Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung
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Nummer 277
Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.
Montag, 25. November 1929
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19. Jahrgang
Schwere Gasexplosion in Essen
Sieden Schwerverletzte und drei Tote / Die Kämpfe in Mtelchina beendet? / Seffedowski verdächtigt Deutschland
Die Siätte der Verwüstung
(Eigene Draht Meldung.)
Esten, 25. November.
Heute vormittag gegen 10 Uhr ereignete sich auf dem Weberplatz eine furchtbare Gasexplosion. Ein Gebäude in dem sich ein Haushaltungsgefchäft sowie eine Kaffee- und Frühstücksstube befinden, flog mit furchtbarem Krachen in die Luft. Das Haus wurde vollständig demoliert und auseinandergeriffen.
Die Straßen liegen voll von Haushaltungsgegen- siänden, viele sind durch die Fenster in die benachbarten Gebäude geflogen. Die Nachbargebäude sind gleichfalls stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Fenster sind fast sämtlich zertrümmert, die Decken und Wände geborsten. Die großen Schaufensterscheiben der benachbarten Läden wurden vollständig zertrümmert und unter die Waren geschleudert. Die Wucht der Explosion war derartig, daß die großen, drei bis vier Zentner schweren Steinstufen der Treppe über die Häuser hinweg auf die Dächer geschleudert wurden und dox^ große Verwüstungen anrichteten. Alle Feuerwehren mit ihren Krankenwagen sind an Ort und Stelle.
Das Unglück hat bisher drei Todesopfer gefordert. Eine Marktfrau wurde von einem Stein getroffen und auf der Stelle getötet. Bei den Buf- räumungsarbeiten wurden bisher ein Toter und acht Schwerverletzte geborgen. Von den Schwerverletzten ist ein Mann im Krankenhaus gestorben.
ÄerparlamentarischeMnterselvzug
(Von unserem Berliner Vertreter.)
Berlin, 25. November.
Ein parlamentarischer Winterfeldzug, der in dieser Woche eröffnet wird, wird voraussichtlich eine ganze Menge größerer politischer Schwierigkeiten bringen. Heute beginnen die Sitzungen des Haushaltsausschusses und des Volkswirtschaftlichen Ausschusses, morgen die Beratungen des Auswärtigen Ausschusses und des Preußischen Landtages, und am Mittwoch setzen die Plenarverhandlungen des Reichstags ein.
Der Preußische Landtag wird voraussichtlich nur wenige Tage bis Ende dieser Woche beisammen bleiben und dann erst am 10. Dezember wieder zusammentreten, um die Etatsberatungen zu beginnen. Im Reichstag dagegen wird bis Weihnachten ununterbrochen weiter gearbeitet werden.
Man hat es hier in erster Linie mit der Beratung der Zollnovelle zu tun, die in engem Zusammenhänge mit verschiedenen auswärtigen Handelsvertreter-Verhandlungen steht.
Besondere Schwierigkeiten ergeben sich zurzeit wieder einmal bei den deutsch-polnischen
Verhandlungen, well die Warschauer Regierung sich noch nicht damit
einverstanden erklären will, daß von Polen aus nur Schweinefleisch, nicht aber lebende Schweine nach Deutschland exportiert werden sollen. Der deutsche Gesandte in Warschau, der diese Verhandlungen führt, befindet sich zurzeit in Berlin und wird heute an einer Kabinettsitzung teilnehmen, in der man sich mit dieser Angelegenheit beschäftigen wird.
Ferner wird der Reichstag sich mit dem Gesetzentwurf zu befassen haben, welcher dem Volksbegehren zugrunde liegt. Heute tritt zunächst der Reichs- Wahlausschuß zusammen, um festzustellen, ob die Zahl der Eintragungen für das Volksbegehren wirklich ausgereicht hat oder nicht. Trotz der sehr erheblichen Streichung von vielen Tausenden von ungültigen Stimmen, die in der letzten Woche vorgenommen wurden, hält man es für sicher, daß die
erforderliche Zahl der Eintragungen zum Volksbegehren nach wie vor vorhanden
ist. sodaß zunächst dem Reichstag dieses Gesetz überwiesen werden kann und dann der Volksentscheid durchgeführt werden müßte.
Weiterhin wird im Reichstag, neben anderen wichtigen Gegenständen, voraussichtlich eine Frage gestellt werden, die außenpolitisch sehr viele Gefahrenmomente in sich trägt. Diese Frage wird heute von der „Welt am Montag" bereits angeschnitten und bezieht sich auf eine
angeblich geheime Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der russischen Armee.
Der russische Botschaftsrat in Paris Bcssedowski ist bekanntlich vor kurzem in Moskau in seiner Abwesenheit zum Tode verurteilt. worden, well er in politischen Differenzen mit der Moskauer Regierung steht. B e s s e d o w s k i hat nun kürzlich einen Artikel veröffentlicht, in welchem er die Behauptung aufstellt, daß in der russischen Armee und in der russischen Marine eine ganze Anzahl deutscher Instruktions-Offiziere, Ingenieure und Techniker beschäftigt seien, und daß in russischen Munitions- und Waffenwerkstätten eine große Anzahl von Deutschen beschäftigt sei Dort würden u. a. Sprengstoffe und Flugzeuge nach deutschen Plänen hergestellt (??), und die Rote Armee habe die Verpflichtung, einen Teil dieser Produktion auf eigenes Wsiko geheim nach Deutschland an die Reichswehr zu liefern.
Die „Welt am Montag" stellt nun die Frage, ob diese
Angaben Bessedowskis
auf Wahrheit beruhen. Sie erinnert daran, daß bereits im Jahre 1923 einmal geheime Beziehungen zwischen Reichswehr und russischer Armee im Reichstag zugegeben wurden, damals aber als eine Angelegenheit der Vergangenheit abgetan werden konnten.
Es wird erwartet, daß der Reichswehrminister im Reichstag auf diese Frage eine genaue Auskunft geben wird.
Bestechung und Mnilionsmangel
(Eigene Drahtmeldung.)
Loudon, 25. November.
„Times" meldet aus Peking: In der Kampftage in China ist eine neue erstaunliche Wendung zu verzeichnen. Fengjuhsiangs Armee hat sich in westlicher Richtung zurückgezogen und den Regierungsstreitkräf- ten die Stadt Loyaug überlassen. Es heißt, daß dies auf einer Vereinbarung beruhe, und daß Tschiangkai schek daher die Front habe 6er' iffen können.
General Tschiangkaischek ist bereits am Sonntag von Hankau nach Nanking abgereist. In Hankau nimmt man allgemein an, daß der Krieg gegen den Norden damit vorüber ist. Die entscheidend: Wendung in der Kriegslage zu Gunsten der Nanking-Regierung ist, wie man annimmt, durch die reichliche Verwendung von Bestechutrgsgeldern herbeigeführt worden. Auf der anderen Seite ist es sicher, daß die Aufständigen- Armeen erheblich unter Munitionsmaugel gelitten haben und bei verschiedenen Gelegenheiten sehr schwere Verluste zu verzeichnen hatten.
Inzwischen ist Tschangfatkwai, dessen vernichtende Niederlage vor einigen Wochen gemeldet wurde, mit einem großen Heer in südlicher Richtung marschierend, in Kwautung einmarschiert, während die Kwangsifüh- rer, die Provinz von Westen her bedrohen. Vom Tangtse werden Verstärkungen abgesandt. Die Nanking-Regierung hat alle Kauffahrtei-Schiffe gewarnt, über Sehiuking hinausrufahren, da die Kwangsi- Streilkräfte flußabwärts marschierten und ein Zusammenstoß mit ihnen in der Nähe von Sehiuking erwartet wird.
Zum Verständnis dieser Vorgänge ist es nötig, einen kurzen Ueberblick über die bisherige Lage tm chinesischen Bürgerkriege zu geben: Die N a n k t n - ger „Zentralregierung", die in Wirklichkeit nur 3-4 Küsienprovinzen Mittel- und Südchinas (Tschekiana, Kiangsu mit Schanghai, Kwangtung mit Kanton) beherrscht und sich auf das Hanselsund Bankkapital der großen Hafenstädte und den
Großgrundbesitz stützt, versuchte tm Lause des Jahres die Generalcliquen, welche das ganze innere China und den Norden des Riesenreiches beherrschen, teils mit Gewalt, teils mit Versprechungen an ihre Seite zu ziehen. Im Sommer hatte es schon den Anschein, als ob es der Nankinger Regierung gelingen würde, wenn auch vorläufig nur formell, ihre Macht auf ganz China auszubreiten. Im Oktober jedoch flammte der seit Jahren tobende Bürgerkrieg mit ungeahnter Heftigkeit wieder auf und zwar gleichzeitig auf zwei Fronten.
Im Nordwesten Chinas begann die 250 000 Soldaten zählende, vorzüglich ausgebildete „Volksarmee" (Kuomintschun) des General Feng eine groß angelegte Offensive in der Provinz Honan. Feng wird vom Handelskapital und Kleingrundbesitz, sowie auch vom Kleinbürgertum und Bauernschaft der wirt- schafllich wenig entwickelten, westchinesischen Provinzen Schensi und Kansu unterstützt. Nach Eroberung der wichtigen Stadt Lovang und des Arsenals von Kunghsien wurden Feng's Truppen vor dem bedeutenden Eisenbahnknotenpunkt Tschengtsckon durch die Hauvtkräfte der Nankingregierung aufgehalten. Der S'aa'spräsident Tschiangkaischek, der die Regierunqstruppen selbst befehligt, setzte gegenüber der Volksarmee, die kürzlich von deutschen Offizieren (unter Leitung des unlänast verstorbenen Oberst Bauer) ausgebildeten Musterdivistonen der Nationalarmee ein und der Kamps zwirnen diesen besten Einheiten des chinesischen Heeres fordert im chinesischen Bürgerkrieg beispiellose, in die Zehntausende gehende Opfer. Auf dieser Front ist also nuu- tnebr der Kampf anscheinend beendet.
Der andere Kriegsschauplatz des chinesischen Bürgerkrieges erstreckt sich in den füdchinesischen Provinzen Kwangst und Kwangtung. Hier werden die Nankingtruppen von der sogenannten „eisernen Division" unter Tschangfatkwei angegriffen. Die „eiserne Division", früher die beste Stütze der Nankingregierung, revoltierte Ende September in ihrer Earnisonstadt Itschang an der Jangtse, erklärte sich für die Partei der „Reorganisatoren", die Wortführerin des chinesischen Kleinbürgertums, die den linken oppositionellen Flügel der regierenden Kuo- mingtang-Partei bildet und setzte sich mit dem Ziele
der Eroberung der reichen Hafenstadt Kanton, des wichtigsten militärischen Stützpunktes Südchinas, in Bewegung. Heute steht die „eiserne Division" schon in der Provinz Kwantung, kaum hundert Kilometer vor Kanton, und erhält ständigen Zuzug seitens der Ueberrefte der im Sommer geschlagenen halbfeudalen Kwangsiarmee, wie auch durch die zahlreichen Vauern- freischärler.
Sie Auswanderung der deusschen Kolonisten
Hamburg, 25. November.
Der Moskauer Korrespondent des „Hamburger Fremdenblattes" meldet: In der Frage der deutschen Abwanderer aus Moskau hat sich jetzt eine gewisse Aussicht auf Annäherung der deutschen und der sow- jetruffischen Auffassung eröffnet. Der Abtransport der Kolonisten ins Innere des Landes, der bis zum Mittwoch acht Züge mit durchschnittlich 200 bis 300 Personen umfaßte, ist eingestellt worden.
Als Ziel des Meinungsaustausches zwischen dem deutschen Geschäftsträger, Botschaftsrat von Twar- dowski und dem stellvertretenden Volkskommissar Lii- winoff wird von deutscher Seite versucht, die Ausreiseerlaubnis für diejenigen deutschen Kolonisten zu erhalten, die sich bereits in Leningrad befinden, oder sich bei Moskau angesammelt haben. Es sind dies noch rund 10 000 Personen.
Die Kämpfe in der Mandschurei
Chardin, 25. November.
Reuter zufolge haben die Sowjettruppen Hailar besetzt und Mulin eingeschlossen. Die chinesischen Truppen befinden sich auf dem Rückzüge. Sie haben 12 000 Mann verloren. Aus Nanking wird berichtet, daß süh^nde. Persönlichkeiten gegenwärtig Verhandlungen führen, um den Bürgerkrieg in China zu beenden und alle Kräfte zum Widerstand gegen die Sowjets zusam- menzufaffen.
Oer Tod des „Tigers"
(Eigener Drahtbericht.)
Paris, 25. November.
George Clemenceau ist in der Rächt vom Samstag auf Sonntag um 1 Uhr 45 gestorben. Er hatte Stunden vorher das Bewußtsein verloren und die Außenwelt nicht mehr erkannt.
Als die Todesnachricht bekannt wurde, begab sich Ministerpräsident Tardien in die^Kue Franklin, wo eie Stadmwhnung des „Tig-is" war, un im Namen der Regierung der Familie Clemenceau das Beileid auszusprechen. Tardieu erklärte beim Ver- lassen des Hauses, der letzte Wille des Verstorbenen sei, in aller Stille wie ein Privatmann in der Ven- dee neben feinem Vater begraben zu werde«.
* * *
Dr. med. Georges Clemenceau — lebte er denn noch? So fragte mancher, als die ersten Nachrichten über sein schweres Sterben in die Oeffentlichkeit drangen. Der alte Tiger hatte int Jahre 1921 in seiner Pariser Wohnung hinter dem Trocadero angesichts des Eiffelturmes ein Buch zu schreiben begonnen, das, wie er sagte, die ganzen Erfahrungen seines langen Lebens zum Ausdruck bringen sollte. In seinem letzten Willen verfügte er damals, daß das Buch verbrannt werden müsse, wenn er sterbe, ohne es vollendet zu haben. Was war das für ein Buch? Memoiren? Enthüllungen über die Kriegsursachen? Kriegsgeheimnisse? Nachkriegszeit? Bilder aus dem an Abenteuern reichen Privatleben? Nichts von alledem! Das Buch erschien um die Wende 1925/26 und hieß — Demosthene. In der Figur des großen attischen Redners und Volksretters Demosthenes verherrlichte der nimmermüde Greis Clemenceau sich selbst, den Sieger des Weltkrieges. Und das fürchterlichste Wort in diesem Buche! „Die Völker pflegen immer nur denen bereitwillig zu folgen, die ihnen Blut abfordern!"
Das war der echte Clemenceau. Als 1917 alle französischen Politiker an dem Schicksal ihres Vaterlandes verzweifelten, als Vriand gerne einen Sonderfrieden geschlossen hätte, aber nicht den Mut dazu fand (et fürchtete, erschossen zu werden), sprang der damals 66jährige Clemenceau in die Bresche. Er zögerte keinen Augenblick, eine Million blühender Jugendleiber mehr auf die Wagschale zu werfen. Mit der ganzen Hemmungslosigkeit seines unbeugsamen Willens riß er Front und Hinterland in die Höhe. Mitleidlos traf seine knochige Faust Schuldige und Unschuldige. Eine eiserne Disziplin, die vor Massenfüfl- lierungen nicht zurückschreckte, schuf Ordnung an der Front. Eine Politik barbarischster Unterdrückung, die die „Defaitisten" zu Dutzenden den Gewehren der Exekutionskommandos überlieferte und Minister wie Cail- laux und Malvy wegen Hochverrats vor den Staatsgerichtshof stellte, peitschte im Innern die letzten Energien auf. Die amerikanischen Divisionen, die seit Ende 1917 in wachsender Zahl das militärische Uebet- gewicht auf die Seite der Entente brachten, taten das übrige. Frankreich blieb Sieger. „Pete de la Dic- toire", Vater des Sieges nannte das Volk den Alten.
Er galt auch als der Vater des Ftiedens- verträges. Aber gerade dieser wurde ihm zur Schicksalswende. Niemand war zufrieden mit seiner Arbeit in Versailles. Die Militärs und Nationalisten warfen ihm vor, daß er sich von dem „Pazifismus" Lloyd Georges und Wilsons um die Früchte des Sieges habe betrügen lassen. Die Vernünftigen aber erkannten, daß das Diktat, das dem Besiegten aufgezwungen wurde, ein schlechter Frieden, eine Mißgeburt der Weltgeschichte war, weil es alle Keime zu neuen Kriegen in sich trug. Unwillig und verdrossen ertrug fortan auch das französische Parlament die Ueberlegen- heit Clemenceaus, und bei der allerersten Gelegenheit mit geheimer Stimmabgabe — das Bekenntnis mit Einsatz der Person hätte keiner gewagt —, also bei der Neuwahl des Präsidenten von Frankreich, gaben sie ihm den Fußtritt. Nachfolger Poincarss auf diesem höchsten Posten wurde nicht Clemenceau, sondern Deschanel.>
Clemenceau ging dann auf Reisen, mit vielem Tamtam der persönlichen Reklame. Er begab sich nach Indien, um Tiger zu jagen, er bestieg bei der Seine» Ueberschwemmung einen Nachen, um Leute zu retten, er führ nach Amerika und behauptete, Deutschland bereite einen neuen Krieg vor. . . Aber es half alles nichts. Man begann ihn totzuschweigen. Jeden Morgen saß der Greis der Greise an seinem Kamin und duichflog alle Blätter. Nirgends mehr war sein Name zu Wir. Er wurde immer verbitterter, aber er blieb kampflustig. Sein Lebensabend war erfüllt mit rast
loser Arbeit. Vom frühesten Morgengrauen bis zum finkenden Wend saß er am Schreibtisch. Sein Tem- perament war stärker als sein Wille. Immer wieder zwang es ihm die Feder in die Hand, um im Streite der Meinungen Partei zu ergreifen. Den philosophischen Bettachtungen, den ersten Früchten des Alters, folgten immer neue politische Kampfschriften, gespickt mit Bosheiten.
Clemenceau war der Geist, der stets verneint, und wenn er jetzt in feinem Landsitz in der heimatlichen Dendöe zur letzten Ruhe geht, so wird ein seltsames Leben voller Kämpfe, voller Haß, voller Widersprüche, reich bewegt durch ein ständiges Auf und Ab beendet. Mit Recht urteilte Lloyd George nach seinem letzten Besuch bei dem old tiger: „Herr Clemenceau ist ein furchterweckender Greis. Jedesmal, wenn ich ihn sehe, hat er ein Jahr weniger auf dem Buckel und eine Klaue mehr." Nun hat der alte Tiger endgültig alle seine Klanen eingezogen. £ Schoene.
Beerdigung in aller Stille
Paris, 25. November.
Heute nacht wurde der Sarg mit der Leiche Clemenceaus nach Mouchamps Petit Bois in der Ven- dee, dem Privatbesitze Clemenceaus überfühtt. Der alte Chauffeur des „Tigers" hat bereits das Grab gefchauselt. Ein einfacher Stein, den man aus Griechenland eingeführt hat, wird das schmucklose Grab zieren. Keine Inschrift, nicht einmal der Name Clemenceau's befindet sich darauf. Auch kein Geistlicher — der „Tiger" war zeitlebens einer der größten Gegner der Kirche — wird die Einsegnung vornehmen. Nur die allernächsten Verwandten und Mitarbeiter Clemenceaus werden an der Beerdigung teilnehmen.
Im Augenblick der Beisetzung werden in Paris genau wie am Tage des Waffenstillstandes Kanonen des Landheeres und der Marine Salut-Salven abgeben. Am Sonntag, den 1. Dezember werden die ehemaligen Kriegsteilnehmer geschlossen am Grabe des unbekannten Soldaten vorbeimarschieren. An dieser Feierlichkeit zu Ehren Clemenceaus werden der Staatspräsident und der Ministerpräsident und sämtliche Mitglieder des Senats und der Kammer teilnehmen.