Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
Srjöehtnn8ß»effet wööenffitS sechsmal aochuriSas«. tooeaaneBtSoreö: für de» Manat 2JO Jl Bet freier stelluag ins Hans, tx der GefchäftSftelle abgehokt 2.10 Durch Me Potz monailich 2jn Jl aasschlichlich Zu- e«5”M6ehu6s.rJ. 2" gälten non böberer «emogbe fteBt fctngitf»nu6 o*f "ieferttno Bet Zeitung oBer auf Rückzahlung des Bezugspreises. Berlag. Schnttlertuog und Druckerei: »ülutsche Strotze 10. — Televbon- sommtinummer 6800. Jurttztsche Svtechstu-de teüeu Dienstag von L Bis 7 Uhr. Sölnitche Strohe Nr. 1L
Hessische Abendzeitung .
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Hummer 296
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Dienstag, 17. Dezember 1929
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11> Jahrgang
Gowjetrußland ohne Weihnachtsfeiern
Lebhafte Anllweihnachis-propaganda / Sowjets verbieten das Fällen von Weihnachtsbaumen / Freie Bahn für das Sofortprogramm
Am 25. Dezember wirb gearbeitet!
(Eigener Drahtbericht.)
Reuyork, 17. Dezember,
3*t Moskau, Leningrad und vielen anderen Städten hat eine Antiweihnachts^Campagne eingesetzt. In Betrieben und Klubs weraen zahlreiche antireligiöse Borträge gehalten.
Die Belegschaften derjenigen Betriebe, die die ununterbrochene fünftägige Arbeitswoche noch nicht Angeführt haben, b/schloffen, am 25. Dezember ihrer Arbeit nachzugehen und ihren gefaulten Tageslohn au den Jndustrialisierungssonds abzuführen. Dem Wunsche der Arbeiterschaft entsprechend hat der Zentralrat der Sowjetgewerkschaften den Beschluß gefaßt. daß am 25. Dezember gearbeitet werden falle.
Der Atheistenverband entwickelt eine rege Tätig, keit. Auf seine Bitte hin veranstalten Theater, Klubs und Kinos an den Weihnachtslagen antireligiöse Aufführungen.
Das Präsidium der Moskauer Sowjets hat das Fällen und die Zufuhr von Tannenbäumen verboten und dir Ladenbesitzer aufgesordert, von dem Ber- lauf von Baumschmuck abzuschen.
schließend an die Konferenz der Finanzsachverständigen eine vorbereitende Konferenz der Finanzminister der fünf großen Eläubiger- mächte stattiinden wird.
Sa- goldene Prlelker-ZubilÄm -e- Papstes
Rom, 17. Dezember.
Gegen mittag empfing gestern der Papst das diplomatische Korps zur Entgegennahme der Glückwünsche zu seinem goldenen Priefterjubiläum. Die Audienz sand im päpstlichen Thronsaal statt.
Der Botschafter Brasiliens beim Heftigen Stuhl hielt eine Rede, auf die der Papst antwortete. Er wies daraus hm, daß er seine Stellung stets pe- nutzen werde, um den Frieden tm Reiche Christi unter allen Nationen zu fördern Nachdem der Papst seine Rede beendet hatte, defilierte das diplomatische Korps an ihm vorbei Den Missionschefs wurde eine Gedenkmedaille überreicht.
WäHig?
Nruyork, 17. Dezember.
Die französischen Transatlantikflieger C h a l l e und Larre-Bor es sind seit fünf Stunden überfällig. Seit gestern abend (die Meldungen lauteten zunächst anders! Die Red.) liegt ein Funkspruch nicht
vor.
Nach Meldungen aus Rio de Janeiro beginnt
man an dem Erfolg der Fahrt zu zweifeln und glaubt, daß den Fliegern ein Unfall zugestoßen ist, zumal die Wetterlage im dortigen Küstengebiet verhältnismäßig günstig ist.
Schachts neuer Vorstoß
Von unserer Berliner Schriftleitung.
Sa« Ende der „©fernen Division"
London, 17. Dezember.
„Times" meldet aus Sontow: Das „Eiserne Korps" des Rebellengeneral, Tschangfatkwai hat seine Angriffe auf Kanron eingestellt und tefmöct sich in vollem Rückzug in nordwestlicher Richtung Die mit '^m verbündeten Kw«nantrnvven ziehen sich ebenfalls zurück. Es heißt, Tschangfatkwai M verwundet Die Ri oder la-"* d-^ Et'eruen Korps" scheint eine große moralische Wirkung ge- hadi ru hgh-'-t
Nach einer Meldung aus Nanking soll Tschangfatkwai am 12. Dezbr. Selbstmord begangen haben, nachdem sein Versuch, die Stadt Kanton den Regterungs- truvven nt ?n#reit;i'Tt. miMrnaen war Wie fi* diese Widersprüche klären, bleibt abzuwarten. Falls sich die Todesmeldung bc^t'ot. so dürfte eine starke Einwirkung auf die Stimmung der anderen Aufständischen zu erwarten sein.
Kritische Stunden für Racdonald
London, 17. Dezember.
Heber die Frage, ob der konservative Antrag auf Verwerfung der Kohlenvorlage bei der Unterhausab- stimmung am Donnerstag angenommen werden wird, sind die Ansichten geteilt. Da die Liberalen zwar die Vorlage in ihrer jetzigen Form bekämpfen, aber mit verschiedenen Einzelheiten, wie z. B. der Verkürzung der Arbeitszeit, einverstanden sind, gilt es als zweifelhaft, ob sie einem Antrag zustimmen werden, der die ganze Vorlage in Bausch und Bogen verwirft.
„Times" meint: Die Liberalen befinden sich in einer schwierigen Lage, nur wenige Unterhausmitglieder glauben aber, daß sie in genügender Zahl erscheinen werden, um die Vorlage zu Fall zu bringen. Die Regierungsmehrheit dürfte sich am Donnerstag erheblich vermindern, aber eine Niederlage wird nicht erwartet, besonders, da man allgemein glaubt, daß der Premierminister sich in diesem Falle für berechtigt halten, würde, den Rücktritt der Regierung zu erklären.
London, 17. Dezember. Fm Zusammenhang mit ver Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehunaen zwischen Großbritannien und Sowjetruß- l a n d wurde in der gestrigen Unterhaussitzunq eine Reihe von Anträgen an den englischen Außenminister gestellt Von konservativer Seite wurde Henderson um Mitteilung darüber ersucht, ob der neue russische Botschafter sein Beglaubigungsschreiben bereits überreicht habe, oder wenn das nicht der Fall sei, um Angabe von Gründen für die Verzögerung.
Henderson erklärte, Siftolnikow habe ihm zwar einen halboffiziellen Besuch abgestattet, aber sein Beglaubigungsschreiben nicht überreicht. Er stellte es in Abrede, daß die Verzögerung daran liege, »aß noch nicht von allen Dominions die Zustimmung zur Wiederaufnahme der Bezieyunaen zwischen England und Rußland erteilt worden sei.
Die Gläubiger unser sich
Paris, 17. Dezember.
Die Konferenz der alliierten Finanzsachverständigen, die gestern begonnen hat, und die den Zweck ver- folAt, eine Einheitsfront der Eläubiger- mächte für die zweite Haager Konferenz herzustellen, wird voraussichtlich eine Woche lang dauern.
Die bisherigen Verhandlungen haben sich auf den Vertragsentwurf zwischen den Gläubiger-Regierungen und der B. I. Z. erstreckt, der die Vollmachten, Vorrechte usw. der B. I. Z. abgrenzen soll. Die Sachverständigen hätten die Ansicht vertreten, daß verschiedene Artikel des Vertrages eine Befragung der Sachverständigen des Poungplanes erforderlich machten, weshalb der französische und der belgische Sachverständige gebeten wurden, an den Beratungen teilzunehmen. Auch der Italiener Pirelli sei telegraphisch aufgefordert worden, nach Paris zu kommen, wo er am Donnerstag eintreffen wird.
Der „Figaro" hält es nicht für ausgeschlossen, daß zur Lösung der gegenwärtigen Schwierigkeiten an
Berlin, 17. Dezember.
Der Reichsbankpräsident Dr. Schacht hat gestern wieder einmal sehr nachdrücklich in die Finanzpolitik des Reiches und auch der Stadt Berlin eingegriffen.
Soweit das Reich in Betracht kommt, handelt es sich um die erforderliche Steuergarantie für die in Aussicht genommene amerikanische Anleihe von 400 Millionen Mark. Dem Reichsbankprästdenten genügte bekanntlich von Anfang an nicht das sogenannte „Sofort-Programm" als ausreichende Deckung, und nachdem er sich einige Tage desinteressiert gezeigt hatte, erhob er gestern abermals Einspruch insofern, daß ein Teil des Eesanft- programms noch in das Sofort-Programm eingezogen werden müßte, und zwar war dafür in erster Linie die Viersteuer in Aussicht genommen. Da jedoch die Biersteuererhöhung von den Sozialdemokraten ebensowenig wie von der Bayrischen Volkspartei gutgeheißen wird, so hätten sich daraus erhebliche koalitionspolitische Bedenken ergeben, und es bedurfte mehrfacher eingehender Besprechungen, um den Reichsbankpräsidenten von seinem Einspruch abzubringen.
Schacht bei Hindenburg
So fand z. V. am gestrigen Nachmittag eine Besprechung zwischen dem Reichspräsidenten von Hindenburg und Dr. Schacht statt, die dazu diente, die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Reichs- bankpräsidenten Dr. Schacht und dem Kabinett auszugleichen. Am Abend trat das Reichskabinett mit den Fraktionsführern der Regierungsparteien zusammen, und an dieser Besprechung nahm auch Dr. Schacht teil.
Zu einer amtlichen Mitteilung über diese Sitzung wurde lediglich erklärt, daß die Parteiführer dabei erneut ihren Willen bekräftigt hätten, das Sosort-Pro- gramm noch im Laufe dieser Woche durchzuführen. Diese vorsichtige amtliche Ausdrucksweise bedeutet natürlich nichts anderes, als daß das Sofort-Programm auch weiterhin lediglich aus dpn beiden bisherigen Teilen, nämlich der Erhöhung der Tabaksteuer und der Erhöhung der Beiträge für die Arbeitslosenversicherung, bestehen bleibt, daß also die Biersteuer nicht hinzugezogen werden soll. Es scheint, daß die Bedenken des Reichsbankpräsidenten im wesentlichen beseitigt werden konnte», aber die Regierungsparteien werden sich nun immerhin beeilen müssen, um nicht einen neuen dritten Einspruch des Reichsbankpräfiden- ten zu riskieren.
Einigung über bas Sofort-Programm
Ueber das ,,Sofort-Programm" ist gestern in mehr- stnndigen Beratungen im Reichstag vollständige Einigkeit erzielt worden. Bei der Tabakstencr-Erhöhung hat es sich vor allem um die Zigaretten-Kon- tingentierung gehandelt, über die lebhafte Meinungsverschiedenheiten bestanven.
In dieser Frage hat man sich dahin geeinigt, daß die Kontingentierung lediglich auf den 31. März 1931 beschränkt werden soll. Ebenso ist eine Befristung bei der Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung beschlossen worden und zwar auf dem Kompromißwege. Da die Reichsregierung die Befristung bis 31. März 1931 und die Deutsche Volkspartei die Befristung bis 31. März 1930 wünscht, ist man schließlich auf die Befristung zum 3 0. In«4 193 0 hinausgekommen.
Millionenvorschüsse für Berlin
Das Eingreifen des Reichsbankpräsidenten M. Schacht gegenüber der Stadt Berlin ist wesentlich nachhaltiger gewesen als gegenüber dem Reiche. In Berlin handelt es sich bekanntlich um einen sogenannten Ueberbruckungskredit, der 15 Millionen
Dollar, also 60 Millionen Mark, ausmachen sollte, und der für die Deckung dringender finanzieller Verpflichtungen dient, die die Stadt Berlin per Ultimo Dezember zu erledigen hat. Infolge des Einspruchs des Reichspankpräsidenten gegen diesen Kredit, hat gestern die Sitzung der Anleihe-Beratungsstelle überhaupt nicht mehr stattgefunden, und die Stadt Berlin hatte schon die Hoffnung aufgegeben, eine solche amerikanische Anleihe zu erhalten. Dagegen sind in den gestrigen Beratungen andere Wege beschritten worden.
Der preußische Staat, der ein Interesse daran Jjot. daß die Stadt Berlin nicht in die alleräußersten Schwierigkeiten gelangt, ist eingesprungen, und unter ver Führung der preußischen Seehandlung ist ein Konsortium aus Großbanken gebildet worden, welches der Stadt Berlin die entsprechende Summe in Höhe von50Millionen Mark v o r f ch i e ß t, damit sie ihre dringendsten Schulden bezahlen kann. Allerdings ist damit ein schwerer Eingriff in die städtische Finanzpolitik verbunden, denn Berlin hat sich verpflichten müssen, diese 50 Millionen in zehn Monaten zu tilgen. Weiterhin hat fie sich verpflichtet, sämtliche städtischen Tarife zu erhöhen.
So wird in Zukunft der Einheitsfahrschein auf den Berliner Straßenbahnen- Omnibus- u. Untergrundbahnen statt 20 25 Pfennig betragen. Der elektrische Tarif wird von 16 auf 20 Pfg. für die Kilowattstunde, der Waffertarif von 15 auf 20 Pfg. und der Gastarif von 16 auf 18 Pfennig erhöht. Wenn Berlin sich nicht bereit gefunden hätte, derartige einschneidende Maßnahmen zu treffen, so wäre, wie man sich amtlich vorsichtig ausdrückt, eine Regelung unter Ausschaltung der Selbstverwaltung notwendig geworden, d h. der Oberpräsident der Provinz Brandenburg hätte als Aufsichtsbehörde das Regiment der Stadt Berlin vollkommen in seine Hände nehmen müssen.
Beamte und Volksbegehren
Leipzig, 17. Dezember.
Dor dem Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich begann heute unter dem Vorsitz des Reichsgerichtspräsidenten Dr. B u m k e die Verhandlung in der Streitsache der Fraktion der Deutschnationalen Volkspartei des Preußischen Lat.dtages gegen das Land Preußen über die Frage, ob die Eintragung in die Listen für das Vottsgebehrcn und b; Teilnahme am Bolksent- scheid „Freihcitsgesetz" für die preußischen Beamten mit ihren Dienstpflichten vereinbar ist, und ob bange- mätz die Stellungnahme der preußischen Regierung in dieser Frage verfassungswidrig ist oder nicht.
Spur des Düsseldorfer Mrders?
Stuhlweißenburg, 17. Dezember.
„ .der hiesigen Stadthauptmannschaft erschien der 32jaim_ge Ingenieur Franz Anderkohl und gab an, daß er vor einigen Monaten in Düsseldorf die Bekanntschaft einer Dame machte, mit der er später in nähere Beziehungen trat. Eines Tages stellte er Narben und einige Stichwunden an ihrem Körper fest. Sie erzählte ihm, daß sie vor vier Fahren den Sohn eines reichen Düsseldorfer Fabrikanten geheiratet habe und von diesem durch Messerstiche verletzt worden sei. 5$r Mann sei vom Gericht deswegen zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden.
Der Ingenieur ettlärte. daß er zunächst dieser Erzählung der Dame keinen ©tauben geschenkt habe, daun erinnerte er sich jedoch daran, daß der erste Düsseldorfer Mord genau an jenem Tage vollbracht wurde, an dem der Gatte diefer Dame aus dem Gefängnis entlassen wurde, und daß der Gatte vielleicht mit dem Düsseldorfer Mörder identisch fei. Aus dem Patz des Ingenieurs geht hervor, datz er tatsächlich längere Zeit in Düsseldorf verbracht hat. Die Angaben wurden zu Protokoll genommen und sofort den Polizeibehörden in Düsseldorf und Berlin übermittelt
Die Zolldebatte
Kaum hat die Reichsregierung unter vielen Schwierigkeiten ihr politisches Vertrauensvotum er« halten, so wird der Reichstag bereits wieder von einigen Problemen beherrscht, die fast ebenso sehr wie das Finanzprogramm Anlaß zu starken Meinungsverschiedenheiten zwischen den Parteien, auch innerhalb der Koalition, geben. Die Worte Tabaksteuer, Zigarettenkontingentierung, Zollnovelle, Widerstand des Reichs- rates, gleitende Zölle usw. stehen im Mittelpunkt aller Erörterungen, und ntaft sieht voraus, daß die Tage bis Weihnachten, vielleicht sogar die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, von sehr schwierigen und umfangreichen Debatten angefüllt sein wird, in denen manche Streitpunkte verborgen liegen, die sogar neue Krisengefahren mit sich bringen können. Das wichtigste Stück des gegenwärtigen Arbeitsprogramms ist der Entwurf eines Gesetzes über Zolländerungen, der unbedingt bis Ende dieses Jahres erledigt sein muß, roetl am 31. Dezember die Zollnovelle vom 15. Juli 1927 außer Kraft tritt, und weil dann, wenn nicht rechtzeitig der neue Entwurf verabschiedet wird, die autonomen Zollsätze auf verschiedenen Gebieten in Kraft treten würden, was ZU erheblichen Störungen unserer Handelsbeziehungen führen müßte.
Bei den Vorberatungen über diese Novelle hat es sich vor allem um die Berücksichtigung der landwirtschaftlichen Interessen, zugleich aber um ausgleichende Maßnahmen gegenüber einigen Industriezweigen gehandelt. Es hat sich dabei ergeben, daß zwischen Reichsregierung und Reichsrat in mehreren wichtigen Punkten keine Ueber« einstimmung besteht und daß der Reichstag genötigt sein wird, einige Beschlüsse bei dieser Zollgesetzgebung mit Zweidrittelmehrheit zu fassen, während auch zwischen osn Parteien so viele Meinungsverschiedenheiten bestehen, daß vorläufig nicht abzusehen ist, wie man eine so breite Front zusammenbringen soll. Das gilt z. B. bei der wichtigen Frage der Einführung von gleitenden Zöllen bei einigen ®e« treidepositionen, aber auch die im Reichsrat be« schlossene Berücksichtigung eines besseren Industrieschutzes wird voraussichtlich Anlaß zu lebhaften Aus- einandersetzungen geben. Die Vorlage der Reichs- regierung bringt zunächst gleitende Zölle für Roggen, Weizen, Spelz, Gerste und Hafer. Weiterhin neue Zollsätze für Schlachtvieh und neue Bestimmungen über die Einfuhrscheine. Der gleitende Zoll bedeutet, daß mit sinkenden Eetreidepreisen der Zoll in einem bestimmten Verhältnis anfteigt, während bei einer Überschreitung bestimmter Eetreidepreise auf dem Markte eine automatische Zollsenkung eintritt. In der Begründung des Gesetzentwurfes wird darauf hingewiesen, daß der Preis für deutschen Weizen maßgebend durch die Weltmarktpreise beeinflußt wird, da Deutschland von seinem Eesamtbedarf von 5% Millionen Tonnen die knappe Hälfte aus iem Ausland beziehen muß. Am Weltmarkt besteht schon seit geraumer Zeit ein großes Hebetangebot an Weizen, welches die Preise herabdrückt. Daher muß Vorsorge getroffen werden, datz der Weizenpreis in Deutschland nicht einen so tiefen Stand erreicht, datz dadurch die Rentabilität des Anbaues gefährdet wird. Die Vorlage geht davon aus, datz die Rentabilität für den Weizenbau ausreichend gesichert ist, wenn der Preis zwischen 250 und 270 M. für die Tonne liegt. Deshalb sind Zollerhöhungen für den Fall einer Unter« schreitung des Preises von 250 M. und Zollermäßi« gungen für den Fall einer Heberschreitung des Preises von 270 M. vorgesehen, um damit im Interesse der Produzenten und Konsumenten eine Stabilisierung des Preises zu erreichen. Die Vorlage betont, datz beim Roggen die Lage noch schwieriger sei als beim Weizen, und daß deshalb beim Roggen erst recht eine derartige Stabilisierung des Preises (in diesem Falle zwischen 220 und 240 M.) angestrebt werden mutzte.
Soweit Jndustriezölle in Frage kommen, sieht eine Reihe Reichsratsbeschlüsse im Vordergrund, für die der Reichsrat in allen Fällen die Begründung gegeben hat, datz es sich um Industrien handle, die wegen ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage, insbesondere-auch wegen der Konkurrenz der Auslandsindustrien auf dem Jnlandsrnarkte dringend eines höheren Zollsatzes bedürfen. Die Reichsregierung betont in der Begründung ihrer Vorlage, daß sie die- fen Beschlüssen des Reichsrates nicht Beitreten könne. Soweit es sich um Erhöhung der Zölle handle, die bereits in Handelsverträgen festgelegt sind, könne die Kündigung dieser Handelsverträge nicht in Frage kommen, und soweit es sich um handelsvertraglich noch nicht herabgesetzte Zölle handle, sei zu beachten, datz diese Industriezweige gegenüber anderen Industrien schon bisher den Vorteil des unverminderten Zollschutzes genossen hätten, so daß eine weitere Heraufsetzung dieser Zollsätze nicht gerechtfertigt erscheine. Auch bemängelt die Reichsregierung, daß sich dann andere Industriezweige benachteiligt fühlen würden, weil das bisherige Verhältnis der Zollsätze unterem» ander mit derartigen einzelnen Aenderungen verschoben werden würde.
Ein besonders bemerkenswertes Kapitel aus den Vorberatungen dieser Zollnovelle hat sich im Reichswirtschaftsrat abgespielt, dessen Arbeitsausschuß für Zolltariffragen einen ausführlichen Bericht über den Regierungsentwurf vorgelegt hat. In diesem Bericht wird in grundsätzlicher Hinsicht betont, daß angesichts der Notlage der Landwirtschaft bei der Gesamtheit