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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 280

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Donnerstag, 28. November 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

Beilegung des russisch-chinesischen Konfliktes?

Telegrammwechsel zwischen Moskau und Milden / Konferenz in Chabarowsk? / Seven'ng über die deutsch-ftanzösische Verständigung

Mukden-Negierung gibt nach!

(Eigene Drahtmeldung.)

Warschau zurückkehren werde, um hier dem Staats­präsidenten sein Abberufungsschreiben zu überreiche« »Expreß Porauny" vermutet, daß die allmächtige Kommunistische Internationale den Minister abberu­fen laste, weil sie mit den Fortschritten der Kommu­nistischen Bewegung in Polen unzufrieden sei.

Lowno, 28. November.

Wie aus Moskau gemeldet wird, veröffentlichte das Außenkommissariat einen amtlichen Bericht, in dem über die Einleitung von Verhandlungen zwischen Wer tretern der Moskauer und der Mukdener Regierung Mitteilung gemocht wtrd. In dem Bericht heißt es u. a

Außenminister Litwinow habe vor kurzem ein Telegramm erhalten, in dem sich Marschall T s ch a n g- s h u eh l i a n g bereit erklärt, sämtliche russischen For­derungen, die am 29. August in einer russischen Note aufgezählt sind, z». bewilligen. Er bitte eine Konferenz zur Beilegung des Konfliktes einzuleiten.

Litwinow habe darauf Tschangfhuehliang telegra­phisch geantwortet und vorgeschlagen, die chinesischen Vertreter nach Chabarowsk zu entsenden, um dort mit dem Vertreter der Sowjetregierung Tschumanowski weiter zu verhandeln.

Von russischer Seite wird weiter mitgeteilt, daß sich die Mukdenregierung weiter verpflichtet habe:

1. sämtliche russischen Rechte auf die chinefische Ost­bahn auf Grund des Pekinger und Mukdener Abkom- mens vom Jahre 1924 wiederherzustellen,

2. die russischen Staatsangehörigen, die sich in chine­sischen Gefängniffen befinden, sofort auf freien Fuß zu setzen, und

3. zwei Direktoren für die Verwaltung der Ostbahn zu ernennen, die von russischer Seite in Vorschlag ge­bracht werden.

* * *

.Nach dieser Meldung hat es den Anschein, als ob der chmesiiche Schritt beim Völkerbund durch die Er- £eIeit,$ überholt sei. Aber ganz abgesehen da- nfnA l A russisch-chinesischen Verhand-

lungen noch tief tm Anfangsstadium stehen, ist noch FhSr Mukdener Regierung mit

idrer Nachgiebigkeit den Beifall Nankings findet Es sii daher Wohl notwendig, unsere Leser über die Gen­fer 41 tum der Nankingreglerung kurz zu unterrichten:

Genfer änlerrtimngtn

Genf, 28. November.

Der so-wjetrussische Einbruch in die Ma-ndschllrei hat Sestern zu einem ersten Vorbereitetenden Schritt des chllnestichen Geschäftsträgers in Bern, Woo-Kay- V»L beim Völkerbund geführt. Im Auftrage des Berliner chinesischen Gesandten Generäl Tschang Tso-pm als ständigen Delegierten Chinas beim Völ- hat Woo-Kaysing dem Generälsekretär des VEerbnndes, sir Eric Drummond, und dem stellvertretenden Generälsekretär Avenol Mitteilung von der durch den russischen Einbruch in die Mand- schuret ge(chafsenen Lage gemacht und auf die durch den DEerbundsvakt und den Kelloggpakt gegründete Notwendigkeit eines Eingreifens des Völkerbundes in den Konflikt htngewiesen.

In der Unterredung, die über eine Stunde dauerte wurden die im Völkerbundspakt vorgesehenen Möq- lichketten für eine Intervention des Völkerbundes in dem Konflikt durchgesprock-en, wobei von Seiten des Generalsekretärs zum Ausdruck gebracht wurde, daß Ehina oei emer Demarche auf die volle Unterstützung der Völkerbundes rechnm könne.

Auf Grund dieser Aussvrache wird nunmehr der Gesandte m BeNtn der NanKna-Regierung Bericht erstatten rn deren Wahl als Völkerburdsmitalied es dann ftent. welchen der Wege sie in ihrer Demarche bet den Sowjets beschreiten will.

Kanton in Gefahr

London, 28. November.

Di« Lage in Düdchina ist «ach Berichten aus Hon­kong numuehr wett klarer. Kanton ist ernstlich be­droht. Ern allgemeiner Angriff wird in aller Kürzt erwartet. Dte Kantoneser Truppen sind den an­greifenden Armeen zahlenmäßig weit unterlegen D.e Kwanasi-Armee, deren Sürke mit 60 000 Mann an« genommen wird, marschiert flußabwärts vor und er­reichte am Mittwoch Schiuhing, etwa 50 Meilen west­lich von Kanton.

Ser Kelloggpatt in der Praxis

r London, 28. November

Die russische Offensive in der Mandschurei bildete in der gestrigen Sitzung des Unterhauses den Gegen­stand verschiedener Anfragen an den Außenminister Henderson. Das liberale Un'erhausmitglied Harns interpellierte den Außenminister, ob die englische Regierung angesichts der militärischen Operationen der Russen und in Anbetracht der Tatsache, daß so­wohl Chrna als auch Rußland den Kelloggpakl unter­zeichnet hätten, mit den Regierungen der übrigen S-ian-wrmärhte ,« Rübtimi zu treten beabsichtige, um auf eine friedliche Beilegung des chinesisch-rus­sischen Konfliktes hinzuwirken.

Henderson erklärte auf diese Anfrage, daß der Kellogqvakt keine Handhabe für den Fall biete, daß eine offensichtliche oder wahrscheinliche Verletzung der in ihm enthaltenen Bestimmungen vorltege. In der Präambel zum Kelloggpakt heiße es lediglich, daß einem Signamrst'ai der zur Verteidigung feiner nationalen Interessen zum Krieg übergehe, die Vor­teile und Wohltaten des Kelloggpaktes aberkannt würden. _ __.-

Die chinesischen Gesandten in London und Paris verhandeln mit den Auswärtigen Aemtern über die mandschurischen Fragen.

Stalins Regierungsschub

In Rußland spielen sich zurzeit Dinge ab, die für die Entwicklung des russischen Bolschewismus und h-ie Gestaltung des Sowjetsstaates von weittragender Bedeutung sind. In den letzten Jahren war d'e Trennung der kommunistischen Partei Rußlands von dem eigentlichen Staat der Sowjets ziemlich augen­scheinlich. Stalin war der unumschränkte Herrscher der Partei, Rhkow war der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, er bekleidete Mo ein Amt, das der Funktion eines Ministerpräsidenten in denkapitali­stischen" Ländern gleichzusetzen ist.

Aus dieser Teilung der Machtbefugnisse mußte sich ganz logisch ine Etwicklung Herausschällen, die den Kampf des Parteiführers Stalin gegen Rykow, also letzten Endes gegen die Staatsmafchinerie, be­dingte. Da sich zwischen der dogmatischen Lehre des Kommunismus und dem Erfordernissen einer Staats- volttik ganz selbstverständlich Gegensätze ergeben müssen, so bedingte dies auch ein Abweichen der Staatspolitik von dem Dogma der Parteilehre.

In den letzten Wochen gelang es nun Stalin, in der kommunistischen Partei ein entscheidender Sieg über die Opposition von rechts, die gerade von Bu­charin und Rykow geführt wurde. Die Folge dieses Sieges wird jetzt sein, daß Rykow von seinem Posten als Staatschef ausscheiden muß. Es ist selbstverständ­lich, daß nunmehr Stalin die höchste Stelle des russi­schen Staates mit einer Persönlichkeit besetzen wird, die Hm nahe steht und die ihm die G-währ dafür äb- aiifrt, daß das Dogma der kommmrist' hen Lehre auch zu dem Dogma der Staatspolitik gestaltet wird.

Warschauer Sowieigesanbie abgerufen!

» Warschau, 28. November.

Der hiesige Sowjetgesandte Bogomoloff ist plötzlich, wie »Erpreß Poranny" meldet, durch das Politbüro nach Moskau abberufen worden. Bogo­moloff soll am Bahnhof Vertretern seiner Gesandt­schaft erklärt haben, daß er wahrscheinlich nur nach

Tschitscherin bleibt in Wiesbaden

Wiesbaden, 28. November.

Der stellvertretende Außenkommissar Karachan hatte in Wiesbaden eine längere Unterredung mit dem Außenkommissar Tschitscherin. Der Auslands­urlaub Tschitscherins wird vorläufig auf unbestimmte Zeit verlängert werden. Tschitscherin wird noch min­destens ein Jahr im Ausland bleiben. Er hat Wies­baden zu seinem ständigen Wohnsitz im Ausland ge­wählt.

Tschechische Regierungsnvte

Prag, 28. November.

Die Regierungskrise hat im Laufe des gestrigen Nachmittags eine ernste Verschärfung erfahren. Mi­nisterpräsident Udrzal hatte dem Druck des sozialisti­schen Blocks nachgebend ein Kabinett vorgeschlagen, in dem das Uebergewicht der bürgerlichen Parteien durch Ausschaltung der deutschen und der slowakischen klerikalen Partei stark eingeschränkt worden wäre. Diese Koalition war im Prinzip bereits zusammen und auch die Ministerliste war schon fertig.

Heute vormittag erschienen nun die Unterhändler der tschechischen Sozialdemokraten und Nationalsozia­listen beim Ministerpräsidenten, um seine Mitteilung über dir Verteilung der Portefeuilles entgegenzuneh­men. Zur Ueberraschung der Deputation zeigte sich, daß den bürgerlichen Parteien die 9 politisch und wirt­schaftlich wichtigsten Portefeuilles zugedacht waren, während die sozialistischen Parteien nur 5 Portefeuil­les erhalten sollten. Diese Mitteilungen des Mini­sterpräsidenten riefen bei den Vertretern der sozialisti­schen Parteien Entrüstung hervor. Sie wiesen die Vorschläge Udrzals zurück und verließen den Salon des Ministerpräsidenten.

Um 7 Uhr abends erschienen Vertreter der tschechi­schen Sozialisten neuerdings beim Ministerpräsiden­ten, die Unterredung verlief jedoch ergebnislos. Die Verhandlungen zur Bildung eines bürgerlich-soziali­stischen Konzentrationskabinetts sind damit auf einem toten Punkt angelangt.

Völkerbunds-Gastspiel in London?

((Eigener Draht bericht.)

Paris, 28. November.

Slatin* will wissen, daß neuerdings der Borschlag gemacht werde, die drei im Januar 1930 geplanten Konferenzen, also die zweite Haager Konferenz, die Londoner Seeabrüstungskonferenz und die Tagung des Bölkerbundsrats dadurch zu ermöglichen, daß man in

näcktg weigere, auch nur einen Heller zu bezahlen.

Der Auswärtige Kammerausschuß beschloß fer­ner, einen Unterausschuß kinzusetzcn, der die Aufgabe hat, in kürzester Frist die Bedingungen ;n prüsrn, unter denen die Räumung des linken Rhemufers erfolgen soll. (Was ist da eigentlich noch viel zu prüfen? D. Red.)

Hefte Aussichten

London selbst die Bölkerbundsratstagung abhalte. Es solle ein Zeitpunkt gewählt werden, der möglichst nahe an dem der Abrüstungskonferenz liege, sodaß nötigen­falls dies« beiden Konserenzen mehrer« Tag« lang parallel nebeneinander laufen könnten, etwa in der Weise, daß die eine vormittags, die andere nachmit­tags tagen würde.

Frankreich assistiert Snowden?

x Paris, 28. November.

Die unversöhnliche Hnlmtng des englischen Schatzkanzlers Snowden in der Frage der Rück­gabe des sequestrierten deutschen Eigentums scheint auch auf sehr einflußreiche französische Kreise ihre Wirkung in einer für Deutschland recht unerfreu­lichen Weise nicht verfehlt zu haben. Die außen- polirtsche Kommission der Kammer hat beschloßen, den früheren Vorsitzenden der Reparationskommrs- fion, Louis Dubois, der der Gruppe Marin an- gehört, zu beauftragen, über diese Frage, soweit sie Frankreich angehe, bei Außenminister Briand eine Aufklärung ernzuholen und einen Bericht darüber auszuarbetten. In der Kommission wurde bei der Behandlung dieser Angelegenheit vielfach die An­sicht ausgesprochen, daß eine

Rückvergütung des liquidierten deutschen Eigentums

aus dem Grunde nicht stattsinden dürfe, weil so be­deutende Firmen wie Mannesmann und Röchling bereits wieder fäften Fuß in ihren früheren Be­sitzungen gefaßt hätten und auch die ehemaligen Sunnesminen in der Bretagne bereits wieder deut­sches Eigentum seien.

Ganz klar ist allerdings nicht geworden, ob es sich nur um die oben erwähnten Beispiele oder um die Rückgabe des gesamten Besitzes ans dem liqui­dierten deutschen Besitz handeln soll. Bemerkens­wert ist, daß bet der Debatte einige Kommissions­mitglieder au> die Haltung Englands ausdrücklich hinwiesen und betonten, sie könnten nicht einsehen, daß Frankreich in dieser Angelegenheit den guten Mann spielen solle, während England sich Hart-

Paris, 28. Novencher.

Die beiden Telegationsfiihrer der deutsch-fran­zösischen S a a r k o m m i s s l o n haben gestern er­neut eine Besprechung abgehalten, in deren Verlauf Die Arbeitsmethoden der drei Unterkotnmiffionen festgelegt wurden. Es wurde, beschlossen, daß vor­erst einmal die Wirtschaftskommission und die Gru­benkommission mit ihren Arbeiten in den nächsten Tagen beginnen sollen. Sowohl auf französischer wie auf deutscher Seite macht man sich auf sehr langwierige, Verhandlungen gefaßt, die be­stimmt bis in das neue Jahr hinein dauern wer­den.

Deutsch-französischeEntente"

Erklärungen Severings imExcekfior".

Paris, 28. November.

DerExceFior", der in Deutschland eine Unter­suchung über die deutsch-französischen Beziehungen an­stellen läßt, gibt eine Erklärung des Reichsinnenmini- fters Severing wieder, in der eg heißt,

Deutschland und Frankreich hätten ungeheuer viele 8emein?ame Interessen. Wenn man eine Formel finden könnte, di« es ermögliche, zu einer Berftäu- digung zu gelangen, ohne die Rechte und die Inter­essen der anderen Länder zu schädigen, dann werd« ein großer Schritt zur Erreichung des Weltfriedens getan fein. Eine deutfch-sranzrfifche Annäherung würde nicht nur eine allgemeine Entspannung zur Folge haben, sondern indirekt auch zum Abschluß ähnlicher Ententen zwischen anderen Ländern bei­tragen.

Die Verwirklichung des Briandschen Gedankens der Vereinigten Staaten von Europa werde an dem Tage nahe bevorftehen, an dem Deutschland und Frankreich die wirtschaftliche, gut nachbarliche Entente verwirklicht haben würden, die er, Severing, aufrichtig wünsche. Im übrigen erklärte Severing, die ungeheure Mehrheit des deutschen Volkes sei der An­sicht, daß die Politik Stresemanns nicht nur für die Wiederherstellung Deutschlands, sondern auch für die Sicherheit des Weltfriedens notwendig fei.

Der Stein des Anstoßes

W. P. Die deutsche Außenpolitik war während der Aera Stresemann durchaus westlich orientiert. Als der verstorbene Außenminister die Verhandlungen, die nach Locarno führten, einleitete, hat er selbst einmal den Grundgedanken seiner Außenpolitik in die Worte gefaßt, daß durch die Verständigung mit Frankreich, durch den Abschluß des Kampfes um den Rhein, freie Bahn für die Behandlung der Ostfragen geschaffen werden solle. Die Zeit, die das Schicksal Dr. Strese­mann zum Schaffen und Wirken eingeräumt hatte, war mit der Bearbeitung dieser Westfragen überreich­lich ausgefüllt. Als der Minister vom Tode ab­berufen wurde, war das Endziel zwar schon sichtbar, aber ein Stück des Weges, den Stresemann vorgezeich­net hatte, war noch nicht zurückgeleghi Die zweite Haager Konferenz, die Saarverhandlungen, die Rati­fizierung des Poungplanes und die Durchführung der Räumungsaktion find die Etappen, die auf diesem Wegstück liegen. Die deutsche Bevölkerung im Osten hat mit einer Geduld, die immer wieder unsere Be­wunderung weckt, die ganzen Jahre hindurch aus- geharrt; sie erstickte alle selbstischen Wünsche in ihrem Herzen, weil sie erkannte, daß die deutsche Außenpoli­tik nach klaren, durch den Zwang der Mrhältnisse dik­tierten Grundsätzen geleitet wurde, und weil sie hoffen durfte, daß auf diesem Wege schließlich auch ihre For­derungen zur Erfüllung kämen. Und zwar dann, wenn sich die deutsche Außenpolitik nach der Lösung der West­fragen die Hände für die Ostpolitik freigemacht haben würde!

Und jetzt? Ein Sturm der Entrüstung gegen die verantwortlichen Leiter der deutschen Außenpolitik; eine Hochflut von kritischen Einwendungen. Hat die deutsche Bevölkerung der östlichen Grenzbezirke, haben ihre Führer in diesen letzten Wochen die Geduld, die bisher ihre schönste Tugend war, verloren? Schon die Tatsache, daß sich neben die Vertreter der östlichen In­teressen zahlreiche Kritiker aus anderen Vevölkerungs- teilen, Kritiker, die aus den verschiedensten Partei­lagern Herkommen, gestellt haben, verneint diese Frage. Der Widerstand gegen den deutsch-polnischen Vertrag über die Liquidationsfragen, der den Stein des An­stoßes abgibt, muß auf andere Motive zurückgehen, und es ist nicht schwer, die Beweggründe, von denen sich die Urheber der Gegenaktion leiten ließen, zu er­mitteln.

Trotz aller Beschwichtigungsversuche der Leute aus der Wilhelmstraße, die dem Vertrage den hochpoliti­schen Charakter absprechen wollen, wird von den Kri- tikern immer wieder die Befürchtung ausgesprochen, daß dieses deutsch-polnische Abkommen ein Äbweichen oon der großen Linie der deutschen Außenpolitik be- deute. Es wird bemängelt, daß hier im Osten der Entscheidung vorgegriffen werde und zwar notwen­digerweise mit unzureichenden Mitteln, weil unsere Hande noch durch die Westpolitik gebunden seien.

Das find Einwendungen, die weit über das Gebiet einer int besten Sinne verstandenen Interessen­vertretung hinausreichen, das sind vielmehr Veden- ken, die an die großen grundsätzlichen Fragen unserer Außenpolitik rühren. Ms Dr. Stresemann kurz vor seinem Tode die Zustimmung zur Einleitung einer deutsch-polnischen Verständigungsaktion erteilte, leitete t^n wohl nur die Absicht, die deutsch-polnischen Fra­gen, dte auf der Haager Konferenz aus den Repara­tions-Abmachungen herausgelassen wurden, ins Reine zu bringen und durch diese Verständigung den weite­ren Gang der Youngplan-Verhandlungen zu erleich­tern. Die Männer, die mit Warschau konferierten find aber offenbar über dieses nächste Verhandlungs- ztel hinausgegangen, sie haben Themen mit in die Dt5tufiwn gezogen, die besser erst bei der späteren endgültigen Regelung der deutsch-polnischen Beziehun- gen behandelt worden wären. Und auch der Hinweis, dag diese Erweiterung der Verhandlungsbasis durch die Rllckncht auf die Handelsvertragsverhandlungen geboten gewesen sei, hat die Bedenken der Kritiker zu­nächst nicht entwaffnen können. Erschwert wurde aber die ganze Situation noch durch die Ungeschicklichkeit, mit der man in der Wilhelmstraße wieder einmal auf dem Instrument der öffentlichen Meinung gespielt hat. Der Vertrag ist bisher in ßeinem Wortlaut noch nicht veröffentlicht worden. Diese vielleicht durch irgend­welche Abmachungen mit dem Verhandlungspartner gebotene Geheimhaltung des Vertragstertes weckte schon das Mißtrauen, und dieses Mißtrauen wurde dann verständlicherweise noch verstärkt durch die man­cherlei Gerüchte, die davon wissen wollten, daß man sich innerhalb der Regierung selbst über Die Güte des Ver­trages nicht ganz klar sei.

Jedenfalls hat das, was von dem Inhalt des Ver­trages bekannt geworden ist, in sachkundigen Kreisen starke Besorgnisse ausgelöft. Man hat darauf hinge- wiesen, daß die sogenannte Abgleichung der gegenseiti- gen Forderungen das Reich sehr stark finanziell be­lasten werde. Man hat eingewendet, daß wir uns hin- ichtlich der privaten Entschädigungsansprüche, die von Deutschen gegen den polnischen Staat angemeldet waren, der Chancen, die uns das Verfahren oor dem Haager Schiedsgericht geboten habe, selbst beraubt hätten, und man hat die Befürchtung zum Ausdruck gebracht, daß Polen feinen Verzicht auf das Wieder­kaufsrecht der deutschen Siedlerstellen im jetzigen Korridor auf andere Weise, ohne daran durch eine vertragliche Bestimmung gehindert zu werden, wett­machen werde. Schließlich hat man geglaubt, in dem Vertrage eine Art von Sanktionierung der bisherigen polnischen Politik, die vor keinem Unrecht zurück- fchreckte, sehen zu müssen.