Kasseler Neueste Nachrichten
Nummer 294
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Gonnabend/Gormtag, 14./15. Dezember 1929
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i" Jahrgang
Hessische Abendzeitung
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I
Das Kabinett Müller außer Gefahr
Entspannung in Ierlin / Die Araklionsführer verständigen sich über die Dertrauenssormel / Mehrheit im Plenum gesichert
Die rettende Vertravenssonnel
heutigen Nacht formulierten Dertrauensantrag für die Regierung ohne Debatt- vorbehaltlos zu.
Die Vertrauensformel, die, wie oben berichtet wurde, zunächst geheim gehalten wurde, lautet:
Von unserer
Berli», 14. Dezember.
Wenn nicht im Laufe des heutige» Tages ganz be- fondere lleberrafchungen und neue Hindernisse austreten, so kann man das K a b i a e t t M ii l l e r als nunmehr außer der Krisengefahr ansprechen. Das ist das Ergebnis der Rachtfitzung, die zwischen 11 »ad y$2 Uhr von den Kabinettsmitgliedern und de» Fraktionsführera gemeinsam abgehaltea wurde.
Zn den Abendstunden des gestrige» Tages hatte fich die Lage zunächst neuerdings zugespitzt, sodaß die Demisfion des gesamten Kabinetts nicht nur unvermeidlich erschien, sondern von einem Teile der Koali- tiou bereits energisch gefordert wurde. In der Rachtfitzung ist es dann aber gelungen — und zwar zum erstenmal i» dieser mehrtägigen Kette von Verhand- lungeu und Besprechungen — ein« gemeinsame Ber- traurnsformel zu schaffen, die von allen Berhand- lungsführern gutgehietzen wurde, und die nun heute vormittag de» Fraktionsparteien zur Stellungnahme vorgelegt wird.
Es kam« selbstverständlich passiere», daß die eine oder die vndere Fraktion diese Formel im Widerspruch gegen beit eigenen Führer ablehnt, aber das gilt nicht als sehr, wahrscheinlich, und wenn alle Fraktionen hinter die mitternächtliche Einigung ihrer Führer tre- teu, so wird der Schluß der Debatte und die Abstimmung im Plenum voraussichtlich glatt vonstatte» gehen.
Irrittattvaniräge
-er Regierungsparteien
Der Wortlaut dieser neuen Formel wird mit Rücksicht auf die noch ausstehende Stellungnahme der Fraktionen vorläufig geheim gehalten, aber man hört, daß diesa Formel nicht von den Parteifiihrern selbst, sondern von der Reichskanzlei ausgearbeitet und vorge- schhagen worden ist, und daß darin
das Vertrauensvotum in Verbindung sowohl mit dem gesamte» Finanzprogramm der Regierung, als auch mit dem sogenannten Sofort- Programm gebracht
Schriftleitung.
zu einer derartigen Vereinbarung gekommen, so hätte die Volkspariei heute vor eine besonders schwere Entscheidung gestellt werden müssen, nämlich, entweder einer Vertrauensformel zuzustimmen, gegen die sie grundsätzlich Widerspruch erhob, oder sich aus dem Kabinett zurückzuziehen. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß die Volkspartei auf die Gesamtdemis- ston des Kabinetts hindrängte, weil bei einer derartigen Lösung das einseitige Ausscheiden der Volkspartei aus der Regierung vermieden worden wäre.
Da gestern abend 3 Uhr beim Reichspräsidenten v. Hind'enburg ein Staatsdiner stattfand, an welchem sämtliche Reichsminister und sonstige prominente Persönlichkeiten und -Politiker teilnahmen, so mußten die Beratungen zunächst auf einige Zeit ausgesetzt werden, aber
angesichts des Ernstes der Lage wurde das Ka- binett für 11 Uhr abends noch einmal einberusen.
Es trat mit den Fraktionsführern der Regierungsparteien zu einer gemeinsamen Besprechung zusammen, aus der sich das oben erwähnte Resultat ergab.
Man nimmt daraufhin an, daß der heutige Tag voraussichtlich das Ende der Krise und die Annahme des Vertrauensvotums bringen wird.
Der Wortlaut der Iertrauenssormel
Das Zentrum stimmt zu.
SerVn,. 14. Dezember.
Die ZentrumKfrakttpn des'R-- »H., stinlmte am Sonnabend früh dem von Len »-Ecisichrern' in de:
Der Reichstag billigt die vorgestrige Erklärung der Reichsregierung und vettraut darauf, daß das Finanzreformprogramm der Regierung vorbehaltlich der endgültigen Gestaltung der Gesetze im einzelnen in Wahrung der von der Regierung bekannt gegebenen Grundzüge durchgeführt wird. Der Reichstag spricht der Regierung für ihre Gesamtpolitik das Vertrauen aus.
* * *
Auch die Demokraten nahmen die Vertrauensformel an. In den Fraktionen der Deutschen Volkspartei und der Sozialdemokraten entwickelte sich naturgemäß eine sehr lebhafte Aus- spräche, da beide Fraktionen große Schwierigkeiten haben angesichts der gestern abgegebenen gegensätzlichen Erklärung, diesen Mittelweg zu betreten.
Rach langwieriger Aussprache haben jedoch die Sozialdemokraten dieser Formel schließlich zugestimmt nachdem sie ursprünglich Bedenken dagegen erhoben hatten, die Worte „in Wahrung usw." zu akzeptieren, weil sie darin eine ziemlich starke Bindung a» das Gesamtprogramm erblicken. Aber auch dieses Beden- ken hat man schließlich überwunden uno der Fvrntel im oben mitgeteilten Wortlaut zugestimmt.
Auch bei der Deutschen Volkspartei ist die Mehrheit für die Zustimmung gesichert.
Inzwischen hat um 11 Uhr die Plenarsitzung be- gönnen, in der zunächst noch einige Redner in Fort, setzung der gestrigen Debatte zu Worte kommen. Dir Abstimmung wird in de» Mittagsstunden stattsinden. die zweifelsfrei eise Mehrhe-t^für dir vertrauens formet ergeben witv.
Die Gläubigemächte find geröstet!
lEigener Drahtbericht.)
Berliner
wird. Es muß nun noch festgestellt werden, wie in Kiefer Formel die Grenze zwischen der bloßen Billigungsformel und der festen Verpflichtung der Parteien auf das Finanzprogramm gezogen wird, da in dieser Hinsicht sich große Meinungsverschiedenheiten ergeben hatten. Ferner ist es noch wichtig,
sämtliche Regierungsparteien dazu zu bewege», die notwendigen Initiativanträge für die Einbringung der Tabaksteuer-Erhöhung und der Arbeits- losenverficherungsbeitragserhöhung zu stelle», weil diese beide» Gegenstände nicht erst den Weg einer Regierungsvorlage Lher de» Reichsrat mache» solle», sondern auf dem Wege des Bertraueus- antrags der Parteien »och in der kommende» Woche im Reichstag endgültig erledigt werden sollen.
Die Regierung legt begreiflicherweise Wert darauf, daß sämtliche Regierungsparteien sich an der Unterzeichnung dieser Initiativanträge beteiligen. Diese Frage macht noch einige Schwierigkeiten, aber im allgemeinen kann man gegenüber dem Stande von gestern abend eine erheblicheEntspannung feststellen, weil alle Fraktionsführer zugefagt haben, sich in den heutigen Fraktionssitzungen für die Annahme der neuen Einigungs-Formel einzufetzen.
* * *
Verhandlungen um Mitternacht
Die gestrigen Verhandlungen haben im übrigen wieder die alte Erfahrung bewiesen, daß derartige parlamentarische Krisen erst in allerletzter Stunde spruchreif werden. Man hat gestern verschiedene Versuche unternommen, zu einer Formel zu gelangen, aber alle derartigen Pläne sind gescheitert, weil man darauf hinausging, nur das „Sofort-Programm" in Verbindung mit dem Vertrauensvotum zu bringen.
Der entscheidende Moment des gestrigen Tages war die Abgabe der Erklärung der Regierungsparteien im Plenum des Reichstags. Dabei stellte es sich heraus, daß Zentrum, Demokraten und Deutsche Volkspartei für das Gesamtprogramm der Regierung eintraten, während die Bayerische Volkspartei und die Sozialdemokraten sich lediglich auf das „Sofott-Programm" einlassen wollten. Damit ist selbstverständlich keine tatsächliche Basis gegeben und angesichts der recht deutlichen Absage, die die Sozialdemokaten gegenüber dem Gesamtprogramm der Regierung aussprachen
hiell man es in volksparteilichen Kreisen bereits für selbstverständlich, daß das Kabinett nunmehr zurücktreten muffe.
In den Abendstunden wurden darum S o n d e r b e- sprechungen der Weimarer Parteien bekannt, die darauf hinausliefen, eine Vertrauensformel mit einem „Sofort-Programm" zu verknüpfen, ein Versuch, der selbstverständlich auf den lebhaftesten Widerstand der Volkspartei stieß, da diese das Sofort-Programm nicht als isolierten Gegenstand, sondern eben nur im Rahmen des Gesamtprogramms billigen wollte. Wäre eS
Pari», 14. Dezember.
Der „Petit Parifien" schreibt über die Lorberei- ttmgeu der zweite» Haager Konferenz, daß die französische» Finanzmänner von ihren Besprechungen i» London befriedigt zurnckgekehrt feie». Auch bet Eo». verneur bet Bank von Frankreich sei aus Rom mit bet Ueberzeugung zurückgekehrt, daß zwischen Frank- reich unb Italien volle llebereinstimmung bestehe. Ebenso optimistifche Stimmung herrscht über bie Besprechungen in Brüssel.
Am kommenben Montag würbe» nunmehr bie Sachverstänbige« bet ElLnbigermiichte in Paris zusammentreten, um bie während bet privaten Besprechungen getroffenen Vereinbarungen noch einmal zu prüfen unb ihnen einen amtliche» Charakter zu geben. Ma» könne behaupten, baß über den sogenannten finanziellen Teil bes Ssoungplanes vollkommene Einigung bet Auffassungen bestehe. Schwierigkeiten hierüber könnten nur »och von beütscher Seite gemacht werben.
Die Denkschrift Dr. Schachts habe in Kreisen bet Sachoetstänbigen lebhafte Entrüstung hervor- gerufe», unb es werbe wahrscheinlich ein diesbezüglicher Protest nach Berlin gesandt werde». Maa habe be» Eindruck, so betont bas Blatt, daß Dr. Schacht, dessen politische Meinung fich nach dem Tode Dr. Stresemauns geändert habe, nunmehr einen Rückzug unternehmen wolle. Eine derartige Haltung sei natürlich nicht dazu angetan, die kommenden Haager Verhandlungen zu erleichtern.
Avch ein Vesatzungszwischensall!
Bonn, 14. Dezember.
In Heidesheim ereignete sich in der vergangenen Nacht um die Mitternachtsstunde ein frecher Ueberfall aus eine Frau, die mit dem Auslöschen der Straßenlaternen beauftragt ist. Die wurde von zwei französischen Besatzungssolda- l e n ü be r f a l l e n. Verftveifelt setzte sich die Frau Zur Wehr und rief um Hilfe. Dadurch wurde ein Gaschausbesitzer auf den Vorgang aufmerksam, eilte hinzu und konnte gerade noch einen der Uebeltäter assen. Er lieferte ihn der Ortspolizei aus, von wo chn die französische Gendarmerie alcholte.
Der zweite Soldat konnte flüchten. Dem Vernehmen nach gehören die beiden Soldaten zu dem Fluq- ttatz Wackernheim.
Mer polnischem Präsidium
Das Programm für die Ratstagung.
Genf, 14. Dezember.
Die 58. Tagung des Völkerbundsrates die am 13. Januar beginnt, und deren Tagesordnung etzt vom Generalsekretariat verössentlicht wird, siebi als wichtigste Frage, die der Entscheidung des Rates unterliegt, den Beschluß über die Einberufung einer Regierungskonferenz zum Abfchluß deS europäischen Zollwaffenstillstandes vor. Das Wirtschafts- komitee des Völkerbundes, das ein Vorprojekt für eine
dieser Frage ausgear- ferm «ir Kn & £ ff'nberusung der Regierungskon- r !£■ Februar vor. Bis zum 31. Dezember. müssen bte Regierungen bekannt geben, ob sie an dieser Konferenz teilnehmen werden.
..\et Rat wird auch diesmal wieder die unga- fische Optantenftage, die ihn schon jahrelang beschäftigt, und eine Reche neuer ob er schlesisch er Mr n bet beit enbeschwerden vorfinden. R?ben mnt Verwaltungsfragen, darunter dies-
bie Berichterstattung über die Mandate Süd-West- unb Samoa, die ein besonderes Jn- ^rden hat der Rat verschiedene Kommissionen zu ernennen, darunter 11 Juristen für bc? Völkerbundes an den^elloggpakt iTbien toerberu 8 totrb tion bem Vertreter Polens Prä-
Werfall auf Aalivnalsozialisien
Berlin, 14. Dezember.
^ch ein« nationalsozialistischen Versammlung in Wilmersdorf wurden kurz »ach Mitternacht verschiedene Teilnehmer auf der Straße von Komm», nisten überfallen und angeschoffen. Es fielen etwa sechs Schüsse. Der 19-jährige Nationalsozialist W. Fischer aus Friedenau wurde mehrfach getroffen und so schwer verletzt, daß er sofort zusammenbrach und aus dem Transport nach dem Krankenhaus starb. Ein anderer Bersammlnngsteilnehmer, der der Pattei nicht angehört, wurde durch einen Prellschuß in den Rücken verletzt. Die Polizei nahm wei Kommunisten fest, die unter dem dringenden Verdacht stehen, die Schüsse abgezeoen zu haben.
5700 Deusschruffen in Deutschland
Berlin, 14. Dezember.
..,Wie der Reichskommissar für die Deutfchrussen- Hilfe mittettt, find jetzt alle Flüchtlinge, die eine Ausreiseerlaubnis vom Rat der Volkskommissare in Mos- mu erhalten haben, in Deutschland eingetroffen. Weitere Flüchtlinge lind nicht zu erwarten. Das Lagerlazarett Eydtkuhnen ist aufgelöst worden. Die Insassen wurden nach Hammerstein abttansportiert.
Im Ganzen befinden sich jetzt etwa 5700 Deutsch- russen in Deutschland, davon 323 Personen in Hamburg, c>4 Personen in Swinemünde, der Rest teils in Hammerstein, teils in Prenzlau. Am Sonnabend gebt abermals ein Transport von 500 Personen von Kammerstein nach Prenzlau. v
Inzwischen ist die ehemalige Unteroffiziersschule Molln in Holstein, die bisher leer stand, für die Aufnahme von Flüchtlingen eingerichtet worden. Da die schule Zentralheizung besttzt, ist die Unterbringung in Moll» bedeutend günstiger als in Hammerstein. Zu Beginn der kommenden Woche werden 900 bis 1000 Wrionen von Hammerstein nach Mölln verlegt. Ebenfalls nach Molln verlegt werden die im Auswandererlager der Hapag in Hamburg befindlichen 523 Personen. Es werden dann in Mölln etwa 1200 Perso- "en, tn Prenzlau 1500 und in Hammerstein 3000 untergebracht fein.
Weihnachiskn'se?
w. P. Mit fataler Pünktlichkeit stellte fich während einer Reihe von Jahren just um die Weihnachtszeit eine Kabinettskrise im Reiche ein. Das war 1924 so, als das zweite Kabinett des Zentrumskanzlers Marx dem Ansturm der Opposition und der eigenen Schwäche erlag, und dieses Weihnachts-„Festfpiel" wurde, obwohl ihm niemand applaudierte, 1925 und 1926 wiederholt. Man begann von der „üblichen" Weihnachtskrise zu sprechen, und in abergläubische» Gemütern ist diese Redensart bis auf den heutigen Tag haften geblieben. In den beide» letzten Jahren brauchte zwar die Meldung mit der Spitzmarke „Reichsminister gesucht" nicht in den Weihnachtsnummern der Zeitungen zu erscheinen, aber die Pessimisten konnten zur Rechtfertigung ihres Aberglaubens immerhin anführen, daß es vor allem im Vorjahre nur mit Mühe und Rot gelungen fei, das damalige Koalitionsgebäude vor dem Einsturz durch die Dezemberstürme zu bewahren.
Und wieder steht in diesen vorweihnachtlichen Tagen das Barometer auf Sturm! Noch vor kurzem wurde in den Blättern der verschiedenartigsten Einstellung die Erwartung ausgesprochen, daß das Reichsschifflein unter dem alten Kommando vom alten ins neue Jahr hinübersegeln werde. Aber kaum waren diese Hoffnungen Schwarz auf Weiß festgelegt worden, als sie auch schon durch die Entwicklung der Dinge Lügen gestraft wurden. Für den oberflächlichen Betrachter mag es scheinen, als ob die krisenhafte Lage, in die die Reichsregierung jetzt hineingeraten ist, durch den Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht, der fich bekanntlich in einem Memorandum gegen die „Verfälschung" des Poungplanes und gegen die Verschleppung der Reformmaßnahmen gewendet hatte, hero.'-fbeschworen sei. Aber gerade die Ausführungen, dir Reich : , tlefjuläfler -'N T^i-.re: Reichstag machte, haben den ursächlichen Zusammenhang dieser jüngsten Ereigniffe aufgedeckt.
Mit der Ehrlichkeit, die dem Kanzler immer wieder die Sympathien der Andersdenkenden einträgt, hat Hermann Müller unsere Finanzlage geschildert, und als Farben, mi* denen dieses Bild von ihm ausgemalt wurde, kamen nur Schwarz und Grau in Anwendung. Als die Reichsminister zu Beginn der Sitzung, in der die Regierungserklärung abgegeben wurde, ihre Plätze int Reichstag einnahmen und sich ostentativ die Hände schüttelten, soll es Spötter gegeben haben, von denen die Frage aufgeworfen wurde, ob dieses Händeschütteln die Einigkeit im Kabinett dokumentieren solle oder ob es ein Abschiednehmen gewesen sei. Aber zum Spotten und Witzereitzen war die Stunde zu ernst, und es wäre ein Zeichen von unbegreiflicher Verantwortungslosigkeit, wenn irgend jemand die Zahlen, die der Kanzler hernach nannte, mit einer — aus krassem Parteiegoismus geborenen — Schadenfreude angehört hätte. 1700 Millionen Mark wird am Ultimo Dezember das Kassendefizit des Rei- ches betragen, und selbst nach Ausnutzung aller Dek- kungsmöglichkeiten werden immer noch 330 Millionen ungedeckt sein. Das sind Zahlen, die eine erschütternde Sprache reden, und das sind Tatsachen, die den Vor- stoß des Reichsbankpräsidenten erst ins rechte Licht rücken. Sie beantworten eindeutig die Frage, warum Dr. Schacht so i" benaschend sein Memorandum veröffentlichte, und sie lassen es auch verständlich erscheinen, daß die Reichsregierung nach der Schachtschen Aktion so schnell mit ihren Reformplänen vor den Reichstag trat.
Man führt jetzt bewegliche Klage darüber, daß die Reichsregierung in die Abhängigkeit von Instanzen geraten sei, denen rechtsmäßig ein Einfluß auf die politische Führung nicht zustehe. Ganz abgesehen davon, daß das Vorgehen des Reichsbankprästdenten, wie wir mehrfach dargelegt haben, unserer Ansicht nach unter wesentlich anderen Gesichtspunkten zu bewachten ist, so bedeutet es doch auch eine Verschiebung der Schuldfrage, wenn man mit den angeblichen Diktaturgelüsten Dr. Schachts alles oder doch das meiste erklären will. Denn man übersieht, oder man will es nicht wahr haben, daß die gegenwärtige Situation auf die Energielosigkeit, mit der die Finanzreform-' fragen von der Regierung behandelt wurden, zurück- zufichren ist. Die Kassenschwierigkeiten sind nicht von gestern auf heute entstanden; sie waren seit langem vorauszusshen, und bei einiger Umsicht hätte es sich wohl einrichten lassen, daß das Material, mit dem dieses Loch verstopft werden soll, nicht erst wenige Minuten vor zwöls zusammengesucht und nun in aller Eile bearbeitet werden mutzte. Aber auch die Finanzpläne selbst, von denen das Sofortprogramm ja nur abgegliedert wurde, geben noch kein fertiges Bild, und es ist eine offene Frage, ob diese Vorschläge trotz der Rücksicht aus die noch bevorstehenden Haager Verhandlungen nick^ schon gründlicher hätten Haager Verhandlungen richt schon gründlicher den konnten.
Jedenfalls hat gerade die Trennung von Sofortprogramm und Finanzreform die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Koalition verschärft. Der eine Teil der Regierungsparteien war zwar bereit, das Sofortprogramm, die Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung und die Erhöhung der Tabaksteuer, anzunehmen, er wollte sich aber nicht schon jetzt