Kasseler Neueste Nachrichten
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Nummer 286
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Donnerstag, 5. Dezember 4929
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19. Jahrgang
Endlich Beschleunigung der Fmanzreform?
Verständigung zwischen Kabinett und Regierungsparteien soll noch vor Weihnachten emicht werden / Vriand über die Saawerhandlungen
Die neuen Gteuerpläne
Von unserer Berliner Schriftleitung.
Deutschland und Polen
Bon Staatssekretär z. D. Frhr. v. Rheinbaben, M. d. R.
V Berlin, 5. Dezember.
Durch die Besprechungen, die in letzter Zeit zwischen führenden Mitgliedern der Regierungsparteien und dem Reichskanzler stattgefundcn haben, scheint es jetzt einigermaßen sichergestellt zu sein, daß das Tempo der Finanzreform in nächster Zeit stark beschleunigt werden wird. Man rechnet damit, daß es noch vor Weihnachten gelingen wird, eine Verständigung zwischen Kabinett und Regiernngsparteien her- beizuführen, und daß gleichzeitig eine Verpflichtung der einzelnen Mitglieder des Regierungsblocks zur gemeinsamen Durchführung des gesamten Programms erzielt werden kann.
In zahlenmäßiger Hinsicht läßt sich vorläufig mir seststellen, daß die Summe, die bei der Finanzreform überhaupt in Betracht kommt, zwischen 900 und 1200 Millionen liegt. Die wichtigsten Posten aus diesen Beträgen sind zunächst etwa 300 Millionen Ersparnisse euS dem Noungplan (eigentlich müßten es 450 sein, von denen aber noch 150 für das Osthilfsprogramm abgehen). Ferner etwa 250 Millionen, die man aus der Erhöhung der Bier- und Tabaksteuer erwartet.
schon gestern eingestellt und die Peterskirche ge- schlosseit, wo in der Sakristei-Kapelle am Konfesstons- altar ein Betpult für das Herrscherpaar aufgestellt wird. Das Könrzspwar wird auch die Gruft des Heiligen Petrus aufsuchen.
Die Fahrt des Köirigspaares und seines zahlreichen Gefolges erfolgt bis zum Petersplatz in einem geschlossenen Kraftwagen. Hier wird der Gouverneur der Vatikanstadt die Begrüßungsrede halten. Die eigentliche Privat-Audienz findet in kleinen Thronsaal statt, wobei der Auszug im Vatikan und der Empfang sich in denkbar prunkvollster Weise abwickeln wird.
Wittlich am 3.3anuar?
Paris, 5. Dezember.
Wie die Blätter aus dem Haag melden, hat die niederländische Regierung vom Präsidenten der Haager Konferenz, dem belgischen Ministerprä'iden- ‘ten Jaspar, eine Mitteilung erhalten, tn der dieser die Absicht ankündigt, die zweite Haager Konferenz auf den 3. Januar einzuberufen.
Die deutsch-polnischen Vereinbarungen vom 31. Oktober sind zur Zeit Gegenstand heftigster Kritik in der deutschen Oeffentlichkeit. Der authentische Text der Vereinbarungen ist auf ausdrücklichen Wunsch der polnischen Regierung bisher auf beiden Seiten noch nicht veröffentlicht worden, so daß für jeden, der sich um ein sachliches Urteil bemüht, bis auf weiteres das Gebot einer gewissen Zurückhaltung vorliegen sollte.
Worum handelt es sich int wesentlichen? In den Vereinbarungen wird ein gegenseitiger Verzicht auf staatliche und private Ansprüche ausgesprochen. Da dieser Verzicht aus deutscher Seite zweifellos eine finanzielle Konzession bedeutet, erklärt sich Polen bereit, teilte Liauidatiou deutschen ländlichen u. städtischen Grundbesitzes, soweit er am 1. September 1929 noch in deutscher Hand war, mehr vorzuneh- men; Polen verzichtet ferner auf Inanspruchnahme des sogenannten Wiederkaufrechts hinsichtlich von rund 12 000 Ansiedlung- und Rentengüterin der Hand deutschstämmiger Eigentümer; Polen verzichtet ferner auf Ausübung des 1937 eintretenden Li- gguidationsrechts in Polnisch-Oberschlesien, fotoeit ihm dieses durch das deusch-polnische Abkommen über Oberschlesien vom 15. Mai 1922 gewährt wurde
Weiterhin etwa 300 Millionen aus den neuen Steuern, die man als Verwaltungskostenbeitrag oder als Bürgerbeitrag ober als Kopfsteuer bezeichnet. Diese neuen Steuern sollen einen variablen Faktor bei den Gemeindeabgaben darstellen und mit den Realttenern sinken und fallen.
Westarps »tritt vom Vorsitz
Von Unserer Berliner Schriftleitung.
In diesen Angaben scheint der Kernpunkt des ganzen Reformprogramms zu liegen, jedoch ist darüber politisch vorläufig noch keine Einigung gefunden.
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Nach Mitteilungen des Demokratischen Zeitungsdienstes wird sich die Reichsregiening noch in dieser Woche mit der Vorlage des Reichs irbcitsmini- sters befassen die eine Beitragserhöhung für die Arb e i t s lof cinv er si che ru n,g ;N Höhe von ¥a. Prozent vorsieht. Es kann damit gerechnet werden, daß sich insbesondere der Reichs- finanzininister dem Vorschlag des Rcichsarbetts- mtn"fterS anschließen wird. Ob eine Beitragserhöhung von ?4 Prozent in Frage kommt, muß noch eingehend geprüft werden.
„Hur rein wirtschaftliche Fragen"
j Srianb über die Saarverhandlunge«.
P Paris, 5. Dezember.
In dem Antwortschreiben des Außenministers Briand, das Paul Boneourt am Mittwoch dem Auswärtigen Ausschuß der Kammer vorlegte, weist Briand darauf hin, daß er sich auf der Haager Konferenz geweigert habe, die Saarverhandlungen einzuleiten, und versichert, daß die gegenwärtig im Quai d'Orsay geführten Verhandlungen auf rein wirtschaftliche Fragen Bezug hätten, weil die politischen Fragen zurückgestellt seien.
Das Antwortschreiben Briands bezog sich aus eine an Briand gerichtete For«u.rung, im Auswärtigen Ausschuß Aufklärungen über die gegenwärtigen Saarverhandlungen zu geben.
Muer Kolonistenttanspott in Eydttuhnen
Eydtknhnen, 5. Dezember.
Der dritte Landtransport der deutschstämmigen Bauern traf heute kurz nach Mitternacht in Eytst- knhnen ein. Er bestand aus 390 Personen, darunter 79 Kinder unter fünf Jahren und 60 Kinder im Alter von füns bis neun Jahren. Die Stimmung dieser Flüchtlinge war recht gedrückt. Die Sanitäter mußten ein acht Monate altes Kind, das kurz vor Eydtkuhnen gestorben war, und eine während des Transports nie- bergetommene Frau in das Lagerlazarett schaffen. Der nächste, etwa 600 Personen umfassende Transport wird Morgen nacht in Eydtkuhnen eintreffen.
* * *
Kowno, 5. Dezember.
Rach einer amtlichen clbung aus Moskau ist der vierte Transport deurscher Bauern aus Rußland in Stärke von 550 Köpfen am Dienstag von Moskau abgegangen.
Das italienische Königspaar im Vatikan
Rom, 5. Dezember.
Beim endgültigen Programm für Den heutigen Empfang pes italienischen Königspaares im Vatikan ist der kirchliche Charakter gegenüber dem politischen in den Vordergrund gerückt.
D« Zugänge zur Stadt des Vatikans sind schon feit den ersten Morgenstunden gesperrt; umfassende Sicherheitsmaßnahmen sind tm Vatikan selbst getroffen worden. Außer den wenigen Personen, die für Die Feier besonders ausgegebene Einladungskarten erhielten, Hai niemand Zmritt. Tie Arbeiten an den verschiedenen Bauten der Vatikan-Stadt wurden
Berlin, 5. Dezember.
Die Austrittsbewegung aus der deutschnationalen Partei und Fraktion macht vorläusig bei dem Stande von 12 Abgeordneten halt, die der Partei den Rücken gekehrt haben. Es handelt sich, wie wir bereits gestern berichtet haben, um die Abgeordneten Lambach, Hartwig, Hülser, Treviranus, Klönne, Lejeune, Lindeiner-Wildau, Schlange- Schöningen, Keudell, Hötzsch, Behrens und Mumm.
Die Bewegung hat inzwischen auch auf den preußischen Landtag übergegrisfen, wo der Abgeordnete Meyer und der Abgeordnete P l i e s ch aus der Fraktion ausgeschieden find. Ein Teil dieser Abgeordneten ist noch in der Partei geblieben, um die Möglichkeit zu haben, sich mit den Landes-Organisationen aus- einanderzusetzen. Ein anderer Teil hat mit dem Austritt aus der Fraktion zugleich den Austritt ans der Partei vollzogen.
Ser Wechsel im Frakttvnsvottitz
Besonders bemerkenswert ist ferner, daß Graf Westarp sich gestern veranlaßt gesehen hat, den Vorsitz der Reichstagssraktion niederzulegen. Er begründet diesen Entschluß vor allem mit dem Ausscheiden der 12 Abgeordneten, die zu seinem engeren politischen Freundeskreis gehören. Nach deren Ausscheiden sieht Graf Westarp keine Möglichkeit mehr, die bisher eingehaltene politische Linie in der Führung der deutsch- nationalen Fraktion weiter zu halten. t?n ^rue Stelle ist zunächst Dr. Oberfohren getreten, der bis auf weiteres die Geschäfte der Fraktion führen wird.
Bei der politischen Beurteilung dieser Austrittsbewegung muß man vor allem beachten, daß Hugen- berg gegenwärtig zwar eine starke Opposition innerhalb der deutschnationalen Reichstagsfraktion findet, daß er aber den Apparat des gesamten Partei-Orga- nismusses nach wie vor fest in der Hand hält und-daß insbesondere die Landesverbands-Vorsitzenden anscheinend unentwegt zu ihm stehen. Unter diesen Umständen werden die ausgeschiedenen Abgeordneten in starken Konflikt mit ihren heimatlichen Organisationen kommen, von denen ihre Kandidatur aufgestellt wurde. Es wird sich fragen, inwieweit es bei einer künftigen Reichstagsneuwahl gelingt, durch diese Abgeordneten einen Teil des Blocks der Deutschnationalen mit hinüber in das Lager der Opposition zu ziehen.
Lind Schiele?
Von außerordentlicher Bedeutung wird die Haltung des Abgeordneten Schiele sein, der bis jetzt eine sehr vorsichtige, zurückhaltende Taktik verfolgte. Sollte auch Schiele sich entschließen, aus der-Partei und Fraktion auszutreten, so würde das ein sehr schwerer Schlag für Hugenberg sein, weil hinter Schiele der Landbund steht. Vorläufig ist aber eine Entscheidung dieses Abgeordneten noch nicht zu erwarten. Von den bisher ausgetretenen Abgeordneten wird Klönne als einer der wichtigsten betrachtet, weil er allein in der Lage ist, die Sezession zu finanzieren.
Die ausgetretenen Abgeordneten wollen eine „deutschnationale Arbeitsgemeinschaft" im Reichstag gründen, wobei die Christlich-Sozialen eine besondere Gruppe innerhalb dieser Arbeits- gemeinschast bilden werden. Vorläusig müssen sie aber noch abmatten, bis noch einige weitere Abgeordnete hinzukomme«, damit sie die Fraktionsstärke von 15 Mann erreichen. Man nimmt an, daß dies bald der Fall sein wird, da man bei einigen Abgeordneten noch sicher mit dem Austritt rechnet.
Man hält es für wahrscheinlich, daß die Zahl insgesamt maximal vielleicht bis aus 20 ansteigeu wird,
daß sie dann aber nicht weiter um sich greifen dürfte, sodaß die Ausdrucksweise der Linkspresse, die bereits von einer Auslösung der deutschnationalen Partei spricht, natürlich sachlich übertrieben erscheint. Immer- hin ist auch vor allem in der agrarisch orientierten Presse festzustellen, daß man mit großer Besorgnis die Vorgänge verfolgt.
firitif an Hugenberg
Berlin, 5. Dezember.
Von den aus der deutschnationalen Fraktion ausgeschiedenen Abgeordneten haben einige ihren Schritt näher begründet. Der Abg. Lambach, Verbandsgeschäftsführer und Mitglied der Verwaltung des Deutschnationalen Handelsgehilfenverbandes, hat an Dr. Hugenberg einen Brief gerichtet, in dem es u. a. heißt: „Die Deutschnationale Volkspartei hat unter ihrem ersten Vorsitzenden eine Brücke über die Kluft zwischen den Ständen geschlagen. Sie hatte das Ar- beitgebertum in Stadt und Land mit den von der gesamten deutschen Arbeitnehmerschaft als aufrechten Führern anerkannten christlich-nationalen Gewerkschaftlern auf dem Boden weltanschaulich begründeter politischer Willensbindung verbunden. Sie haben durch Ihre betriebsame Förderung der „Irrwege der Sozialpolitik", durch Ihren Brief nach Amerika sich außerhalb der Willensgemeinschaft jener gestellt, die eigene Not aus eigener Kraft in eigener Würde überwinden wollen."
In einem Schreiben des Abg. Behrens, Vorsitzendem des Zentralverbandes der Landarbeiter, und des D. Mumm an den Grafen Westarp wird bedauert, daß bei dem Kasseler Parteitag weder des Reichspräsidenten gedacht, noch ein Telegramm an ihn abgeschickt sei. Durch den Antrag auf Ausschluß dreier Arbeitnehmervertreter sei das Verhältnis der Abgeordneten zur christlich-nationalen Arbeitnehmerbewegung schwer geschädigt worden. Außerdem wird in dem Schreiben Kritik an der kulturellen Haltung verschiedener Hugenberg-Unternehmungen geübt.
Abg. Lejeune-Iung erklärt, er habe die schmerzliche Gewißheit, daß die christlich-konservative Weltanschauung sich unter dem jetzigen Vorsitzenden nicht mehr in der erforderlichen Weise auswirken könne.
Gens und die Abriistungssrage
Scharfe Ktttik Lloyd Georges.
London, 5 Dezember.
Im englischen Unterhaus unternahm der Führer der Liberalen Lloyd George einen heftigen Angriff auf die Politik des Völkerbundes tn derAb- rüftungSfrage. Lloyd George, der anläßlich eines liberalen Antrages für weitgehende Abrüstung das Wort ergriff, erklärte, daß von feiten des Völkerbundes auf dem Gebiete der Wcltabrüstung bisher überhaupt nichts getan worden sei. Besondere Aufmerksamkeit fordert Lloyd George für die Land- reserven, auf welchem Gebiete unbedingt eilte Abrüstung erfolgen müsse, wenn nicht ein neuer großer Krieg vorbereitet werden solle.
„Deutfckland ist entwaffnet worden" erklärte Lloyd George im Verlaufe seiner Rede, „wir bestanden darauf, baß Deinschiaus jede,, einzelnen Artikel des Versailler Vertrages über die Abrüstung genau ausführte, loäfiretio wir selbst bisher noch nicht begonnen haben, von uns aus den Versailler Vertrag hinsichtlich der Abrüstung dttrchzuführen. Ohne Abrüstung ist ein neuer Krieg unvermeidlich."
In Beantwortung der von Lloyd George an die Regierung gerichteten Forderung, mit alle: Macht die Abrüstung in der Welt anzustreben, erklärte der erste Lord der Admiralität, daß Lloyd George offene Türen einstoße, da die gegenwärtige Regierung ihre Hauptaufgabe in der Förderung der Frage der Abrüstung sehe.
Wie kommt man am besten zu einer „Bilanz* dieser Vereinbarung? Schon ein erster flüchtiger Blick auf dieses hier mitgeteilte Grundsätzliche ergibt, daß sie sich deutlich in zwei Gebiete teilt: den finanziellen Teil der Entschädigung für deutsches Eigentum, das Polen seit 1919 beschlagnahmt bezw. ligmdiert hat und zweitens gegenüber dem bisherigen Zustand
erweiterte Rechtsgarantien
für deutschen Grundbesitz und deutschstämmige Menschen im heutigen Polen. Für jeden, der den Osten einigermaßen kennt und der sich Sorgen über die Zukunft der deutschen Ostmark macht, ist es klar, daß gewisse finanzielle Konzessionen — auch für das verarmte Deutschland — dann gerechtfertigt wären, wenn auf der anderen Seite der Wert der von Polen gegebenen erweiterten Rechtsgarantien einwandfrei 'feststeht. Dies und nichts anderes mutz gegeneinander abgewogen werden.
Hiermit ist gesagt, daß ich von vornherein mit einer Kategorie von Kritikern nichts zu tun haben will, deren Weisheit letzter Schluß im Schimpfen auf Polen liegt und die ihre Stimmung in den Satz zufammenfassen: „Polen hat bisher noch nie einen Vertrag gehalten, und es ist wertlos, mit ihm überhaupt Verträge abzuschließen". Gewiß, eine solche Stimmung ist nach allem, was Polen uns, — gestützt auf seine mächtigen Verbündeten — feit 1919 angetan hat, mehr als erklärlich. Bloß-„Politik" ist das nicht! Politik ist nämlich nicht nur §Kunst", sondern auch „Gebot" des Möglichen. Für mich scheint die Entwicklung der letzten Jahre bargetan zu haben, daß das deutsch-polnische Problem sich nur bann für Deutschland günstiger gestalten wird, wenn es nicht als Problem an sich behandelt, sondern von uns in den Prozeß der internationalen Politik bewußt und klug hineingeführt wird. Bisher „haben wir zugegebenermaßen ans Gründen europäischer und weltpolitischer Komplikationen auf dem Gebiete der Bereinigung unfereS Verhältnisses zu Polen leider wenig Verständnis, geschweige denn Unterstützung von außen erfahren. Auch wenn formalrechtlich die Empfehlung des Kapitels 9 im Noungplan (bie Gläubiger-Regierungen sinb zu ber Erwartung berechtigt, Deutschlanb werbe in Anbetracht ber endgültigen Festlegung der Gläubigeranspruche auf einen ermäßigten Betrag seine Ansprüche „an Polen fallen lassen") sich nicht auf die Anfprüche M,-- vater beziehen mag und auch wenn die deutsche Regierung es völlig in ihrer Hand hat, innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten des Youngplanes .— wie es weiter in ihm empfohlen wird — Verhandlungen mit Polen zu führen, die den berühmten Schlußstrich unter alles Vergangene setzen sollen, so halte ich dafür, daß ber gegenwärtige Augenblick durchaus richtig gewählt war, einen vielleicht letzten Verfuch zur
Normalisierung der Beziehungen mit Polen zu machen. Denn — was man auch dagegen sagen mag — ein solcher Zustand ist bie unbebingte Voraussetzung jeder für Deutschland günstigeren Gestaltung des deutsch-polnischen Verhältnisses!
Freilich, ich will ossen aussprechen, baß auch ich die bisher gegebenen Rechtsgarantieen für deutfchen Besitz und beutfebe Minderheiten nicht für genügend erachte. Worin die Bedenken in der Hauptsache liegen, kann ich hier nur anbeuten: Bezüglich des Aushörens ber Liguibation beutschen Grundbesitzes muß nach den bisherigen Erfahrungen eine einwandfrei formulierte vertragliche Zusage der polnischen Regierung vorliegen, das polnischeAgrar- g e s e tz — neben der Drohung mit Liguibation bie andere Quelle dauernder Beunruhigung! — nicht einseitig gegen deutschen und deutschstämmigen Grundbesitz anzuwenden. Bezüglich der 12 000 deutschstämmi- gen Siedler ist bie bisherige Bestimmung untragbar, baß schon mit einem „Vergehen" vorbestrafte Nachfolger zum Antritt des Erbes nicht zugelassen werben sollen. Es muß ferner basiir gesorgt werden, daß der ans den früheren Rentengutsverträgen mit ber preutzifchen Regierung ftammenbe Begriff ber „schlechten Bewirtschaftung", ber seinerzeit dem preußischen Staat das Rückkaussrechi gab, so einwandfrei definiert wird, daß er nicht aus politischen Gründen gegen einen deutschstämmigen Besitzer zum Zwecke von dessen Vertreibung angewandt werden kann. Schließlich muß es erreicht werden, daß diejenigen Söhne deutschstämmiger Siedler, die seinerzeit für Deutfchland optiert haben, zum Antritt des Erbes und zur polnischen Staatsangehörigkeit zugelassen werden.
Was die Entschädigungspflicht Privater, bie bisher ihre Sache nach ben Bestimmungen bes Versailler Vertrages vor dem deutsch-polnischen Schiebsrichter anhängig gemacht haben, anbetrifst, so ist ein Streit der Rechisgelehrten darüber entbrannt, inwieweit der deutsche Staat überhaupt befugt war, über folche Reckte — mögen sie noch so ungeklärt und zweifelhaft einzutreiben fein — in einem Staatsvertrag nach Außen zu verfügen. Die Einzelheiten der sehr komplizierten Rechtslage darzulegen, würden den Rahmen diefes Artikels weit überschreiten. Ich beschränke mich daher hier auf die Forderung, daß auf jeden Fall die. von dem Deutfchen Reich zu übernehmende und auszuzahlende Entschädigung dem in Betracht kommenden Artikel 92 des Versailler Vertrages, d. h.
dem Begriffe des „angemessenen Schadensersatzes" entsprechen
muß. Es kann doch wohl keine Rede davon sein, baß insbesondere bürgerliche Parteien des Reichstages ber Vereinbarung zustimmen könnten, ehe nicht seitens der Reichsregierung in einwandfreier Weise und zahlenmäßig dargelegt wird, inwieweit sie die bisherigen privaten Gläubiger Polens zu entschädigen willens und in der Lage ist. Dabei wird auch der Ge-