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Kasseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Hummer 291

Mittwoch, 11. Dezember 1929

19. Zahrgang

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Kasseler Abendzeitung

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Frankreich muß wachsam sein!"

Sie deutfch-franzöMen Seziehmgen in pariser Beleuchtung / Aufrechterhaltung der Entwaffnung SeuWands notwendig"

Vorbehalte zur Saarkonserenz

bei dem der amerikanische Botschafter Shurman eine Rede hielt, in der er u. a. ausführte: Wie erfolg­reich die Bemühungen der Handelskammer gewesen seien, gehe schon aus der Tatsache hervor, daß die ame-

(Eigene Drahtmeldung.)

rikanische Ausfuhr nach Deutschland, die im Jahre

Paris, 11. Dezember.

Der in der Kammer verteilte Bericht des radikalen Abgeordneten Paganon über den Etat des Mini­steriums des Auswärtigen beginnt mit einer Schilde­rung der deutsch-französischen Beziehungen. Es heißt darin:

Bei den verschiedensten wichtigen Gelegenherten hat Frankreich endgültig seinen weitgehenden Geist der Aussöhnung bewiesen. Der Tod Strese- manns sei ein wirklicher Verlust für die von der französischen und der deutschen Regierung verfolgte Politik der Annäherung und für die Friedenspolitik ton allgemeinen. Aber es ist zu hoffen, daß das Hm- scheiden lüeses großen deutschen Staatsmannes keme einschneidende Äenderung in der Haltung Deutsch­lands herbeiführen wird. Die Zustimmung Deutsch­lands zum Houngplan hat die vorzeitige Räumung »es Rheinlandes mit sich gebracht.

Der Teilerfolg der deutschen Natio- Ulisten bei der Volksbefragung sei zu auern.. Dieses Ergebnis könne, wenn die Reichs- »egierung sich nicht energisch zeige, ein neues Hinder- «is für die Einigung der Parteien werden.

Die Hilfe, die den Deutschen zuteil wurde, der Schüleratlstausch, die Engerknüpfung der Wiflenschast- lichen, künstlerischen und literarischen Bezichungen seien sichtbare Zeichen einer deutsch-franzonichen An­näherung. Aber die verantwortlichen Führer der deutschen Politik müßten die Vertragstexte loyal aus­lögen.

Frankreich und seine Alliierten müßten wachsam sein. Die Aufrechterhaltung der Entwaffnung ! Deutschlands auf dem durch den Versailler Der- trag festgesetzten Stand bleibe die grundlegende 4 Vorbedingung für die Entwicklung des Werkes x des Völkerbundes.

Was die Saarfrage anbetrifft, so würden die Verhandlungen die politischen Rechte der Saarbevölkerung unangetastet kaffen. Unter diesem Vorbehalt bezwecken die Besprechungen, die Möglichkeit zu unterstreichen, das Saargebiet auf dem Gebiete der Bergwerke, der Metallindustrie | und des Zollwesens einem endgültigen Statut an- | zupassen, das die Verknüpfung der französischen 1 und der saarländischen Interessen berücksichtige und weit über das Jahr 1935 hinausgehe.

Der Grundsatz dieser Verhandlungen müsse der einer deutsch-französischen Zusammenarbeit sein. Frankreich müsse bei den Verhandlungen auch über die französischen Interessen im Saargebiet wachen und tat Falle einer Rückkehr des Saargebiets zu Deutsch­land die notwendigen Garantien verlangen, damit diese Interessen nicht geschädigt werden.

Auf den Bericht des Abgeordneten Paganon wird ebenso wie aus die weiter unten veröffentlichten Er­gebnisse der Kammersitzung noch ausführlicher einge­gangen werden müssen. Im Augenblick sei nur das eine gesagt: Wenn der radikale Abgeordnete von den Vorbedingungen für die Entwicklung des Völkerbun­des spricht, bann hätte er vor allem nicht vergessen dürfen, daß der Genfer Bund ein Zusammenschluß von gleichberechtig ten Staaten sein soll. So­lange aber die Abrüstungsfrage mit der bisherigen Lässigkeit behandelt wird und dem entwaffneten Deutschland eine Reihe von stark ausgerüsteten Staaten gegenübersteht, kann von einer solchen Gleichberechti­gung keine Rede fein. Eine ehrliche Durchführung der allgemeinen Abrüstung scheint uns jedenfalls eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfreuliche Entwicklung des Völkerbundes zu sein!

Verdächtigungen gegen Deutschland

Paris, 11. Dezember.

Der Berichterstatter für das Kriegsbudget, Abg. Bouilloux-Lasont von bet radikalen Linken, also der Fraktion Loncheur, hat seinem Bericht über das Heeresbudget einen Sonderbericht über den chemi­schen Krieg beigefügt. Er behauptet u. «., das deutsche Oberkommando scheine dem chemischen Krieg ein ganz besonderes Interesse entgegeuzubringen, was sogar bis zu gewissen Ausführungsmagnahmeu geht; anderer­seits fabriziere und verkaufe die deutsche Industrie, die in Verbindung mit dem Heere arbeitet, chemische gif­tige Erzeugnisse und Materialien, die für den chemi­schen Krieg bestimmt find. Es handele sich offenbar nicht um eine Fabrikation in großem Ausmaße, aber immerhin sei sie so, wie sie betrieben wird, ein un­widerleglicher Beweis für die Tätigkeit der Labora- torieu und der geistigen Einstellung der zivilen und militärischen Chemiker und Ingenieure.

Der Berichterstatter suchte bann im einzelnen unter Hinweis auf das Budget der Reichswehr und Uebun- gen der Reichswehr mitNebelzügen" das Interesse der Reichswehr für die praktische Verwertung der chemischen Forschungen darzu un. Er behauptet, daß auch die industrielle Tätigkeit in Hinblick auf den chemischen Krieg offenkundig fei. Besonders kamen hierbei die beiden deutschen Fabriken Minimax-Ber- lin und Stolzenberg-Hamburg in Frage.

Zu diesen Ausführungen des Berichterstatters er- fahren wir von unterrichteter Seite, daß irgend­welche Vorbereitungen für den chemischen Krieg in Deutschland nicht bestehen. Tie von Bouilloux-Lafont angeführte Verwendung von künst­lichem Nebel ist nach dem Versailler Vertrag nicht ver­boten. Nebelzüge bestehen bei der Reichswehr organt- satorisch überhaupt nicht, sie werden nur für beson­dere Versuche zusammengestellt. Auch dies verstößt nicht gegen den Versailler Vertrag. Der bei diesen Versuchen verwendete Nebelstoff ist wiederholt in

aller Oeffentlichkeit ausprobiert worden und als völ­lig harmlos nachgewiesen.

Zu den Behauptungen über Beziehungen deS Reichswehrministers mit chemischen Fabriken hören wir weiter, daß keine Verbindung zwischen der Firma Stolzenberg und der Reichswehr besteht. Die Firma Stolzenberg hat in Deutschland überhaupt keine Fa- brik. Mit der Firma Minimax steht das Reichswehr- Ministerium nur insofern in Verbindung, als es von ihr Feuerlöschapparate und Nebelgeräte bezogen hat.

Deutsch-amerikanische Zusammenarbeit

Eine Rede des amerikanischen Botschafters.

Berlin, 11. Dezember.

Gestern abend fand hier das Jahresbankett der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland statt,

1913 etwa 304 Dollar betrug, int Jahre 1928 die Summe von 467 Millionen Dollar erreichte. Auch die deutsche Ausfuhr nach den Bereinigten Staaten nehme von Jahr zu Jahr zu. Die Tätigkeit der Kammer komme etwa zur Hälfte dem deutschen Handel zugute. Je enger Deutsche und Amerikaner auf allen Gebieten Zusammenarbeiten, desto vorteilhafter werde dies für die beiden Böller sein und befto eher würden Reibun­gen und Mißverständnisse vermieden werden.

Im weiteren Verlaufe seiner Rede kam der Bot­schafter auf seine Tätigkeit in Deutschland zu sprechen und widmete dem verstorbenen Reichsaußenminister Dr. Stresemann herzliche Worte des Gedenkens. Er schilderte weiter den wirtschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands im Lause der letzten 4% Jahre und be­kannte sich zu dem unerschütterlichen Glauben an die große Zukunft des deutschen Volkes.

Hilferbings Kaffensorgen

Von unserer Berliner Schriftleitung.

Berlin, 11. Dezember.

Zwischen dem Reichskabinett und den Fraktionen des Reichstags hängt gegenwärtig das große neue Finanzprogramm in der Luft, und niemand weiß, was aus ihm wird. Der Wunsch der Regierung, daß der Reichstag im Rahmen eines Vertrauensvotums sich aus das neue Finanzprogramm verpflichten möge, wird aller Voraussicht nach nicht in Erfüllung gehen, und andererseits hat das Reichskabinett deutlich er­kennen lassen, daß es bei der Verweigerung eines sol­chen Vertrauensvotums nicht in der Lage fein wird, fein Amt weiter zu behalten, womit dann die Krife zum offenen Ausbruch kommen würde. Es wird also notwendig fein, ein Kompromiß zu finden, bei wel­chem die Regierung zunächst ein politisches Vei- trauensvotumfürdie Zeit der Haager Verhand- lungen bekommt. Und weiterhin werden die Par­teien wenigstens die wichtigsten Teile des Finanzpro- gramms sofort gutheißen müssen, damit ohne Verzug Maßnahmen in die Wege geleitet werden können, durch die Geld in die Reichslasse kommt.

Oer drohende Ultimo

Diese Voraussetzung ist vor allem deshalb wichtig, weil die augenblickliche Finanzknappheit dem Reichs­finanzminister vor allem schwere Sorgen für den Ul­timo Dezember bereitet. Tatsächlich ist der Finanz­minister darauf angewiesen, noch im Lause des De­zember Kredite aufzunehmen, um seine Verpflichtun­gen per Ultimo vollständig zu erfüllen.

DerDemokratische Zeitungsbienst' hat bereits barauf hingewiesen, oaß bei einer Kabinettskrise eine ordnungsmäßige Weiterzahlung bei Deamwngehälter vielleicht nicht gewährleistet werben könne. Wenn nun aber Dr Hilfevdina Kredite haben will, so ist er bä­het vom Reichsbantprästdenten Schacht unb von aus- länbischen Geldgebern abhängig, was bedeutet, baß er bie erforderliche Geneigtheit zur Kreditgewährung nur findet, wenn es ihm gelingt, in allernächster Wit im Reichstag wenigstens die wichtigsten Ftnanzrezor- men burchzusetzeu unb neue Einnahmequellen ptr bas Reich zu erschließen, die den Kreditgebern bte Gewiß­heit verschaffen, baß bas Reich tatsächlich kreblt- sähig ist.

Dieser Gesichtspunkt wird voraussichtlich auch tn den weiteren Sera.ungen der Fraktionen eine her­vorragende Rolle spielen. Die bisherigen Berat um gen im Kreise der Regierungsparteien haben noch keine Hofsnnng eröffnet, baß eine Einigkeit Zustandekommen wirb. Wir haben gestern früh den pefstmistifchen Auffassung Ausbruck gegeben, baß bie Regierung wahrscheinlich nicht mit einem in die Einzelheiten gehenden Programm bie Zustimmung bes Reichstags finden werbe. Im Lause des Tages hat sich gestern diese Meinung vorübergehend gewan­delt, da bie Regierung tatsächlich mit einem in allen Einzelheiten ausgearbeiteten Programm (stehe Seite 2!) herauskam.

Msorm-programm und Regierungsparteien

Jrn Laufe des Abenbs änderte sich jedoch die vor­übergehend zuversichtliche Stimmung wieder in den alten Pessimismus, als sich nämlich herausstellte, daß bei den Parteien keine Neigung vorhanden war, die­ses Programm in allen seinen Einzelheiten anzuneh­men. Tie Sozialdemokraten erhoben starken Widerspruch gegen bie Kopssteuer und vor allem gegen den Plan, den Reichstag aus ein auf fünf Jahre berechnetes Reform-Programm hinaus schon jetzt fest- zulegcn. Sie wollen sich ferner bte Freiheit Vorbehal­ten, von Fall zu Fall ihre eigenen Interessen mit der Gesetzgebung zu vertreten. Denn

das 14 Punkte umfassende Reformprogramm würde zu feiner Durchführung rund 17 ver­schiedene Gesetzentwürfe erforderlich machen unb betVorwärts" hebt nicht ganz ohne Recht her­vor, daß man bett Reichstag schwerlich auf 17 solcher Entwürfe im voraus verpflichten kann, bie man in ihren Einzelheiten noch gar nicht kenne.

Aehnliche Bedenken bestehen bei den bürgerlichen Parteien, wo z. V. in der D e u t s ch e n Volks­partei erklärt wirb, baß man die Erhöhung der Bei­träge in der Arbeitslosenversicherung um S Prozent, gegen bie sich bie Deutsche Bolkspartei monatelang ge­

wehrt hat, zwar annehmen würbe, aber nur, wenn es im Rahmen des Eesamtprograinms geschieht, bagegen nicht, wenn z. B. bie Kopfsteuer auf Anfang nächsten Jahres vertagt werden soll. Dann würde bie Volks­partei auch bie Vertagung der Beitragserhöhung zur Arbeitslosenversicherung verlangen.

Die Demokraten haben ebenfalls eine Reihe verschiebener Wünsche, so z. B. eine schärfere Fassung bes Absatzes über bie Kopfsteuer. Die jetzige Fassung bes Absatzes läßt allerhand Möglichkeiten offen. Hier wünschen alle Parteien eine präzisere Fassung. Eine

glatte Absage liegt Bereits von der Bayrischen Bolkspartei vor,

bie mit der Erhöhung ber Viersteuer unb mit ben ge­planten Aenderungen im Finanzausgleich zwischen Reich unb Ländern natürlich nicht einverstanden ist.

Unter diesen Umständen ist es fraglich, ob bie Ab­sicht, bereits am morgigen Donnerstag eine Regie­rungserklärung vom Reichskanzler im Reichs­tag abgeben zu lassen, burchgeführt werben kann. Man wirb vielmehr ben ganzen heutigen Tag für weitere Fraktionsfitzungen unb interfraktionelle Besprechungen ber Parteiführer gebrauchen, und möglicherweise wirb bie Regierungserklärung auf ben Freitag verscho­ben werben müssen.

Bor allem aber kommt es jetzt darauf an, ein po­litisches Kompromiß zu finden, weil die Fol­gen einer Krise im Augenblick allzu gefahrdrohend find. Man muß in diesem Zusammenhang daran er­innern, daß die schwebende Schuld des Reiches per Ultimo Dezember sich auf rund 1850 Millionen be­läuft, wovon 200 Millionen vollkommen ungedeckt find. Dieser ungedeckte Betrag würde sich im Januar und Februar wegen der notwendigen Zuschüsse an die Ar­beitslosenversicherung aus rund 600 Millionen erhöhen, zu deren Deckung noch nicht einmal die Schweden­anleihe ausreichen würde.

Die deutschnationale Sezession

Berlin, 11. Dezember.

DieBörsenzeitung" meldet: Wie uns von gut­unterrichteter Seite mitgeteilt wird, haben den seiner­zeit von der deutschnationalen Parteileitung gegen die ausgeschiedenen zwölf Abgeordneten erlassenen Ausruf 13 Landesoerbandsvorsitzende der Partei nicht unterzeichnet. Sechs Landesverbände haben sich an der Erklärung überhaupt nicht beteiligt, und zwar die Landesverbände Anhalt, Rendsburg, Düsseldorf- Ost, Mecklenburg-Strelitz, Sachsen-Süd und Sachsen- West.

Gegen die deutschnationale Landtagsabgeordnete Frau lllbrich ist vom Landesverband Berlin bet Deutschnationalen Bolkspartei ein Ausschlußverfahreu eingeleitet worden, weil sie sich in der Sitzung des Parieioorstandes bei der Beschlußfassung über den Antrag eines Ausschlußverfahrens gegen die Abgeord­neten Hartwig, Hülset unb Lambach der Stimme ent­halten hat.

Der Reichstagsabg. Behrens, bet vor einigen Tagen gemeinsam mit bem Abg. Mumm aus bet beutschnationalen Reichstagsfraktion ausgeschieden war, teilt ber .Deutschen Tageszeitung" zufolge mit, baß er jetzt auch seinen Austritt aus bet deutschnatio­nalen Bolkspartei erklärt hat.

Ferner wird aus Düsseldorf gemeldet: Der Parteioorsiand der Deutschnationalen Bolkspartei des Landesverbandes Düsseldorf-Ost beschädigte sich mit den Austritten aus der Frattion und Partei und er­klärte, er stehe fest zu den Abgeordneten seines Wahl­kreises. Die beiden Abgeordneten, denen der Partei­vorstand fein Vertrauen aussprach, find Minister a. D. Dr. K o ch unb Dr. R e i ch e r t, bie aus ber Fraktion anstraten.

In einer Sitzung ber Landesvertretung Hessen- Nassau bei Deutschnationalen Volkspartei, bie in Kassel stattfanb, bebauerte unb mißbilligte bie Lan- besnertretung bei Meldung eines hiesigen Blattes zufolge ben Austiitt bes Abg. von Lindeinei- SBilbau aus bei beutschnationalen Fraktion unb sprach bie Erwartung aus, baß Herr von Lindeiner bie Fraktionsgemeinschaft wiederherstellen ober sein Man­dat nieberlegen werbe.

Hilgenberg und Schachs

Von unserer Berliner Schriftleitung.

Die nachfolgenden Ausführungen unserer Berliner Schrntleiiung scheinen uns geeignet zu sein, unseren Lesern eine klare Uebersicht über die jüngsten voliti- schen Ereignisse, die mit den Namen der in der Ueberschrift genannten beiden Männer verknüpft sind, zu geben. s?te sind bestimmt von dem Willen zur Objektivität' der für unsere politische Haltung stets massgebend ist.

Eine Anzahl Blätter bei Linken bei weitem nicht alle hat ben Versuch gemacht, bie Reichsregie­rung gegen ben höchst unbequemen, aber sachlich leibet sehr gerechtfertigten Vorstoß bes Reichsbankpräfidenten Dr. Schacht badurch zu unterstützen, baß sie bie Be­hauptung aufstellten, Dr. Schacht bewege sich bei seinem Angriff auf einer ähnlichen Linie wie Ge­heimrat Hugenberg. Ein solcher Vergleich kann lebig« lich dadurch angeregt worben sein, daß die Aktion bes Reichsbankprästbenten zeitlich ungefähr mit ben Aus­einandersetzungen in der deutschnationalen Partei zu­sammenfällt, aber irgendwelche tieferen Vergleichs­momente, oder innere Hebereinjtimmungen zwischen der Politik Di. Schachts und Dr. Hugenbergs dürften sich schwerlich nachweisen lassen. Wie sehr eine solche Nebeneinanderstellung in die Irre geht, ergibt sich am einfachsten aus dem Vergleich der politischen Ziele dieser beiden Männer und aus der Kritik, die in so weitgehendem Maße an ihnen geübt wirb.

Die Politik bes beutschnationalen Parteivorsitzenben ist zur Zeit vollkommen in ben Dienst bes Kampfes gegen ben SJoungpIan gestellt. Das ist also zunächst ein rein negatives Ziel. Hugen­bergs positive Ziele sinb außenpolitisch von der Mei­nung getragen, daß die Auseinandersetzung Deutsch­lands mit seinen Reparationsgläubigern auf ganz neuen Wegen gesucht werden müsse, zu deren Beschrei­tung er jedoch die gesamte deutsche Linke für vollkom­men unfähig hält. Er strebt daher eine Sammlung der Rechten an, um in einer künftigen Epoche auf dieser Basis eine ganz neue, in ihren Einzelheiten noch nicht klar erkennbare Außenpolitik zu treiben. Innenpolitisch geht Hugenberg bekanntlich von der Gegnerschaft gegen die Marxisten aus. Sein Ziel ist hier eine Organisierung der Arbeitnehmerschaft auf berufsständischer Grundlage. Nicht übersehen werden darf aber etwas anderes: Die politischen Methoden, nach denen Hugenberg seine Ziele anstrebt, kennzeich­nen sich durch eine Starrheit, die, praktisch gesehen, vollkommen ins Negative führt.

Hierin liegt auch der hauptsächlichste Grund, ber zu ben Spaltungserscheinungen in ber beutschnationalen Partei geführt hat. Wenn man bie zahlreichen unb sehr verschiedenartigen Gründe überblickt, bie von ben Lambach, Treviranus, Kloenne, Mumm usw. in Briefen unb Artikeln bei ihrem Austritt aus ber deutschnationalen Reichstags­fraktion angegeben wurden, so lassen sich im wesent­lichen vier Gruppen von Motiven unterscheiden, die zugleich die wichtigsten Angriffspunkte der an Hugen­bergs Parteiführung geübten Kritik darstellen. Die aktuellen politischen Ursachen, die die Austrittsbewe- gung in Gang gebracht haben, schließen sich eng an das Volksbegehren an. Diese Attion selbst, vor allem aber der Paragraph vier des Freiheitsgesetzes, wer­den von vielen Deutschnationalen für verfehlt und untragbar gehalten. Im Zusammenhang damit hat man es getadelt, daß Hugenberg auf dem Kasseler Parteitag fein Begrüßungstelegramm an den Reichs­präsidenten richtete. Man hat die ParoleNicht Hu­genberg, sondern Hindenburg" ausgegeben, und man hat vor allem das Verfahren verworfen, welches Hu­genberg bei der Verlesung des vom Abgeordneten Treviranus geschriebenen Briefes anwendete.

Neben diese aktuellen äußeren Anlässe treten als zweite Ursache der Unzufriedenheit die tiefer liegenden Gegensätze grundsätzlicher Art. Hier stößt man immer wieder auf die Forderung, daß die Pattei sich nicht in negativer Opposition erschöpfen dürfe, sondern posi­tive Politik treiben müsse, und ebenso oft findet man den Gedanken, daß Hugenberg in einer Ueberspitzung seiner Diktaturbestrebungen die Meinungs- unb Ee- sinnungsfreiheit seiner Parteifteunde unterbrücke. Als dritte Gruppe der Austrittsmotive kommen wirt­schaftliche Erwägungen in Betracht. Hier ist es vor allem die Landwirtschaft, die bei der jetzigen Politik der Partei ihre Interessen nicht ausreichend gewahrt sieht, aber auch Vertreter des gewerblichen Mittelstandes und der gewerkschaftlich-organisierten Arbeitnehmerschaft erheben die gleichen Bedenken. Die Parole Hugenbergs, man müsse um einer künftigen Machtergreifung willen bis auf weiteres auf politische Einzelvorteile verzichten, findet bei den Vertretern einer praktischen Jnteressenpolitik selbstverständlich wenig Gegenliebe. Als letzte Gruppe von kritischen Erwägungen kann man aus den Steuerungen der Ausgeschiedenen Bedenken kultureller Na­tur herauslesen, die sich zum Teil gegen die Tätigkeit Hugenbergs in Presse und Film, zum Teil auf seine Stellung zu den Grundsätzen einer christlich-konser­vativen Politik richten, wobei Evangelische und Katho­lische gleichermaßen ihre Unzusriedenheit äußerten.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht hat mit Hugen­berg die starke Eigenwilligkeit gemeinsam. Beide schrecken niemals davor zurück, sich eine große Zahl von Gegnern zu schaffen, beide besitzen einen sehr star­ken Ehrgeiz, recht gute Nerven und eine beinahe sprichwörtlich gewordene Energie. Schacht it jedoch im Gegensatz zu Hugenberg ein sehr bewegl leicht zu Explosionen neigendes Temperament, Welt­mann mit internationalen Beziehungen, de: e sehr scharfe Zunge besitzt, und der im übrigen du-q unb