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Raj|cler 9teiu,le Nachrichten

Freitag, 6. Dezember 1929

Berlin, 6. Dezember.

Der

irexi

Vor leeren Bänken

WohnungsSaudebatte im Michstag/Berschärfung der Geschästsordnungsbestimmungen

Heimatlosen in Deutschland gefunden haben. Keiner von uns allen hier hat das Deutsche Reich früher ein» mal gesehen. Wir find alle ohne Ausnahme in Ruß­land geboren und sind gern russische Untertanen ge­wesen, weil es uns bis 1917 gut ging. Wir fttti) also Fremde für Euch! Und trotzdem nehmt Ihr uns auf wie Brüder!" Ich kann nur wiederholen, was der Sprecher unseres zweiten Transportes beim Eintreffen in Hammerstein zu dem Lagerleiter Major Fuchs ge­sagt hat: Wir werden es nie vergesien, daß wir im alten Deutschland ausgenommen wurden wie die ver­lorenen Söhne. Und wir beten zu Gott, daß er alles dies, was Ihr an uns, Euren ärmsten Brüdern tut, vergelten möge an Euch und Euren Kindern!

Vier Wochen hindurch Tag für Tag wird der Sonderzug der Reichsbahn seine lebende Fracht nach

Der Geschäftsordnungsausschuh des Reichstages beschloß einige Aenderungen der Geschäftsordnung Die Bestimmungen betreffend Wortentziehung. Aus­schluß von Abgeordneten und Herbrirufung eines Reichsministers werden verschärft.

Böß erklärte immer wieder, man könne ihm un­möglich zumuten, daß er als Chef einer Verwaltung für vier Millionen Menschen jeden einzelnen Bericht oder Brief, der ihm zur Unterschrift vorgelegt wurde, auch durchgelesen hätte. Er habe sich eben auf seine Referenten verlasien müsien. Man dürfe auch nicht vergesien, daß damals ja noch keiner dieser Referenten verdächtigt war. Die Rundverfügung an die Bezirks­ämter mit der Aufforderung, nur noch bei Sklareks zu kaufen, sei von Gäbel ausgegangen. Er Böß, habe sie nur gemäß einem grundsätzlichen Beschluß gegen­gezeichnet.

Abg. Obuch (Komm.): Sie haben wohl alles den Beamten überlasien, und sich persönlich von allem frei­

kommen versagt. Die Richtlinien bezweckte« mir eine Verewigung dieser Zwangswirtschaft.

Am Dienstag um 3 Uhr soll die Aussprache fort­gesetzt werden. Auf der Tagesordnung stehen weiter die Anträge auf früheren Ladenschluß am 24. De zember.

Am Freitag, Sonnabend und Montag finden keine Sitzungen statt. So haben die beteiligten Ab­geordneten noch Gelegenheit, sich in dem WahSampf für den Thüringischen Landtag und für die bayeri­schen Kommunalwahlen zu stürzen.

ungeheure Summe bezahlen. Und als wir die Päsie hatten, erschienen politische Kommissare und erklärten, die Ausreiseerlaubnis sei rückgängig gemacht worden. Man legte uns Erklärungen vor zur Unterschrift, durch die wir uns verpflichten sollten, freiwillig nach der Krim und nach Sibirien zurückzukehren. Als wir die Unterschrift verweigerten, wurde uns gedroht, wir würden mit unserer ganzen Familie nach Solowko de­portiert werden, wenn wir nicht gehorchten. Und als das nichts half, kam das Furchtbarste: es wurde uns mitgeteilt, daß die Familienväter in den nächsten Tagen die Erlaubnis zur Ausreise nach Deutschland erhalten würden.

Die Frauen und Kinder aber würden als Straf- gesangeue nach Sibirien gebracht werden.

Nur dem Eingreifen der deutschen Botschaft haben wir es zu verdanken, daß dieser teuflische Plan noch in letzter Minute verhindert wurde. Und ich weiß nicht, ob es Rachsucht war, die die Rusien dazu antrieb, uns auf der letzten Station auf russischem Boden alles Bargeld und alle Schuldscheine abzunehmen." »

Groß, still und finster stehen in einer Ecke die Deutschen aus Sibirien zusammen, die in der Unendlichkeit der Steppe Freude und Gesprächigkeit verlernt haben. Am schwersten zugänglich von allen, halten sie sich stets im Hintergrund und vermeiden die Berührung mit Unbekannten. Zigaretten, die ich an­bot, nahmen sie nicht. Auf alle Fragen, die ich stellte, kam immer die gleiche Antwort:

Wir find glücklich, daß wir wieder in Deutschland find!"

Erst, als ich fragte, ob fie zufrieden seien mit Unter­kunft und Verpflegung, und ob sie in Eydtkuhnen und Hammerstein freundlich von Bevölkerung und Pflege­personal ausgenommen worden seien, wurden sie leb­hafter. Ein Gemeindeältester, ein Hüne mit einem armlangen schneeweißen Bart, machte den Sprecher für diese verschlossenen, bis ins Tiefste ver­wundeten Menschen:

Wir sind tief beschämt von der Aufnahme, die wir

gehalten? Böß: Dem mutz ich entschieden wider­sprechen. Es bestanden Verfügungen über die Pflicht der Informierung des Magistrats. Man muß sich auf die Durchführung solcher Verfügungen allerdings ver­lasien können. Obuch: Sie glaubten, gegen Magistratsmitglieder nicht mißtrauisch sein zu dürfen. Das Ergebnis ist, daß der halbe Magistrat: in Verfah­ren verwickelt wurde. Zur

Pelz-Angelegenheit

gab B ö ß die schon durch Zeitungsnachrichten bekannt« Darstellung, wonach er 350 M. von den Sklareks be­rechnet erhielt und, weil ihm dieser Betrag zu gering erschien, für 800 M. noch einem Künstler ein Land» schaftsbild abkaufte, um dem Künstler, desien Namen er nicht nennen wolle, in der Not zu Helsen. Die übrigen 200 M. habe er Bedürftige» gegeben. Es handelte sich um eine» Pelz für seine Fra». Niemals hätte» di« Sklareks versucht, ihu zu beeinflussen. Niemals sei einer der Sklareks bei ihm gewesen. Er habe geglaubt die Sklareks wollten durch die billige Berechnung de» Pelzes damit protzen, wie preiswert sie imstande seien einzukause», zumal Sachverständige ihm erklärt hätten, daß der Großhandelspreis für Pelze vielfach am die Hälfte unter dem Ladenpreis liege.

Zur Amerika-Reife erklärte Böß, noch bei seins« Ankunft m Bremerhaven habe er gegjlaubt, daß gegen ihn in der SAärek-Sache kein disziplinärer Vorwurf zu erheben sei. Die Verlängerung der Verträge mit den Sklareks sei durch Gäbel und Benecke dem Ma­gistrat zu Unrecht verschwiegen worden. Er glaub« heute, rückschauend, daß die ganze Affäre nur lich war, weil ungetreue Beamte ihre ss vernachlässigten, onganis«torische Mängel hätten Vorgelegen.

Böß wurde dann Rowarra gegenübergestellt wegW besten Behauptung, Böß hätte ihn ersucht, ihm M Meter Hemdenstoff zu 1 Mark statt des normalen Preises von 5 Mark pro Meter zu beschaffen. ,

Rowarra schränkte seine Aussage weitgehend eis und gab M, daß er ans den Einwand der Frmr Bäh der Stofs wäre ihr zu teuer, selbst vorgefchlagen hab«, ihn durch Verhandlungen mit dem Fabrikanten ge- leyentlich einer großen Lieferung zum Ausnahme» preis von 1 Mark zu erhalten. Böß hatte «>, Vst? ganze Sache keine bestimmte Erinnernmg mrb-.

Im Wrigen betonte Böß, wenn er damals Bericht uirterzeievnet hätte, worin schon von Bilanz» fälschunge-u die Rede wäre, so hätte er bet der Füll« der Dieitstgeschäfte sicher den Text des Berichts anr» nicht durchgelesen. Daß Berlins Fina'tzVage mit einer schwebenden Schuld von über 300 Millionen schwie- ria fei, erkläre sich aus dem raschen An-Wvcksen der Stadt und der Unmöglichkeit, Ausländsanleihen erhalten. Damit war die Vernehmung von bfc» endet.

Es tarn dann zu einer

Ser Stat vor dem Staatsrat

Berlin, 6. Dezember.

Ter Preußische Staatsrat begann am Donnerstag die Plenarberatung über den neuen preu­ßischen Haushaltsplan. Finanzminister Höpker-Aschosf verwies aus seine früheren ausführlichen Darlegun­gen und betonte, daß bei einem Staatsvermögen von 6,86 Milliarden die Verschuldung Preußens von rund 630 Millionen noch nicht einmal 10 Prozent betrage. Die Bedenken gegen den Vorschlag, die Reichssteucrn nach Normalleistungen aufgrund einheitlich errech­neter Ausgabesätze für Polizei-, Schul-, Wohlfahrt- trnd Wegeausgaben zu verteilen, lägen auf politischem Gebiet. Denn die Anerkennung des Vorschlags wür­de bedeuten, daß die Länder nur noch Verwaltungs­stellen seien, was für einen Teil von ihnen bestimmt nicht zutrefse. Die Durchführung des Vorschlags führte aber auch zu einer Stärkung und Erhaltung der an sich lebensunfähigen Länder uiw verbaue da­mit den Weg der Reichsreform.

____ Sklarek - Untersuchungsausschuß des Preußischen Landtags beendete am Donnerstag die Verarmung des Oberbürgermeisters Böß. Dabei war Böß noch einer vielstündigen Befragung durch die einzelnen Ausschußmitglieder ausgesetzt.

heiteren Szene.

Rowan» wurde auf,gefordert, den Wy. Lekneri (Soz.) unter den Aussschußmitzgliedern heraMzufM» den» um rtzm ins Gesicht zu sagen, daß er persönlich ihm unseriöse Leute desVasteAanddan!" empföhle» hatte. Rowarra bezeichnete aber einen fc$- schen ÄÄfyeorldneten als L e i n e r t und eoH schließlich auch hier zu, daß er sich vielleicht am Tele- Phon verhört habe, als die Herren ihm avisiert wur­den. Leinert erklärte mit der Entschuldigung No- warras den Vorfall für erledigt.

Schließlich wurde noch Obermagisiratsrat Rehh bach vom Finanzdezernat vernommen.

Berlin, 6. Dezember.

Im Reichstag wurde gestern zunächst ohne Aus­sprache die Novelle zum Genostenschastsgesetz end­gültig angenommen.

Es folgte dann der mündliche

Bericht des WohnungsauSschusses über die Reichs- richtlinicn für den Wohnungsbau.

Der Ausschuß hat das wohnungspolitische Pro­gramm des Arbeitsministers noch in verschiedenen Punkten ergänzt. Es wird u. a. verlangt, dstß bei den mit öffentlichen Zuschüssen errichteten Wohnun; gen für minderbemittelte kinderreiche Familien die Miete nicht fünfzehn Prozeß c ' Einkommens über­steigen soll. Besonderer Wert soll auf die Schaffung kleinerer Wohnungen gelegt werden. Die Richtlinien kommen zu dem Schluß, daß bei dem jetzigen Stand der Wohnungsnot auf die bestehenden Mieterschutz- und Wohnungsgefetze nicht verzichtet werden kann.

Abg. Büll (Dem.) bedauert, da der Saal sehr schwach besetzt ist, das

geringe Interesse des Reichstages an der Arbeit des Wohnungsausschusses.

Der Redner kritisierte das Gutachten deS Reichs­bankpräsidenten gegen Ausländsanleihen für den Wohnungsbau. Es müsse festgestellt werden, daß es sich hterbei um durchaus produktive Ausgaben handele.

Abg. Bielefeld (Ztr.) forderte, die Haus­zinssteuerverträge sollten nicht sür allgemeine Ver­waltungsaufgaben, sondern nur für den Wohnungs­bau verwandt werden. Abbau der Wohnungs­zwangswirtschaft sei anzustreben.

Abg. S t r ö tz e l (Komm.) begründete verschiedene Aenderungsanträge seiner Partei.

Abg. Winnefeld (Dvp.) erklärte: Den not­wendigen Meterschutz wollen wir aufrecht erhalten, aber alles, was darüber hinausgeht an Zwangs­wirtschaft muß verschwinden.

Abg. Lucke (Wirtschaftspartei) führte aus, das System der Wohnungszwangswrrtschaft habe Voll­

Hammerstein bringen, tief unglückliche, entwurzelte Menschen, die, eine erschütternde Völkerwanderung un­serer Tage, auszogen, eine neue Heimat zu suchen. Un­sagbar armselig, unsagbar geduldig stehen sie auf den Laderampen des Sammellagers in den kalten Dezem­bernächten und warten, was mit ihnen geschieht. Und immer wieder klingt es auf, dieses erschütternde:Wir danken Ihnen." Wir danken Ihnen für dieses arm­selig Wenige, was das verarmte Deutschland diesen seinen Brüdern in Not geben kann. Wie schwer, wie entsetzlich schwer müsien diese Leute gelitten haben, daß sie dieses Wenige empfinden wie eine beglückende Gabe. Geduldig und still stehen sie zusammen und in ihnen ist das Gefühl eines wundervollen Eeborgenseins. Viel­leicht werden in dem bescheidenen Lager in Hammer» stein ihre tieftraurigen Augen wieder hell.

Dte beutsch-ruMchen Flüchtlinge werden bekanntlich bis zum Avril oder Mai in dem Sammellager Ham- nterftein unlergebracht. Ein Mitarbeiter, der zur Zelt in-Hammerltcin weilt, gibt im Folgenden einige fei­ner Gespräche mit den Deutsch-Ruffen wieder.

Hammerstein, 6. Dezember.

Hinter den Drahtgittern der Beobachtungsbaracke stehen sie, mit großen starren Augen, in denen immer noch das Entsetzen liegt und die Angst, es könnte jetzt noch! die G. P. U. zugreifen und sie zwangs­weise nach Archangelsk oder Solowko in die Eis­wüste Sibiriens abtransportieren, wie es ihnen bis zum letzten Tage vor ihrer Abreise aus den Dörfern um Moskau immer wieder in der brutalsten Form angedroht worden ist. Nur zögernd antworten sie auf jede Frage, langsam nur gewinnen sie Vertrauen. Dann aber verliert sich die Scheu, und mit ihren vollen, klingenden Stimmen erzählen sie, Dinge, wie man sie in unserem Jahrhundert für völlig unmöglich gehalten hätte.

Einer, eingroßerblonderMannaus der Krim, tn dessen einst energischem Gesicht die hellen Augen wie erstorben liegen, sprach mir von den Gründen, die Zehntausende hinaustrieb aus der Hei­mat ihrer Väter in eine ungewisse armselige Zukunft:

Lange vor dem Kriege habe ich von meinem Vater meinen Hof in Karassan in der Krim übernom­men. Dreihundert Desjatincn guten Bodens und an­gespannteste Arbeit und Sparsamkeit meiner ganzen Familie haben mich reich gemacht. Noch während des Weltkrieges haben wir Deutschen an der Wolga und in der Krim wie Herren aus unseren Gütern gesessen? unbelästigt von der Ochrana, obwohl die Polizei sehr gut wußte, daß wir nicht nur in Sitten und Gebräu­chen, sondern auch im Herzen noch Deutsche sind. Und dann kam die Revolution--und mit ihr die neue

Zeit.Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit"! haben die Bolschewisten auf ihre Fahne geschrieben. Die Freiheit bestand darin, daß es uns verboten wurde, unsere Kinder zum Religionsunterricht zu schicken, daß unsere Kirchen für uns versperrt und

unsere Geistlichen und Getneindeältesten als Rädelsführer" nach Sibirien verschickt oder hingerichtet

wurden. Die Brüderlichkeit bestand darin, daß wir unser bestes Land abgeben mußten, an kommunistische Mitglieder aus den Städten, die von der Landwirt­schaft nichts verstanden. Als sie die Staatskredite ver­wirtschaftet und das Saatgetreide aufgigesien hat­ten, haben wir Geld und Vorräte zur Verfügung stellen müssen, kostenlos selbstverständlich. Und die Gleichheit? Der Russe mit dem Parteibuch durfte sich alles erlauben wir durften zahlen und den Mund halten. Das geringste Vergehen, zum Beispiel Religionsunterricht für die Kinder oder Weihnachts­feiern nach althergebrachter Sitte, wurde mit einer unmenschlich grausamen Härte bestraft. Die Steuern, die die Bezirkssowjets vollkommen willkürlich fest­setzten, waren so hoch, daß wir sie nicht tragen konn­ten, ohne den Betrieb unserer Wirtschaften auf das Schwerste zu gefährden. Alle Vorstellungen und Bit­ten um Steuerstundungen nutzten nichts. Im Gegen­teil, wer sich beschwerte, dem wurde das Vieh ge­pfändet, der wurde eingesperrt, oder gar seine Fa­milienangehörigen wurden verschickt. Wir haben gern auf den von unseren Vätern übernommenen Höfen gesessen, wir haben die Krim, den Kaukasus und Si­birien liebgewonnen als neue Heimat; mit unerhör­ten Quälereien hat man diese Liebe aus unserem Herzen gerÄen und hat i» uns die Sehnsucht groß­gezogen nIV einer nhten Mimat mit wirklicher Frei-

Ein anderer, ein breitschultriger alter B a u e r, in dessen tiefbraunem Gesicht das Leid tiefe Furchen eingegraben hat, erzählte von der Völker­wanderung, die 15 000 durch das Riesenreich der Rusien nach Moskau trieb:

Man hat uns in Rußland und auch hier in der alten Heimat unserer Väter immer wieder gefragt, wer unsangestiftet" habe, die Höfe zu verlassen und auszuwandern. Darauf gibt es nur eine Antwort: die Sowjets selber! Mit ihren unglaublichen Schi­kanen und Quälereien haben sie uns der Heimat ent­fremdet. Seit Monaten schon waren die Deutschen im Kaukasus, an der Wolga, in Sibirien und in der Krim unruhig geworden. Gerüchte tauchten auf, Briefe von unseren mennonitischen Glaubensgenossen aus Kanada kamen und versprachen Hilfe. Und dann ohne ein besonderes Signal begann unsere Wanderung. Wie ein Magnet zogen uns die Dörfer um Moskau an, Hunderte erst, dann Tausende, 15 000 zuletzt. 220 Ru­bel haben die Sowjets schließlich für den Auslands­paß verlangt; nur die wenigsten noch konnten diese

Böß schildert den Pelzkauf

Oer Oberbürgermeister hält den niedrige« Preis für eine der Sklarek^

Rowarra ans dem Rückzug

Heimatsucher

Sefpräche mit den aus Rußland zurückkehrenden deutschen Flüchtlingen

Der Schlemmer

oder: Eine gute Kapitalsanlage.

Von

Pierre Billotey

Herrn Drigoule kenne ich erst seit einem Jahr und er gefällt mir so gut, daß ich es bedauere, nicht schon früher seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Er hat tausend gute Eigenschaften, wie jeder schließ­lich, aber daraus kommt es nicht an. Was ihn in meinen Augen bedeutend macht, ist ein Laster, dem er wie besessen fröhnt.

Brigoule ist reich und ich bin es nicht, und doch hatte ich das Glück ihm einen Dienst >>rweism zu können, für den er sich erkenntlich erweisen wollte.

Von heute ab", sagte er gerührt", sollen Sie mir der einzige wahre Freund sein!"

Dann schwieg er verlegen. Ich begriff, daß er sich überlegte, wie er mir klar und deutlich seine Dankbarkeit bekunden könne. Nach einem Augenblick des Grübelns sagte er geradezu feierlich:

Hören Sie! Weil Sie es sind, werde :ch tun, was ich noch nie getan habe: ich nehme Sie mit zu Peyral! Aber Sie müssen mir versprechen zu schwei­gen! Wenn man dahinterkäme wie gut man dort ißt, wäre alles verloren!"

' Nachdem ich ihm dies feierlich geschworen hatte, gab er mir nähere Auskunft. Peyral sei ein be­scheidenes Restaurant im Bastille-Viertel. Nach sei­ner Meinung gebe es in ganz Paris auch unter den berühmtesten Lokalen keines, in dem man bei so vorzüglicher Küche schwelgen könne.

Herrn Brigoules Laster war die Schlemmerei. Er liebte gute Platten wie andere schöne Frauen lieben. Und so hatte er schließlich nach eifrigem Su­chen dieses unbekannte, wunderbare Lokal entdeckt. Schon seit Jahren delektierte er sich dort täglich, aber mitgenommen hatte er noch niemanden. Seine Entdeckung sollte fein Geheimnis bleiben!

Also, es bleibt dabei, bei Tisch werden wir uns Wiedersehen! Morgen verreise ich auf einige Tage. Sobald ich wieder in Paris bin, verständige ich Sie"

Herr Brigoule wartete seine Rückkunft nicht ab. Er schrieb mir schon aus Florenz, daß er mich am kommenden Dienstag bei Peyral treffen wollte.

Ich war nun durchaus kein Schlemmer in dem Maße wie mein Freund Brigoule. Jedoch die Aus­sicht auf ein unvergleichlich üppiges Essen zog mich an. Das einfache, etwas altmodische Aussehen des Restaurants wirkte ansprechend auf mich. Ich trat ein und fragte nach Herrn Brigoule. Der Besitzer selbst bemühte sich herbei und führte mich mit gro­ßer Ehrerbietung in einen kleinen, unter der Treppe gelegenen Raum. Brigoule wartete dort schon fluj mW l< ! ..V 'll-li

Nun, wie war es auf der Reise?" fragte ich ihn Wieder mal ein Reinfall . . "

Aber wieso? Florenz ist doch voller interessanter Dinge! Da sind die Uffizien, das Palais Pitti, die schönen Kirchen..." ch

Jedem das Seine", eroberte Herr Bigoule achselzuckend", ich bin nach Florenz gefahren, weil man dort ein Albergo von Klasse entdeckt haben wollte. Aber, mein Lieber, was für ein Remfall! Minesstrone» mit Spülwasser und so ungefähr das Ganze! Ich habe nie so schlecht gegessen! Nu will ich aber diese lächerliche Pleite vergessen und mich hier schadlos halten. Das Essen ist bereits be­stellt. Ich bin gespannt auf Ihr Urteil!"

Aber dieses so feierlich angekündigte Mahl fing unrühmlich mit einer Seezunge an, die zwischen ro­hen Champignons in saurer Sauce schwamm.

Schon nach dem ersten Bissen erbleichte Herr Brigoule. __

Holen Sie Herrn Peyral!" rief et dem Oder mit erregter Stimme zu.

Herr Peyral, der Wirt, ein Mann mit weißen Haaren erschien sofort auf der Schwelle. Seine Miene verriet, daß er auf die strengste Kritik gefaßt war. Sachte drückte er die Türe hinter sich zu und sah uns an, Demut im Blick.

Was geht hier vor?" verhörte ihn Herr Bri­goule.Hier in Ihrem Lokal, eine derart unge­nießbare Seezunge! Wollen Sie mir das erklären? Haben Sie vielleicht einen anderen Koch? Sie wer­den mir doch nicht erzählen wollen, Herr Peyral, daß Lucien uns diesen Fraß von Gräten in Essig gekocht hat?"

Sie müssen entschuldigen, Herr Brigoule", seufz­te der Wirt, aber es war wirklich Lucien. Sen einer Wocbe verpatzt er alle Saucen und läßt alle Brate» anbrennen, dieser Mensch!"

Zum Donnerwetter, ist er denn krank?" Schlimmer als das, mein Herr!"

Schlimmer? Wieso? Ist er verrückt geworden?"

Ja ober vielmehr verliebt, bas läuft ja auf bas Gleiche hinaus! Unb baran ist meine Frau schuld", slüstert der arme Alte.

Ihre Frau?" rief Brigoule.Lucien sollte in Ihre Frau verliebt fein?"

Bei meinem Eintritt hatte ich Frau Peyral ge­sehen: eine liebenswürdige Siebzigerin!

Nein, ich habe mich schlecht ausgedrückt", sagte Peyral", ich wollte sagen, daß meine Frau den Feh­ler begangen hat, Lucien als Küchenhilfe diese teuf­lische Jeanette zu geben. Die tut so, als ob sie nicht bis drei zählen könnte und was macht bas Suber? Scharwenzelt kokett um Lucien herum unb wenn er sie küssen will, läuft sie ihm davon unb lacht ihn aus. So benimmt sich iie Jugenb von heute! Der arme Lucien wird ganz toll dabei. Seit acht Tagen

unfähig halte, auch nur ein Ei zu kochen. Er fügt uns großen Schaben zu und da er sich darüber klar ist, hat er uns vorgeschlagen, zu gehen. Aber ich will ihn nicht ziehen lassen, weil ich hoffe, daß er wieder zur Vernunft kommt. Vorderhand wird er von Tag zu Tag verrückter."

Aber lieber Freund", sagte Brigoule,jagen Sie doch Jeanette zum Teufel!"

Daran habe ich auch schon gedacht. Aber Lu­cien bleibe nicht allein zurück, und es setzte vielleicht noch vorher ein Unglück ab in der Küche."

Der geschlagene Peyral zog sich zurück und wir bekamen der Reihe nach angekohlte Rebhühner, kleine Erbsen, die gegerbter Ziegenhaut glichen, und andere Scheußlichkeiten dieser Art. Brigoule blieb stumm. Mich hatte er vergessen. Er runzelte die Augenbrauen und dachte nach.

Schließlich als wir dank dem Käse unseren Hunger gestillt hatten, ließ er sich Fräulein Jeanette kommen.

Jeanette hat ein. Sie mochte zwanzig Jahre alt fein, hatte schöne braune Haare und ein rosiges Gesicht, war ziemlich klein, eher rundlich, trug eine weiße Schürze und perlseidene Strümpfe unb war gewiß appetitlicher, als die Küche ihres Galans.

Mein Kind", erklärte ihr Brigoule, indem er ihr die Wangen streichelte,Sie sollen durch mich Ihr Glück machen."

Er führte sie in die Ecke unb sprach mit Ihr etwa eine Vlertelstunbe lang, aber so leise, baß ich kein Wort verstehen konnte. Jeanette schien von dem, was sie hörte, entzückt zu fein,

Als sie toieber draußen war, sagte Brigoule mit großem Ernst:Ich will Sie nicht länger aufhal­ten mein Lieber! Ich habe noch ziemlich lange mit dem Wirt zu reden! Auf bald! Wir werden uns hier Wiedersehen!"

Einige Wochen später beschied mich Brigoule tat­sächlich wieder an den gleichen Tisch. Von Herrn und Frau Peyral war nichts zu sehen. An der Kasse thronte in großem Aufzug Jeanette. Das Mittag­essen war famos. Ich war begeistert und Brigoule sagte zu mir, indem er sich die Hände rieb:

Ich babe ein gutes Werk getan unb zugleich eine gute Kapitalsanlage gemacht. Ich habe bas Restau­rant gekauft unb es Lucien unb Jeanette übergeben unter ber Bebingung, daß sie sich heiraten. Was da- bei herausgekommen ist, können Sie nun selbst beur­teilen."

Seitbem habe ich oft dort mit dem teuren Bri­goule geschmaust unb jedesmal haben wir uns mit großer Rührung delektiert.

Da kam das Verhängnis; einer TageS wurde uns ein Essen serviert, das noch viel schlechter war, als seiner Zeit das erste. Brigoule war entsetzt.u»d

Er kam, ein Bild des Jammers, schüttelte den Kopf, den die hohe, weiße Mütze überragte, unb sagte gleich:

Herr Brigoule, ich errate, was Sie mir sage» wollen! Doch versetzen Sie sich an meine Stella Aber wären Sie vielleicht imstande nur eine Ome­lette fertig zu bringen, wenn Sie gerade Ihre Frais in den Armen eines kleinen Telegraphisten erwisch! hätten?"

(Autorisierte Uebersetzung von Manon Rorroy.)

Deutsche Bucherfosge im Ausland

- In den letzten Jahren haben einige deutsche Büchet in England einen ganz außerordentlichen Erfolg ge habt. Leber diese interessante Tatsache schreibt P. Sei Der int neuesten Heft derLiteratur":Es wird bij Aufgabe eines zukünftigen Literarhistorikers sein, f.d mit dem Sieg zu befassen, der in der letzten Zeit doi gewissen deutschen Büchern in England und Amerist baoongetragen wurde. Im allgemeinen kann ma, sagen, daß das große Interesse, das die hiesige Lese weit seit einigen Jahren für die Arbeiten deutsch^ Schriftsteller bezeigt, sich, wenigstens teilweise, psycho logisch erklären läßt. Man will eben das solange Ver säumte möglichst schnell nachholen. Aber es wäre irre führend, wollte man annehmen, daß z. B. Feuchtwan gers ,Jud Süß" nur deshalb einen so großen utti nachhaltigen Erfolg erzielte, weil das Buch als reprä sentatives Produkt der neueren deutschen Literatur b« trachtet wurde. In Wirklichkeit wurde es von oielei Lesern verschlungen, die sich keineswegs für neue» deutsche Literatur, wohl aber für die Pikanterie inte» essierten. Dasselbe gilt auch für RemarquesZi Westen nichts Neues", denn obwohl das Buch natürlil auch wegen seiner literarischen Vorzüge Anklang g< funden hat, so wäre der Erfolg schwerlich ein so außer ordentlicher gewesen, wenn es nur Kriegsbuch gewes« wäre. Viele lasen hauptsächlich um ber Anstößigkeit« willen. Wieoiele, läßt sich annähernd durch einen Bet gleich mit den englischen Auflageziffernvon Arno, ZweigsSergeanten Grischa" feststellen, für dessen Et folg rein ästhetische und sachliche Momente gewiß aui schlaaaebend waren. Wohl infolge dieser Anregung« aus DeuHchland hat die englische Kriegsliteratur ein« erneuerten Impuls erfahren, und das Interesse a, Kriege, das jetzt wach wird, übertrifft bei weitem das jenige, das den früheren englischen Kriegsbüchern ent gegengebracht wurde." B.

Ehrenvolle Berufung. Kapellmeister Dr. Langs hl vom Wiener Sinfonie-Orchester die ehrenvolle Gil labung erhalten, in nächster Zeit in Wien ein Ko» jert zum Besten feines Penstonssonds zu dirigiere,