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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 290

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Dienstag, 10. Dezember 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

Letzte Vorbereitungen zur Haager Konferenz

Der Jlmenhof wieder Tagungsort / Heue Haussuchungen in der Sombenlegeraffäre / Sie schweren Dezemberstürme fordern neue Opfer

Beginn der Jnristenkonserenz Regierungserklärung Donnerstag?

(Eigener Drahtbericht.) VonunsererBerlinerSchriftleitung.

Berlin, 10. Dezember.

Die Juristenkonferenz beginnt, wie wir von unter­richteter Seite erfahren, heute in Brüssel. Deutschland wird durch Ministerialdirektor Gaus vertreten. Es handelt sich um die letzte Formulierung und Vorbe­reitung für die Haager Konferenz.

*

Haag, 10. Dezember.

Die Niederländische Zweite Kammer hat beschlossen, einen Teil des Kammcrgebäudes für die Zwecke der Haager Konferenz zur Verfügung zu stellen. Auch der Presse sollen dieselben Räume als Arbeitsstätte ange- wiesen werden, die bereits anläßlich der ersten Kon- ferenz diesem Zwecke dienten.

Es kann somit als feststehend angesehen werden, daß die Haager Konferenz wieder wie bei ihrem er­sten Zusammentritt innerhalb des bekannten Gebäu­dekomplexes im Binnenhof tagen wird.

Frankreich und die Sachliefernngen

Paris, 10. Dezember.

In der Kammer entspann sich anläßlich der Wei- terberatuna des Budgets des Ministeriums der Oef- fentlichen Arbeiten eine längere Aussprache über den Ausbau der französischen Wasserwege und Häfen so­wie über die Verwendung der deutschen Sachlieferun- aen hei diesen Projekten. Ein Redner wies daraus hin, daß der

Ausbau des Hafens von Bordeaux fast vollständig auf die deutschen Sachlieferungrn eingestellt

sei und daß durch den Boungplan, der die Sachlei­stungen Deutschlands stark herabsetze, die bereits in Angriff genommenen Arbeiten gefährdet werden könnten.

Finanzminister Chiron erwiderte, daß die Sach- lieferwngen ursprünglich eingeführt worden seien, um Deutschland die Zahlung der Reparationen zu er­möglichen. Die großen Schwierigkeiten, die in Frank­reich hinsichtlich der Aufnahme dieser Sachlieferungen zutage getreten seien, hätten dann die Regierung ver­anlaßt, ein umfassendes Programm öffentlicher Ar­beiten aufzustellen. Da der Youngplan in erster Li­nie dazu bestimmt sei, die Mittel zur Bezahlung der

Schulden an England und die Vereinigten Staaten zu liefern, könne die Regierung

aus den deutschen Annuitäten keine Beträge für die Fortführung dieses Projektes entnehmen,

sondern sie müsse dazu das Budget in Anspruch neh­men. Um die Sachlieferungen zu ersetzen, habe die Regierung das in der Regierungserklärung angekün­digte Wirtschaftsprogramm ausgearbeitet. Die schon abgeschlossenen Sachlieferungsverträge würden ausge­führt und die begonnenen Arbeiten vollendet werden

Der verhaßte Völkerbund

Newyork, 10. Dezember.

In Washingtoner Kreisen wird mit einer Hinaus­schiebung der Verhandlungen über die Schiedsgerichts- frage durch den Kongreß bis nach den Kongretzwahlen im Jahre 1930 gerechnet. Die Opposition setzt den Kampf gegen den Beitritt Amerikas zum internationa­len Schiedsgerichtshof mit allen Kräften fort.

Führer dieser Bewegung sind die Senatoren Borah und Johnson, die das Schiedsgericht lediglich als Rechtsabteilung des verhatzten Völkerbundes be­zeichnen.

* * *

Inzwischen wird aus Genf gemeldet: Die aus Was­hington bereits angekündigte Unterzeichnung des von der letzten Völkevbunidsversammlung beschlossenen Protokolls zur Erleichterung des Beitritts der Der- emigten Staaten zum stündigen vuteruationalen Ge- richtshcf im Haag ist gestern m Volkerb-mdssekrem- riat durch den amerikanischen Geschäftsträger in Bern Mafsan. voracnommen worden. Girtchzenig nrarüe das Haager Statut vom 16. Dezember 1920 und das Revisionsprotokoll vom 14. September 1929 unter­zeichnet.

In dem Protokoll bett, dem Beitritt der Ver- etnieten Staaten zum Haager Gerichtshof werden die fünf Vorbehalte des amerikanischen Senats an­genommen, über deren Auslegung man sich nach dem Scheitern einer ersten Konferenz der Haager Signatuistaaten im September 1929 hatte einigen können. Das weitere Protokoll über die Revision des Haager Statuts regelt auch die Mitwirkung der Vereinigten Staaten bei der Wahl des Rtchterkol- legiums, das in geheimer Wahl gleichzeitig von der Versammlung zu bestimmen ist.

80 Todesopfer des Skurmwekters (Eigener Drahtbericht.)

Paris, 10. Dezember.

Das Sturmwetter hält mit unvermindeter Heftig­keit über Frankreich und seinen atlantischen Küsten­gebieten an. Gegen achtzig Menschen find bisher im Kanal und in den Küstengebieten ums Leben gekom­men. Stündlich werden neue Verwüstungen, Hava­rien von Schiffen und Todesfälle gemeldet.

Auch im Inneren Frankreichs hat der Sturm über­stürzte ein Teil des Glockenturmes einer Kirche zu­sammen. als gerade ein Hochamt abgehalten wurde. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.

In Mons find zahlreiche Häuser überschwemmt Sämtliche Flüsse Frankreichs steigen in beängstigender Weise. Die Telephon- und Telegraphen-Verbindun gen nach dem Westen Frankreichs sind zum Teil unter brachen.

Amsterdam, 10. Dezember Der schwere Südwest­sturm ha, auch in der vergangenen Nacht und heute vormittag die Schiffahrt stark behindert Aus dem Amsterdamer Nordseehafen Amuiden ist gestern kein Schiff ausgelaufen, während dies beute nur verein­zel' der Fall war. Verschiedene große Damvfer zogen es vor, im Nordseekanal zwischen Amsterdam und Bmuiden vor Anker zu gehen Von verschiedenen Seiten sind wieder drahtlose Hilferufe von in Not befindlichen Schiffen eingelaufen. Vor allem Schlepp Kampfer sind ununterbrochen unterwegs, um Hilfe zu bringen.

Auch die beiden Rotterdamer Schlepvdampsei Hunber" undWitte Zee", die, wie gemeldet, das von ihnen geschleppte Trockendock der Vulkanwerft nordwestlich der Insel Terschelling während des Or­kans verloren, sind noch nicht in ihren Heimathafen zurückgekehrt, da sie unterwegs von dem bei Scheve- ningerf steuerlos gewordene« dänischen Dampfer Spotts" zu Hilfe gerufen wurden.

Die Themse steigt!

London, 10. Dezember.

Rach den Stürmen und Rcgenfällen ist gestern in verschiwenen Teilen des Landes Schnee gefallen. Die Grafschaft Aorkshire und Nordwales wurden von schwere» Schneestürmen lseimgefucht. Aus anderen Teilen des Landes wird beträchtliche Kälte gemeldet. Die Stürme über dem Kanal haben auch gestern an­gedauert.

Dem offiziellen Wetterbericht zufolge ist mit einer Besserung der Wettertage für die nächsten Tage kaum

zu rechnen. Das ständige Steigen der Themse gibt zu besonderen Befürchtungen Anlatz.

Schiffs-Katastrophe

35 Mann des italienischen DampfersChieri" ertrunken.

Paris, 10. Dezember.

In La Rochelle ist der DampferGascogne" mit sechs Ueberlebenden des am Sonnabend nachmittag auf der Höhe von Ouessant gesunkenen italienischen DampfersChieri" eingetroffen. Unter den Gerette­ten befindet sich auch der Kapitän des italienischen Schiffes Da der Dampfer .Chieri" eine Besatzung von 41 Mann an Bord hatte und weitere Ueber- lebende von derGascogne" trotz mehrstündigen Nachforschungen nicht aufgefunden werden konnten, ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß die übrigen 35 Mann ertrunken sind.

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Ueber das Unglück werden noch folgende Einzel­heiten bekannt: DieChieri" war mit 41 Mann Be­satzung von einem spanischen Hafen nach Rotterdam unterwegs. Etwa 120 Kilometer von der französischen Küste entfernt,mürbe das Schiff von einer haushohen Welle buchstäblich in zwei Teile gerissen und ging sofort unter. Die Besatzung klammerte sich an den Schiffstrümmern fest.

Eine halbe Stunde nach dem Unglück fuhr die Gascogne" an der Unglücksstelle vorüber. Mit größ­ter Anstrengung gelang es, sechs der Schiffbrüchigen zu retten. Die Schaluppe kreuzte dann noch stundenlang an der Unglücksstelle, konnte jedoch niemand mehr retten.

Zwanzig Vergleich verschüttet

Berlin, 10. Dezember.

DerVorwärts" meldet aus Straßburg: Im SchachtGlückauf" bei Deutsch-Oth iu Lothringen ist eine ganze Belegschaft von 20 Mann im Stollen durch Einsturz der Gesteinsdecke verschüttet worden. Die meisten wurden unter den leeren Zug gedrückt, den sie beladen sollten. Bisher find zwei Tote und ein Schwerverletzter geborgen worden.

Berlin, 10. Dezember.

Vis 'A Stunde nach Mitternacht hat das Reichs­kabinett gestern abend beraten, um sich über die Grund­lagen der Finanzresorm schlüssig zu werden. Am Vor­mittag und am Nachmittag hatten bereits Kabinetts­fitzungen stattgefunden, und gegen 9 Uhr abends be­gann die dritte Sitzung, die schließlich zu einer vor­läufigen Einigung führte und zwar auf dem Boden einer Erklärung von nur 56 Schreibmaschinenseiten Umfang.

Wie derVorwärts" erfährt, entspricht diese Er­klärung in ihrem wesentlichen Inhalt dem Entwurf des Reichsfinanzministers Hilferding, und die Regierung wird sich nun geschlossen hinter diese Erklä­rung stellen, die natürlich lediglich ein Kompromiß ge­worden ist, und über die es zwischen der Regierung und den Parteien noch zu lebhaften Auseinander­setzungen kommen dürfte. Selbst der dem Finanz­minister Hilferding nahestehendeVorwärts" bezwei­felt, daß damit die sogenannteKonkordien- Forrnel" gefunden wird, welche wirklich die Basis für eine Verständigung zwischen Kabinett und Koali­tion abgeben könnte.

Im Laufe des heutigen Tages werden nun die Parteiführer unterrichtet werden, und am Nach­mittag treten die meisten Fraktionen zusammen. Mor­gen werden die Fraktionssitzungen fortgesetzt, und man hält es für sehr wahrscheinlich, daß dabei eine ganze Reihe von Abänderungswünschen gegenüber dem Regierungsentwurf zutage treten wird, sodaß wohl am Mittwoch mit einer neuen interfraktionellen Besprechung zu rechnen ist, tn der der Entwurf von gestern abend neue Abänderungen erfahren dürfte. Immerhin

hofft man, daß bis zum Donnerstag die Eini­gung zwischen den maßgebenden Persönlichkeiten so­weit gediehen sein wird, daß dann die Erklärung in irgendeiner Gestalt dem Reichstag vorge­legt werden kann. Daß es fich dabei jedoch ledig­lich um die allerallgemeinsten Erundzüge der Fi- uauzreform, noch nicht aber um ein wirklich alle Einzelheiten behandelndes Erundprogramm mit konkreten Gesetzentwürfen handelt, geht schon aus der Kürze der in der letzten Nacht gefundenen Eini- gungssormel hervor.

Diese Ansicht wird außerdem mit allem Nachdruck vom Sozialdemokratischen Pressedienst bestätigt. In die­sem, den sozialdemokratischen Kabinettsmitgliedern nahestehenden Organ wird mit aller Entschiedenheit Front gemacht gegen die Blättermeldungen, die be­reits jetzt zahlenmäßige Angaben über die Finanz­reform veröffentlicht haben. Alle diese Angaben sind, wie hier nicht ohne Grund behauptet wird, als Phan­tasieprodukte anzusprechen und zwar schon aus dem Grunde, weil man in den heutigen und morgigen Be­ratungen voraussichtlich noch wesentliche Aenderun- gen an diesem Programm vornehmen wird. Es kann also noch keine Rede von einer Verständigung oder llebereinstimmung sein.

Die Schwierigkeiten, die einer solchen Verständi­gung noch im Wege stehen, liegen besonders in der Richtung, daß z. B. die Bayerische Volkspartei Wi­derstand gegen die Biersteuererhöhung leisten wird, daß andererseits auch die Sozialdemokraten das Re­gierungsprogramm in einzelnen Teilen (so z. B. die Kopfsteuer) ablehnen. Vor allem gehen aber auch die Forderungen der Demokraten und der Deut­schen Volkspartei weit über die Vorschläge der Re-

gierung hinaus, sodaß der Sozialdemokratische Pressedienst es schlechthin für unmöglich erklärt, daß die Reichsregierung bereits im jetzigen Stadium eine bis ins Einzelne gehende Darstellung der künf­tigen Finanzreform geben könne.

Bei dieser Darstellung ergibt sich abermals eine Be­stätigung der von uns schon wiederholt geäußerten Auffassung, daß der Reichstag sich zunächst darauf be­schränken werde, aus allgemeinen politischen Gründen und zwar vor allem im Hinblick auf die bevorstehende zweite Haager Konferenz der Regierung am Sonn­abend ein Vertrauensvotum auszustellen, daß es aber noch nicht möglich sein wird, sich bereits jetzt auf die Einzelheiten der Finanzresorm zu einigen.

Lnftrsnchung der Sombenattentate

Reue Haussuchungen im Kreise Bleckede.

Lüneburg, 10. Dezember.

Beamte der Laudeskriminalpolizei Harburg-Wil­helmsburg unternahmen gestern auf Grund von Ma­terial, das bei der Aufklärung der Lüneburger Bom­benattentate gefunden wurde, in verschiedenen Orten des Kreises Bleckede Haussuchungen nach Waffen vor.

lleber das Ergebnis wird näheres erst mitgeteilt werden, wenn die Sachverständigen der Landeskrimi­nalpolizei ihr Gutachten erstattet haben.

Reichsbahn fordert Tariferhöhung

Die Verhandlungen bis Januar vertagt.

Berlin, 10 Dezember. *

Nach einer Meldung des Demokratischen Zeitungs­dienstes haben zwischen dem Reichskabinett und der Reichsbahn Verhandlungen, stattgefunden, die fich mit dem Antrag der Reichsbahn beschäftigen, eine Tarif­erhöhung vorzunehnieli.

Die seitherigen Besprechungen haben zu einem Er- gebnis nicht geführt. Die Frage der Tariferhöhungen ist einstweilen bis Januar vertagt worden. Die Ver­handlungen sollen nach dem Abschluß der Haager Kon­ferenz wieder aufgenommen werden.

Stift für den Osten

Berlin, 10. Dezember.

lieber die gemeinsame Hilfsaktion des Reiches und Preußens für den Osten machte Ministerialrat Ra- thenau vor dem Grenzausschuß des Landtages nähere Angaben. Es solle nicht mehr mit kleinen Mit­teln geholfen werden, sondern es sei vielmehr beabsich­tigt, einen großzügigen Plan zur Durchführung zu bringen.

In Frage für die Hilfsaktion kommen Ostpreußen die Grenzmark, Oberschlesien-Land und in Nieder­schlesien die an Polen grenzenden Kreise, ferner einige Kreise von Brandenburg und von Pommern.

Heber die Höhe der Mittel, die zur Verfügung ge­stellt werden sollten, könnten genaue Zahlen noch nicht angegeben werden. Man denke aneinigehundert MillionensürdenZeitraum von 10 Jahren. Die Hilfe solle sich in erster Linie auf Förderung der Landwirtschaft als Hauptwirtschaftszweig der Ostge­biete erstrecken, ferner sollten der Verkehr und sozial­politische und kulturelle Gebiete ersaßt werden.

Randbemerkungen

Seit zwanzig Jahren reite Ich auf einem Prinzip herum. Das heißt. Ich verlange, daß ein jeglicher bei seinem Titel genannt wird. Das geschieht stets nicht. Ich will also hiermit ausnahmsweise eine Strafe von einem Taler festsetzen, der in Meinem Dienste ist und einen anderen, der in Meinem Dienste ist, nicht bei seinem Titel oder Charge nennt. Also zu lesen in einem Erlaß eines der vielen Heinriche aus dem Fürstenhause Reuß-Lobenstein. Gegeben anno 1844 im fürstlichen Residenzschlosse zu Ebersdorf!

Mit überlegenem Schmunzeln quittieren wir dieses Dokument krähwinkelschen Geistes. Wir Söhne einer Republik, die in ihrer Verfassung der Titeljägerei und der Titelschwärmerei zwar nicht den Garaus gemacht, wohl aber energischen Kamps angesagt hat:Titel dürfen nur verliehen werden, wenn sie ein Amt oder einen Berus bezeichnen; akademische Grade sind hier­durch nicht betroffen."

Spottet nicht zu sehr über die titelselige Durch­laucht aus Ebersdorf! Laßt uns lieber ein bissel in unserer so sehr versachlichten Zeit umsehen! Deutsch­land ist groß, und ein Blick zur Weihnachtszeit in die Zeitungen, die innerhalb der weiß-blauen Erenzpfähle erscheinen, erteilt uns die Lektion, daß dieser Geist der deutschen Kleinbürger, den der von unseren Lite­raturhistorikern allzu schlecht behandelte Kotzebue so ergötzlich angeprangert l)at, auch heute (anno 1928 wenigstens war es noch so) keineswegs ausgestorben ist. Denn da sanden sich in den bayrischen Blättern,

zu langen Spalten gefügt, die Namen derer, die von der bayrischen Regierung für würdig befunden waren, mit einem klangvollen Titel ausgezeichnet zu werden. Es wimmelte von Geheimen und nicht ge­heimen Landesgewerberäten, Kommerzien-, Pharma­zie-, Versicherungs-, Oekonomie-, Arbeits- und anderen Räten. Und man hat den blutigen Witz gemacht, Bayern seidas bestberatene Land und eine wahre Räterepublik". Böse Zungen behaupten (wie am Sonntag in derVoß" zu lesen war) sogar, daß diese Titelgegen Zahlung von Geldsummen Raten­zahlung gestattet verliehen" würden. . .

Freundliche Aufforderungen aus dem Reichsinnen­ministerium, mit dieserRätewirtschast Schluß zu machen, fanden in München taube Ohren, und als man in Berlin deutlicher wurde, erwiderte die bayrische Regierung mit dem verbindlichsten Lächeln daß ja die Bestimmungen der Reichsoerfassung gewissenhaft inne­gehalten würden. Kommerzienrat, Pharmazierat oder Arbeitsrat seien halt nur die Berufsbezeichnungen für einen Kaufmann, einen Apotheker oder einen Ar­beiter. . .

Da kann man also nix machen, und so hatte sich jetzt der Staatsgerichtshof mit der weltbewegenden Affäre zu befassen. Spruch: Die Verleihung von Ehrentiteln ist mit Artikel 109, Absatz 4 der Reichsverfassung un­vereinbar. (Siehe auch Seite 2!)

Zn Bayern wird man betrübten Herzens der ent­schwundenen Titelherrlichkeit nachschauen. Unter dem seligen Fürsten von Reuß-Lobenstein lebte es sich doch besser! wp.