Kasseler Neueste Nachrichten
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Kasseler Abendzeitung
ft«Ä.THÄ*!ä!'8?gä ft vellungsgebuhr. Zn Fällen von höherer Gewalt besteht kein Ansvrnch atU Liesentng der Jeittrng oder auf Rückzahlung des Bezugspreises. Verlag. SchriMeitung und Druckerei: gbinttoe Swahc tO. — Xetenbo«. Bammelnummer 6800. 3nrtititoe Sprechstunde ieöen Dienstag von 5 M8 7 Uhr, Kölnische Strohe Rr. 19.
19. Jahrgang
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
Mittwoch, 4. Dezember 1929
Nummer 285
Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.
Russisch-chinesisches Protokoll unterzeichnet!
Mkden verspricht Rückkehr zum Vertrage von 1924 / Sechs Abgeordnete ans der deuWnationalen Partei ausgeschieden
Fngerechtseriigte Einmischung"
(Eigener Drahtbericht.)
Oie deutschnationale Krise
Von unserer Berliner Schriftleitung.
In Washington ist man der Ansicht, daß der amerikanische Schritt nur als Maßnahme zur Förderung des Friedens angesehen werden könne. Die amerikanische Note bedeute in keinem Falle einen ungerechtfertigten Druck auf Rußland. Die russische Stellungnahme zur Note wird in Washington als erledigter Zwischenfall betrachtet, der einfach übergangen wird. „Sie Rote Armee
bleibt auf dem Posten"
Moskau, 4. Dezember.
Auch das Blatt der Roten Armee, die „Krafnaja Swesda", äußert sich jetzt zur Lage in Ostasien und zur Frage der Beilegung des Konflikts. Das Armeeblatt gibt dabei einem noch stärkeren Mißtrauen hinsichtlich der weiteren Entwicklung Ausdruck, als die „Jswestija" und die „Prawda". Die „Krasnaja Swesda" ist der Meinung, daß die Sowjetunion auch nach der Annahme ihrer Bedingungen durch die chinesische Regierung in Mulden allen Grund habe, der Nanking-Regierung zu mißtrauen.
Dem Organ der Roten Armee scheint es noch nicht einmal klargestellt zu sein, ob Mulden und Nanking eine verschiedene Haltung einnehmen, sodaß Mulden für, Nanking aber gegen Verhandlungen mit Moskau wäre, oder ob auch die Mukdener Vorschläge nur auf Verschleppung und nicht auf wirkliche Beilegung des Konflikts hinzielen. Die Rote Armee des Fernen Ostens werde daher nach wie vor kampfbereit auf ihrem Posten stehen und alle etwaigen neuen An- grisfsversuche zurückzuschlagen wissen.
(Siehe auch d-n Artikel „Mandschurische Rätselet)
plündernde Soldaten
London, 4. Dezember.
„Times" meldet aus Schanghai: Ein Regiment der 24. Division in Pukau, der Endstation der Eisenbahn Tientsin — Pukau, gegenüber Nanking, hat gestern früh gemeutert und die Stadt geplündert. Der Fährdienst zwischen Nanking und Pukau ist unterbrochen.
Die Meuterei soll darauf zurückzuftibren sein, daß das Regiment sich weigerte, nach Kanton zu gehen, um gegen die aufständischen Truppen Tschangsat- kwais zu kämpfen. Nach japanischen Meldungen greift Tschangfatkwais im Samschui-Bezirk, 50 Meilen von Kanton, an.
i. Nikolsk-Ussuriisk, 4. Dezember.
r Ter Vertreter der Mukdener Regierung Tsai And der Agent des Außenkommissariats der Sowjetunion Simanowski, haben gestern ein Protokoll unterzeichnet, in dem Tsai erklärt, daß die Mukdener Regierung den derzeitigen Berwaltungsvorfit- zenden der Ostchinabahn, L i u, absetzt. SimanowSki erklärte, nach der Absetzung Lius werde die Sowjet- regierung gemäß der von Litwinow am 29. August dem deutschen Botschafter in Moskau abgegebenen Erklärung bereit sein.
Der Vertreter der Mukdener Regierung teilte weiter mit, seine Regierung werde die Mukdener und Pekinger Abmachnngen vom Jahre 1924 in Zukunft streng einhalten. Simanowski nahm diese Erklärung »it Genugtung entgegen.
Mskau protestiert!
Washington, 4. Dezember.
Nach Meldungen aus Moskau hat die amtliche Agentur der Sowjetregierung eine Erklärung ver- öffentlicht, in der die Demarche der amerikanischen Re. gierung im chinesisch-russischen Konflikt als ein nicht zu rechtfertigender Versuch bezeichnet wird, einen Druck auf die im Gange befindlichen Verhandlungen auszu- Lben. Diese Demarche könne unter keinen Umstände» als ein freundschaftlicher Schritt betrachtet werde», und die Sowjetregierung könne es nur erstaunlich finden, daß die Vereinigten Staaten, die aus ihren eigenen Wunsch keine diplomatischen Beziehungen mit ihr unterhalte« wollten, es sür angebracht hielte», ihr Vorschläge und Ratschläge zu unterbreiten.
„Ein erledigier Zwischenfall"
Rewyork, 4. Dezember.
In Washingtoner amtlichen Kreisen ist man über den Standpunkt Rußlands sehr unangenehm überrascht, demzufolge die Note des amerikanischen Staatsdepartements in Moskau als keineswegs freundlicher Akt angesehen wird.
Rauscher verhandelt wieder
Berlin, 4. Dezember.
Gesandter Rauscher hat sich in Begleitung.des Geheimrats Eisenlohr von der Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amtes gestern abend nach Warschau zurückbegeben, wo die durch die Berliner Reise des Gesandten unterbrochenen Handelsvertragsverhandlungen mit der polnischen Delegation sofort wieder ausgenommen werden sollen.
Im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten, die sich in der Frage der polnischen Schweinefleischausfuhr nach Deutschland ergeben haben, ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß sich die Verhandlungen noch einige Zeit hinziehen werden. Es gilt bekanntlich eine Formel zu finden, die geeignet wäre, die polnischen Bedenken inbezug auf die tatsächliche Unterbringungsmöglichkeit für das ins Auge gefaßte Schweinefleischkontingent zu zerstreuen.
Die hohen Ausgaben für die Landesverteidigung bezeichnet Hoover als außerordentlich beklagenswert. Er fordert den Kongreß auf, an der Einschränkung dieser Posten mitzuarbeiten. Er hofft auf einen neuen Erfolg der Londoner Seekonferenz, da anderenfalls Amerika während der nächsten sechs Jahre für Neubauten allein über 1200 Millionen Dollar neben erhöhten Erhaltungskosten ausgeben müßte.
lieber die Freigabe des deutschen Eigentums sagt Hoover: Der weise Entschluß, daß das während des Krieges beschlagnahmte Eigentum an die Eigentümer zurückgegeben werden soll, wird mit ziemlicher Beschleunigung durchgeführt. Von den beschlagnahmten Werten int Gesamtbeträge von 652 Millionen Dollar ist alles bis auf 111,5 Millionen zurückgegeben worden. Der größte Teil dieses Restbetrages dürste während des nächsten Jahres erstattet werden.
Zur allgemeinen wirtschaftlichen Lage Amerikas erklärt der Präsident, daß das Vertrauen in die Gesundheit des amerikanischen Wirtschaftslebens zurück- gekehrt fei. Bezüglich der Einwanderung betont Hoover, daß er nach wie vor gegen das gegenwärtig in Kraft befindliche Quotensystem sei.
Ministettonserenz bei Meirich
Berlin, 4. Dezember.
In den nächsten Tagen findet laut „Börsen-Cou- rier* beim Reichsernährungminister Dietrich eine Konferenz der Landwirtschaftsminister der Länder statt. Zur Beratung steht die neue Zollvorlage sowie neben Steuer- und Kreditfragen die Erörterung der Produktions- und Absatzprobleme.
* * *
Infolge Erkrankung einiger Mitglieder der Länderkonferenz hat der Reichsminister des Inneren, wie die „Germania" von zuständiger Seite erfährt, die auf den kommenden Sonnabend anberaumte Sitzung der vereinigten Unterausschüffe der Länderkonferenz vertagt, t ----------
Neue Perspektiven
Hoovers Kongreßbotschaft.
Washington, 4. Dezember.
In seiner gestern deröfsentlichten ersten Jahresbotschaft an den Kongreß beim Beginn der ordenrli- chen Tagung stellt Präsident Hoover fest, daß Amerika mit der ganzen Welt nicht nur in Frieden lebe, sondern daß durch den Kellogg-Pakt eine neue Perspektive eröffnet wurde, die die auswärtige Potmk aller Nationen entscheidend beeinflusse. Ter Pran- dent kündigt den Beitritt Amerikas zum Jniernano- nalen Gerichtshof an.
Mr Etat eines reichen Landes
Washington, 4. Dezember.
Präsident Hoover übersandte gestern dem Bun- deskonaretz den Haushaltsvoranschlag für oaö am L Juli 1930 beginnende Etatsjahr. Der Boranschlag setzt 3830 Millionen Dollar für neumbewilligende Ausgaben an, das sind vier Millionen Dollar mehr, als der Kongreß für den rieSjährigea Etat bewilligt hat. Er enthält gegenüber dem des Vor- jahres erhöhte Anforderungen insüesonder-.' für folgende Zwecke: Etat des Staatsdepartements für höhere Gehälter 1,8 Millionen, Etat des Marinemini- steriumS für Renovierungen und Neubauten von Kriegsschiffen 10,2 Mill. Dollar. Die Gesainiaus- gaben der Armee und der Marine für die Zwecke der Landesverteidigung, ausschließlich aller nichimilitäri- schen Budgetpost, beläuft sich aus 719 Millionen Dollar.
Die Gesamteinnahmen des Haushalts werden aut 49257 die Gesamtausgaben auf 4102,9 Millionen Dollar veranschlagt. Der diesjährige Ueberschutz dürfte etwa 225 Millionen Dollar betragen. Deshalb schlägt der Bericht vor, daß die trs 15. März 1930 fälligen. Einkommensteuern um 160 Mill. Dollar ermäßigt werden sollen.
Neuer Vulkanausbruch auf Guaiemala
PariS, 4. Dezember.
Rach einer im „Echo de Paris" veröffentlichten Agenturmeldung aus Fort de France ist gestern ein neuer, eine halbe Stunde dauernder Ausbruch des Bullaus Mont Pele erfolgt.
Berlin, 4. Dezember.
Die Krise in der deutschnationalen Partei ist gestern offen zum Ausbruch gekommen, und niemand weiß, ob sich das lawinenartige Anschwellen der Zersetzungserscheinungen heute in gleichem Maße fortsetzen wird, oder ob es dem Parteiführer noch einmal gelingt, diese Bewegung zum Stillstand zu bringen.
Bis jetzt find sechs Abgeordnete aus der Fraktion ausgeschieden, und zwar die Abgeordneten Hartwig, Lambach, Lejeune, Hülser, Klön ne und Treviranus. Für heute rechnet man mit dem Austritt weiterer Abgeordneter, in erster Linie Lindeiner-Wildau, Schlange-Schöningen und von Keudell. Darüber hinaus aber ist bereits eine Bewegung im Gange, wonach alle die 20 Abgeordneten, die am vorigen Sonnabend nicht für den § 4 stimmten, aus der Fraktion ausscheiden, um sich als C h r i st l i ch - soziale Bolkspartei als Fraktion zufam- menzuschließeu.
Ob es dazu tatsächlich kommen wird, muß im Augenblick noch dahingestellt bleiben, aber bereits das Aus- cheiden von sechs Abgeordneten hat eine schwere Er- chütterung der Partei und der Fraktion herbeigeführt. Nebenher läuft eine Fraktionsfllhrer-Krise, da die Gegensätze zwischen dem Parteiführer Hugen- berg und dem Fraktionsführer Grafen Westarp sich immer mehr zugespitzt haben.
Graf Westarp,hat sich enerifä gegen jedes Ausschlutzverfahren gewendet und hat immer wieder versucht, eine Einigung herbeizusühren. Er ist aber damit nicht durchgedrungen, und es steht zu befürchten, daß er vielleicht schon heute den Frak- tionsvorsitz niederlegen wird.
Der Gang der Dinge hat sich in der Weise abgespielt, daß in der gestrigen Parteivorstandssitzung, die von 10 Uhr vormittags bis 5 Uhr nachmittags dauerte, der Parteivorsitzende den Antrag auf Ausschluß der drei Abgeordneten Lambach, Hartwig und Hülser teilte. Dieser Antrag wurde angenommen. Die drei Abgeordneten haben aber selbstverständlich nicht abgewartet, bis die Landesorganisation das Ausschlutzver- ähren durchführen würde, sondern in der Abendsitzung der Reichstagsfraktion selbst ihren Austritt erklärt. Der Abgeordnete Lambach hat dem Fraktionsvor- itzenden Grafen Westarp einen Brief geschrieben, in welchem er diesen Austritt bestätigt und die beiden anderen haben sich ihm angeschloffen.
Daraufhin ist es in der Fraktionssitzung des gestrigen Abends zu aufgeregten Szenen gekommen, und
die Fraktionsfitzuug ist dadurch aufgeflogen, daß die 20 Mitglieder der Opposition geschloffen den Saal verließen und außerhalb des Reichstags unter sich eine neue Beratung abhielten. Zwar wird heute mittag die gesamte Fraktion wieder zusammenkom
men, aber man weiß nicht, ob daran alle Abgeordneten teilnehmen werden und ob es in dieser Sitzung vielleicht wieder zu neuen Auseinandersetzungen und Austritten kommen wird.
Noch in der Nacht haben dann Treviranus, Klönne und Lejeune ihren Austritt erklärt, was namentlich bei Treviranus eine Selbstverständlichkeit war, nachdem die drei zuerst genannten Abgeordneten auf Grund einer Solidaritätserklärung für Treviranus ausgetreten waren.
Mnnes Rechtfertigung
Der Abgeordnete Klönne veröffentlicht Heulern der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" eine sehr bemerkenswerte Erklärung über die mannigfachen Gründe der jetzigen Parteikrise. Er macht darin Hugenberg den Vorwurf, daß er die Partei als D k- tator, wie ein Armeekorps kommandieren möchte. Jetzt sei aber der Moment gekommen, wo auch die Treuesten nicht mehr wollten. Die Macht, der Hu- genberg-Diktatur sei aber, wie Klönne aussührt, bereits gebrochen, und viele Abgeordnete wüßten, daß die politische Lage jetzt zu ernst sei, um sich dieses Experiment der Zersetzung leisten zu konnett. Besonders interessant ist auch die
Beurteilung der jetzigen Vorgänge in der Partei durch Agrarier-Kreise.
In der „D e u 1 sch e n T a g e s z ei 1 un g" wird das Ausscheiden mehrerer Abgeordneten als eine Schwächung der Schlagkraft der Partei bedauert und vom Standpunkte der Landwirtschaft vor allem darauf hingewieseu, daß die ausgeschiedenen Abgeordneten besonders bemüht waren, das Verständnis lür die Sorgen der Landwirtschaft auch in die Kreise der städtischen Arbeitnehmerschaft hineinzutragen.
Viel schärfer ist selbstverständlich die
Sprache der übrigen Parteipresic.
Wiedergegeben sei lediglich eine Aenßerung der G e r.m an i a", die davon spricht, daß die Pc sitik Hugenbergs nicht mehr die Möglichkeit eröffnet habe zu einer positiven und sachlichen Politik zu gelangen Infolgedessen habe der gestrige Tag eine politische Bewegung ausgelöst, die ein starker Faktor für die politische Gesinnung der Rechten werden könne.
Der „Vorwärts" meint, die Ausgeschloffenen hätten unter sich ihre Organisation, sodaß die Bedeutung dieser ZersetzungFerscheinungen wett über das zahlenmäßige Gewicht des Ausscheidens einiger Abgeordneter hinausgehe.
Auch Gras Äohua ausgeschloffen!
Berlin, 4. Dezember.
Der Landesverband Ostpreußen der Deutschnationa- len Volkspartei hat den Grasen Dohna, der in der „Berliner Börsenzeitung" vor einigen Wochen einen Artikel gegen den Hugenbergkurs der Partei veröffentlicht hatte, aus der Partei ausgeschloffen. Dem Ausgeschloffenen steht die Berufung an das Parteigericht zu, ob er davon Gebrauch machen wird, gilt laut „Berliner Tageblatt" als ungewiß.
Mandschurische Rätsel
Außenpolitische Rundschau.
W P 6s ist ein eigen Ding um die Meldungen, die der Welt über die Vorgänge im fernen Osten vorgesetzt werden. Ans den Quellen, denen diese Nachrichten entstammen, rieselt Wasser, deffen Reinheits- unv Wahrheitsgehalt nicht gerade hochprozentig ist. Die letzten Tage haben uns das an der mandschurischen Frage erneut und sehr eindringlich demonstriert. Die Fülle der Meldungen, die über dieses Thema in alle Himmelsrichtungen hinaus gekabelt oder gefunkt wurden, war erstaunlich; noch überraschender war aber die Unzahl von Widersprüchen, die sich auftaten, wenn man dieses „Tatsachen"-Material kritisch auszuwerten suchte. Sie alle, die an den fernöstlichen Dingen interessiert sind, waren eifrig darauf bedacht, di« Situation in b er Beleuchtung zu zeigen, in der ste ihrer Jnteressenpolitik am nützlichsten sein könnten. Propaganda ist nun einmal, wie Erich von Salzmann in seinem neuen Chinabuche mit Recht sagt, gerade im fernen Osten die Seele vom Buttergeschäst!
In den Lagern der beiden Nächstbeteiligten, auf russischer und chinesischer Seite, wurde ein Versuchsballon nach dem anderen losgelaffen; Japan, der „liebe" Na-tz>ar auf Korea, ließ seine Nachrichtenfabriken arbeiten, London, dem die Rolle des lachenven Zuschauers bei einem kriegerischen Konflikt zwischen Rußland und China gamicht so unsympathisch gewesen wäre, legte auf den Import fernöstlicher Kriegsmeldungen Wert, und die Nachrichten, made for U. S. Ä.. wußten gleichfalls von blutigen Ereignissen, von Großkämpfen und Bombenangriffen zu berichten. Was bei den amerikanischen Berichterstattern an politischem Interesse fehlte, machte das Bedürfnis, den heimischen Redaktionen Stoff zum Fettdruck und zu packenden Schlagzeilen zu liefern, wett
Oie Parteien
Ein undankbares und schwieriges Geschäft also, aus diesem Meer von Widersprüchen die Wahrheit herauszufischen! Eine Tatsache läßt sich jedenfalls feststellen: Zwischen Moskau und Mnkden sind Bemühungen im Gange, den mandschurischen Lonsljlt
durch direkte Verhandlungen beizulegen. Wie diese Tatsache auszulegen ist, darüber gibt es freilich schon wieder verschiedene Lesarten!
Es ist vielleicht gut, wenn man sich dembisherlgen Verlauf der Dinge in die Erinnerung zurWruft: Anfang Juli setzt« der mandschurische Machthaber mit der Verhaftung von hohen Sowjetbeamten den Schlußstrich unter di« Reihe von Uebergriffen, die er sich in der Frage der ostchinesischen Eisenbahn zu Schulden kommen ließ. Um Vergehen gegen das zwischen Rußland und China seit dem Jahre 1924 bestehende Vertragsrecht handelt es sich bei diesem Vorgehen in der Tat, darüber kann kein Zweifel bestehen; und es ist nur verständlich, daß Moskau gegen diese Rechtsverletzung protestierte. Protestierte und mit bewaffneter Gewalt dagegen einschritt! Das Rezept, durch außenpolitische Maßnahmen den Blick von den innerpolitischen Sorgen abzulenken, ist zudem so ost erprobt, daß es nicht verwunderlich ist, wenn man im Kreml auch derartige Spekulationen bei feiner Gegenaktion mit in Rechnung stellte.
Aber auefe in Nanking hegte man ähnliche Gedanken. Bekanntlich hatten die Leute um Tschiangkaischek mit erheblichen inneren Schwierigkeiten zu kämpfen; General Feng marschierte wieder einmal gegen die Nankingtruppen, und Tschangsalkwai sorgte dafür, daß die Nankingregienma noch gegen eine zweite Front zu kämpfen hatte. Also wurde in Nanking die nationale Werbetrommel gerührt; man betonte das moralische Recht, das China ans die Ostbahn habe, und deckte die formalrechtlichen Uebergrijfe der Mukdener Negierung.
Aber wie es so manchmal ist, in Mnkden bekam man, als der russische Blücher seine Truppen in bedrohlicher Nähe auf- und tns chinesische Hoheitsgebiet einmarschieren ließ, allmählich Furcht vor der eigenen Courage. Just in dem Augenblick, als der Krieg vor der Tiir zu stehen schien besann sich Tschangshuehliang der Mukdener Uhef, eines anderen, er jagte ein Telegramm nach Moskau und erklärte sich zu