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Kasseler Neueste Nachrichten
2. Beilage
Freitag,22 No entb’t 19 9
Heimkehr des Weltfliegers
Mit dem Dampfer „Bremen" des Norddeutschen Lloyd traf der junge Weltflieger Freiherr König von Warthausen (im Bild) in Bremerhaven ein. Freiherr von König hat mit seiner glücklichen Ankunft in New- vork die vorletzte Etappe seines Weltfluges im Kleinflugzeug überwunden, der heute mit dem Fluge Bremerhaven-Berlin beendet werden soll. An Bord der „Sternen" befand sich auch der ehemalige V-Voot- Kommandant Hashagen, der, wie gemeldet, kürzlich auf Aufforderung des englischen Kapitäns Lewis, dem ehemaligen Befehlshaber eines der englischen II-Voot- jäger, nach England gekommen war, um an einer Friedenskundgebung der englischen Völkerbundsliga teilzunehmen. (Siehe auch unseren gestrigen Artikel in der Sportzeitung!)
Oer Geist als Llntermieter
Ein Bernner Prozeß
b. Berlin, 22. November.
Das Amtsgericht Lharlottenburg wird sich nun schon dazu bequemen müssen, die Existenz von Geistern urkundlich zu bestätigen oder zu bestreiten. Es ist vorweg zu nehmen, daß es sich dieser aktuellen Pflicht zwar durch Vertagung des Prozesses heute entzogen hat. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Beweise, o Justitia, dass nur dein erster, nicht auch dein sechster Sinn blind ist--
Beklagt ist Herr Requlski, Oberhaupt einer ehr- und achtbaren Familie, Vater einer elfjährigen Tochter Lucie, Inhaber einer Wohnung in Charlotten- burg, Tauroggener Straße 42.
Kläger ist der Hauswirt von Nummer zweiundvierzig, der nicht minder acht- und ehrbare Herr Ritter.
Gegenstand der Klage: Herr Regulski möge angehalten werden, die Wohnung unverzüglich zu räumen. einschliesslich seiner elfjährigen Tochter Lucie.
Auf diese Lucie kommt's nämlich an.
Lucie hält es mit den Geistern, sie sind bei Re- gulskis sozusagen als Untermieter oder Schlafburschen oder wie man das sonst nennen mag, zu Hause. Herr Ritter nun meint, er habe seine Wohnung nicht an Geister vermietet. Im Gegenteil, er könne das weder tun noch dulden, denn wenn das erst einmal einreitze, würde kein vernünftiger Mensch bei ihm eine Wohnung mieten. Und das sei eine finanzielle Schädigung, die sich Herr Ritter nicht leisten kann.
Recht so! Schliesslich ist es ja auch verboten, sich Löwen, Tiger und Elefanten in Mietskasernen zu halten. Geister könnten mitunter noch weniger angenehm sein. Aber für Löwen, Tiger und Elefanten gibt es etwas im Gesetz. Für Geister gibt es das
nicht. Gott, find die Gesetzmacher rückständig! Herr Ritter und sein Anwalt, die haben es nicht ganz leicht, ihre gute Sache zu vertreten. Wenn der Löwe brüllt, oder wenn er des Nachbarn Erohmutter auffritzt, wird es Beschwerden geben und Beschwerden sind gesetzliche Handhaben, lieber die Geister kann sich niemand beschweren, weil es harmlose Geister find.
Sie tun kaum mehr als dies: Stühle rücken, an Wände und Türen klopfen. Tische schweben, Hampelmänner tanzen lassen. Also das sind Dinge, die jede bessere Aufwartefrau auch noch besorgt, ohne dass der Mieter deshalb exmittiert wird. Nein, es bleibt dem Hauswirt nichts anderes übrig, als seine moralische und finanzielle Schädigung in glühenden Farben aus» znmalen. Er sagt: Ich will eine Erklärung haben, dass die Regulskis und ihre Tochter das Ganze als Schwindel aufgezogen haben. Dann weiss ich und dann wissen es die Leute, dass von Geistern nicht die Rede ist--und schwindeln kann in meinem Haus
jeder so viel er will. Aber wenn sie diese Erklärung nicht abgeben, bann sind die Geister echt und mit echten Geistern ist bei mir nichts zu machen, nee, bei mir nicht--
Dann wäre das ja ganz einfach, meinte der Richter, Herr Regulski erklärt--
Aber der Rechtsanwalt des Beklagten springt erregt in die Höhe. Wie kann hier von Schwindel die Rede sein? Warum sollten die Regulskis schwindeln? Sie sind selber verzweifelt. Sie haben den Pfarrer um Hilfe angefleht, sie haben sich an die parapsvchische Gesellschaft gewandt. Die parapsychiiche Gesellschaft hat in der Wohnung eine Sitzung abgehalten und fest- gestellt, daß es keine natürliche Erklärung für die Erscheinungen geben könne, dass also auch von Schwindel nicht die Rede ist--
Hier wird die Verhandlung abgebrochen. Der Pfarrer und der Vorstand der parapsychischen Gesellschaft sollen noch vernommen werden.
Nun — auch das wird den Richter nicht um die Entscheidung bringen. Wenn er den Regulskis aufgibt, die Wohnung zu räumen, haben es die Geister schriftlich, daß sie Geister sind. Wenn er die Klage abweist, stempelt er die Regulskis zu Betrügern. Und das werden sich weder die Regulskis noch ihre Geister gefallen lassen.
Selbstmord eines Frankfurter Bankiers.
Wiesbaden, 22. November. Der Bankier Bauer aus Frankfurt am Main, Inhaber des in Schwierigkeiten gerannen Bankhauses Rudolf Bauer in Frankfurt am Main, der vorgestern abend in einem hiesigen Hotel abgestiegen war, wurde heu e früh in seinem Zimmer tot aufgefunden. Er hatte sich mit Veronal vergiftet.
Der Frettod des sächsischen Industriellen Arnold.
Bautzen, 22 November. Der Industrielle Paul Arnold, Inhaber der Klinkerwerke Dreistern bei Bautzen, der vor e toa 14 Tagen infolge finanzieller Schwierigkeiten in seiner Sandgrube seines Distriktes einen Selbstmordversuch unternahm ist in der vergangenen Nacht im Stadtkrankenhans zu Bautzen seinen Verletzungen erlegen Arnold war 52 Iabre alt Nach neueren Angaben sollen die Verbindlichkeiten 420 000 Mark betragen und auch betrügerische Wechselgeschäfte festgestellt worden sein
Ein flüchtiger Bankdirektor.
Lübeck, 22. November. Direktor Hirschseld von der Bank für Handel und Gewerbe AG. in Lübeck, deren sslwsammenibruch ge oeldet wurde, ist geflohen. Er M sich über Hamburg nach Baris begeben wv er heute abend eintreffen soll. Gegen Hirschseld ist ein Steckbrief erlassen worden.
• Schwerer Betriebsunfall.
Bochum, 22. November. Bei Montagearbeiten an einer neuen Gasleitung beim Bochumer Verein brach, als ein 16 Meter langes Gussrohr mit zwei Flaicken- zügen hochgehoben werden sollte, der Sims, an dem ein Flaschenzug angebracht war und stürzte auf mehrere dort beschäftigte Arbeiter. Sieben Arbeiter erlitten Verletzungen, einer starb kurz nach dem Unglück.
Diphtherie in der Schule.
Walsum bei Düsseldorf, 22. November. Hier sind 22 Kinder an Diphtherie erkrankt. Drei Fälle sind tödlich verlaufen. Eine ärztliche Untersuchung der Schulkinder und des Lehrpersonals stellte bei nicht weniger als 70 Kindern und vier Lehrern Diphtheriebazillen fest. Die unteren 4 Klassen der Schule sind für mehrere Wochen geschlossen worden.
Die Gerolsteiner Räuber.
Trier, 22. November. Der Krankenkaffenkonttollenr Stark aus Daun hat sich der Polizei gestellt und gestanden, daß er an dem versuchten Raubüberfall auf die Stationskasse Gerolstein am 30. Oktober, der durch die Geistesgegenwatt des Stationsvorstehers vereitelt worden war, gemeinsam mit dem seinerzeit verhafteten Rendanten Mengelkopsch aus Dann, dem Polizeibeamten Munkler aus Gerolstein und noch mehreren anderen Personen beteiligt war. Auf Grund dieser Aussage wurde der Polizetbeamte Munkler verhaftet. Er leugnet jedoch jede Beteiligung.
Der König von Spanien ehrt einen deutschen Kapitän
Hamburg, 22. November. Commodore Rolrn, zur Zeit Kapitän des größten deutschen Südamerika- dampsers ,Eap Arcona", konnte fein 50jächttges ©et» mannsjubMum feiern. Der König von Spanien verlieh dem Jubilar, der sich um die Verbindung mit Spanien und den spanisch sprechenden Ländern Süd- amerikas große Verdienste erworben hat, das Kom- tuvkreuz des Ordens Isabella la cacholica.
Die Morduntersuchung in Düffeldors
Düsseldorf, 22. November.
Die Düsseldorfer Morduntersuchung zieht immer weitere Kreise. Jetzt traf der Berliner Schriftsachverständige, Kriminalrat Schweikart, in Düsseldorf ein. Schweikatt, der in Berlin schon die mannigfaltigsten Aufgaben an Hand von Schriftproben gelöst hat, soll hier die Mörderbriefe einer eingehenden Untersuchung unterziehen. Ferner ist Ministerialdirektor Dr. Kopp vom preußischen Innenministerium, der Leiter der Landeskriminalpolizei, nach Düsseldorf gekommen, um mit den Düsseldorfer Kriminalisten die weiteren Ermittlungen zu besprechen.
In einer Besprechung mit Vertretern der Presse wandte sich der Polizeipräsident gegen übertriebene Berliner Pressenachrichten in der Mordangelegenheit, die nicht den Tatsachen entsprechen und nur zu einer Beunruhigung der Bevölkerung beitragen. Zwischen der Kriminalpolizei und der Schutzpolizei bestehe ein durchaus kollegiales Zusammenarbeiten. Die Meldung. wonach der Rektor einer Mädchenschule, welcher angeblich vor mehreren Jahren ein schweres Notzuchtverbrechen hegangen habe, der Mörder sei, habe sich als ein Racheakt herausgestellt. Bei dem gefundenen Kinderhemd und dem alten Strumpf dürfte es sich um einen rohen Scherz handeln Die Frau, welche einem alten Mann und einem kleinen Knaben Geld gab, damit sie sich Bonbons kaufen sollten, habe sich bei der Polizei gemeldet. Der Fall habe eine harmlose Aufklärung gefunden. Festoenommen wurde ein Oesterreicher, der aus einer Anstalt entwichen war. Es wurde festgestellt, daß er unter falschem Namen bei der hiesigen Erwerbsloienfüriorge Unterstützung bezogen hat. Darüber, ob er für die Morde als Täter in Frage kommt, schweben noch Ermittlungen.
* * *
„Hier ist der Düsseldorfer Mörder."
Budapest, 22. November. Großes Aufsehen erregte gestern auf der Arenastraße eine Frau, die in der Mitte des Fahrdammes laut zu schreien begann und lief: „Hier ist der Düsseldorfer Mörder! Er steckt in Frauenkleidern. Ergreift ihn." Dabei zeigte sie auf eine in der Nähe stehende Frau. Dem herber- geeilten Polizisten erzählte die aufgeregte Frau, sie sei von der betreffenden Person in deutscher Sprache angesprochen und gebeten worden, einen Spaziergang in das nahe Stadtwäldchen zu unternehmen. Die unbekannte Person hätte auch über Düsseldorf gesprochen. Der Polizeibeamte und die Menschenmenge, die sich sofort angesammelt hatte, nahmen die Verfolgung auf und holten die ihnen bezeichnete Frau auch bald ein. Der Polizist konnte nur mit großer Mühe verhindern, daß sie auf der Stelle gelyncht wurde. Auf der OberstadtHauptmannschaft stellte es sich dann heraus, daß es sich in Wirklichkeit um einen Mann, und zwar um einen geisteskranken Wiener Kaufmann, handelte, dessen Gewohnheit es ist, Frauenkleider anzulegen und Frauen anzusprechen. Der Geisteskranke wurde der Obhut seiner Verwandten anvertraut.
Zn metnoriam Felix Ehrl
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Still und ohne Aufsehen ist der in den Jahren 1909—14 am hiesigen königlichen Theater tätig gewesene Opernregisseur Felix Ehr! im Kasseler Ma- rienkranknhaus an einer langwierigen, schleichenden Krankheit verschieden, deren Ursache vis in di« traurige Inflationszeit zurückreicht. Wir, seine tapfere, sich aufopfernde Frau Frieda Herper, I. Altistin am hiesigen Staatscheater, seine Freunde und Bekannten, hoben uns ein solch langsames Vergehen, ein so bitteres Ende kaum vorstellen können, denn in unserer Erinnerung lebt immer noch der lebhafte, :emperamentvolle, große Bayernsohn mit feinen charakteristischen, markanten Gesichtszügen und dem eollockigen, dunklen Haar.
Noch vor wenigen Jahren beherrschte er mit feilem fprühenden Temperament, seiner unermüdlichen Begeisterung, seiner fabelhaft treffenden Charakteristik die Unterhaltung, die er auf allen Gebieten sachlich führte; am besten aber, wenn er aus seiner fast vierzigjährigen Bühnentätigkeit berichtete, in die er als junger Handwerker im Gesellenrang aus einer Schlosserwerkstatt seiner Münchener Vaterstadt hin- überwechsctte.
Wie merkwürdig auch hi et der Zufall spielt: Denn sag Bild von seines Meisters Sohn als Baßbuffo veranlaßte den dreizehnjährigen Schlosserlehrling zu den Worten: Das will ich auch werden. Unter schweren Opfern, feine schlichte Mutter verkaufte sartmt als einziges Vermögen ihr kleines Häuschen, wurde das Studium an der Münchener Musikakade- nie unter Peter Cornelius und Leonoff ermöglicht, und in steiler Kurve über Bremen, Berlin Krolloper, Salzburg. Elberfeld und Chemnitz fühtt das Schicksal den Kunstrünger und Baßbusso von Erfolg zu Erfolg. Bis Lilli Lehmann ihn an Angelo Neumann in Prag empfiehlt und fünfzehn Jahre feiner Künstlerschaft hier gebunden waren. Diese Zeit mhrt Felix Echrl im Verbände der Neumannschen Nibelungen-Tournee bis nach Moskau und Petersburg.
Dann verweist der große Theatersachmann Neu- (tann, der auch die malerische Begabung seines Baß- Buffos kannte, den Sänger Ehrl aus die künstlerische Betättgiung in der Regie. Auch hier gleiche Griind- ttchkeitz gleiches Streben nach dem Vollkommenen. Das bechaubigt Ehr'ls Regieführung am damals neuerbauten Theater des Westons in Berlin und weitere acht Jahre an der Hamburger Oper, deren Bedeutung in gleicher Zeit mit den Namen Metzger, Fleischer-Edel, Edith Walker, Pennariui, ja selbst
Endlich kommt Fel'r Ehrl nach Kassel, wo et seine Buhnentätigkeit ruhmreich beendet.
t>«k X r <•' '"l.-ssist,
sassung ernst und von hohen Zielen getragen, vmmer wird Tein Name in der i»>eschichte jer Oper im allgemeinen, und insbesondere in der Kasseler The- ^tergesihichte unvergessen bleiben.
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ROMAN VON LOTTE BRAUN ?
Copyright cari ouNCKER. Berlin iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniinuiiiiiiiiii'iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHninmninnm
Pitt, durch Enttäuschung, Sorgen und neue Pläne abgelenkt, fragte zerstreut: „Auf welchen Gebieten sie Sie zu Hause, Monsieur Warschenin?“ 9
Warschenin sah mit blanken Augen auf, Pitt bemerkte, daß er jetzt schön war.
Warschenin antwortete: „Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und (Erbe.“
Die Unterhaltung brach ab. Die Halle begann sich zu leeren. Menschen, zu kleinen Gesellschaften zusam- mengetan, driinaten in eifrigem Gespräch dem Speisesaal zu Lord Watthfield kam vorüber und grüßte Pitt freundlich. Warschenin bemerkte keinen. Nach einer Weile sagte er gedankenvoll: „Das Unglück unserer Wesenheit ist der unversöhnliche Widerspruch zwischen Lebensgefühl und Vernunft. Haben Sie nicht erfahren, daß das Lebensgefühl immer obsiegt, trotzdem die Vernunft immer recht behält? Die Fülle des Lebensaekühls ist das row Kliff, an dem wir scheitern.“
Pitt horchte auf. (Eine neue Vorstellung über Warschenin drängte sich in den mahlenden Kreislauf seiner Gedanken. Wer war Warschenin? Ein den unteraeordneten Obliegenheiten eines fürstlichen Sekretärs weit überlegen Deklassierter? (Ein Blender mit geistiger Geste oder der gefährliche Spekulant, als den er ihn während der geschähtichen Unterredung kennen lernte? Er wurde unaebuTbig. Er hatte das unanaenehrne Eekühl, baß sich die Luft mehr und mehr verdickte, je verlassener er in Warschenins Gesellschaft inmitten des großen Raumes saß. in dem die Stromkraft der Lichter heruntergesetzt wurde.
„Fürst Ki tichineff läßt lange auf sich warten,“ sagte er gereizt.
Warschenin strich die Manschette vom Handaelenk zurück und sab nach der Uhr. Erst ietzt bemerk» Pitt, daß er nicht für den Abend anaekleidet war. Er trug denselben dunkelgrün getönten An-Up des Vormittags.
„Es ist in -ehn Minuten acht Uhr. Ich selbst bin über die Verzögerung überrascht. Gestatten Sie, daß ich mich erkundige.“
Pitt blieb allein. Er war zerschlagen, ratlos, beleidigt und emvört. Warum dieses Tbeoter? dachte er und erhob sich. Was habe ich noch mit Kitschineff zu tun, was mit Warschenrn? Warum warte ich auf meine Slbfubr? Er suchte im Halbdunkel nach dem Knopf der elektrischen Klingel, um einen Domestiken mit kalter Abschiedsempfehlung an Kitschinesf zu beauftragen. Da hörte er von der Treppe her russisch sprechen. Es war Warschenins Stimme, die wie Musik klang. Eine Tür wurde zugeschlagen. Der Knall schallte nach an den Wänden der geleerten Halle. Warschenin erschien, zwei Treppenstufen auf einmal nehmend.
„Der Fürst läßt bitten," sagte et eilig. „Er wartet in dem Konferenzzimmer. Dort ist man ungMört. Bitte schön.“
Warschenin fiel nervös ein: „Ich bin beauftragt, Ihnen bis zum Erscheinen des Fürsten Gesellschaft zu leisten. Ich soll Sie in die Halle führen. Hoffen wir, daß der Fürst nicht zu lange auf sich warten läßt.“
Pitt folgte Warschenin widerwillig: Warschenin Ehob einen Sessel zurecht und nötigte ihn. inm'tten er Hoteloesellschaft Platz zu nehmen. Es war kurz vor dem Souper. Die Herren lagen in Sesseln, nonchalant, rasch noch eine Ziaarette rauchend, die Nacken gegen die Sessellehne gestützt. Ihre Gesichter waren lang, schmal, rotbraun eingebrannt, von tausend Son» nenfältchen durchkerbt Es war schwer zu sagen, ob es alte oder junge Männer waten, denn ihre Figuren waten unterschiedslos straff, mager, breit in den 6*ultern, wenn nicht ?ähne und Haare entschieden hätten. Die Zäbne der jungen Männer waten weiß, ib'' Haar war blond, voll, lang, von ' "uraeraden Scheiteln durchzogen. Die Steiferen, viel Gold zwischen den Zähnen, truaen die ergrauten Sauäfen in kurzem Haarschnitt oder durch melierte Strähnen durchkämmt. Die Anzüae waten knanv gearbeitet. Es knackte in den seidenen Nässten der Smokings, wenn sie die Arme ausstreckten, um die Ziaatettenasche abzuschütteln. Die Damen jeglichen Alters in großen Dekolletes. Abendmä»ieln und mar»” nicht
von der uniformen Eleganz der Männer. Ihr Geschmack machte Sprünge, hart an die Grenze des Komischen heran, und es wat leicht zu unterscheiden, welche Toil-tten aus der Regent Street oder aus der Rue de la Paix ober vom Place Dendome kamen.
Warschenin fragte mit oberflächlicher Höflichkeit: „Darf ich mich erkunbigen, wie Sie den wunderbaren Nachmittag verbracht haben, Monsieur Pitt?“
Pitt anttoottete ablehnend: „Ich habe draußen in der Meierei den Tee genommen.“
Warschenins Augen übetschweiften den Kreis der Gesellschaft. Seine Züae oetamen einen nachdenklichen Ausdruck und es schien, als entrücke er sich bewußt der Spannung, die zwischen ihm und Pitt eingetreten wat.
„3a, St. Moritz ist das Winterparadies“ sagte rr mit veränderter Stimme. „Man könnte die Menschen beneiden, die sich hier wochenlang aufhalten. Sie sind wie Schaltiere, Lust und Licht geöffnet, aber hermetisch abgeschlossen gegen alle Angriffe des Schicksals. Ich bewundere sie. Ist Ihnen nicht ausgefallen, daß die Menschen gewissermaßen entzentralisiert leben, ganz ohne Schwerpunkt? St. Moritz wäre ein günstiges Terrain für psychomagnetische Versuche. Ich denke, es müßte leicht sein, auf die organischen Lebensfunktionen der Menschen einzuwirken, sie auszu- fchürfen und ihnen jene Seelenzustände zu suggerieren, deren wir sie teilhaftig wünschen. Mesmerismus.“
(Fottsctzung folgt).
neff bereit ist, Ihnen die Summe in der ganzen Höhe auszuzahlen, nachdem die Modalitäten erledigt sind.“
Pitt hörte, aber ein Sausen durchbrauste seine Ee- hörgänge, daß er sich an der Tischkante halten mußte, um nicht umzusinken. Wie eine Woge kam es auf ihn zu, in die hineinzuspringen ihm plötzlich der Mut fehlte.
Warschenin zog Papierstreifen aus seiner Tasche, ausaefüöte Wechselformulare, die er dem Fürsten hinreichte.
„Auf welche Höhe und auf welche Frist soll bte Summe ausgestellt werben, Monsieur Pitt?“ fragte Warschenin. „Als Aussteller muß sich Durchlaucht nach der Ihnen beauemen Formierung richten.“
Pitt wartete. Auf einmal ging alles so rasch, überstürzte sich, daß er nicht zur Besinnung kam. Es bauerte eine Weile, bis er exakt und zielbewußt seine Vorschläge machte.
„Gut,“ sagte Warschenin, beugte sich zu Kitschineff herüber und wies auf die leeren Papierstellen, die Kitschinesf umständlich und, wie Pitt deutlich sah^ mit ungelenken großen Buchstaben und Zahlen ausfüllte.
Der seit Warschenins Gespräch wach gewordene Argwohn gewann feste Form. Er sprang aus diesen Buchstaben und Zahlen, die Hieroglyphen eines Autodidakten, warnende Ausstrahlungen einer fremden und gefährlichen Atmosphäre, den wankenden Glauben an die Reellität seiner Kontrahenten restlos zerschlug. Kein Zweifel war mehr, daß hier etwas nicht stimme, daß eine Handlung sich zu vollziehen im Begriff stand, die ihn um das letzte brachte, um den reinen Schild seiner Ehre.
Kitschineff hatte den letzten Buchstaben seines Namens unter das letzte Wechselformular gemalt und reichte die Papierstreifen Pitt zur Unterschrift. Er nahm sie in (Empfang, starrte auf Bu^staben, die wie zerfließende Regentröpfen, blasig und grotesk ineinander liefen, auf Zahlen, die sich wie Hyänenhälse nach ihm reckten. Nein, er durfte niffit wagen, diesem Menschen, bei sich Fürst Kitschineff nannte, bem er mißtraute, von bem er nicht wußte, woher er kam, un- gebeckte Wechsel seiner Firma zr geben. Er erblaßte bis unter die Haarwurzeln und warf den Halter aus der Hand.
„Ich unterschreibe nicht,“ sagte er und stand auf.
Kitschineff und die beiden Herren zu seiner Linken schnellten von den Stühlen. Warschenin rübrte sich nicht. Er big die Zähne zusammen, sah nach Pitt, der mit bem Rücken «efeljrt zu ihm stand Als er sich unbeobachtet von Pitt wußte, gab er ein Ze'ssen. Die beiden Herren griffen nach ihren Mänteln, die sie über die Lehnen der Stühle gelegt hatten, und b-aannen aus den liefen der Ulstert-sickien dicke Eeldpakete herauszuziehen und auf den Tisch zu werfen.
Warschenin gab das Spiel nicht verloren. Geld lockte. Er kannte die Macht, die vom Bargeld ausgeht, das der Mensch haben muß und nicht hat.
Er ging voran, um den Weg zu zeigen. Pitt folgte. Kitschineff saß wie am Vormittag in hohem Stuhl vor dem Konferenztisch. Im grünen Licht der tief herabgezoaenen Lampe sah sein Gesicht noch platter und fahler aus als am Vormittag. Seine Augen waren eingedrückte Punkte. Dennoch war ihm eine gewisse Erregung anzumerken. Namentlich waren es die Ohren, die in regelmäßigen Abständen winkten wie Löffel eines Hasen. Pitt folgerte, daß die geschäftliche Besprechung, die ihn abgehalten hatte, ein anderes Resultat gezeitigt habe als das, was nun kommen mußte. Er nahm denselben Platz wie am Vormittag ein, Warschenin saß wieder rechts zwischen ihm und Kitichineff.
Kitschineff erhob sich leicht von seinem Sitz, entschuldigte sich, um sofort mit einer Rede zu beginnen, die er wiederum wie etwas auswendig Gelerntes monoton und ohne Pause hersagte.
„Unsere Ueberlegungen haben sehr lange gedauert, Monsieur Pitt. Auch wurden wir durch eine andere Sache länger aufgehalten. Ihre Forderung ist sehr hoch, und Ihre Sicherheiten sind gering, da Sie uns auf Ihren Wechseln das Giro eines anderen nicht anbieten können ober wollen. Wir haben Informationen eingezogen, die uns nicht befriedigen. Kurzum, wir begeben uns in eine leichtfertige Situation, wenn wir uns bereit erklären. Ihnen acht Millionen Franken auf Ihre Wechsel auszuzahlen "
Pitt entnahm der Rede, die ihn bis an die Grenze feiner Nervenbeherrschung brachte, die erwartete Absage. Dennoch riß er sich zusammen und sagte mit ernster Entschlossenheit: „Wenn Ihnen die Summe zu hoch ist, würde ich veriuchen, mich mit der Hälfte zu arrangieren. Ich habe meine Berechnungen noch einmal gemacht. 250 000 Mark könnten genügen."
Kitschineff schüttelte heftig den Kopf. Die beiden Herren zu seiner Recksten bekamen dicke Falten auf den Stirnen, nur Warschenin blieb unverändert: „Entschließt sich seine Durchlaucht im Prinzip, so ist die Höhe der Summe gleichgültig. Nicht wahr, Durchlaucht?“
Kitschinesf sagte: „Total gleichgültig.“
Pitt wartete. Doch Kitschinesf schwieg und Warschenin schien nicht bei der Sache. Es herrschte eine unheimliche Stille im Zimmer, draußen auf den Korridoren. Das Leben des Hotels pulste im Speisesaal und in den Küchenbetrieben. Von irgendwoher mußte ein Luftzug gekommen sein. Pitt bemerkte eine leichte Bewegung der grünen Portiere, hinter der ihm am Vormittag ein unbekannter Herr aus München begegnet war. Auch Warschenin entging der plötzlich aufgekommene Luftzug nicht. Er sah spähend umher. Als der Vorhang wieder ruhig und schwer herunterhing, sagte Warschenin mit unverkennbarer Eile und mit fast bis zum Flüsterton gedämpfter Stimme:
„Machen wir die Sache kurz. Durchlaucht Unsere Zeit wird knapp. Soll ich die Unterhandlungen weiterführen, oder wünschen Durchlaucht, daß wir die Unterredung abbrechen?“
Kitschinesf schüttelte wieder heftig mit dem Kopf, die Herren zu seiner Rechten murrten.
„Dann also erkläre ich, daß Fürst Serjey Kitschi-
„Warum zögern Sie, Monsieur Pitt? Sind Ihnen die angegebenen Termine nicht mehr genehm? Oder scheint Ihnen die Höhe unserer Prozente gefährlich? Nun, über beides ließe sich akkordieren, wenn Sie uns angeben wollen . .