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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung JftL Hessische Abendzeitung

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Nummer 279

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Mittwoch, 27. November 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

Neue Sorgen um die Sibin'en-Oeutschen

Lanada lehnt die Aufnahme der Kolonisten zunächst ab / Wegen Arbeitsmangels in den Wintennonaten / Wiederbeginn der Reichstagssitzungen

Hilfsbereitschaft in Genf?

(Eigene Drahtmeldung.)

Waffereinbruch im Bergwerk

Vier Tote

Ottawa, 27. November.

Der Einwanderungsminister Forke teilte mit, daß Beschlossen worden ist, den 5000 Mennoniten, die sich augenblicklich in großer Notlage in Rußland befin- den, die Zulassung nach Kanada während der kom­menden Wintermonate zu verweigern.

Die kanadischen Provinzialregierungen halten an­gesichts des wahrscheinlichen Arbeitsmangels während des Winters die Zeit für die Einwanderung der Mennoniten für ungeeignet. Vorbereitungen werden jedoch vielleicht getroffen werden, um die Flüchtlinge im Frühjahr nächsten Jahres nach Kanada zu Dringen.

Berlin, 27. November. Nach einem Bericht des deutschen Botschafters in Moskau hat der stellvertre- lende Außenkommiffar Litwinow dem deutschen Bot­schafter mitgeteilt, daß der Rat der Bolkskommiffare sich entschlossen habe, die Ausreisegenehmigung für die noch bei Moskau befindlichen deutschstämmigen Flüchtlinge zu erteilen. Zurzeit befinden stch noch drei- bis viertausend Kolonisten bei Moskau, und die deutsche Regierung ist bereit, diese nach Deutschland H» übernehmen.

Die übrigen Flüchtlinge, die sich auf etwa 9000 be­laufen können, sind wieder nach ihren früheren Hei- matsgebieten, insbesondere Sibirien, zurücktranspor­tiert worden, es verlautet aber, daß die russische Regierung Maßnahmen zur Wiedersrß- haftmachung dieser Leute durch Gewährung von Un- terkunft, von Saatgut usw. treffen will. Wieweit sol- che Maßnahmen aber praktisch durchführbar sein wer­den, läßt sich nicht überseheü.

Anverbindliche Besprechungen in Genf

Genf, 27. November.

In der Presse ist bereits der Gedanke erörtert worden, ob nicht der Völkerbund oder der Oberkom- miffar des Völkerbundes für die Flüchtlingsfürsorge Fritjof Nansen eine Hilfsaktion für die aus Sow­jetrußland auswandernden deutschen Kolonisten übernehmen könnten, so wie der Völkerbund bereits in den letzten Jahren ein unfaffendes Hilfswerk für die armenischen, griechischen und türkischen Flücht­linge eingeleitet hat. ,

Diese schwierige und umsaffende Frage bildete Gegenstand allerdings nur unverbindlicher Bespre­chungen, da ein formeller Antrag von irgend einer Seite hierzu beim Völkerbund noch nicht eingegangen ist. Es ist jedoch kaum daran zu zweifeln, daß sich der in Frage kommende Ausschuß im Völkerbund einem sofortigen Hilfswerk für die dringend not­wendige Unterstützung der deutschen Kolonisten in Sowjetrußland nicht entziehen würde.

t *

Die Erklärung des kanadischen Einwanderungs- Ministers beschwört neue Schwierigkeiten herauf. In Berlin wird man sich ernstlich überlegen müssen, ob man nicht den Völkerbund mit der ganzen Frage befassen soll, zumal offenbar bei den in Frage kom­menden Genfer Stellen der Wille, Hilfe zu leisten, vorhanden ist.

Der Entschluß der Moskauer Regierung, 4000 deutsche Kolonisten die Ausreise zu gestatten, muß aber noch mit einigen Worten gekennzeichnet werden. 13000 Bauern hatten sich vor Moskau angesammelt. 4000 soll die Ausreise gestattet werden. Die übrigen befinden sich auf dem Rücktransport ins sibirische Elend. Die russische Politische Polizei hat auch dies­mal prompt und sicher gearbeitet.

Die Ankündigung, daß der Rat der Volkskom­missare sich endlich gnädigst bereit erklärt habe, 4000 Bauern aus Rußland herauszulassen, erfolgte 48 Stünden, nachdem der neue Herr, der Reichskom­missar Stückten, von der Bereitwilligkeit der deut­schen Regierung gesprochen hatte, sämtlichen 13 000 Bauern das Einreisevisum zu geben. Der Beschluß der Sowjetkommissare ist also eine Herausforderung der Sowjetkommissare des Deutschen Reiches uno eine Schlappe des jetzigen deutschen Botschafters in Moskau, mag er bei seiner späten Rückkehr auf dem Bahnhof in Moskau von den Vertretern der Sowjet­behörden noch so freundschaftlich begrüßt worden sein, wie dies offiziös verlautbart wird. Und es scheint Zeit zu werden, daß man in Berlin endlich lernt, den Herren in Moskau gegenüber eine etwas deutlichere Sprache als bisher zu führen.

Lettländische Fürsorge

Riga, 27. November.

Der erste Transport der deutschen Kolonisten aus Rußland wird am Mittwoch abend von dem lettlän- dischen Roten Kreuz erwartet. Rach den bei den hie­sigen Stellen vorliegenden Nachrichten werden rund 5000 deutsche Kolonisten aus Rußland Riga in Rich­tung Deutschland passieren. Ein Transport wird durchschnittlich 500 Personen umfassen. Die Trans­porte werden sofort über Litauen nach Deutschland weiterbefördert werden.

Die Beköstigung der deutschen Kolonisten auf lett- ländischem Gebiete hat das lettländische Rote Kreuz übernommen. Die Kosten werden vonderdeutschen Regierung getragen. Die Bedürftigen Karden aus Kosten der deutschen Gesandtschaft auch mit Schuh­werk und Kleidern versehen werden. Die leitländi­schen Behörden zeigen für die Vorbereitungen der Transporte das größte Entgegenkommen.

Ein neuer Schritt Chinas

Zur Beilegung des Konfliktes tnii Rußland.

Berlin, 27. November.

Die chinesische Nationalregierung hat durch Vermitt­lung der deutschen Botschaft in Moskau der Regierung der Sowjet-Union eine Erklärung überreicht, in der sie Vorschläge für eine Beilegung der StreitigkeUen mit Rußland macht.

In der Erklärung wird einleitend festgcstellt. daß sind die chinesische Nationalregierung, ihrer Pflichten Vertrages bewußt, stets, bemüht habe, mit allen Län­dern, nicht zuletzt auch mit Sowjetrußland friedliche Beziehungen zu unterhalten.

Die chinesische Regierung schlägt vor, sofort eine ge­mischte Kommission zu bilden, die die Schuldfrage un­tersuchen soll. Diese Untersuchungskommission soll sich aus einer gleichen Zahl qualifizierter Persönlichkeiten beider Länder, mit einem Angehörigen eines neutralen Landes als Vorsitzenden, zusammensetzen. Die chine­sische Nationalregierung schlägt vor. daß beide Par­teien sofort und gleichzeitig ihre Truppen auf eine Entfernung von 30 engl. Meilen von der Grenze zu­rückziehen.

Für den Fall der Annahme obiger Vorschläge ist die Nationalregierung bereit, den gesamten Streitfall zur Schlichtung einer neutralen und unparteilickjen Stelle zu unterbreiten.

Knttk an Vriand

Pariser Begleitmusik zur Saarkonferenz.

Paris, 27. November.

Die republikanisch-demokratische Union mastt seit dem Tag. da ihr bedeutendster Führer Louis Marin Herrn Briand und logischerwerse auch dem Kabinett Tardieu den Tod geschworen hat. aus innenpolitischen Gründen es aber für opportun hielt, ihm das Vertrauen auszusprechen, schwere Krisen durch. Der weitaus größte Teil der Partei duldet Briand nur deshalb, weil er weiß, daß ohne ihn als Außenminister, z. Zt. wenigstens, kein Kabi­nett denkbar sei.

Die Partei hielt gestern eine Sitzung ab, die auf den Grundton abgestimmt war, unter allen Umstän­den die Einigung zu gewinnen und diese Einigung gegen jedermann zu verteidigen. Der Plan eines Parteidirektoriums wurde nach heftiger Debitte fal­len gelassen. Der Schwerindustrielle de Wendel sprach über sein Lieblingsthema .Das Saargebiet" und die soeben eröffneten deutsch-französischen Saar­verhandlungen.

Briand befinde sich auf einem vollkommen falschen

Wege,

erklärte er, er sei viel zu schnell vorgegangen. Nach de Wendeis Besprechungen mit saarländischen In­dustriellen wäre es sogar durchaus möglich, daß das Saarland die Beibehaltung des wichtigen Völker­bunds-Regimes einer Rückkehr zu Deutschland vor­ziehe. Auf jeden Fall aber müsse erreicht werden, daß der gegenwärtige wirtschaftliche Zustand aufrecht

erhallen bleibe, falls das Saargebiet wirklich an Deutschland zurückkomme. Die ganze Gruppe der Parlamentarier spendete begeisterten Beifall und be­schloß. diese These zu verteidigen und aus dieser Verteidigung erneut ihre Einigkeit zu schmieden.

(Wenn man auch annehmen darf, daß diese reak­tionäre Gruppe vor allem aus parteitaktischen Grün­den Herrn de Wendel seine alte Melodie herunter­leiern ließ, so hat dock die deutsche Oesfentlickknt daran, wie stch das Kabinett Tardieu, dem die Hal­tung dieser großen Partei in seiner Mehrheit nicht gleichgültig sein kann, zu diesen Aeußerungen -*m= stellt. Die Red.)

Die Sprachenftage

in Äsaß-Loihnngen

Paris, 27. November.

Die Kammer hat gestern das Budget für Elsaß- Lothringen verabschiedet. Dabei kam es zu einer Debatte über die Sprachensrage. Der Unierstaats- sekretär, dem die elsaß-lothringischen Angelegenhei­ten unterstehen, Marcel Heraud, gab über öie Frage folgende Erklärung ab:

.Ich wiederhole, daß die deutsche Sprache rn Elsaß ae Bürger lernen müssen, damit alle die, die elsaß-lothringischer Abstammung sind, untereinander die Sprache verstehen, unter der sie aufgewachson sind. Ich wiederhole aber auch, daß alle französi­schen Bürger die französische Sprache lernen müssen. Ich werde dafür sorgen, daß die elsaß-lochrrngische Verwaltung, namentlich die Justiz, der deutschen Sprache mächtig ist.'

Duisburg-Hamborn, 27. November.

Gestern abend zwischen 6 und 7 Uhr ereignete sich auf der Schachtanlage 37 der Thyffenschen Gewerk­schaften in Hamborn ein schweres Grubenunglück. Durch Waflereinbruch ging ein Teil der Strecke zu Bruch. Eine Anzahl Bergleute wurde verschüttet. Es wurden vier Tote und acht Verletzte festgestellt.

Zu dem Unglück erfahren wir noch, daß der Wasser- durchbruch auf der 5. Sohle eintrat. Die Bergarbei­ter, die an der betreffenden Stelle beschäftigt waren, wurden durch die Waffermaffen mitgeriffen und ihre Verletzungen, von denen mehrere tödlich waren, rüh­ren daher, daß die Körper der Verunglückten gegen die Wände, Verschalungen usw. geschleudert wurden. Die Unfallstelle konnte kurze Zeit nachher wieder be­fahren werden. Die Bergbehörden trafen einige Zeit später nach dem Unglück an der Unfallstelle ein. Die Untersuchung über die Entstehungsmsache ist noch nicht abgeschlossen.

Gras Zeppelins" polarfahri

Friedrichshafen, 27. November.

Wie Dr. Eckener einem Vertreter der T. U. erklärte, wird voraussichtlich am 2. Dezember ein Versicherungs­makler einer großen englischen Versicherungsgesellschaft von London nach Friedrichshafen kommen, um Ver­handlungen über einen Dersicherungsabschluß für das

LuftschiffGraf Zeppelin" für die geplante Polarfahrt zu führen. Dr. Eckener hofft mit dieser Versicherung einen Abschluß tätigen zu können.

Sobald das Luftschiff endgültig für die Polarfahrt versichert ist, wird die Werft in Friedrichshafen fofort mit dem Einbringen der notwendigen Instrumente be­ginnen. Es ist geplant, allein 50 Polarhunde mitzu­nehmen, für die int Luftschiff Hütten einzubauen sind. Unter Spionageverdachi verhaftet!

Prag, 27. November.

In Znaim in Südmähren wurde vor kurzem ein etwa zwanzigjähriger Mann verhaftet und dem Kriegsgericht eingeliefert, der laut Ausweispaß Wil­helm Aussen hieß, ehemals angeblicher deutfcher Offi­zier war, jetzt Kaufmann ist und aus Köln stammt. Er hatte in verschiedenen Geschäften versucht, Ein­käufe mit ungültigen deutschen Geldscheinen zu be­gleichen. Wie es heißt, soll Aussen unter Spionage­verdacht stehen.

Millionenfchnmggel in Wilna

Warschau, 27. Dezember.

In Wilna wurde eine große Schmugglerbande ent­deckt, an deren Spitze einige Wilnaer Fellhändler und der ehemalige Vizepräsident der Wilnaer Zolldirek­tion standen. Mehrere Beamte sind in die Angele­genheit verwickelt, und es wurden zahlreiche Verhaf­tungen vorgenommen. Der Gesamtschaden, den der polnische Staat durch die Tätigkeit oer Bande erlei­det, beläuft sich auf ungefähr 10 Millionen Zlotys.

Reichstags-Ouvertüre

(Von unserem Berliner Vertreter.)

Berlin, 27. November.

Im Reichstag und im Preußischen Landtag hat gestern die parlamentarische Arbeit lebhaft eingesetzt. Im Reichstag stand neben verschiedenen Frakrions- und Kommifftonsfttzungen, vor allem die Arbeit des Auswärtigen Ausschusses im Mittelpunkt, wobei man in der Vormittags- und Nachmittags- sttzung das gesamte Gebiet der Reparationspolitik, des ÄoungplanS und der neuen Haager Konferenz durcWirach. Das sehr wichtige Problem der deutsch-polnischen Verhandlungen hat man auf später vertagt, und heute wird der neue Außenminister Dr. Curtius gemeinsam mit dem in Berlin weilenden deutschen Gesandten in Warschau vor dem

Auswärtigen Ausschuß

den deutsch-polnischen Liquidationsvertrag, sowie die noch im Gange befindlichen Handelsvertragsverhand- lungen zu vertreten haben.

Diese Aufgabe ist nicht ganz einfach, da sich be­kanntlich bis weit in die Mittelparteien hinein, vor allem am Lquidationsvertrag starke Kritik geltend ge­macht hat. Unter desen Umständen ist es erklärlich, daß in einer demokratischen Korrespondenz davon ge­sprochen wird, es seien

Erwägungen im Gange, den deutsch-polnischen Li­quidationsvertrag zunächst nicht zu ratifizieren, selbst auf die Gefahr hin, daß die Polen in der zweiten Haager Konferenz sich nicht der allgemei­nen Annahme des Aoungplanes anschlicßen sollten. Ob es zu einer solchen Maßnahme kommt oder ob man es hier zunächst mit einem politischen Versuchs­ballon zu tun hat, mutz abgewartet werden.

Die Plenarsitzung des Reichstags wird heute nachmittag beginnen, wird aber heute und morgen zunächst nur kleineren Gegenständen gewid­met sein. Die große politische

Aus spräche über das Freiheitsgesetz

wird am Freitag stattsinden; zwischen den Regie­rungsparteien sind inzwischen Vereinbarungen über die Durchführung dieser Debatte getroffen worden. Es ist damit zu rechnen, daß die Regierung sich aus die Abgabe einer kurzen Erklärung be­schränken wird, in welcher die bereits bekannt gege­benen Gründe wiederholt werden und mitgeteilt wird, daß die Regierung für eine unbedingte Ableh­nung des Freiheitsgesetzes eintritt.

Auch die Regierungspartei en werden eine ähnlich gehaltene gemeinsame Erklärung abgeben, werden dann aber, jede für sich, noch ihre Redner vorschicken. Dies erklärt sich daraus, daß die Regie­rungsparteien den gemeinsamen Willen zur Ableh­nung des Freiheitsgesetzes dokumentieren wollen, in dieser Angelegenheit aber doch in manchen Punkten verschiedener Meinung sind Dies gilt z. B. in Bezug aus die Stellungnahme zu der vielfach kritisierten Ge­genpropaganda der Reichsregierung und der preußi­schen Regierung, wo Zentrum und Deutsche Volks­partei eine andere Meinung vertreten als die Sozial­demokraten.

Konflikte bei den Oeutfchnationalen?

Mit besonderer Spannung sieht man aber der Stel­lungnahme der Deutschnationalen entgegen, von denen bis jetzt noch nicht genau bekannt ist, wer ihr Frak­

tionsredner fein wird. Wahrscheinlich wird von ihnen der Abgeordnete Qua atz vorgeschickt werden. Als diese Vermutung gestern im Reichstag bekannt wurde, konnte man hören, daß es wahrscheinlich zu Demon­strationen kommen werde, weil man jetzt schon allge­mein erklärt, daß in diesem Falle der Abgeordnete Dr. Hugenberg selbst sein Freiheitsgesetz vor dem Parla­ment vertreten solle. Bis jetzt hört man jedoch, daß weder Hugenberg und Graf Westarp das Wort ergrei­fen wollen.

Weit sensationeller als diese Erörterungen sind die

Vermutungen, die gestern im Reichstag in der Hinsicht austauchten, daß der dentschnationale Ab­geordnete v. Lindeiner-Wildau in der Debatte am Freitag gegen den § 4 des Freiheitsgesetzes Stellung nehmen werde, d. h. also, daß ein deutschnationaler Redner nach dem offiziellen Fraktionsredner der Deutschnationalen, seiner­seits eine Rede hielte, in der er einen ab- weichenden Standpunkt vertreten wurde.

Wir geben diese Gerüchte mit allem Vor­behalt wieder. Sollten sie sich bestätigen, so würde das natürlich den Bruch zwischen der Fraktion und dem Abgeordneten von Lindeiner-Wildau bedeuten. Darüber hinaus aber war gestern bereits davon die Rede, daß nicht Lindeiner allein, sondern mit ihm eine Gruppe von sieben bis zwölf deutschnationalen Abge­ordneten bann geschlossen die deutschnationale Fraktion verlassen würden. Bei diesem demonstrativen Aus­tritt aus der Fraktion soll es sich nicht um einen Uebergang zu einer anderen Partei oder gar um eine neue Parteigründung handeln, sondern lediglich um Opposition gegen den offiziellen Parteikurs.

Ob es zu einem solchen Austritt aus der deutsch- nationalen Partei kommen wird, läßt sich natürlich im Augenblick noch nicht mit Bestimmtheit voraus­sagen, da vorher noch eine Fraktionssitzung der Deutsch- nationalen stattfinden wird, in der man versuchen wird, die bestehenden Differenzen zu be­seitigen.

Im übrigen steht es selbstverständlich fest, daß das Freiheitsgesetz mit großer Mehrheit abgelehnt wird. Die erste Lesung wird am Freitag durchaefiihrt, die zweite voraussichtlich am Montag, und möglicherweise wird man bann auf bie britte Lesung überhaupt ver­zichten können.

Abänderung

des neuen Republikschuhgesetzes

Berlin, 27. November.

DasBerliner Tageblatt" teilt mit: Der Entwurf des neuen Republikschutzgesetzes, dessen Name unter Umständen eine Aendernng oder Ergänzung erfahren soll, wurde gestern von dem zuständigen Reichsrats- ausschutz beraten und in verschiedenen Punkten so weit­gehend umgestaltet, daß es nötig ist, ihn für die Voll­sitzung des Reichsrats am Donnerstag unter Berück­sichtigung der zahlreichen Aenderungen erheblich um­zuarbeiten. Wenn der Entwurf in der Donnerstags- Sitzung erledigt werden sollte, wird er Ende der Woche dem Reichstag zugehen.