutsche Delegation, in der sich zwei Volksparteiler und ein Zentrumsmann befinden, nicht ohne Beteiligung der Sozialdemokratie nach dem Haag geht.
Diese Auffassung ist umso berechtigter, als von der Sozialdemokratie aus das
Koalitionsproblem
erneut aufgegriffen wird und zwar durch einen Artikel, den der sozialdemokratische Frak"-'nsforsitzenbe Dr. Breitscheid veröffentlicht hat.
Sin sozialdemokratischer Vorstoß
Breitscheid setzt sich mit den bürgerlichen Koali- tlonsparteien auseinander und billigt vollkommen die Haltung seines Parteifreundes Dr. Hertz, der bekanntlich die Annahme des Finanzministerpostens abgelehnt hat. Breitscheid meint, datz sich das neue Til- gungsgesetz für den Ueberbrückungs-^—dit nicht mit den Dteuersen"aügSplänrn des Fi.-W-'-rvssrHü ns per-- einbaren lasse, uno er verlangt von oürgerlicheu 1 Parteien, daß sie erklären sollen, wie sie sich die Durchführung dieser beiden Dinge nebeneinander vorstellen.
Die Sozialdemokraten stehen auf dem Standpunkte, daß durch das Tilgungsgesetz für 1930 jede Möglichkeit einer Steuersenkung verschlossen sei, und da die Volkspartei und die Demokraten an dem Steuersenkungsplane festhalten, so verlangt Breitscheid, daß diese beiden Parteien sagen sollen, wie sie diese Dinge miteinander in Einklang bringen wollen.
Weiter spricht Dr. Breitscheid die Vermutung aus, daß der Retchsbankpräsident
Dr. Schacht die Absicht habe, die Sozialdemokratie für die Durchführung der Reparattonspolitik „mit anzuspannen" und sie damit evtl, zu kompromittieren. Demgegenüber weist der sozialdemokratische Fraktionsführer darauf hin, daß die Sozialdemokratie ihre Pflicht gegenüber dem Staat und gegenüber der arbeitenden Bevölkerung innerhalb der Regierung sehr wohl er- fullt habe, und daß sie es verstehen würde, ihre Pflicht auch in der Opposition zu erfüllen.
Man wird gut daran tun, diese Andeutungen der Sozialdemokraten im Augenblick nicht allzu tragisch zu nehmen, denn ähnliche Aeußerungen sind in der letzten Zeit schon wiederholt aufgetaucht, ohne datz da- mit ernst gemacht worden wäre. Autzerdem ist zu erwarten, datz nach der Haager Konferenz das Koali- tionsproblem aufgerollt werden wird und vorläufig ist bestimmt damit zu rechnen, datz die Sozialdemokraten selbstverständlich an der Haager Konferenz tell- ndjmtn, ebenso wir auch die anderen Regierungsparteien ihren Teil der Verantwortung an der Reparationsregelung zu übernehmen haben.
„Der Zug des Lebens erlahmt"
(Eigene Drahtmeldung.)
Rom, 28. Dezember.
Unter dem Titel: „Stirbt die italienische Raffe aus?" veröffentlicht der „Popolo di Roma" einen eindringlichen Warnungsruf über den Geburtenrückgang in Italien. In den ersten elf Monaten dieses Jahres hat Italien nämlich 21460 weniger Geburten aufzuweisen als in der gleichen Zeit des Vorjahres.
Die Zeitung schreibt, wenn das so weiter gehe, werde die Bevölkerungsabnahme Italiens in zehn Jahren ebenso bedenklich werden wie in Frankreich Schon wiesen zahlreich« Städte, so besonders Florenz und Bologna erheblich mehr Todesfälle als Geburten auf. Die Bevölkerung von Florenz sei z. B. in den ersten elf Monaten dieses Jahres um 647 Seelen zurückgegangen. Von den früheren Geburtenüberschüssen sei selbst in kleinen Provinzstädtrn wie Sienna keine Rede mehr.
Das Regierungsorgan kommt zu dem Schluß, datz auch Italien auf dem Wege zur Dekadenz sei; auch in Italien sei der Zug des Lebens erlahmt.
Ztaliens bevölkerungspolittfche Sorgen
Mailand, 28. Dezember.
Der Aufsehen erregende Artikel des „Popolo di Roma" über den bedenklichen Rückgang der Geburten in Italien wird allgemein Mussolini zugeschrie- Len und in ganz Italien lebhaft erörtert.
Die Zeitungen bringen allerlei Vorschläge für die Hebung der Geburtenzahl, wie neue Steuererleichterungen, besondere Auszeichnungen für kinderreiche Familien, Verschärfung der Junggesellensteuer usw. Eine Besserung könnte nur von der
Rückkehr de» sozialen Gewissens zu den Sitten der Väter
kommen. Die Geburtenabnahme falle nämlich gleichzeitig mit der Dekadenz des Pflichtgefühls zusammen, das non der Vergnügungssucht verdrängt werde. Jeder Italiener müsse sich daher einer Gewissensprüfung unterziehen und sich fragen, ob er auch seine Pflicht gegenüber dem Vaterlande erfüllt habe.
Das abrüstungsfeindliche Frankreich
Die franz. Rot« in Washington noch nicht überreicht.
Reuyork, 28. Dezember.
Der amtliche Text der französischen Denkschrift zur N l o 11 e n a b r ü st u n g s v o r l a g e liegt in Was- ytngwn noch immer nicht vor. Ter französische Bot- Ichaswr Claudel hat im Staatsdepartement Vorgesprächen, um diese Verzögerung zu entschuldigen. Die Ueberroichung wird^veruiutlich am Montag statlfinden.
Staatssekretär Stimson verweigert inzwischen jede amtliche Stellungnahme. In Regierungskreisen wird sedoch nicht verhehlt, daß die Auffassung des Cuai d Orsay ein Zusammengehen der fünf Mächte fast unmöglich mache, sodaß man im besten Falle mit einem
Abkommen zwischen England, Japan, Amerika und I Italien rechnen könne.
Frankreichs ironische Behauptung, daß der Kellogg- Pakt keine ausreichende Friedensgarantie geschaffen habe, wird in Washington als Beweis dafür angesehen, daß der Quai d'Orsay und die öffentliche Mei- nun in Frankreich jeder A brüstung feindlich gesinnt seien.
* * *
Paris, 28. Dezember. „Reuyork Herald" zufolge hat (im Gegensatz zu den oben wievergegcbenen Washingtoner Ansichten) der neuernannte Botschafter der Vereinigten Staaten Edgc die Ansicht geäußert, daß keine der Zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten in der Frage der Flotteukon- fereuz bestehenden Meinungsverschiedenheiten <|i unüberwindliches Hindernis für das Gelingen der Konferenz fein könnte. Botschafter Edge hatte bereits zwei Unterredungen mit Tardieu über die Seeabrüstung. Er wird mit dem Ministerprästdeu- teu vor der Haager Konferenz noch mehrmals Fühlung nehmen.
Londoner Bedenken
London, 28. Dezember.
Die den an der Londoner Konferenz beteiligten Mächten übergebene franzöfische Denkschrift zur Flottenabrüstungs-Konferenz hat in maßgebenden englischen Kreisen einen sehr ungünstigen Eindruck gemacht. Die starken Einwendungen, die von der englischen Presse gegen die Denkschrift erhoben werden, richten sich
gegen den Vorschlag eines Mittelmeer-Locarnos.
Der „Daily Telegraph" erklärt in ein .n Leitartikel, die französische Feststellung, der Kellogg-Pakt reiche im Augenblick nicht aus, um die Sicherheit der Nationen zu garantieren, schließe eine sehr geringe Bewertung des Kellogg-Nertrages in sich. Die öffentliche Meinung Greoßbritanniens sei darin einig, daß britisches Leben und britische Besatzung nicht wieder mit -Ae-.sse niffo’ta wStf« eine- fremden Macht
; e--< - PerzWunswerbin dürften. ,
Ein zweites Locarno in entfernteren Zonen komme für England nicht in Frage.
Der der Regierung nahestehende „Daily Herald" lehnt dagegen mit aller Deutlichkeit einen solchen Gedanken ab und stellt fest, datz die ösfeniliche Meinung Großbritanniens ein Mittelmeer-Locarno unter keinen Umständen aunehmen werde.
Für Indiens llnabhängigkett
Lahore, 28. Dezember.
Die von dem Exekutivausfchuß des A l l i n d i - scheu Nationalkongresses gefaßte Resolution, in der eine Beteiligung Indiens an der von Lord Irwin in seiner Erklärung vorgeschlagenen allindischen Konferenz abgelehnt wird, ist im offiziellen Text veröffentlicht werden.
Wie aus der Entschließung des Vollzugsausschusses des Mindischen Kongresses hervorgeht, stellt das Ziel der indischen Politik nicht mehr die Erlangung der Selbstverwaltung Indiens, sondern der völligen Unabhängigkeit Indiens von England dar. Weiter wird in der Entschließung die Durchführung eines passiven Widerstandes gegen England, insbesondere auch die Nichtzahlung von Steuern an die englischen Behörden vom 1. Januar 1930 ab dem Kongreß an- empfohlen.
Die Annahme dieser Resolution auf dem allindischen Kongreß gilt hier als sehr wahrscheinlich.
Am Schmmans Erbe
Reuyork, 28. Dezember.
Rach Blättermeldungen aus Washington werden als mögliche Kandidaten für den Botschafterposten in Berlin der Botschafter in der Türkei Joseph C. G r e w und der frühere Leiter der War Finance E"rpo,^^^n —. Eugen Meyer ----- erwähnt.
._$c“re Ktzeise haben allerdings .t.vcr Nachfolger Shurmans in Aussicht genommene Per- sönlichkeit bisher noch nichts verlauten lassen.
Somgplan, von Paris gesehen . Von unserem Korrespondenten.
Paris, Ende Dezember.
Zwischen allen Weihnachtsvorbereitungen, die in Paris von Jahr zu Jahr einen größeren Umfang annehmen — denn mit dem wieder zu Frankreich zurückgekehrten Elsaß rückt auch der deutsche Weihnachtsbaum stetig und unaufhaltsam nach dem Westen und Norden Frankreichs vor —, vergaß man natürlich die finanziellen Sorgen nicht. Und keine beschäftigt Frankreich so. wie die um den Poungplan, dessen Annahme oder Ablehnung durch Deutschland den Gegenstand unzähliger Gespräche an der Börse, in den Wandelgängen der Kammer und in den Cafes bildet. Da
hört man immer wieder den Namen Schacht.
Man hört ihn so oft, wie früher den Namen Strese- mann — und immer in einem guten Sinne. Denn aus allen Aeußerungen, die Schacht über den Poungplan gemacht hat, hören die Franzosen folgendes heraus: Schacht, der als hervorragendster Sachverständiger an diesem Plan mitgearbeitet hat, steht seine Annahme durch Deutschland als notwendig und unvermeidlich an. macht sein Land aber sehr nachdrücklich darauf aufmerksam, daß die ungeheuren Leistungen, die es mit der Annahme dieses Vertrages übernimmt, nur erfüllt werden können, wenn Deutschland seine Finanzen in Ordnung bringt, seine Steuern steigert, seine Auslandsverschuldung (außer der Poungplanver- schuldung), vor allem aber seine Kulturausgaben aufs äußerste einschräntt. Das liegt alles ganz im Sinne der Franzosen und findet ihren Beifall, während die Vorbehalte Schachts, soweit fie sich auf die nichtdeutschen Vertragsteilnehmer beziehen, nicht gehört werden.
Man steht hier in Schacht — weit mehr als in dem Reichsaußenminister Dr. Curtius, oder in dem neuen Reichsfinanzminister — den wahren Lenker der politischen und finanziellen Schicksale Deutschlands. Das Eingreifen des Reichsbankpräsidenten in Anleiheverhandlungen des Reiches, Preußens, der deutschen Städte, insbesondere Berlins, hat großen Eindruck auf Paris gemacht. Man betrachtet Schacht als den tatsächlichen Finanzdittawr Deutschlands, dessen Anweisungen sich die Finanzminister des Reiches und der Länder fügen müssen und ohne dessen Willen keine Anleihe aufgenommen werden kann. Wäre nicht Schacht da und wirkte et nicht beruhigend, so hätten Volksbegehren und Volksentscheid hier Mißtrauen auch in den nichtnationalistischen Kreisen hervorgerufen, während sie so den Nationalisten nur als ein erwünschter Vorwand für Beunruhigung dienten. Die ganze Pariser Presse billigt die in Schachts Memorandum geübte Kritik an der Reichsfinanzverwaltung — int Gegensatz zur englischen Presse, die Schachts Vorgehen scharf tadelt. Vom französischen Standpunkt kann man sagen, daß
Schachts Aktion eine Stützung von Briands Politik
bildet. Die äußere und innere französische Politik steht in einem engen Zusammenhang mit Morgan, der
der Bankier der französischen Regierung und auch ihr politischer Verbindungsmann zu den Vereinigten Staaten ist. Ohne Morgan kein Poungplan, ohne Morgan keine Möglichkeit, die deutschen Reparationsbonds auf den Weltmarkt zu bringen, sie zu „mobilisieren". Die Mobilisierung setzt voraus, daß Deutschland, in bezug auf die Aufnahme von Ausländsanleihen, sehr zurückhaltend sei. Schacht hat verhindert, daß das Reich, Preußen ober Berlin (Selb» bedürfnisse im Auslanb befriedigen. Er hat bewirkt, baß bas so gut wie abgeschlossene Geschäft mit Dillon, Reab u. Co., bent Neuyorker Bankhaus, bas jung und rührig der alten Firma Morgan Konkurrenz macht, nicht perfekt wurde. Das liegt ganz im Sinne der Vriandschen Politik und natürlich auch im Sinne Morgans.
Als Bindeglied zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich sorgt Morgan für die
Liquidierung der Schulden Frankreichs an Amerika.
Eine Liquidierung, die sich nun einmal nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages notwendig auf Kosten Deutschlands vollziehen muß. Die Internationale Bank, die in Basel errichtet wird, ist nur ein zwischengeschaltetes Glied in der Kette: Deutschland hat bis zum Jahre 1965 jährlich durchschnittlich 473,7 Millionen Dollars an die Internationale Bank zu zahlen, die ihrerseits diese Summe auf die verschiedenen Gläubiger weiter verteilt. Außer Japan und Portugal haben alle Gläubigerstaaten — Frankreich allein 4Vi Milliarden Dollars — an Amerika zu zahlen. Die Einnahmen der Vereinigten Staaten aus dem Yonngplan betragen bis zum Jahre 1965 durchschnittlich 350 Millionen Dollars per annum, sodaß etwa 75 Prozent aller Reparationszahlungen Deutschlands an die Vereinigten Staaten fließen.
Was wird nun Amerika mit diesen Kapitalien machen? Es wird sie zum großen Teil — und zwar, wie Morgan wohl mit Recht annimmt, durch seine Vermittlung — außerhalb Amerikas anlegen. Unter den Anlageländern wird auch Deutschfti n b, wenigstens in einem gewissen Maße, inBetrachtkommen, namenttich in seinem größten werbenden Betrieb: der Reichsbahn: Hier mag wohl auch ein Motiv liegen, das Schacht veranlaßt, die guten Beziehungen zu Morgan aufrechtzuerhalten und sie jedenfalls nicht durch Beziehungen zu anderen amerikanischen Bankfirmen zu stören. An der Inkraftsetzung des Noungplanes zweifelt niemand in Frankreich und auf Schachts Vorbehalte wegen der über die eigentlichen doungplanleistungen hinausgehenden Zusätze erwidert die französische Presse trocken, wenn Deutschland jährlich 2050 Millionen Mark zahlen könne, dann könne es auch noch die kleinen Zuschläge ertragen, die ihm im Haag auferlegt worden seien. Wie heißt es doch im Faust?: „Denn du hast recht, vorzüglich, weil ich muß."