Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung JftL Hessische Abendzeitung
erttdttnneerodfet sffoBtttffl» naeettitag». Sbo*ntmeirt*»rri8: ffa de, Monat 240 -Z bet freier Sn. k Vff Anreiaemredkr: »efchönr- w*b 8«ieiTien^(e*i»en die 80 nun -Seile 11 Pfennig. Kleine »ttjdgen an«
stell uns ins Saus, m der Seübakisstea« ahgeholt 2,10 Jt. Durch »re Po« monatlich 2,30 -M a-Sfchfietzlich Zu- KSk >41 Kaüel das Wort 7 4. Auswärtige Sterne »n«igen die 30 mm breite Zeile 11 4. Anreisen im Reklameteil die Kellungsgedühr. In Kallen von höherer ««walt besteht kein »nivruch enf Lieferung der Setiuna oder auf IBAu I 78 mm breite Zeile 45 4. OfierigebShr W 4 (bei Zultelluug 85 4). — Für das Erscheinen von Anreisen i» Ruckzatzlung des BezngspreNes. Verlag. SchrifNeUung ns» Druckerei: Kölnische Swofce 10. — Telephon: \jscQkX bestimmten Ausgaben, an besonderen Plätzen und für televlwnisch erteilte Aufträge keine Gewähr. Rech-
kammclnummcr 6880. Juristische Sprechstunde leben Dienstag von 5 bis 7 Uhr. Kölnische Stratze Rr. 10. NLussbeträge innerhalb von 5 Tagen zahlbar. Kerichrsnand Lasse!. — Postscheckkonto Franks irrt a. SÄ. 0380
Nummer 279
Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.
Mittwoch, 27. November 1929
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
19. Jahrgang
Neue Sorgen um die Sibin'en-Oeutschen
Lanada lehnt die Aufnahme der Kolonisten zunächst ab / Wegen Arbeitsmangels in den Wintennonaten / Wiederbeginn der Reichstagssitzungen
Hilfsbereitschaft in Genf?
(Eigene Drahtmeldung.)
Waffereinbruch im Bergwerk
Vier Tote
Ottawa, 27. November.
Der Einwanderungsminister Forke teilte mit, daß Beschlossen worden ist, den 5000 Mennoniten, die sich augenblicklich in großer Notlage in Rußland befin- den, die Zulassung nach Kanada während der kommenden Wintermonate zu verweigern.
Die kanadischen Provinzialregierungen halten angesichts des wahrscheinlichen Arbeitsmangels während des Winters die Zeit für die Einwanderung der Mennoniten für ungeeignet. Vorbereitungen werden jedoch vielleicht getroffen werden, um die Flüchtlinge im Frühjahr nächsten Jahres nach Kanada zu Dringen.
♦
Berlin, 27. November. Nach einem Bericht des deutschen Botschafters in Moskau hat der stellvertre- lende Außenkommiffar Litwinow dem deutschen Botschafter mitgeteilt, daß der Rat der Bolkskommiffare sich entschlossen habe, die Ausreisegenehmigung für die noch bei Moskau befindlichen deutschstämmigen Flüchtlinge zu erteilen. Zurzeit befinden stch noch drei- bis viertausend Kolonisten bei Moskau, und die deutsche Regierung ist bereit, diese nach Deutschland H» übernehmen.
Die übrigen Flüchtlinge, die sich auf etwa 9000 belaufen können, sind wieder nach ihren früheren Hei- matsgebieten, insbesondere Sibirien, zurücktransportiert worden, es verlautet aber, daß die russische Regierung Maßnahmen zur Wiedersrß- haftmachung dieser Leute durch Gewährung von Un- terkunft, von Saatgut usw. treffen will. Wieweit sol- che Maßnahmen aber praktisch durchführbar sein werden, läßt sich nicht überseheü.
Anverbindliche Besprechungen in Genf
Genf, 27. November.
In der Presse ist bereits der Gedanke erörtert worden, ob nicht der Völkerbund oder der Oberkom- miffar des Völkerbundes für die Flüchtlingsfürsorge Fritjof Nansen eine Hilfsaktion für die aus Sowjetrußland auswandernden deutschen Kolonisten übernehmen könnten, so wie der Völkerbund bereits in den letzten Jahren ein unfaffendes Hilfswerk für die armenischen, griechischen und türkischen Flüchtlinge eingeleitet hat. ,
Diese schwierige und umsaffende Frage bildete Gegenstand allerdings nur unverbindlicher Besprechungen, da ein formeller Antrag von irgend einer Seite hierzu beim Völkerbund noch nicht eingegangen ist. Es ist jedoch kaum daran zu zweifeln, daß sich der in Frage kommende Ausschuß im Völkerbund einem sofortigen Hilfswerk für die dringend notwendige Unterstützung der deutschen Kolonisten in Sowjetrußland nicht entziehen würde.
t *
Die Erklärung des kanadischen Einwanderungs- Ministers beschwört neue Schwierigkeiten herauf. In Berlin wird man sich ernstlich überlegen müssen, ob man nicht den Völkerbund mit der ganzen Frage befassen soll, zumal offenbar bei den in Frage kommenden Genfer Stellen der Wille, Hilfe zu leisten, vorhanden ist.
Der Entschluß der Moskauer Regierung, 4000 deutsche Kolonisten die Ausreise zu gestatten, muß aber noch mit einigen Worten gekennzeichnet werden. 13000 Bauern hatten sich vor Moskau angesammelt. 4000 soll die Ausreise gestattet werden. Die übrigen befinden sich auf dem Rücktransport ins sibirische Elend. Die russische Politische Polizei hat auch diesmal prompt und sicher gearbeitet.
Die Ankündigung, daß der Rat der Volkskommissare sich endlich gnädigst bereit erklärt habe, 4000 Bauern aus Rußland herauszulassen, erfolgte 48 Stünden, nachdem der neue Herr, der Reichskommissar Stückten, von der Bereitwilligkeit der deutschen Regierung gesprochen hatte, sämtlichen 13 000 Bauern das Einreisevisum zu geben. Der Beschluß der Sowjetkommissare ist also eine Herausforderung der Sowjetkommissare des Deutschen Reiches uno eine Schlappe des jetzigen deutschen Botschafters in Moskau, mag er bei seiner späten Rückkehr auf dem Bahnhof in Moskau von den Vertretern der Sowjetbehörden noch so freundschaftlich begrüßt worden sein, wie dies offiziös verlautbart wird. Und es scheint Zeit zu werden, daß man in Berlin endlich lernt, den Herren in Moskau gegenüber eine etwas deutlichere Sprache als bisher zu führen.
Lettländische Fürsorge
Riga, 27. November.
Der erste Transport der deutschen Kolonisten aus Rußland wird am Mittwoch abend von dem lettlän- dischen Roten Kreuz erwartet. Rach den bei den hiesigen Stellen vorliegenden Nachrichten werden rund 5000 deutsche Kolonisten aus Rußland Riga in Richtung Deutschland passieren. Ein Transport wird durchschnittlich 500 Personen umfassen. Die Transporte werden sofort über Litauen nach Deutschland weiterbefördert werden.
Die Beköstigung der deutschen Kolonisten auf lett- ländischem Gebiete hat das lettländische Rote Kreuz übernommen. Die Kosten werden vonderdeutschen Regierung getragen. Die Bedürftigen Karden aus Kosten der deutschen Gesandtschaft auch mit Schuhwerk und Kleidern versehen werden. Die leitländischen Behörden zeigen für die Vorbereitungen der Transporte das größte Entgegenkommen.
Ein neuer Schritt Chinas
Zur Beilegung des Konfliktes tnii Rußland.
Berlin, 27. November.
Die chinesische Nationalregierung hat durch Vermittlung der deutschen Botschaft in Moskau der Regierung der Sowjet-Union eine Erklärung überreicht, in der sie Vorschläge für eine Beilegung der StreitigkeUen mit Rußland macht.
In der Erklärung wird einleitend festgcstellt. daß sind die chinesische Nationalregierung, ihrer Pflichten Vertrages bewußt, stets, bemüht habe, mit allen Ländern, nicht zuletzt auch mit Sowjetrußland friedliche Beziehungen zu unterhalten.
Die chinesische Regierung schlägt vor, sofort eine gemischte Kommission zu bilden, die die Schuldfrage untersuchen soll. Diese Untersuchungskommission soll sich aus einer gleichen Zahl qualifizierter Persönlichkeiten beider Länder, mit einem Angehörigen eines neutralen Landes als Vorsitzenden, zusammensetzen. Die chinesische Nationalregierung schlägt vor. daß beide Parteien sofort und gleichzeitig ihre Truppen auf eine Entfernung von 30 engl. Meilen von der Grenze zurückziehen.
Für den Fall der Annahme obiger Vorschläge ist die Nationalregierung bereit, den gesamten Streitfall zur Schlichtung einer neutralen und unparteilickjen Stelle zu unterbreiten.
Knttk an Vriand
Pariser Begleitmusik zur Saarkonferenz.
Paris, 27. November.
Die republikanisch-demokratische Union mastt seit dem Tag. da ihr bedeutendster Führer — Louis Marin — Herrn Briand und logischerwerse auch dem Kabinett Tardieu den Tod geschworen hat. aus innenpolitischen Gründen es aber für opportun hielt, ihm das Vertrauen auszusprechen, schwere Krisen durch. Der weitaus größte Teil der Partei duldet Briand nur deshalb, weil er weiß, daß ohne ihn als Außenminister, z. Zt. wenigstens, kein Kabinett denkbar sei.
Die Partei hielt gestern eine Sitzung ab, die auf den Grundton abgestimmt war, unter allen Umständen die Einigung zu gewinnen und diese Einigung gegen jedermann zu verteidigen. Der Plan eines Parteidirektoriums wurde nach heftiger Debitte fallen gelassen. Der Schwerindustrielle de Wendel sprach über sein Lieblingsthema .Das Saargebiet" und die soeben eröffneten deutsch-französischen Saarverhandlungen.
Briand befinde sich auf einem vollkommen falschen
Wege,
erklärte er, er sei viel zu schnell vorgegangen. Nach de Wendeis Besprechungen mit saarländischen Industriellen wäre es sogar durchaus möglich, daß das Saarland die Beibehaltung des wichtigen Völkerbunds-Regimes einer Rückkehr zu Deutschland vorziehe. Auf jeden Fall aber müsse erreicht werden, daß der gegenwärtige wirtschaftliche Zustand aufrecht
erhallen bleibe, falls das Saargebiet wirklich an Deutschland zurückkomme. Die ganze Gruppe der Parlamentarier spendete begeisterten Beifall und beschloß. diese These zu verteidigen und aus dieser Verteidigung erneut ihre Einigkeit zu schmieden.
(Wenn man auch annehmen darf, daß diese reaktionäre Gruppe vor allem aus parteitaktischen Gründen Herrn de Wendel seine alte Melodie herunterleiern ließ, so hat dock die deutsche Oesfentlickknt daran, wie stch das Kabinett Tardieu, dem die Haltung dieser großen Partei in seiner Mehrheit nicht gleichgültig sein kann, zu diesen Aeußerungen -*m= stellt. Die Red.)
Die Sprachenftage
in Äsaß-Loihnngen
Paris, 27. November.
Die Kammer hat gestern das Budget für Elsaß- Lothringen verabschiedet. Dabei kam es zu einer Debatte über die Sprachensrage. Der Unierstaats- sekretär, dem die elsaß-lothringischen Angelegenheiten unterstehen, Marcel Heraud, gab über öie Frage folgende Erklärung ab:
.Ich wiederhole, daß die deutsche Sprache rn Elsaß ae Bürger lernen müssen, damit alle die, die elsaß-lothringischer Abstammung sind, untereinander die Sprache verstehen, unter der sie aufgewachson sind. Ich wiederhole aber auch, daß alle französischen Bürger die französische Sprache lernen müssen. Ich werde dafür sorgen, daß die elsaß-lochrrngische Verwaltung, namentlich die Justiz, der deutschen Sprache mächtig ist.'
Duisburg-Hamborn, 27. November.
Gestern abend zwischen 6 und 7 Uhr ereignete sich auf der Schachtanlage 3—7 der Thyffenschen Gewerkschaften in Hamborn ein schweres Grubenunglück. Durch Waflereinbruch ging ein Teil der Strecke zu Bruch. Eine Anzahl Bergleute wurde verschüttet. Es wurden vier Tote und acht Verletzte festgestellt.
★ ★ ★
Zu dem Unglück erfahren wir noch, daß der Wasser- durchbruch auf der 5. Sohle eintrat. Die Bergarbeiter, die an der betreffenden Stelle beschäftigt waren, wurden durch die Waffermaffen mitgeriffen und ihre Verletzungen, von denen mehrere tödlich waren, rühren daher, daß die Körper der Verunglückten gegen die Wände, Verschalungen usw. geschleudert wurden. Die Unfallstelle konnte kurze Zeit nachher wieder befahren werden. Die Bergbehörden trafen einige Zeit später nach dem Unglück an der Unfallstelle ein. Die Untersuchung über die Entstehungsmsache ist noch nicht abgeschlossen.
„Gras Zeppelins" polarfahri
Friedrichshafen, 27. November.
Wie Dr. Eckener einem Vertreter der T. U. erklärte, wird voraussichtlich am 2. Dezember ein Versicherungsmakler einer großen englischen Versicherungsgesellschaft von London nach Friedrichshafen kommen, um Verhandlungen über einen Dersicherungsabschluß für das
Luftschiff „Graf Zeppelin" für die geplante Polarfahrt zu führen. Dr. Eckener hofft mit dieser Versicherung einen Abschluß tätigen zu können.
Sobald das Luftschiff endgültig für die Polarfahrt versichert ist, wird die Werft in Friedrichshafen fofort mit dem Einbringen der notwendigen Instrumente beginnen. Es ist geplant, allein 50 Polarhunde mitzunehmen, für die int Luftschiff Hütten einzubauen sind. Unter Spionageverdachi verhaftet!
Prag, 27. November.
In Znaim in Südmähren wurde vor kurzem ein etwa zwanzigjähriger Mann verhaftet und dem Kriegsgericht eingeliefert, der laut Ausweispaß Wilhelm Aussen hieß, ehemals angeblicher deutfcher Offizier war, jetzt Kaufmann ist und aus Köln stammt. Er hatte in verschiedenen Geschäften versucht, Einkäufe mit ungültigen deutschen Geldscheinen zu begleichen. Wie es heißt, soll Aussen unter Spionageverdacht stehen.
Millionenfchnmggel in Wilna
Warschau, 27. Dezember.
In Wilna wurde eine große Schmugglerbande entdeckt, an deren Spitze einige Wilnaer Fellhändler und der ehemalige Vizepräsident der Wilnaer Zolldirektion standen. Mehrere Beamte sind in die Angelegenheit verwickelt, und es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Der Gesamtschaden, den der polnische Staat durch die Tätigkeit oer Bande erleidet, beläuft sich auf ungefähr 10 Millionen Zlotys.
Reichstags-Ouvertüre
(Von unserem Berliner Vertreter.)
Berlin, 27. November.
Im Reichstag und im Preußischen Landtag hat gestern die parlamentarische Arbeit lebhaft eingesetzt. Im Reichstag stand neben verschiedenen Frakrions- und Kommifftonsfttzungen, vor allem die Arbeit des Auswärtigen Ausschusses im Mittelpunkt, wobei man in der Vormittags- und Nachmittags- sttzung das gesamte Gebiet der Reparationspolitik, des ÄoungplanS und der neuen Haager Konferenz durcWirach. Das sehr wichtige Problem der deutsch-polnischen Verhandlungen hat man auf später vertagt, und heute wird der neue Außenminister Dr. Curtius gemeinsam mit dem in Berlin weilenden deutschen Gesandten in Warschau vor dem
Auswärtigen Ausschuß
den deutsch-polnischen Liquidationsvertrag, sowie die noch im Gange befindlichen Handelsvertragsverhand- lungen zu vertreten haben.
Diese Aufgabe ist nicht ganz einfach, da sich bekanntlich bis weit in die Mittelparteien hinein, vor allem am Lquidationsvertrag starke Kritik geltend gemacht hat. Unter desen Umständen ist es erklärlich, daß in einer demokratischen Korrespondenz davon gesprochen wird, es seien
Erwägungen im Gange, den deutsch-polnischen Liquidationsvertrag zunächst nicht zu ratifizieren, selbst auf die Gefahr hin, daß die Polen in der zweiten Haager Konferenz sich nicht der allgemeinen Annahme des Aoungplanes anschlicßen sollten. Ob es zu einer solchen Maßnahme kommt oder ob man es hier zunächst mit einem politischen Versuchsballon zu tun hat, mutz abgewartet werden.
Die Plenarsitzung des Reichstags wird heute nachmittag beginnen, wird aber heute und morgen zunächst nur kleineren Gegenständen gewidmet sein. Die große politische
Aus spräche über das Freiheitsgesetz
wird am Freitag stattsinden; zwischen den Regierungsparteien sind inzwischen Vereinbarungen über die Durchführung dieser Debatte getroffen worden. Es ist damit zu rechnen, daß die Regierung sich aus die Abgabe einer kurzen Erklärung beschränken wird, in welcher die bereits bekannt gegebenen Gründe wiederholt werden und mitgeteilt wird, daß die Regierung für eine unbedingte Ablehnung des Freiheitsgesetzes eintritt.
Auch die Regierungspartei en werden eine ähnlich gehaltene gemeinsame Erklärung abgeben, werden dann aber, jede für sich, noch ihre Redner vorschicken. Dies erklärt sich daraus, daß die Regierungsparteien den gemeinsamen Willen zur Ablehnung des Freiheitsgesetzes dokumentieren wollen, in dieser Angelegenheit aber doch in manchen Punkten verschiedener Meinung sind Dies gilt z. B. in Bezug aus die Stellungnahme zu der vielfach kritisierten Gegenpropaganda der Reichsregierung und der preußischen Regierung, wo Zentrum und Deutsche Volkspartei eine andere Meinung vertreten als die Sozialdemokraten.
Konflikte bei den Oeutfchnationalen?
Mit besonderer Spannung sieht man aber der Stellungnahme der Deutschnationalen entgegen, von denen bis jetzt noch nicht genau bekannt ist, wer ihr Frak
tionsredner fein wird. Wahrscheinlich wird von ihnen der Abgeordnete Qua atz vorgeschickt werden. Als diese Vermutung gestern im Reichstag bekannt wurde, konnte man hören, daß es wahrscheinlich zu Demonstrationen kommen werde, weil man jetzt schon allgemein erklärt, daß in diesem Falle der Abgeordnete Dr. Hugenberg selbst sein Freiheitsgesetz vor dem Parlament vertreten solle. Bis jetzt hört man jedoch, daß weder Hugenberg und Graf Westarp das Wort ergreifen wollen.
Weit sensationeller als diese Erörterungen sind die
Vermutungen, die gestern im Reichstag in der Hinsicht austauchten, daß der dentschnationale Abgeordnete v. Lindeiner-Wildau in der Debatte am Freitag gegen den § 4 des Freiheitsgesetzes Stellung nehmen werde, d. h. also, daß ein deutschnationaler Redner nach dem offiziellen Fraktionsredner der Deutschnationalen, seinerseits eine Rede hielte, in der er einen ab- weichenden Standpunkt vertreten wurde.
Wir geben diese Gerüchte mit allem Vorbehalt wieder. Sollten sie sich bestätigen, so würde das natürlich den Bruch zwischen der Fraktion und dem Abgeordneten von Lindeiner-Wildau bedeuten. Darüber hinaus aber war gestern bereits davon die Rede, daß nicht Lindeiner allein, sondern mit ihm eine Gruppe von sieben bis zwölf deutschnationalen Abgeordneten bann geschlossen die deutschnationale Fraktion verlassen würden. Bei diesem demonstrativen Austritt aus der Fraktion soll es sich nicht um einen Uebergang zu einer anderen Partei oder gar um eine neue Parteigründung handeln, sondern lediglich um Opposition gegen den offiziellen Parteikurs.
Ob es zu einem solchen Austritt aus der deutsch- nationalen Partei kommen wird, läßt sich natürlich im Augenblick noch nicht mit Bestimmtheit voraussagen, da vorher noch eine Fraktionssitzung der Deutsch- nationalen stattfinden wird, in der man versuchen wird, die bestehenden Differenzen zu beseitigen.
Im übrigen steht es selbstverständlich fest, daß das Freiheitsgesetz mit großer Mehrheit abgelehnt wird. Die erste Lesung wird am Freitag durchaefiihrt, die zweite voraussichtlich am Montag, und möglicherweise wird man bann auf bie britte Lesung überhaupt verzichten können.
Abänderung
des neuen Republikschuhgesetzes
Berlin, 27. November.
Das „Berliner Tageblatt" teilt mit: Der Entwurf des neuen Republikschutzgesetzes, dessen Name unter Umständen eine Aendernng oder Ergänzung erfahren soll, wurde gestern von dem zuständigen Reichsrats- ausschutz beraten und in verschiedenen Punkten so weitgehend umgestaltet, daß es nötig ist, ihn für die Vollsitzung des Reichsrats am Donnerstag unter Berücksichtigung der zahlreichen Aenderungen erheblich umzuarbeiten. Wenn der Entwurf in der Donnerstags- Sitzung erledigt werden sollte, wird er Ende der Woche dem Reichstag zugehen.