Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
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Nummer 283
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Montag, 2. Dezember 1929
19. Jahrgang
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
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Befreiungsfeier am deutschen Mein
SaS Rheinland von Koblenz bis Aachen wieder unter deutscher Flagge / Deutschlands Dank an die rheinische Sevölkerung
„Das Saus der deuischen Freiheit"
Abmarsch der Befahungstruppen aus Ehrenbreitstein
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Zweite Zone frei!
Koblenz, 2. Dezember.
Der franzöfische Außenminister Briand hat dem NeichSkommiffar am Sonnabend mitgeteilt, daß die ,weite Zone sreigegeben worden sei. Diese Meldung ist auch von General Guilleaumat in Mainz bestätigt worden.
Sonnabend nachmittag sandte der Oberpräfident der Rheinprovinz folgendes Telegramm an den Reichspräsidenten: „Berichte gehorsamst, franzöfische Flagge vom Ehrenbreitstein um 11,15 Uhr niedergeholt. Letzte Truppen rück«, ab. Zweite Zone frei. Oberpräfident Fuchs."
Der Rei chspräsident erwiderte dem Oberprä- pdenten mit folgendem Telegramm: „In der Stunde, da die Räumung der zweiten Zone beendet und diesem Gebiet die Freiheit wiedergegeben ist, gedenke ich in Dankbarkeit der treuen rheinischen Bevölkerung. Sie hat in elf Jahren fremder Besatzung schweres Schicksal erduldet, aber die Treue zum Baterlande in harten Tagen erprobt. Das soll ihr unvergessen bleiben! Allen denen, die im Klange der Freihcitsglocken fich heute zur Erneuerung ihres Bekenntnisses zum Baterlande in dem nun befreiten rheinischen Gebiet versammeln, entbiete ich in enger Verbundenheit herzlichste Grütze. Ich verknüpfe damit die Hoffnung, daß auch dem noch besetzten Teil deutschen Landes bald die Stunde der Freiheit schlagen möge, von Hindenburg, Reichspräsident."
Am Deutschen Eck
Koblenz, 2. Dezember.
deussche Eck ist Zen v-cler froher, nach dem Weltkriege aber auch trüber Stunden des deutschen Volkes gewesen; aber noch nie hat es um sich eine so zahlreiche und innerlich so bewegte Menge versammelt gesehen wie in der Befreiungsstundc der zweiten Zone am Sonnabend.
Obgleich die Feie: erst um Mitternacht ihren Anfang nahm, waren doch die Ufer schon von 10 Uhr abend an dicht besetzt, aber alles vollzog sich in einer würdigen Ruhe, nirgends ward lärmende Lustigkeit laut. Als um Mitternacht das Abfeuern einer Sig- nalrakete auf dem Neuendorfufer sowie das große Aufleuchten an Rhein und Mosel, still begleitet von dem feierlichen Geläut sämtlicher Glocken, den Beginn der Besreiungsstunde verkündet, da entblößten sich die Häupter. Lautlose Stille trat ein, und in tiefem, drei Minuten dauernden Schweigen wandern die Gedanken der Versammelten noch einmal 1 tn schwere Zeit des Krieges zurück und in die «ach ihm folgenden schweren Jahre der Besatzung.
Wuchtig und eindrucksvoll wie ein Dankgebet klingt dann die erste Strophe des Liedes: »Großer Gott, wir loben Dich!" zum nächtlichen Himmel empor, und wieder tritt tiefes Schweigen ein, als Oberbürgermeister Dr. Russell das Wort zu seiner Befreiungsansprache nimmt. Demutsvoll ge- i denke er der Tatsache, daß Koblenz zwar heute seine Freiheit wieder erhalten hat, daß aber die Brüter vom Oberrhein, von Mosel und Saar immer noch nicht in die Einheit des freien deutschen Vaterlandes zurückgekehrt sind. Auch die vielen Opfer dieser bösen Zeit an Leib und Leben, Gut uno Ehre gedenke er. Vertrauensvoll aber wende er den Blick in die Zukunft. Während-er diese Worte spricht, j «ehr nach 11 Jahren zum ersten mal wieder die deutsche Reichsflagge auf Ehrenbreitstein in dir Höhe Freudig stimmt die Menge die erste Strophe des Deutschlandliedes an.
Hirauf ergreift Reichsminister Dr. v. G u e r a r d das Wort zu folgende Ansprache: »Festfeuer spiegeln sich nach alter deutscher Sitte im vaterländischen Strom. Die Glocken läuten und droben ruf dem alten Wahrzeichen des Zusammenflusses von Rhein und Mosel ist gestiegen des Reiches Symbol, der deutschen Republik Standarte, droben wo wir einst Schmerz im Herzen, steigen sahen fremde Fahnen, das Sternenbanner, dann die Trikolore weht die deutsche Fahne als Zeichen der Befreiung von fremder Besatzung. Niemals ist die
Koblenz, 2. Dezember.
Nach der eindrucksvollen Feier am Deutschen Eck war der Sonntag dem Dank an diejenigen gewidmet, die zur Ueberwindung der schweren Jahre der Besetzung in erster Linie beigetragen haben.
Besonders eindrucksvoll verlief der Festakt im großen Saal der Stadkhalle Hier verstand es
Oberbürgermeister Dr. Russell meisterhaft, dem tiefen Empfinden seiner Mitbürger gerecht zu werden. Er umriß noch einmal die Lei- denszeit, die Koblenz in den vergangenen elf Jahren durchgemacht hat, gab aber ebenso der festen Zuversicht Ausdruck, daß das getreue Zusammenstehen aller Bevölkerungskreise den früheren Wohlstand der Stadt wieder begründen werde. Lebhaften Beifall fand seine Erwähnung des schweren Ruhrkampfes und der siegreich abgewehrten Separatistenbewegung sowie des Huldigungstelegramms an den Reichspräsidenten und die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes der Stadt Koblenz an den verdienten Oberpräsidenten der Rheinprovinz Dr. Fuchs. Auch
Kultusminister Dr. Becker, der Grüß und Glückwünsche der Reichsregierung und der preußischen Staatsregierung überbrachte, wurde von der Versammlung freudig begrüßt. Er führte aus: Bei aller berechtigten Freude über das Erreichte sollten wir die reofcn Tatbestände unserer vaterländischen Not nie aus dem Luge verlieren. Das Haus der deutschen Freiheit wird nur langsam wieder errichtet. Das Ende der zweiten Bauperiode feiern wir heute.
Vor unserem Geiste und in den Köpfen unserer Baumeister steht schon der ganze fertige Bau. Wie im Zeitalter tiefer deutscher Not vor 100 Jahren aus dem Geiste unserer großen Dichter und Patrioten das deutsche Nationalbewußtsein erwuchs, das den Nationalstaat erst möglich machte, erwächst in der Zeit unserer Not neben dem geschichtlichen und zugleich zukünftigem Bilde der Nation das Bild des neuen deutschen Menschen in einer neuen geistigen Gemeinschaft, nich, bramarbasierend, nicht kritisierend, nicht verzweifelnd, sondern arbeitend und Leistungen schaffend vom Einzelmenschen aus. Die Klassen, Stände und Parteien dürfen nicht die Fehler wiederholen, d'e wir den Fürsten von ehedem vorwerfen.
Solche Feiern wie heute lehren uns diesgroße Ver- Pflichtung gegen uns selbst, gegen unser Volk. Von innen heraus wird unser Freiheitshaus gebaut werden. Sie alle haben daran seit Jahren ehrlich und mutig mitgearbeitet. Ich grüße alle Mitarbeiter an diesem herrlichen Werk. Ich grüße Koblenz, ich grüße die befreite Zone, ich grüße das ganze Deutschland. Zum Schluß sprach
Oberpräfident Dr. Fuchs
seinen tiefgefühlten Dank für die Verleihung der Ehrenbürgerschaft von Koblenz aus, die er zugleich als eine Ehrung aller derjenigen betrachte, die in den schweren Jahren der Besatzung mit litten und stritten.
Einen würdigen Abschluß der Feier bildete am Abend eine Festvorstellung im Koblenzer Stadtthea- ter.in der „Wilhelm Teil" aufgeführt wunde.
Unlösliche nationale Verbundenheit des rheinischen Volkes mit dem großen deutschen Vaterland
so erhebend in die Erscheinung ge-.reten wie ;u den schwersten Stunden einer hinter uns liegenden Vergangenheit: gab es doch Zeiten, ich erinnere an das Ende des Ruhrkampfes, an die Srparanstenzeit, wo mancher im deutschen Lande glaub'.:, das Reich sinke dahin, es geht dem Abgrund entgegen Hierbei und an diesem Ort gedenke ich des Wegbereiters deutscher Freiheit, dessen mutige Tar die Beend.gung des verlorenen Ruhrkampfes war, Gustav Stresemenn. Rheinische Treue hat nie gewankt, rheinische Kraft hat nie versagt. Mit dieser Tatsache mußte sich auch die Politik unserer ehemaliger Gegner abfi-ioen, die namentlich in der Separattstenzeit wochgewordenen Träume von der Loslösung rheinischen Gebietes vom deutschen Mutterland wurden still.
Für uns ist heute die Stunde der Freude gekom
men. Mir ist es eine m«ch tief bewegende innere Genugtuung, daß ich Ihnen hier den
Dank der deutschen Regierung
und damit den des deutschen Volkes aussprechen darf für Ihre vaterländische Haltung, für Ihre nie wankende deutsche Treue, für Ihre opfervolle Pflichterfüllung für die gesamte dmttsche Ration. Der Glaube an des ungeteilten Deutschlands Zukunft wurzelt tn unserer aller Herzen. Für dieses Deutschland zu wirken in Freiheit ist unsere stolze Aufgabe.
Wir wissen, daß diese Hoffnung nicht ohne Schranken ist, aber wir werden erstreben, daß auf dem Wege der Verständigung ein Recht geschaffen wird, das getragen ist von dem Gedanken der Rechtsgleichheit. Wir wissen auch, daß
erst nach der Sonnenwende des nächsten Jahres unsere Brüder und Schwestern der dritten Zone uns in Freiheit die Hände reichen
können, aber der Tag steht fest. Wir wissen, daß um
die deutsche Saar noch gerungen wird. Den Volksgenossen der noch beletzten Gebiete, den Volksgenrssen an der Saar gilt unser Gruß, gilt der Gruß der deutschen Reichsregierung.
Wir gehen der neuen Zeit der Freiheit entgegen nicht ohne Sorgen. Wirtschaftliche Not drückt uns als Folge des verlorenen Krieges. Des Reiches helfende Hand muß eingreife,l in West und in Ost. Daß ich dafür einstehen werde dafür bürgt Ihnen meine Vergangenheit. meine Gegenwart heute in Ihrer Mitte. Lassen Sie mich schließen mit dem grüßenden Wunsch: Gott segne unser rheinisches Vaterland.
Oberpräsideni Dr. Fuchs verlas darauf das Telegramm des Reichspräsidenten und eine Dankkund- gebung des Reichskanzlers.
Beethovens „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre", vorgetragen von über 700 Mitgliedern des Mittelrheinischen Sängerbundes, schloß die würdig verlaufene Feier. Langsam nut löste sich die gewaltige Menge aus. Einige Tausend versammelten sich nochmals bei einem patriotischen Volkskonzert im Großen Saale der Stadthalle.
Aachen in Festfreude
Aachen, 2. Dezember.
Die Stadt hatte ihre Gäste, die Spitzen der weltlichen und kirchlichen Behörden und der Bürgerschaft, auf Sonntag mittag zu einem Festakt in das Stadttheater eingeladen.
Oberbürgermeister Dr. R o m b a ch gab in einfacher, aber eindrucksvoller Form in dieser Feststunde dem Stolz und der berechtigten Freude darüber Ausdruck, daß Aachens Bürger wieder freie Deutsche sind auf dem freien Boden einer Stadt ,die sich rühmen darf, bis in die jüngste Zeit Eckpfeiler und Bollwerk des Deutschtums gewesen zu sein. Rach Worten herzlicher Begrüßung für die Vertreter der Reichs- und Staatsregierung .Reichsminister Dr. Wirth uno Wohlfahrtsminister Dr. Hirtsiefer, fuhr der Redner fort: In tiefer Trauer
gedenken wir in dieser Stunde auch des deutschen Staatsmannes Dr. Gustav Strescmann,
dem es nicht beschieden sein sollte, den Freiheitsruf des Rheinlandes zu vernehmen, der zugleich der schönste Dank für all die rastlose Arbeit gewesen wäre, die er dem Werk des Wiederaufbaues gewidmet hat.
Die Stadt Karls des Großen ist urdeutschen Wesens geblieben, trotz aller Bemühungen einer fremden Kulturpropaganda. Wir wissen uns frei von unfreund- Uchen Gefühlen, wenn wir in dieser festlichen Stunde unserer Freude darüber Ausdruck geben, daß der Nachbar endlich wieder zum Nachbarn geworden ist Gute Nachbarschaft wollen wir halten und uns dabei bewußt bleiben, daß wir als Grenzlandbewohner besondere Pflichten haben und in erster Linie mitberufen sind, tm Sinne des Ausgleichs und der Völkerversöhnung zu wirken.
Nachdem der Redner dann mit einem Hoch auf den Reichspräsident von Hindenburg geen'oe1 hatte, dessen ehrend zu gedenken, Pflicht der Dankbarkeit und zwingendes Gebot gerade dieser Stunde sei, betrat mit lebhaftem Händeklatschen begrüßt Reichsminister Dr. Wirth die D-ibnne. Dr. Wirth gedachte dann.der DA»' auf dem Wege zur Freiheit dahingesunken sind, ehe das Ziel erreicht war. Friedrich Ebert, Erzberger, Rathenau und Gustav Stresemann. Dann d'andte er stch den Lebenden zu. Die Ringenden in der dritten Zone mögen in dem Gedanken Trost fin- der ftm Ziel erkannt und seinen Weg erfaßt hat, auch die Stunde der Freiheit schlagen wird Und die von uns getrennt sind, mögen ihre Herzen zusammenklingen lassen, um v 5
das deutsche Volk wieder als große Kulturnation erstehen zu lassen.
die Vergangenheit ehren. Wer des Volkes Geschichte nicht ehrt, ist der deutschen Zukunft nicht wert. Aber bei aller Hochachtung für die ZMUSenheit wollen wir nicht vergessen, daß unser Schick,al sich m der lebendigen Gegenwart vollzieht. Frei fein heißt Staatsbürger sein und Mitschaffen in einem von nationalem Bewußtsein durchglühten Staat.
Langdauerndes Händeklatschen und Bravorufe l,°lSten der Rede und stehend sang die Versammlung das Deutschlandlied.
... Den ganzen gestrigen Tag bewegten sich freudig gestimmte Menschenmassen durch die Straßen. Flieger kreuzten über der Stadt und am Abend wiederholten Unt®SÜIelinnen der Lehranstalten den Fackelzug, den dze Vereine der Stadt in der Befreiungsnacht veranstaltet hatten. Der Abend sah die ganze stadt tn festlich r Beleuchtung.
Der Destemngstag in Mich
Jülich, 2. Dezember.
Die alte Herzcgsstadt Jülich prangte aus Anlaß der Befreiung von elfjähriger Besatzung im bunten Schmuck der Flaggen. Sonnabend abend war die Stadt festlich illuminiert und nach den Festsitzungen des Kreistages sowie des Stadtverordnetenkollegiums bewegte sich rin langer.Fackelzug, an dem sämtliche Vereine der Stadt und des Kreises teilnahmcn. nach dem Marktplatz, wo der Bürgermeister Sinken die Vertreter Lei preußischen Staatsregierung, Wohlfahrtsminister Hirtsiefer, Ministerialdirektor Brand, sowie den Regierungspräsidenten Stieler- Aachen begrüßte.
Wohlfahrtsminister Hirtsiefer überbrachte die Glückwünsche und den Dank der preußischen Staatsregierung für die treudcutsche Gesinnung und das wackere Aushalten der Bevölkerung während der langen Leidenszeit. Nach der offiziellen Feier erfolgte die Besichtigung der im Rathaus veranstalteten Ausstellung, die sämtliches, die Besetzung betreffendes Material zur Schau stellt.
Am Sonntag vormittag fanden in den Kirchen Festgottesdienstc statt.
Anfall beim Völlerschießen
Zwei Tote.
Rheinbach, 2. Dezember
Hier hat fich bei der Besreiungsfeier ein säpverer Unfall ereignet, der zwei Todesopfer forderte. Ein anscheinend zu stark geladener Böller, der um Mitternacht als Einleitung der Befreiungsfcier entladen werden sollte, explodierte.
Dabei wurden der 26jährige Schmiede,neister Stephan Mahlberg aus Rheinbach, der erst kürzlich die Meisterprüfung bestanden hatte, und fein Lehrmeister Axer aus Ersdorf bei Rheinbach schwer verletzt. Mahlberg ist bald darauf, Axer im Laufe des Sonntags gestorben. Drei andere Verletzte be- inden sich außer Lebensgefahr.