Einzelbild herunterladen
 

Kasseler Neueste Nachrichten

Nummer 302

OienStag/Mittwoch, 24.ZZ5. Dezember 1929

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

10 Zahrgang

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

Das Ende der Berliner Teilkrise

Mldenhauer übernimmt das Erbe SilferdmgS / Robert Schmidt ReichsivirWastsminister / Attentatspläne gegen die belgifthe Königsfamilie

l'.

Oie neuen Minister

Stille Nacht, heilige Nacht

Don Arthur Brausewetter

i

ir-

Unb dann das zweite: „Und Friede auf Erden!'

Auch das Wort „Friede' ist in unserer Zeit zu einem Worte der Sehnsucht geworden. Eine Wirk­lichkeit oder Realität schließt es nicht mehr in sich. Denn vom Frieden ist heute nicht mehr viel zu er-

eine Deflation durchgemacht, der Jahr für Jahr einen Teil seines Einkommens an das Ausland abzugeben hat, zu regieren. Aber gerade die Schliere dieser Auf­gabe verpflichtet doppelt. Sie nötigt die leitenden Männer vor allem zu der Erkenntnis, daß Regieren Führen heißt. Führen zu neuen Ufern, zu Reformen, die den Staat und die Wirtschaft in den Stand setzen, der Rot der Gegenwart Herr zu werden und für die Zukunft stärkere Fundamente zu legen! Dieser Ver­pflichtung, Führer zu sein, hat die Regierung Müller ohne Zweifel nur unvollkommen genügt; sie hat erst gehandelt, als sich „diktatorische" Einflüsse geltend machten, und die Medikamente, die von ihr in dem Sofortprogramm verschrieben wurden, können wohl das Fieber des ihr anvertrauten Patienten dämpfen, aber nicht die Krankheitskeime abtöten. Dazu ist eine gründlichere Kur nötig, die von energischeren Aerzten, als es die Männer um Hermann Müller bisher ge­wesen sind, durchgeführt werden muß.

scheinlicher, als es ohnehin schon der Fall war, daß das gegenwärtige Kabinett nach der Haager Konferenz in die ernstesten Auseinandersetzung en geraten wird.

Die Frage der Neubesetzung des Postens des zu­rückgetretenen Staatssekretärs P o p i tz ist noch nicht endgültig geregelt. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" glaubt, daß für diesen Posten der sozialdemokratische Ministerialdirektor Dr. S ch ä f f e r in Betracht kommt. Diese Frage wird jedoch zweifellos in erster Linie durch den neuen Finanzminister selbst entschied werden.

Auf der Deutschen Votkspartei liegt somit ein Hauptteil der Verantwortung für die bevor­stehende Haager Konferenz.

Parteipolitisch gesehen, wird dies von manchem Volks­parteiler als eine zu starke Belastung empfunden, an­dererseits aber wieder ist es durchaus gerechtfertigt, daß die Deutsche Volkspartei den Finanzministerposten übernimmt, da es in der Politik üblich ist, daß sowohl Leim Rücktritt ganzer Kabinette wie einzelner Mini- Eer diejenigen die neue Verantwortung übernehmen, ie den Anstoß zum Rücktritt gegeben haben.

Staatssekretär Schmid beurlaubt!

Berlin, 24. Dezember.

Der Staatssekretär im Reichsministerium für die besetzten Gebiete Schmid hat die Reichsregierung um seine Beurlaubung nachgesucht, die ihm mit Wir­kung vom gestrigen Tage bewilligt worden ist.

Kasseler Abendzeitung

trf<5ettutit®8roeffe: »6t6eatn<6 sechsmal nachmtttaa«. gtuMiniutaiSouw. fltt bex menet MO Jt bet freier So« gelluug ins Haus, tu der Geschäftsstelle abgeholt 2.10 Jl. Durch die Poft «onattich 2.$' Jt auSfchüetzNch Zu.

ellunasgcbüor. An Kallen von höherer Gewalt besteht kein Ansornch ans Lteseruna der Zeitung oder ans Rückzahlung des Bezugspreises. Der!««. Sckriftleftuug und Druckerei: Söluische Strafte tO. — Teleobou: Eammeluummer 680Ü. Juristische Sprechstunde Jeden Dienstag tron 5 MS 7 Ute. Kölnische Strafte Nr. tü.

Beinah ist es so, als ob die Parteigewaltigen selbst eine Zauberbrille auf die Nase fitzen hätten, die jede Schuld als Verdienst erscheinen läßt. Jedenfalls hat bisher noch keiner von ihnen trotz mancher Warnungs­zeichen Anstalt getroffen, im eigenen Lager Wandel zu schaffen. Das Gefühl der Unentbehrlichkeit auf der einen, und die geringe Fühlung, die die Parteibüro- kratie infolge des Verhältniswahlrechtes mit dem Volke hat, auf der anderen Seite sind Schuld daran, daß man innerhalb der Parteileitungen immer noch nicht erkannt hat, was die "Stunde geschlagen hat. Spaltungen in der Konkurrenzpartei werden von ihnen als Sondererscheinungen angesehen, und dabei kann doch bei dem bereits stark ausgebauten Netz von Querverbindungen morgen das gleiche hier geschehen, was gestern dort den Bestand einer Partei erschüttert hat. Von höheren Eefichtspunkten aus betrachtet, ist aber vor allem die Tatsache bedenklich, daß große Teile des deutschen Volkes sich mit Abscheu von diesem Trei­ben der Parteien abwenden und damit dem politischen Leben entfremdet werden. Gefahr ist im Verzüge, wenn mit dieser Diktatur der Unzulänglichkeit nicht aufgeräumt wird!

Don verschiedenen Seiten find Vorstöße gegen die Festungen der Parteibürokratren unternommen worden. Die Jugend, die „Frontgene­ration" der heute Dreißig- bis Vierzigjährigen, denen der Zutritt in das Allerheiligste der Parteien — von 490 Abgeordneten im Reichstag stehen nach Angaben des „Türmers" nur 77 im Alter von 30 bis 40 Jahren — nur ungern gestattet wird, hat in verschiedenen La- gern revoltiert. Entscheidende Erfolge haben diese Vorstöße nicht gehabt. Der Jungdeutsche Orden hat aus guten Gründen eine Reform des Wahl­rechtes, durch die Abgeordnete und Wähler in enge­re» Konnex gebracht werden sollten, propagiert. Ueber

Bankrott des Parlamentarismus?

Von diesem Vorwurf der Schwäche kann man die Reichsregierung selbst dann nicht freisprechen, wenn man fich vergegenwärtigt, daß ihre Arbeit nicht allein durch den äußeren Zwang, sondern auch durch die Miß­stände in unserem parlamentarischen Leben beeinträch­tigt wurde. Das Schlagwort vom „Bankrott des Par­lamentarismus" macht heute die Runde. Es ist ein gefährliches Wort, das da in die Diskussion geworfen wird. Gefährlich vor allem deshalb, weil wi^ anf d»n ParlamenWrismas angewiefc.'./ fr', 'ü:;

schon aus realpolitischen Gründen! Denn auch die Gegner des gegenwärtigen Systems werden sich nicht darüber Hinwegtäuschen dürfen, daß die Abschaffung des Parlamentarismus etwa zugunsten einer Diktatur auf jeden Fall die Einheit des deutschen Volkes zer­schlagen und die Existenz des Staates aufs Spiel setzen würde. Schon diese Ueberlegung sollte jeden Verant­wortungsbewußten nachdenklich stimmen, ganz abge­sehen davon, daß auch — sozusagen — weltanschauliche Gründe, wie Walter von Molo in einem Aufsatz „Deutscher Geist und Diktatur" sehr fein dargelegt hat, für den Parlamentarismus sprechen.

Nicht das System, sondern die H a n d h a b u n g des Systems sollte man anklagen. Es ist doch heute so, daß selbst mit einem Sturz des Kabinetts die freie Bahn zu neuem planvollen und energischen Handeln keineswegs gewonnen wäre. Diese Tatsache ist nicht allein durch den Mangel an starken, für die Minister­posten geeigneten Persönlichkeiten zu erklären. Ent­scheidend ist vielmehr — und darin mögen die jetzigen Minister einen allerdings nicht alles erklärenden Entschuldigungsgyund für ihre Energielosigkeit sehen — das Folgende: Eine Kabinettskrise würde nur die Arbeitsunfähigkeit des Parlaments demonstrieren, und eine Auflösung und Neuwahl des Reichstages würde die Zahl der hadernden und zur positiven Arbeit kaum fähigen Parteien nur noch um ein paar neue ver­größern. Hier in dieser Erscheinung, die man recht treffend „Parteiismus" getauft hat, in dieser Un­fähigkeit der Parteien, dem Allgemeinwohl und nicht den Sonderintereffen zu dienen, liegt die Wurzel allen Uebels. An dieser Stelle muß di« Reform ansetzen, wenn bei uns die Mängel in der Handhabung des varlamentarischen Systems abgestellt werden sollen. Wer die „deutsche Zwietracht mitten ins Herz" treffen will, muß dem Parteiismus Fehde ansagen!

parteiismus

Schatten über der Zukunst

(Von unserer Ber liner Schriftleitung.)

Berlin, 24. Dezember.

Der Reichspräsident hat gestern abend den derzeiti­gen Reichswirtschaftsminister Dr. Moldenhauer zum Reichsfinanzminister und den sozialde­mokratischen Reichstagsabgeordneten Rob. Schmidt zum Reichswirtschaftsminister ernannt. Damit ist die Teilkrise, die durch den Rücktritt Dr. Hilferdings entstanden ist, bereits wieder beseitigt, und zwar schneller als man annahm.

In Berlin rechnete man noch gestern damit, daß die Ernennungen frühestens im Laufe der nächsten Tage erfolgen könnten. Dies hing damit zusammen, daß eine Reihe wichtiger Besprechungen notwendig geworden war, um die geeigneten Persönlichkeiten zu finden.

Ursprünglich hatten die Sozialdemokraten bekannt­lich den Abg. Dr. Hertz für den Reichsfinanzminister Dr. Hilferding vorgeschlagen, hatten sich aber schließ­lich aus die Forderung beschränkt, daß die Sozialde­mokratie überhaupt mit vier.- Ministerposten bedacht werden müßte, ohne sich daraus sestzulegen, welche Posten dies sein sollten.

Der Reichskanzler hat nun gestern sowohl mit den Mitgliedern der Reichsregierung als auch mit solchen der sozialdemokratischen Fraktion weitere Verhand­lungen geführt, bei denen es sich ergab, daß der Ab­geordnete Hertz eine Reihe von Bedenken äußerte, die ühn dazu brachten, auf das ihm angetragene Amt zu verzichten. Daraufhin hat dann der Reichskanzler dem Reichspräsidenten den eingangs erwähnten Vor­schlag unterbreitet, der vom Reichspräsidenten sofort gebilligt wurde.

Damit übernimmt die Volkspartei nunmehr neben dem Außenministerium, welches Dr. Curtius inne hat, auch das Finanzministerium.

Hessische Abendzeitung

78_nun beerte 3efle « J Cfkrteebtite » 4 (bei SafteOne« 85 4t. — Kür ter Erscheinen von Anzeigen ie befliinyten Aasaabe». «n besondere» Dläte» web für telephonisch erteilte Huftrtee keine Gewähr. Rech. «aa«tettäoe innerhalb m 5 Ta«e» »ofcfbnr. ekriets«»*» Katel. — Postscheckkonto Sranffnrt^ Ä. 6386

Gescheiteste Attentatspläne

Gegen die belgische Königsfamilie und den italicmftfwn Justizminister.

Brüssel, 24. Dezember.

Die Verhaftung des Italieners Berneri hat jetzt, wie ein Extrablatt der „Jndependance" meldet, zu sensationellen Enthüllungen gefüi, .. Danach har Berneri, < der Anarchist <#. -1-* * nicht n"-

gegen die belgische KönigSsan?tlie, son­dern auch gegen den italienischen Iustizminifter R o r c o, der am 27. Dezember hier eine Konferenz aühalten wird, im Schilde geführt.

Es wurde festgxstelll, das: das Attentat gegen dir Königsfamilie auf italienischem Boden, in der Nähe von Mailand, auZgcsührt werde» sollte.

W. P. Wieder einmal tragen die Weihnachtsglocken die Heilsbotschaft vom Frieden, vom Siege der Liebe und der Gerechtigkeit über die Lande. Ihr Ruf klingt hinein in das Leben des Alltags, in dieses Leben, das von Feindschaft und Streit, von Unvernunft und Bös­willigkeit ausgefüllt zu sein scheint. Er dringt an Herzen, um die Enttäuschungen und Bitternifie eine harte Schale gelegt haben. Er will aufrütteln, zur Selbstbesinnung mahnen, Sehnsucht wecken und Glau­ben fchaffen. Die weihnachtliche Botschaft geht nicht nur an dich und mich, an den einzelnen Menschen; sie wendet sich an uns alle, die wir Glieder einer Nation sind, und sie richtet ihre Mahnung auch an die Völker, die in ein und dieselbe Zeit gestellt worden sind und doch den Weg zueinander immer noch nicht gefunden haben. Ihr Inhalt ist heute keineswegs Wirklichkeit, er ist die große Forderung, die nur erfüllt werden kann, wenn der Glaube an die Erfüllbarkeit über die Ent­täuschungen siegt.

Von den Schwierigkeiten, die auf dem Wege zur Sicherung des äußeren Friedens, auf dem Wege zur Verständigung von Volk zu Volk liegen, soll heute nicht gesprochen werden; was die Weihnachtsbotschaft für jeden von uns bedeutet, was sie bedeuten sollte, hat Arthur Vrausewetter in schöne und tiefe Gedan­ken gefaßt. An dieser Stelle seien die Fragen behan­delt, die uns als Bürger des deutschen Staates, als Schaffende am deutschen Werk angehen. Und schwere Sorgen sind es, die sich hier auftun: Sorgen um den inneren Frieden, um Führung und Gestaltung unserer Geschicke,,um Funkthwk-en und Ausbau der staatlichen Maschinerie. Sie letzten Wochen, jeder Tag und bei­nah jede Stunde, haben unerfreuliche Beiträge zu die­sem Kapitel geliefert.

Nichts wäre ungerechter, als wenn man bk Reichs­regierung für die Entwicklung der letzten Zeit, für dieses Taumeln von einer Krise zur anderen, allein verantwortlich machen wollte. Es ist ein undank­bares Geschäft, einen Staat, der eine Inflation und

Der Zwietracht mitten ins Herz

Um Deutschlands inne »politischen Frieden.

chen Nöte, drängen einer dumpf empfundenen Krisis von Tag zu Tag näher.

In der Heiligen Nacht sah es nicht anders aus. Die große vaterländische Not ließ die Hirten verstum­men. Da dräuten gerade so wie heute nationale Kämpfe, soziale Irrungen. Das einmal so große Volk unterjocht, der Willkür seiner Eroberer ausgeliefert, die sein Land besetzten. Und aus verzagtem Herzen ein Schrei der Not: „Wann wird der Retter kommen diesem Lande?"

Weihnachten gibt die Antwort: „Christ, der Retter ist da!" klingt es durch die Weihe der stillen Nacht."

Wenn er auch uns Retter würde! Wenn wir in­mitten aller Zersplitterung und Uneinigkeit in ihm den Retter Wiedersehen, wieder suchen wollten! Dann wäre auch das Andere da, das heiß Ersehnte: „Und Friede auf Erden." Wenn er in dem völkischen Le­ben der Nationen die Rolle in der Tat wieder spielte, den Rang einnähme, den man ihm jetzt meist nur den Worten und dem Scheine nach gibt-

Ja, Frieden auf Erden! Ueber die Schranken der Nationen, den Hader der Konfessionen führt uns Weihnachten zu dem versöhnenden Ausgleich der Liebe, weist es uns die Gefilde einer alles versöhnen­den Heimat Während für die heidnische Weltanschau­ung der Mensch das Maß aller Dinge war, ist es für die christliche die Liebe Gottes, verkörpert in Christus Und wenn MUton einmal Scipio den Höhepunkt Roms nennt, so kann man Christus den Mittelpunkt der Weltgeschichte benennen, die eine Zeitrechnung und neue Epoche mit ihm beginnt.

Den Frieden der ve-söhnten Seele will uns Weih­nachten schenken und mit ihm den vielersehnten allge­meinen Weltfrieden, der nur aus einem rechtverstan­denen und recht geübten Christentum kommen kann. Denn dies allein verleiht die Kraft, bei aller Tapfer­keit und allem Mut auch jene Demut zu üben, die Leiden und Anfechtungen von außen uttd innen zu läuternden Mächten gestaltet und die höchste Kunst der Liebe übt: zu vergeben.

Deshalb das Dritte: „Und den Menschen ein Wohlgefallen!" Gott geben die himmlischen Heerscha­ren die Ehre, den Frieden der Erde, das Wohlgefal­len den Menschen.

Das „Wohlgefallen"! Man möchte darunter ver­stehen den guten, auf das Ewige gerichteten Willen der Menschen, der sich nicht mit ängstlicher Seele an die Welt der Erscheinungen klammert, nicht in ihren kleinlichen Wünschen und Sorgen aufgeht, sondern der lernt, alles Vergängliche nur als ein Gleichnis zu betrachten, das Leben und Wirken ewigen Zielen einzuokdnen.

Flimmernde Stern« gehen auf leisen Füßen ihren ewigen Gang. Engel und Cherubim singen der auf­horchenden Welt den tröstenden Gesang. Das Licht scheint in die Finsternis. Die Liebe Gottes ist da. Und in lindgewordener Seele fühlen wir, daß wir nicht da sind, mitzuhaffen, sondern mitzulieben, füh­len wir den Atem der großen, alles gebenden Gottes­liebe auf uns niederwehen, beugen uns ihm und sin­gen in befreiter Seele, im freüdegestimmten Herzen mit den himmlischen Heerscharen den großen Weih­nachtslobgesang: „Ehre sei Go» in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlge-

Stille Nacht in Bethlehem. Stille am Himmel. Nur die Sterne gehen auf leisen Füßen ihren flim­mernden Gang. Stille auch auf Erden. Kein Lüft­chen regt sich, und die Palmen träumen.

Vor ihren Feuern sitzen Hirten, sprechen mitein­ander. Wovon? Von dem, was ihre Seele bewegt. Von alten Weissagungen aus der Väter Tage, aus die sie schon geharrt und die immer, immer noch nicht erfüllt sind.

Und über diesen Erzählungen werden sie traurig und verstummen. Stille ist es nun auch bei ihnen und ihren Hürden. Nur leise knistert das Feuer. Rur leise rauscht durch die Dattelbäume der nächtige Wind.

Da wird die Stille unterbrochen. Wie ein Singen und Klingen ist es in der Lust. Und die Nacht wird hell. Und die Sterne leuchten auf, sind wie ine gro­ßen Augen Gottes, die Verheißung hinabstrahlen auf die in Harren uni Sehnsucht gefangene Welt.

Und dann ist es, als höbe oben ein ganzes himmli­sches Orchester seine Weisen an. Und ein Gesang durchdringt die Stille, ein wunderbarer Gesang, an dem die Menschheit sich seit jenen Tagen nicht hat satt singen können, der heute in der stillen Nacht wieder erklingt, wo man Weihnachten feiert, ob in der Hei­mat od<r in weiter Ferne. Und er heißt:

„Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Er­den und den Menschen ein Wohlgefallen.

„Gott in der Höhe." Aber Weihnachten bringt ihn uns nahe. Weihnachten erfüllt die brennende Sehn- ücht: „Ach, daß Du Deinen Himmel zerriflest und ührest herab!"

Ja, es gibt eine Gotteserkenntnis und eine Gottes­nähe. Was teilt Verstand der Weisen, kein Wort der Gelchrten uns lehren kann, Weihnachten enthüllt es uns in einfacher, unmittelbarer Klarheit: Ter Un­nahbare naht, der Unsichtbare nimmt Gestalt, und Ehristus wird in Bethlehem geboren.

Er trägt die Liebe Gottes, die bis dahin nur sehn- üchtig empfunden, tastend geahnt wurde, in ihrer Wirklichkeit und Größe in die Welt hinein. Seine Geburt wird der Wendepunkt der Zeiten und der Brennpunkt allen Lichtes. Sie macht dem Dunkel der Vergangenheit ein Ende, durchflutet zugleich verhei- zungsvoll die Zukunft. Dem Suchen und Sehnen der Seele setzt sie das Ziel: sich selbst erleben und Gott in sich. Das heißt nichts anderes als Persön­lichkeit werden. Licht und lichtdurchströmte Persön­lichkeit. Die Gotteslindschaft liegt darin beschlossen.

Christus schenkt der Menschheit das neue Herz. Anstelle der sinnlich ästhetischen des antiken Menschen gibt er ihr di« Menschenliebe, den Sinn für höhere, reinere Werte und das Verlangen nach einer uber- innlichen Welt. Damit wird er der Begründer einer neuen Weltanschauung und Kultur

„Ehre sei Gott in der Höhe!" singt der Chor der himmlischen Heerscharen.

Ueber die Gründe, die den Abgeordneten Dr. Hertz zum Verzicht auf das Finanzministerium be­wegten, werden in der „Vossischen Zeitung" einige in- teresiante Einzelheiten gebracht. Es wird gesagt, daß Dr. Hertz zu denjenigen Abgeordneten gehört, die von Anfang an schwere Bedenken gegen das Steuersenkungsprogramm der jetzigen Re­gierung gehabt haben. Dr. Hertz habe seine Auffassung auch gegenüber Dr. Hilferding geltend gemacht, denn er ist der Anschauung, daß rein etatsmäßig Zweifel daran bestehen müsien, ob bei der augenblicklichen Finanzlage Mittel für eine wirklich durchgreisende Steuersenkung geschaffen werden könnten.

Durch die Ernennung Prof. Dr. Moldenhauers zum Reichsfinanzminister ist insolgedeffcn ein eigen­artiger Zustand geschaffen. Die Regierung und der neue Finanzminister erstreben nach wie vor die Steuersenkung (denn gerade dir Deutsche Bolkspartei ist ja am entschiedensten für die Durchführung des Steuersenkungsprogramms einge­treten. Die Sozialdemokratie, die bisher schon den Vorschlägen Dr. Hilferdings sehr widerwillig aus dem Wege des Regierungsprogrammes gefolgt ist, wird nun, wie die Abg. Dr. Hertz und Keil den Standpunkt annehmen, den Dr. Hertz bei der Ableh­nung des Finanzministerpostens geltend gemacht hat.

Das bedeutet natürlich eine Schwierigkeit für die Regierung, weil die Möglichkeit von Steuersenkungen ohnehin sehr gering geworden ist, und weil der ikuc Finanzminister zunächst daraus hinstreben mutz, jede „ ______ _______..

Möglichkeit einer Steuersenkung doch noch wahrzu- blicken, und, wohin wir sehen, ist es dunkel. Zu den nehmen. ES ist »»ter diesen Umstände« »och wahr- nationalen und sozialen gesellen sich die wirlschajlli- 1

DerneneFinanzministerhatsich nur sehr kurze Zeit im Wirtschaftsministerium betätigt, ba er Erst nach bem Tobe Dr. Stresemanns in die Reichs­regierung berufen würbe. Diese Zeit hat noch nicht ausgereicht, um fich ein Urteil über feine Tätigkeit innerhalb seines Restarts zu bilben, wohl aber hat man von ihm ganz allgemein burch seine Tätigkeit im Reichskabinett ben Eindruck gewonnen, daß es sich hier um eine noch völlig unverbrauchte politische Kraft handelt, um einen Mann mit guten Nerven und zeitweilig sogar mit gutem Humor, der sehr ziel- bewußt und mit klarem Blick an die vor ihm liegenden Aufgaben herangeht.

Außerdem ist es für ihn ein beachtlicher Vorteil, daß

Dr. Moldenhauer vielleicht als das einzige Mit­glied de» Reichskabinetts persönlich in guten Beziehungen zum ReichsbankprLfidenten Dr.

Schacht steht.

Dadurch ist eine bestere Zusammenarbeit der deutschen Delegation im Haag zweifellos gewährleistet.

Der neue Reichswirtschaftsminister Robert Schmidt ist bereits früher, nämlich in der Zeit von 1919—1922, wiederholt Mitglied des Reichskabinetts gewesen, und zwar als Wirtschaftsminister, Ernäh­rungsminister und Wiederaufbauminister. Seit 1922 hat er sich auf die parlamentarische Tätigkeit als Ab­geordneter beschränkt und gilt als ein Vertreter des gemäßigten Flügels der Sozialdemokraten. Er ist der bekannteste Vertrauensmann der So­zialdemokraten auf wirtschaftspoliti­schem Gebiet, und bei einer Besetzung des Wirt­schaftsministeriums durch diese Partei konnte die Wahl schwerlich auf einen anderen als Robert Schmidt fallen.

Neue Schwierigkeiten