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Kasseler Neueste Nachrichten

Montag, 9. Dezember 1929

Aas Darlehen der Sklareks

Kämmerer Lange vordem Ltnlersuchungsausfchuß / Willy Sklareks Aussage wird nicht gewertet

Berlin, 9. Dezember.

Im Sklarek-Ausschuß des Preußischen Landtags herrschte am Tonnabend sozusagen Ruhe nach dem Sturm. Nichts mehr war von den auf» regenden Szenen zu spüren, die sich bei den Ver- «ehmungen der Prominenten in den letzten Tagen und die sich besonders bei der Befragung Willy Sklareks abgespielt hatten. Der Stadtkämmerer Dr. Lange und die Stadträte Wege und Neuendorft marschierten nacheinander au« ohne daß etwas ganz Besonderes aus ihren Befragungen Hütte ermittelt werden leimen.

Der Stadtkämmerer betonte vor allem, daß er persönlich den Sklareks das 300 000 Mark Dar» lehen nicht befürwortet

habe; er habe die Sklareks aufgefordert, den an» geblich bei »e: Uebernabme der Waren von der städtischen K. B G. erltttenen Verlust im einzelnen nachzuweisen, damit man ihnen eine Entschädi­gungssumme auszchlen könne Schallbach habe er­mittelt, daß dieser Verlust etwa 80000 bis 100 060 Mark betragen hätte. Schließlich habe aber der Magistrat in seiner sowohl wie des Oberbürger­meisters Abwesenheit doch das Darlehen beschlossen.

Der Stradtrat Wege, der nun vernommen wurde, hat an dem Darlehensbeschluh mitgcwirkt.

Im Gegensatz zu Lange meint er, es wäre für bte Stadt günstiger gewesen, statt eines hohen Betrages i» fand perdu den Sklareks einen rückzahlbaren Kredit zu überlassen.

Lange hatte sich übrigens noch zu dem Vorwurf zu äußern, daß er bereits im Januar 1929 von dem Sklarek-Krediten wußte und den Oberbürgermeister nicht rechtzeitig informiert hätte. Er erklärte, er könne sich nicht erinnern, daß Brandes von der Hauptprüfungsstclle schon damals einen Auftrag zur Revision der Sklarek-Kredite erbeten batte. Die Be­hauptung Willy Sklareks. daß seine Firma eine Sa- merungsanstalt für Berlin gewesen sei, bezeichnete 8«>nge als abwegig. Und als nun Sradtrat Neuen­dorff auf die rhm von Willy Sklarck gemachten persönlichen Angriffe etnaehen wollte, erklärte der Ausschußvorsitzcnde Schwenk (Komm),

d-r Ausschuß habe beschlossen, die Aussage Willy Sklareks nicht zu werten.

Neuendorfs schilderte den Verlauf seiner Verhand­lungen mit den Sklareks Ztemlicy genau entgegen­gesetzt zu den Bekunouugei' Willy Sklareks. Er warf dem früheren Bezirksbürgermeister Schneider iSoz.) indirekt vor, den Versuch gemacht zu haben, die Sklareks bet Ermäßigung »er Miete zu begünsti­gen.

Etat vom Staatsrat angenommen!

Berlin, 9. Dezember.

Der Preußische Staatsrat stimmt« am Sonnabend der Borlage zu, durch die eine Verbindung der Preußenlasse mit dem Reich hergestellt und die Preußenlasse so in die Lag« versetzt wird, ihre Tätigkeit über das gesamte Reich auszudehnen.

Dann wurde der neue Haushalt endgültig angenommen mit einem Gutachten, worin die Be­denken des Ausschusses niedergelegt find, zunächst gegen die allgemeine Ermächtigung des Finanzministers, un­ter Zustimmung eines Landtagsausschusse«, aber ohne Befragung des Staatsrats Garantien für Ausgaben, die fich als Kriegsfolgen darstellen, zu übernehmen. Weiter stellt das Gutachten fest, daß die Ausgabe« für Sachzwecke ohne eine schwere Gefährdung der Siaatsaufgaven nicht mehr eingeschränkt werden könn­ten und daß der neue Finanzausgleich nicht zur Ver­kürzung der Mittel für Länder und Gemeinde« führen dürfe.

Gegen die Arbeitsgemeinschaft wurde der Antrag auf Aufhebung des Stahlhelm-Verbots für Rheinland «nd Westfalen abgelehnt.

Bei der vorattsgegangene« Einzelberatung des Haushalts fanden noch Ausschuß-Entschließungen An- «ahme, die zugunsten der Landwirtschaft u. a. eine Erschwerung der Schweineeinfuhr, sowie besondere Etatsmittel für die Förderung des Acker- und Pflan­zenbaues verlangen. Meliorationen und Siedlungen solle« vor ollem in den Grenzgebieten gefördert wer­den. Ferner soll geprüft werden, ob die preußischen Provinzialvertreter im Reichsrat nicht auch an den Sitzungen des Auswärtigen Ausschusses des Reichs­tags als Bevollmächtigte Preußens teilnehmen könnten.

Protest gegen Sugenberg

Der Deutfchuotionale Arbeiterbund hebt die Bindung zur Partei auf.

Berlin, 9. Dezember.

Vom Deutschnationalen Arbeiterbund wird über die gestern hier abgehaltene Sitzung des Er­

weiterten Ausschusses ein Bericht ausgegeben, in dem es u. a. heißt:

Der Ausschuß erhebt in aller Oeffentlichkeit schärfste« Protest gegen den vom Parteivorfitzende« Hugenberg ausgeübten Gewissenszwang und gegen fein diktatorisches Vorgehen, welches den Bundes­vorfitzenden, den Abgeordneten Hartwig und mit ihm weitere Arbeitnehmer-Abgeordnete gezwungen hat, aus der Deutschnationale« Volkspartei bzw. aus der Fraktio« auszutreten. Der Bundesaus­schuß steht in Treue zu seinem Borfitzenden. Um dos zu bekräftigen, wird beschlossen, durch Aende- rung der Bundessatzungen die bisherige absolute Bindung an die Deutschnationale Volkspartei auf­zuheben. Damit erhält der Deutschnationale Arbei­terbund seine organisatorische Freiheit und Selb­ständigkeit zum politischen Handeln, wobei es dem freien Willen der einzelnen Bundesmitglieder an­heimgestellt bleibt.

Eine Kundgebung der Parteileitung

Die Deutschnationale Pressestelle veröffentlichte am Sonnabend eine Kundgebung des deutschnationalen Parteivorsitzenden, der Fraktionsvorfitzenden und der Vorsitzenden der Landesverbände, in der es heißt:

Etwa ein Dutzend Abgeordnete der Deutschnatio­nalen Volkspartei hat in kleinen Gruppen die deutsch­nationale Kampffront verlassen Die jetzt mit dem Austritt der Abgeordneten an die Oeffentlichkeit kom­mende Parteineubildung war seit langem Gesprächs­stoff politischer Klubs und mittelparteilicher Zeit­schriften und Zeitungen. Die Parteineubildung wurde in dem Augenblick zur Tatsache, in der die ihr zustre­benden Abgeordneten erkennen mußten, daß ihre Poli­tik des Hineindrängens in die Mitte von der Partei einmütig abgelehnt wurde und der Versuch zum Sturz des Parteiführers gescheitert war. Die jetzt in Ar­tikeln und Erklärungen ausgesprochenen Ansichten sind nur Scheingründe. Wir fragen aber, warum die Aus- geschiedenen sie nicht vor dem Kasseler Parteitag zu vertreten wagten. Der Weg führt nichtauf der Grundlage der heute gegebenen Verhältnisse", sondern in ihrer Aenderung liegen die Aufgaben für Gegen­wart und Zukunft.

Das Reichskabinett ist einig

Berlin, 9. Dezember.

Gegenüber der Behauptung eines Berliner Blattes, daß das Kommunique, mit welchem die Reichsregie­rung das Memorandum des Reichsbankpräsidenten Schacht beantwortet hat, im Kabinett nur durch Mehr­

Dr. Derer (Slowake) Unterricht Zwei tschechische Na­tionalsozialisten Dr Benesch, Aeuß.'res, Dr. Franke Post und Telegraphen. Ein deutscher Sozial- demokrat Dr. Czech soziale Fürsorge. Ein Fach­mann Dr. Englisch, Finanzen.

Sstoberschlesien wM!

Erfolge der deutschen Sozialisten.

Warschau. 9. Dezember.

Don den Kommunalwahlen in Ostoberschlesien la­gen bis 11 Uhr nachts Ergebnisse aus 114 Wahl­gemeinden vor. Von 1089 Mandaten haben, wie die Polnische Telegraphenagentur meldet, in diesen Ge­meinden die Regierungsparteien 916 Mandate erhal­ten, wovon sieben Mandate an Deutsche entfallen. Den Oppositionsparteien sind 173 Mandate zugefallen. Es fehlen noch die Ergebnisse aus den übrigen 144 Ge­meinden, die hauptsächlich in Industriegebieten liegen.

*

Kattowitz, 9. Dezember. Soweit sich bis jetzt über­sehen läßt, haben die deutschen Sozialdemokraten bei den gestrigen Kommunalwahlen gegenüber ihrer im Jahre 1926 erreichten Stimmenzahl einen Zuwachs von 27 Prozent zu verzeichnen.

polnische Mißerfolge

Nachwahlen in den Danziger Landkreisen.

Danzig, 9. Dezember.

In den Danziger Landkreisen fanden heute in einer Reihe von Gemeinden Nachwahlen statt, die in­folge der Auflösung der Eutsbezirke notwendig wur­den. Nach den bis gegen Mitternacht vorliegenden Nachrichten wurden in 29 Gemeinden klare bürgerliche Mehrheiten erzielt; ihnen stehen fünf Gemeinden mit sozialdemokratischer Mehrheit gegenüber.

Die Polen konnten in leinet 6er Gemein« den eine Mehrheit gewinnen. Soweit sich bis jetzt überblicken läßt, sind gegen die letzten Wahlen nur geringfügige Aenderungen eingetreten.

heitsbeschluß, und zwar ohne die Stimmen der volks­parteilichen Minister zustande gekommen sei und daß auch der Minister für die besetzten Gebiete, Dr. Wirth, eine Sonderstellung eingenommen habe, wird von un­terrichteter Seite mitgeteilt, daß über das Kommu­nique im Reichskabinett eine einstimmige Meinung geherrscht habe.

Seisall für Schober

Die Verfassungsreform vom Rationalrat angenommen

Wien, 9. Dezember.

Der Nationalrat hat am Sonnabend nach mehr­stündiger Sitzung um 9 Uhr abends die Verhandlun­gen über die neue österreichische Bundesverfassung be­endet. Diejenigen Teile des Gesetzes, über die im Aus­schuß Einvernehmen zwischen den Parteien erzielt worden war, wurden vom Plenum in zweiter und dritter Lesung einstimmig, also mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit angenommen.

Die übrigen Bestimmungen der Vorlage erreichten nur eine einfache Mehrheit von 88 bezw. 89 und 90 gegen 71 Stimmen. Sie sind also nicht Gesetz gewor­den. Die Sitzung verlies in voller Ruhe und ohne je­den Zwischenfall.

Nachdem der Präsident das Abstimmungsergebnis verkündet hatte, wurde Bundeskanzler Schober von den Abgeordneten der Mehrheit beklatscht und beglück­wünscht.

Konzentralionsregierimg in Prag

Prag, 9. Dezember.

Sonnabend wurden die Handschreiben des Präsi­denten der Republik veröffentlicht, durch welche die neue tschechoslowakische Regierung, eine Konzentra- tionsregierung, ernannt wird. Die neue Regierung besteht aus neun Mitgliedern des Bürgerblocks, sechs Mitgliedern des sozialistischen Blocks und einem Fach­minister. Sie setzt sich nach der Parteistellung der ein­zelnen Mitglieder wie folgt zusammen:

Vier Republikaner, und zwar: Udrzal, Präsidium, Dr. Viskovski, Nationalverteidigung, Dr. Slavik (Slo­wake) Inneres, Bradac, Landwirtschaft. Zwei tsche­choslowakische Volksparteiler: ©tarnet, Rechtsanpas- a, Dostalek, Oeffentliche Arbeiten. Ein tschechischer onaldemokrat Dr. Matousek, Handel. Ein tsche­choslowakischer Gewerbeparteiler Mleoch Eisenbahnen. Ein deutscher Agrarier (Bund der Landwirte) Dr. Spina Gesundheitswesen. Drei tschechische Sozial­demokraten Bechyne, Ernährung, Dr. Meißner, Justiz,

Oer Gtolberg-Prozeß

Oer Angeklagte wird ohnmächtig / Prozeß abgebrochen / Oie verbrannten Briefe

Hitschbetg, 9. Dezember.

Für den zweiten Verhandlungstag am Sonnabend war auch die Mutter des Angeklagten als Zeugin er­schienen, die sich zur Aussage bereit erklärte.

Zunächst wurde Saniiätsrat Dr. Planitz au8 Jan nowitz vernommen, der die Familie Stolberg seit 37 Jahren kennt und auch sofort zu dem toten Grafen gerufen wurde. Er sagte aus, daß der Angeklagte furchtbar aufgeregt gewesen wäre, jedoch sand der Arzt an ihm keine Spur eines Uebersalls. Der Zeuge und der Güterdirekko« Gombert haben den Angeklag­ten sofort für den Täter gehalten und auch am Tage darauf sind beide, ebenso der Wachtmeister, wieder zu dem Schluß gekommen, daß die Erzählung von den Einbrechern nur eine Finte sei. Der Zeuge erklärte, daß er dem Angeklagten keinen Mord zutraue, er habe auch dazu gar keinen Grund gehabt, denn die Ehe sei mindestens in den letzten Jahren gut gewesen. Der Seuge hielt es für unmöglich, daß die Mutter ihren ohn zum Morde angestiftet haben könnte. Eine geistige Erkrankung des Angeklagten haben die bei­den dann vernommenen Kreisärzte nicht feststellen können.

Das Stubenmädchen Zobel erwiderte auf die Frage des Vorsitzenden, ob sie dem Angeklagten zutraue, daß er seinen Vater absichtlich erschossen habe, vernei­nend. Die Zeugin hat zwei Tage nach dem Tode des Grafen im Auftrage der Gräfin zu ungewöhnlich früher' Morgenstunde einen Stotz Briefe verbrannt. Die Briefe erklärte die Zeugin für harmlos. Sie be­jahte aber die Frage, ob die Gräfin zu ihr gesagt habe:Gertrud, sagen Sie nichts davon, wenn die Herren zur Durchsuchung kommen."

Die Köchin sagte aus, datz die Gräfin die Briese unter dem Schlafrock versteckt und zum Teil selbst verbrannt habe. Die Gräfin habe zu ihr gesagt: Marie, Sie wissen nichts davon! Halten Sie auch jetzt zu mir!"

Da der Angeklagte sich verhandlungsunfähig fühlte, mutzte eine längere Pause eingelegt werden. Nach Wiedereröffnung der Verhandlung wurde der Förster Gruner vernommen, der die Aufgabe hatte, die Ge­wehre sauber zu halten. Er erklärte, datz das Verhal­ten des Angeklagten beim Repetieren unvorsichtig und leichtsinnig gewesen sei. Das Verhältnis zum Vater sei viel zu gut gewesen, als datz man ihm einen Mord zutrauen könnte. Auch der Förster. Wabnitz, der seit 25 Jahren bei der Familie Stolberg in Dienst ist, erklärte das Verhältnis zwischen Vater und Sohn für gut. Bei der Vernehmung dieses Zeugen kam auch zur Sprache, datz der Angeklagte Wabnitz als Täter bezeichnet haben soll. Der Angeklagte erklärte das aber für unbegründet. Einen Mord hätte er Wabnitz nicht zugetraut.

Oberlandesgerichtsrat Dr. Renner, der als Beam­ter der Fideikommitz-Aufsichtsbehörde die Verhältnisse auf Jannowitz kennt, erklärte, das Verhältnis zwi­schen Vater und Sohn sei gut gewesen, der Vater hielt gerade aus diesen Sohn große Stücke. (Der An­geklagte brach in Tränen aus.) Auch der Sohn habe immer nur in Liebe und Verehrung von seinem Vater gesprochen. Irgendwelche Motive für einen Mord konnte der Zeuge nicht sehen.

Im Lauf der weiteren Vernehmung erlitt der An­geklagte plötzlich einen schweren Zusammenbruch. Er rang nach Luft und fiel halb ohnmächtig auf die An- Hagebant zurück. Mit Rücksicht auf den Schwächezu­stand des Angeklagten wurde die Verhandlung schließlich abgebrochen und auf Montag vertagt.

Theater-Ball

Am Sonnabend fand tm Staatstbeater zum Besten seiner Pensionsanstalt der Tbeaterball dieser Saison statt. Ein buntes Bühnenorogramm leitete den eigentlichen Ball ein.

I.

,,<>in und zurück".

Rcmdt und Stock machten Doppelkonferenee. Wie man es seinerzeit im Polter erlebte. Aber die Idee ist zu wirksam, als daß sie unter dieser Reminiszenz litte. _

Stock und Rcmdt befehden sich heftig. Mit Kalauern und wirklichen Witzen, mit Ironie und Mimik. Leider gingen persönliche Anspielungen nicht über den Theaterrahmen hinaus. Warum so wenig aggressiv?

Dann kündigt Friederici einen Sketsch von Hinde­mith und Schiffer an:

Ein musikalischer und textlicher Scherz, der an jenen Filmtrick erinnert, bet dem eine Handlung vom Höhe­punkt ab wieder zurückgedreht wird, wobei Tote wie­derausstehen, Scherben sich zu Gläsern formen und alle Menschen rückwärts gehen.

Bei Hindemith-Schiffer stehen gleich zwei. Tote wieder auf, die erschossenen Frau und der selbstmör­derische Ehemann. Die groteske Mordszene dreht sich wieder zum Idyll zurück und die kleine sentimentale ArieFroh und früh" beschließt den Sketsch wie sie ihn begann.

Die IdeeHin und zurück" wird mcht gerade rest­los ausgebeutet, aber sie ist auch so amüsant und wird in der Bauhaus-Fassung Friedericis der viel­versprechende Auftakt des Abends, dem leider zwei schwächere Programmnummern folgen:

Baby in der Bar.

Nachdem man im Stile kleiner Theaterverein« den Sonnv boy" verulkt hatte, stieg das Tanzspiel von Balasz und GroßBaby in der Bar", in dem sich das Ballett präsentieren sollte. Leider stellte sich her­aus, daß die Groteske Hilde Brumofs schwache Seite ist. Zwar war der Rahmen des Scherzes sehr witzig, zwar trat der Sinn der Pantrmime tänzerisch eindeutig zu Tage, aber dem Ganzen fehlte der rechte Schwung uno Humor. Zudem wirkte die Ballettmeiste, rin als Riesenbaby unvorteilhaft, wenn nicht gar un­ästhetisch. Das Rondo des dreiteiligen Programms schloß sich hier insoweit, als das ThemaHin und zurück" in dem wunderbaren Wachstum eines Säug­lings und seinem Wiederzurückwachsen znm Aus­druck kam.

II.

Der Ball, lieber ihn gilt was von jedem Thea- terball gesagt wurde: einzigartige Räumlichkeit für ein Fest, Schloßcharakter, Lichtüberfülle, herrliche Durchblicke. Der Tanz stand im Zeichen der langen Kleider und des schwindenden Foxtrotts. Das Thea­ter selbst war wie stets bei weitem nicht voll vertreten, die Kollegen von der Hohenzollernstratze sah man gar nicht. Aber was in Kassel etwasbedeutet" war doch gekommen. Zum Nutzen der Pensionsan- stalt und zur eigenen Unterhaltung. G. M. V.

Kleines Theater

Scribbys Suppen Ad die dessen"

Ein Lustspiel von Julius Berstl.

Der Hahn im Korb,

jener bekannte, im Filmatelier spielende Einakter von Kurt Goetz, ist von Friedrich Siems zwar sehr humor­voll, aber nicht flott genug inszeniert worden, um ge­rade das Theaterball-Publikum dauernd zu fesseln und zu animieren. Während in dem vorausgehenden Sketsch das Opernensemble (Oßwald, Oldenburg, Mühliughaus, Mossi, Buttlar, Levregaard) sich marionettenhast bewegte, ergab sich hier der größte Teil des Schauspielensembles ganz dem Zauber der Schmiere. Ich bin gewiß, daß der Ulk von Curt Goetz den Mitspielenden weit mehr Spatz gemacht hat als den Zuschauern, die zwar schmunzelten, aber zu wenig lachten. Am wirksamsten war natürlich die Wüsten­ballade, und der große Augenblick, in dem Werner Stock seinen dressierten Hahn verteidigte. Es lohnt sich, den Einakter an einem bunten Abend zu wieder­holen, der ein weniger seierliches Publikum haben wird als am Sonnabend,

Julins Berstl hebt an, als wolle er eine Zeit­satire großen Stils schreiben. Eine Satire wider den Geist von U. S. A. Wider das Unrecht von Reich und Arm. Wieder das soziale System, das aus Menschen Maschinen, Nummern in der Fabrikabteilung Num- mero soundsoviel, Figuren, die nach den Paragra­phen einer Betriebsordnung tanzen, macht. Wider die Diktatur der Schlagworte, die mit ihren halben und viertel Wahrheiten Verwirrung schaffen und die Ver­ständigung von Mensch zu Mensch erschweren.

Rach dein Auftakt des Spieles ist man auf eine Satire, bte sich an solchen Themen entzündet, gesaßt. Aber bald wird es klar, daß Äerstls Sinn nach ande­ren Zielen steht. Der Satiriker mutz dreinschlagen, muß wehtun, mutz alle Gangarten der Ironie reiten können. Berstl ist ein Mann von sanfterer Gesin­nung, ein Mensch, der noch an so etwas wie Idealis­mus glaubt, ein (das Wort in seinem besten Sinn gebraucht) Humorist, der unter der rauhen Schale die­

ser Welt den sützen Kern zu finden weitz. Und was er uns hier als Produkt seines Geistes vorsetzt, ist ein heiteres Spiel, dessen Scherz nicht ohne tiefere Be­deutung ist. Ein Spiel ist von ihm geschaffen worden, das ganz gewiß noch nicht unsere Sehnsucht nachdem großen deutschen Lustspiel erfüllt, das aber, sauber in seiner dramatischen Gestaltung und sauber in seiner Gesinnung, wenigstens einmal das Schablonenhafte unserer Schwankproduktion abstreift.

Seribbys Suppen sind die besten!" ist Schlacht­ruf der einen Partei. UndGinsters Suppen sind un­übertrefflich" schallt es nicht minder kampsfreudig von der anderen Seite wider. Zwei amerikanische In­dustrielle also in wildem Konkurrenzkampf, in einem scharfen Wettrennen um die Suppentöpfe von ganz 11. S. A., bei dem heute Seribby, morgen Ginster eine Halslänge vor liegt. Kampfpreis ist der Dol­lar; Dollars zusammenscheffcln ist das einzige Ziel, das Seribby Vater und Geoffrey Ginster kennen. Aber da ist noch Mary Brown, Gemüseputzerin in Seribbys Fabrik,kommunistischer" Ideen verdächtig, ein Mensch unter Masken. Und es begibt sich, datz diese Mary Brown, dieses Girl, das noch ein Herz int Leibe hat, Einfluß gewinnt auf die vom Rausche des Dollarverdienens erfaßten Männer. Zunächst aus Percy Bubbles, Zeitungsreporter und Schüttelreim- fabrifanten. Dann aber auch auf Seribby Sohn und schließlich sogar auf Seribby Vater. Trotz dem Para­graphen 13 der von iüm selbst verfaßten Betriebs­ordnung, durch den alle sympathischen Beziehungen zwischen weiblichen und männlichen Mitarbeitern während der Suppenwürfel-Produktion verboten wer­den! Als alle drei, Reporter, Junior- und Senior­chef, Mary ihre Heiratsosserte überreichen, stellt sich für den gewitzten Zuschauer nicht überraschend heraus, datz die kleine Gemüseputzerin in Seribbys Fabrik die Tochter des großen Konkurrenten Ginster ist. Ueberdrsisstg eines Lebens, datz nur Genuß und Oberflächlichkeit ist, hat sie sich aus dem Paläste ihres Teddys in die andere Welt, wo Leben Kämpfen heißt, geflüchtet. Tableau: Tie beiden alten Konkurrenten, Scribbv fen. und Teddy Ginster, reichen sich die Hand und gründen den größten Suppenwürfel-Trust von U. S. A., und die drei Jungen stürmen hinaus, um ein neues Werk zu gründen, in dem Marys soziale Ideale Wirklichkeit werden sollen. Percy Bubbles da­bei nicht ohne Hoffnung, dieses famose Girl doch noch in feine Journalisten-Klause als Gattin heimzufüh- ren. Toi, Toi!

Ernst Wendts Regie war um amerikanisches Tempo bemüht; bet der Erstaufführung freilich stan­den dem guten Willen noch Hemmungen und Wider­stände entgegen. Tempo kann dieses Stück vertragen; man sollte sich aber davor hüten, durch eine lieber» fteigerung der Sprache und des Spieles ins Schwank- hafte zu geraten. Seribbys Vater wurde von Ernst Wendt selbst in famoser Maske gegeben; im übrigen gilt die Mahnung, die dem Regisseur ans Herz gelegt

wurde, auch für den Schauspieler Wendt. Franz K a p u st e s Sohn blieb blaß und unpersönlich. Ans dem Percy Bubbles machte Edgard Hellwaldt eine köstliche Figur; er gab diesem Zeitungsreporter ein Selbstbewußtsein von einer bezwingenden Naivi­tät. Ab und an freilich hatte seine Darstellung eine Neigung zur Clownerie, auf die der Künstler verzich­ten sollte Zwischen diesen Männern stand, sehr frau­lich und sehr blond, die Mary Brown der Dörte P a r e l l. Nicht gerade ein amerikanisches Girl, aber unbedingt ein sympathisches Menschenkind. In kleineren Rollen bewährten sich E d g a r F n ch s, der seinen Paterson mit starker Komik ausstattete, Mar­tin Rosen als Ginster und Wally Rossow als Fabrikdetektivin. Hellmuth Schuberts Bühnenbild, mit einfachen Mitteln gearbeitet, erfüllte seinen Zweck.

Das Publikum fühlte sich angenehm unterhalten und dankte den Darstellern mit lebhaftem Beifall.

W. P.

Ein neues Goeche-Buch

Goethes Gespräche ohne die Gespräche mit Ecker- mattn. In Auswahl herausgegeben von Flodoard Freiherr» von Biedermann. Taschenausgabe auf Dünndruckpapier in einem Bande. (Insel-Verlag zu Leipzig.)

Nirgend offenbart sich der Mensch so unmittelbar wie in seinen Briesen und Gesprächen. Deshalb läßt der Insel-Verlag seinen Ausgaben der Briefe Goethes und der Gespräche Goethes mit Eckermann eine Aus­gabe der Gespräche des Dichters mit den vielen ande­ren Persönlichkeiten, bte feinen Lebensweg gekreuzt haben, folgen. Einen äußeren Anlaß bot die Tatsache, daß die große kanonische Ausgabe, die Woldemar von Biedermann und nach ihm sein Sohn herausgegeben hatten, längst vergriffen ist. Freilich konnte es sich nicht darum handeln, den Text dieser erst zehn, dann fünf Bände vollständig wieder abzudrucken, die sich an die Forschung wandten und den Nichtgelehrten, dem es weniger aus Einzelheiten als aus die Gestalt und das Wesen ankam, durch die Masse des Mate­rials abschrecklen. Aus ihnen nun hat Flodoard von Biedermann eine Auswahl zusammengestellt, er hat ihr aus dem Ertrag der beiden letzten Jahrzehnte Neues und Unbekanntes beigegeben und somit aus über 750 Seiten die lebendigste und anschaulichste Goethe-Biographte geschaffen, die sich nur denken läßt. Wir hoffen mit dem Herausgeber, daß das deut­sche Volk, soweit die deutsche Zunge klingt, hier den lebendigen Goethe findet, den wir als die höchste Blüte unserer Nationalität verehren, nicht nur in den Werken, die er hinterlassen, sondern auch in dem An­denken an fein Leben und Wirken unter den Mit­lebenden, die ihn staunend umgaben. __