Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Nummer 293
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Freitag, 13. Dezember 1929
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io iahrgang
Krisentage allererster Ordnung
Sochbein'eb im Reichstag / Krise oder Kompromiß in der Zinanzresormsrage? / Sin neuer Vorstoß des Reichsbankpräsidenten
Wiesbaden, 13. Dezember.
Die letzten englischen Besatzungstruppen haben gestern Wiesbaden verlassen. Kestern vormittag verabschiedete sich der englische Oberkommandierende mit c*.?et..*>eu^^cn Ansprache von den staatlichen und städtischen Behsirden. Er schloß seine Ausführungen, indem er dem Wunsche nach allgemeinem Frieden und gegenseitigem Einvernehmen zwischen den beiden Völkern Ausdruck verlieh. In seiner Antwort schloh sich Regierungspräsident Ehrler dem Wunsche des Generals für die künftigen Beziehungen zwischen den beiden Völkern an.
Um 2 Uhr nachmittags erschien die britische Ehren- kompagnie vor dem Hotel Hohenzollern. Nachdem der englische Oberkommandierende mit seinem Stabe zum letztenmal iu Deutschland die Ehrenkompagnie abgeschritten hatte, wurde unter den Klängen der englischen Nationalhymne die Fahne eingeholt. Damit hatte die englische Besatzung ihr Ende erreicht.
Nachdem sich dann Georg Müller-Oering- Hausen in einem Vortrage mit dem Thema „Wirtschaft und Sozialpolitik" beschäftigt hatte, forderte
derungen einiges nachgelassen hat, aber immer noch auf dem Standpunkt stehl, das
Finanzprogramm müsse unverändert angenommen werden.
Berlin, 13. Dezember. Der Reichsminister des Innern hat dem Reichstag mitgeterlt, daß er beabsich-
Sodann machte Dr. Silverberg den Vorschlag die Jn- dustrieabgabe, statt sie in der Einnahmeseite be§ Etats verschwinden zu lassen, zur Finanzierung der Landwirtschaft in Höhe von 200 Mill. RM. für 5 Jahre bei Betriebsvermögen weiter zu erheben Für die Sicherstellung des Kapitalbedarfes des Reiches machte der Redner den Vorschlag, eine besondere Reichstreuhand- gesellschast zu schaffen.
Nachdem Geheimrat D u i s b e r g den Referenten seinen Dank ausgesprochen hatte, beschäftigte er sich mit einigen Forderungen der Referenten^ die von dem Programm des Retchsverbandes abwcichen. Dann begann die Aussprache, die mit der einstimmigen Annahme der Denkschrift des Reicks- Verbands abgeschlossen wurde.
Doch Einigung?
Berlin, 13. Dezember.
Kurz vor Redaktionsschluss wird uns aus Berlin gemeldet: In der Parteiführerbesprechung, die heute in ihre entscheidenden Beratungen eingetreten ist, nahmen fast alle Kabinettsmitglieder teil. Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, sollen die Verhandlungen einen günstigen Verlauf nehmen, sodass jetzt mit einer Einigung gerechnet wird.
Rach der Parteiführerbesprechung werden noch einmal die Fraktionen zusammen!::r: u die kett 10 Uhr sich dafür bereithalten. Es wird damit gerechnet, dass die Regierungsparteien eine gemeinsame Erklärung abgeben, jedoch dürfte der für 1 Uhr ange setzte Beginn der Plenarsitzung auf 3 Uhr verschoben werden.
Berlin, 13. Dezember.
Die Tagung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, die gestern (wie bereits in einem Teil unserer gestrigen Ausgabe berichtet wurde) in Berlin stattfand, wurde durch Geheimrat D u i s b e r g eröffnet. Der Redner führte u. a. aus: Seit der letzten Hauptversammlung in Düsseldorf sind die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht besser, eher schlechter qewor- den. Erst jetzt, wo das Haus der Wirtschaft schon anfängt zu brennen, wo überall sich schon Mutlosigkeit und Verdrossenheit in allen Teilen des Deutschen Reiches bemerkbar machen, jetzt kommt die Einsicht Hoffentlich ist es nun noch nickt zu spät! Noch halten wir eine Umkehr für aussichtsreich: noch lebt die Wirtschaft, wenn auch in allerschärfstem Kampf ums Dasein. Eine sofortige Reform der Wirtschafts- und Finanzpolitik muß erfolgen, unbekümmert darum, ob der Ioungplan angenommen wird oder nicht. Jetzt darf nicht mehr gelispelt, fetzt muß klar und deutlich unserem ganzen Volke verkündet werden: Die Wirtschaft ist am Ende ihrer Kraft!
I tige, da nunmehr sämtliche Gebiete des Westens, die I nach den bisherigen Vorschlägen als Ort des Reichs- ohrenmals in Frage kommen können, von fremder Besatzung frei sind, in Einklang mit dem in weiten Kreisen des Volks bestehenden Wünschen der Frage der Errichtung eines Reichsehrenmals weitere Folge zu geben.
Die österreichische Hauptstadt wurde am Donnerstag von einem heftigen Gewitter heimgesucht, das mit orkanartigem Sturm und Hagelschlag verbunden war. Im Anschluss daran fetzte wolkenbruchartiger Regen ein. Viele Passanten wurden durch herabstürzende Firmenschilder und Dachziegel mehr oder weniger schwer verletzt. Starke Bäume stürzte der Sturm um und warf sie über die Strassen, sovan Verkehrsstockungen eintraten.
Am Turm der Kaisei-Jubiläumskirche im Prater wurde die Tmmltir abgerissen und stürzte auf die Statze. Ein Stubern wurde dabei schwer verletzt. In Liesing ttug der Sturm das Dach einer chemischen Fabrik fort. Hierbei wurden zahlreiche Passomen zu Boden geworfen uns erlitten Arm und Beinbrüche.
Der Skandal bei der Berliner Brennstoffgesell- schaft. Der Fall des Stahwheringenieurs Möllerke, der vor zwei Tagen wegen Amtsunterscklagung und Urkundenfälschung in Hast genommen wurde, wird der Staatsanwaltschaft Veranlassung geben, sich nicht nur mit den Verschlungen dieses städtischen Beamten zu befassen, sondern darüber hinaus ftr die höchst sonderbaren Geschäftspraktiken der Berliner Br« n nfw f fgri'ellsckast, eines städtischen Unternehmens, hinein!»»leuchten. Aber auch ohne ein Eingreifen des Staatsanwaltes werden sich sie Gerichte mit den Vorgängen zu beschäftigen haben, va das Bezirksamt Berlin-Steglitz, wie die Soijtfdtc Zeitung erfährt, die Berliner Brennsioffgefellfchaft für den ihm entstandenen Schäden in Hohe von 47000 Mark regreßpflichtig machen Will.
Berlin, 13. Dezember.
Durch die gestrige Rede des Reichskanzlers (siehe Seite 2!), der dem Reichstag das Finanzprogramm »orlegte und zur Aussprache stellte, ist die politischparlamentarische Krise in ihr entscheidendes Stadium eingetreteo. Es kommt hinzu, daß auch der Reichs- Lankpräfident Schacht sich erneut eingeschaltet hat, sodaß neben der Sorge um die Vertrauenssrage und der Beseitigung der parlamentarischen Krise, auch die Ultimo-Sorgen wieder stark in den Vordergrund gerückt worden find.
Infolgedessen jagt im Reichstag eine Besprechung die andere. Das ging gestern von den frühen Vormittagsstunden bis in die Mitternachtsstunden hinein, und das wird sich heute genau so wiederholen, denn vor dem Abstimmungstermin am morgigen Sonnabend nachmittag wird zweifellos keine Klarheit geschaffen werden.
London, 13. Dezember. Die Blätter veröffentliche» eingehende Berichte aus Wiesbaden über das Ende der „britischen Wacht am Rhein".
„Daily Expreß" schreibt in einem Leitartikel, die Besetzung hätte schon längst ein Ende finden müsse», und wenn die britische Polstik nicht sowohl ihre Freiheit als auch Initiative verloren gehabt hätte, so wäre sie auch schon lange beendet worden. Grostbritan- »teil sei ebenso dankbar wie Deutschland, dass ein sinnloser, aufreizender Zustand jetzt zu Ende gegangen ist.
Dee Leitartikel des „D a i l y H e r a l d" ist überschriebe» „Rhein, lebe wohl!". Das Blatt schreibt: Die britischen Truppen rückten vor elf Zähren in Köln als Sieger ein — sie verließen Wiesbaden gestern als Freunde. „Daily Herald" beglü-ftysinscht Henderson zur Erreichung eines der Ziele, die er sich vornahm, als er sein Amt antrat und hält es sür ein gutes Zeichen, daß dieser Erfolg am Tage erzielt wurde, wo die Ankunft eines britische» Botschafters in Moskau und eines Sowjetbotschafters in London mit einem anderen Gebiet den Fortschritt der von Henderson »erfolgten Politik der Vernunft, des Friedens »nd der Freundschaft mit alle» Nationen darlege.
Unter französischem Oberbefehl
Wiesbaden, 13. Dezember.
Wie der Rsichskommiffar für die besetzten Gebiete mitteilt, ist gemäß Anordnung der Interalliierten Rheinlandkommission das- bisher von den Engländern besetzte Gebiet von gestern nachmittag ab unter französischen Oberbefehl gestellt worden.
Gewitter im Dezember
Wien, 13. Dezember.
KeichswirMastsministerOr.Moldenhauer der bann das Wort ergriff, führte u. a. aus: Das ganz grosse Problem des Tages sei die Finanzreform, und er danke dem Reichsverband, dass er sich ernstlich bemüht habe, zur Lösung dieses Problems beizutragen. Die Denkschrift des Reichsverbandes sei der Regierung ausserordentlich wertvoll gewesen. Das Programm, das die Reichsregierung vorgelegi habe, werde vielen unzulänglich erscheinen. Man möge aber den Versuch nicht mit Kritik zudecken, damit es nicht im Keime erstick! werde. Man müsse den Versuch machen, auf einer großen Linie sich zusammen zu finden, um ein Projek! durchzuführen, dass, wenn es auch den einzelnen Anschauungn nich! enispreche, so doch sich in der Tenbenz decke Es sei der ernste Wille der Reichsregierung, dieses Projek! in allen Puukien durchzuführen und sich nich! ettva auf das Sosori-Prograrnrn zu beschränken. Wenn er, der Rcichswirischaftminister, das GefW hätte, dass dem so sei, so würde er die Ver- aniworiung sür fein Amt keinen Moment weiter tragen.
Oer Appell der Wirtschaft (Eigener Drahtbericht.)
Oie Suche nach der Verirauensformel
Zunächst handelt es sich darum, daß die Regierungsparteien eine Vertrauensformel für die Zustimmung zum Finanzprogramm finden. Schon in dieser Hinsicht bestehen die größten Meinungsverschiedenheiten. Die Sozialdemokraten wollen lediglich das Finanzprogramm zur Kenntnis nehmen und daraufhin der Regierung ihr Vertrauen ausfprechen. Die Deutsche Volkspartei dagegen verlangt entsprechend dem Wunsche des Kanzlers, daß die Regierungsparteien sich auf alle Einzelheiten des Finanzprogramms in allen seinen 14 Punkten verpflichten. Diese Einstellung beruht darauf daß die Volkspartei die im „sogenannten Sofort-Programm" zusammengefaßten Leistungen als eine Arf Vorleistungen an- fieht,. die nur tragbar, erscheinen, wenn dann auch Garantien dafür gegeben sind, daß bei Durchführung des gesamten Finanzprogramms die geplanten Steuersenkungen verwirklicht werden. Zentrum und Demokraten versuchen, eine vermittelnde Haltung einzunehmen, aber man ist noch nicht zu einer Einigung gelangt.
Die letzte derartige Parteiführerbefprechung dehnte sich gestern abend bis in die zwölfte Stunde ans, da sich ergab, daß nicht nur die Sozialdemokraten starke Einwendungen gegen einzelne Teile des Finanzprogramms erheben (vor allem gegen den variablen Faktor und einige Konsumsteuern), sondern, daß vor allem auch die Bayrische Volkspartei in schärfster Form eine ablehnende Haltung begründet. Die Bayern wollen das sogenannte „Sofort-Programm" (Tabaksteuer und Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung) bewilligen, wollen aber im übrigen das Finanzprogramm ablehnen, weil darin die Biersteuer und Aenderungen des Finanzausgleichs enthalten find. Man hat gegen Mitternacht die Sitzung auf heute vormittag vertagt und wird weiter nach einer Vertrauensformel suchen, die die Durchführung des Finanzprogramms sicherstellt.
Rhein, leb' wohl!"
(Eigener Drahtbericht.)
Dann werde er seinerseits keine Schwierigkeiten machen, aber auch keine Verantwortung übernehmen.
Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Reichs regiernug und Dr. Schach! bestehen im wesentlichen darin, dass die Reichsregierung den Standpunkt ver tritt, die neuen Steuereinnahmen müssten zum Teil zur Sanierung der Finanzlage, zum anderen Teil aber zur Entlastung der Wirtschaft, durch Steuersen- kungen, dienen, während der Reichsbankpräsident alle diese Einnahmen für die Sanierung der Reichsfinan- zen verwenden möchte und von Steuersenkungen sei- nerseits nichts wissen will.
Es wird nun im Laufe des heutigen Tages notwendig sein, über die Annahme oder Ablehnung des Finanzprogramms zwischen den Regierungsparteien zu einer Einigung zu kommen. Die verschiedenen Fraktionen haben wiederholt getagt und werden heute noch mehreremale zusammenkommen, um zu dem jeweiligen Ergebnis der interfraktionellen Besprechungen Stellung zu nehmen. Klarheit ist noch nicht vorhanden und eine Einigungsbasis hierfür noch nich! abzusehen.
Wenn trotzdem die überwiegende Mehrheit des Reichstags mit einer Verständigung der Koalition rechnet — während eine Minderheit die Krise absolut sicher kommen steht, und sogar energisch den Rücktritt der Reichsregierung fordert — so beruht dies wenl- ger auf sachlichen Voraussetzungen, als vor allem auf den Kenntnis der Psyche dieses Palamentes, wo man schon so oft die Erfahrung gemacht hat, dass nach tage, langen, ergebnislosen Verhandlungen, zuletzt doch noch ein Kompromiss in irgendeiner Form gefunden wurde.
Man ist inzwischen ein wenig abergläubisch im Reichstag geworden. Heute ist Freitag und der drei- zehnte des Monats. Es ist also ein Krisentag aller- erster Ordnung, und im Reichstag herrscht die bange Frage, ob es heute zum Sturze der Regierung kom- men wird, oder aber, was man immer noch für wahrscheinlicher hält, ob man morgen kurz vor der Abstim. mung irgendein Kompromiß finde» wird.
Freitag, der dreizehnte
Von unferer Setlinet Schriftleitung.
Zuckerbrot für Frankreich
Henderson über die englisch-französischen Beziehungen.
London, 13. Dezember.
Der Staatssekretär der Aeutzeren Henderson, hielt heute abend bei einem Essen der United-Assozia- tion of Great Britain and France im Hydepark-Hotel eine bedeutsame Rede über die englisch-französischen Beziehungen Er erklärte u. a.:
Ob wir wollen oder nicht— wir bedeuten viel füreinander. Als ich vor einem Vierteljahrhundert zum erstenmal ins Unterhaus kam, gab es noch Leute, die der Ansicht waren, daß Frankreich der traditionell« Feind Großbritanniens sei und sein müsse. Seit jenen Tagen haben sich unsere Methoden geändert.
Die Welt ist vorwärts geschritten, und die Art bei internationalen Beziehungen ist entscheidend geänder, worden. Dieser heilsame Wechsel ist in großem Matze unterstützt worden durch die Einrichtung des Völ kerbundes. Wir sind Mitglieder einer organisier ten internationalen Gemeinschaft, die für gemeinsame Ziele gemeinsam handelt. Aber diese grundleaende Veränderung vermindert nicht den Wert ober die No« Wendigkeit der Freundschaft zwischen Großbritannien und Frankreich.
Wir stehen jetzt an der Schwelle neuer und schwerer Aufgaben. Mr müssen wieder das aus- »ehmen, das in der Vergangenheit die dornig: Frage der Abrüstung war. In sechs Woche» werden wir hier in London zur Hünfmächtekonft- reuq zufammentreten. Die nächste Völkerbunds- Versammlung wird, wie ich hoffe urtb glaube, in der Lage sein, eine allgemeine Abrüstungskonferenz ainzulberufen,, auf t>er einWeltabrüstungsvertrag endgültig entworfen werden wird. Die Fünfmächte- konfevenz ist nut ein Teil eines Verfahrens, das wir zu Ende führen müssen. Wir hoffen, daß alle Konferenzteilnehmer den Wunsck hegen, durch qegüseitiges Entgegenkommen das größte gemeinsame Maß der Flottenabrüstung, das erreicht werben kann, zu erzielen.
Henderson schloß seine Ausführungen mit herzlichen Worten der Anerkennung für Briand.
And wieder Schacht!
An diesem Puntte setzen die Schwierigkeiten mit dem Reichsbankpräfidenten Schacht ein, weil dieser in den gestrige» Besprechungen verlangt hat, dass der Reichstag das Finanzprogramm der Regierung, so wie es vorliegt, annehmen mutz. Der Reichsbankprä- fident ist in die Verhandlungen wieder eingeschaltet worden, weil es sich jetzt darum handelt, von dem amerikanischen Bankhause Dillon, Read u. Co. einen 400-Millionen-Sredit zu erhalten, um über die vom Kanzler gestern in aller Offenheit geschilderten geradezu erschreckenden Ultimoschwierigkei- te» hinwegzukommen.
Das amerikanische Bankhaus will der Reichsregie- rung jedoch diesen Kredit nur geben, wenn der Reichsbankpräsident ihn befürwortet. Dr. Schacht sagi jedoch, daß er eine solche Verpflichtung nur übernehmen könne, wenn er seinerseits die Garantie habe, daß die Steuereinnahmen des Reichs in nächster Zeit wirklich in nennenswertem Maße gesteigert werden würden, sodaß dann auch von einer tatsächlichen Sanierung der Finanz- und Kassenlage gesprochen werden könne.
Das „Sofort-Programm" genügt dem Reichs- bankpräsidenten nicht,
denn die Erhöhung der Beiträge in der Arbeitslosenversicherung erkennt er überhaupt nicht als eine Einnahme des Reiches an und die Tabaksteuer, die dann noch übrig bleibe, werde nach den Berechnungen der Tabakindusttie nicht 220 Millionen, wie das Finanzministerium sagt, sondern nur 156 Millionen bringen, während Dr. Schacht eine Sieuergarantie von ungefähr 500 Millionen für erforderlich hält.
Im Laufe des gestrigen Abends haben mehrstündige Beratungen des Kanzlers und des Reichswirtschaftsministers mit Dr. Schacht stattgefunden, mit vem Ergebnis, daß Dr Schacht von seinen ursprünglich weitergehenden For
Direttvr Paul Silverberg-Köln in seinem Referat „Steuer- und Finanzpolitik" Förderung der privaten Kapitalbildung durch sparsamste Ausgabenwirtschaft der öffentlichen Hand, Steuerum- legung nach volkswirtschaftlichen und finanzpolitischen Gesichtspunkten. Für Reich, Länder, Kommunen usw. sei eine Verminderung der Ausgaben um 5 Prozem zr fordern, die eine Ersparnis von 800 Millionen 3t> Mark im Jahre ausmacht.
Angesichts der Ueberspannung der direkten Steuer forderte der Vortragende sodann eine weit stärkere Heranziehung des Konsums entbehrlicher Genuß- mittel. Anstelle des bisherigen Systems der Einkom- mensteuer-Anteilüberweisung sollten die Länder und Gemeinden begrenzte Zuschläge zur Reichseinkommensteuer erheben. Die Landwirtschast sei durch Ermäßigung der Grundsteuer, das Gewerbe durch Herabsetzung oder Beseitigung der Realsteuern auf eine Lohnsummensteuer in begrenztem Umfange zu entlasten. Eine eigene kommunale Finanzwirtschaft unter ausschließlicher Verantwortung der Kommunen sei notwendig, weil die Beaufsichtigung durch dic Länder versagt habe Schließlich forderte der Redner die Beseittgung der Lohnsteuer und die Erhebung der Personalsteuern auch bei den kleinen Zenstten.
Zur Kontrolle der öffentlichen Finanzwirtschaft sei eine besondere Abteilung beim Reichsfinanz.
Ministerium zu schassen.