-
Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
LrfchkinungSwcise: riSSentNch fet58mat nachmittaaS. ÄBmmeiettrt8uret8: ffir bei, 3»»not S40 / bet freier 3e» Rettung ins Haus, tit der Gefchäsisstelle abgcbolt 2.10 Jt. Durch He Botz monatlich 2LO Jt ansschltetzlich Zu» nellungsgebühr. Zn Fällen von höherer Gewalt be tzeb: kein Ansoruch auf Lieferung der Zeitung ober auf Rückzahlung des Bezugspreises. Verlag. Schriftleitung and Druckerei: Kölnische Strotze 10. — Telephon: Samuielnummer 6800. Juristische Sprechstunde leben Dienstag von 5 bis 7 Uhr. Kölnische Straße Nr. 10.
Hessische Abendzeitung
Anzeigenpreise: GeschäftZ. nnd Konrtlieu-Anzetgeu die 30 nun-Zeile 11 Pfennig. Kleine Anetts« ett« Kassel das Bort 7 4. Auswärtige Kleine Anzeigen die SO mm breite Zeile 11 4. Anzeigen tat Reklameteil 6« 78 mm breite Zeile 45 4. Ofsertgebühr 25 4 (Set Zustellung 85 4). — Für das Erscheinen von Anzeigen iu bestimmten Ausgaben, an besonderen Plätzen und für telephonisch erteilte Aufträge keine Gewähr. Rech, uuugsbeiräge innerhalb von 5 Tagen zahlbar. Seriänsnaud Kassel. — Postscheckkonto Frankfurt a. M. 6380.
Nummer 274
Oonnersstag, 21. November 1929
19. Jahrgang
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig
Deutsch-polnisches Luftfahrtabkommen
Zur Erleichterung des Luftverkehrs / Heute Segmn der Saarkvnferenz / Langwierige Verhandlungen? / Statte deutsch-französische Gegensätze
Immer noch polnische Luftspionage
(Eigener Drahtbericht.)
Warschau, 21. November.
Wie die „Gazeta Warszawska" berichtet, machen die deutsch-polnischen Handelsvertragsverhandlungen weitere Fortschritte. Am heutigen Donnerstag tritt ein Abkommen in Kraft, das den deutschen Flugzeugen die Uebersliegung des Korridors im Luftverkehr mit Ostpreußen und den polnischen Flugzeugen die Uebersliegung deutschen Gebietes auf dem Luftwege zwischen Posen und Kartowitz, so wie zwischen Danzig und Warschau gestattet.
In Warschau sollen die Vertreter der vier großen deutschen Schiffahrtslinien eingetroffen sein und mit dem polnischen Auswandereramt am Mittwoch eine Konferenz abgehalten haben.
In Lublin hat eine nationalistische Kundge- bung gegen die deutsch-polnische Liquidierung statt- gefunden.
*
Die deutsch-polnische Verständigung in den Fragen des Luftverkehrs ist natürlich aufrichtig zu begrüßen. Es wäre aber zu wünschen, daß die deutsche Regierung die Gelegenheit benutzt hätte, um die Warschauer Regierung auf die zahlreichen Grenzverletzungen, die m der letzten Zeit durch polnische Militärflieger erfolgten, hinzuweisen. Diese „Besuche" dienen ofefnbar nur Spionagezwecken, uns es wird daher Zeit, daß Deutschland gegen diese „Gäste" Front macht
Aus Reu-Bentschen wird erst jetzt wieder folgendes berichtet: Am Bußtag nachmittag überflog ein polnisches Militärflugzeug, aus Richtung Dentschen kommend, die deutsch-polnische Ä,.*e«?e Ren ^".tschen. Der Flieger kreiste 'n nur geringer Höhe über der erst vor kurzem errichteten Polizei- und Grenzsunk stelle, sowie über den Anlagen des noch teilweise im Bau befindlichen Grenzbahnhofes Neu-Bentschen. Im Anschluß hieran flog das Flugzeug an der neuerbauten Eisenbahnstrecke Reu-Bentschen entlang bis zum Grenzbahnhof Schtensch, woselbst es wendete und an der Hauptstrecke Berlin-Posen zurückflog.
Diese Schilderung beweist also, wie dringlich ein
deutsches Einschreiten gegen die polnischen Grenzverletzungen ist.
Aasige Zwischenfälle in Warschau
Bei einem kommunistischen Umzug.
Warschau, 21. November.
Obgleich die Warschauer Sicherheitsbehörden in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch Haussuchungen bei den hiesigen kommunisttschen Organisationen veranstalteten und 327 Personen verhafteten, ist es am gestrigen 10. Jahrestage der Gründung der kommunistischen Jugendinternationale zu blutigen Zusammenstößen gekommen.
Die geplanten großen Kundgebungen der Roten Jugend konnten micht stattfinden, doch bewegte sich ein kommunistischer Umzug von 3—500 Personen, hauptsächlich Jugendlicher, durch die Straßen der Vorstadt. Zwischen den Kundgebern und Straßenpaflanten kam es zu einem Zusammenstöße, in dessen Verlaus mehrere Revolverschüfle fielen. Als die Polizei anrückte, zerstreuten sich die Masten, während ein Toter und zwei Schwerverletzte aus dem Platze blieben. Zwei weitere Personen sollen Verwundungen davongetragen haben.
Deutsche unter Anklage
Warschau, 21. November.
Wie die polnische Telegraphenagentur aus Bromberg meldet, ist auf Grund einer Entscheidung des Untersuch«nosriebters die gegen 37 Mitglieder des vor 6 Jahren in Bromberg aufgelösten Deutschtums- bundes eingeleitete Untersuchung wegen Hochverrats eingestellt worden. . , ,
Gegen 5 Mitglieder bleibt die Untersuchung wegen Vergehens gegen Paragraph 129 des Strafgesetzbuches aufrecht, ebenso gegen acht weitere Mitglieder, die wegen staatsfeindlicher Tätigkeit angeklagt sind.
Austakt zur Gaarkonferenz
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 21. November.
Die deutsch-französische Saarkonferenz wird, wie bereits angekündigt, heute vormittag 11 Uhr am Quai d'Orsay beginnen. Die Besprechungen werden voraussichtlich vertraulich sein. Angesichts der großen bestehenden Schwierigketten rechnet man allgemein mit mehreren Wochen, wenn nicht gar mit mehreren Monaten.
Die deutsche Delegation ist gestern nachmittags 3 Uhr unter Führung S i m s o n s hier eingetroffen.
Fundamentale Gegensätze
Paris, 21. November.
Zu der vom „Jntranssigeant" gestern nachmittag gebrachten Erttarun«, das Ziel der deutsch- französischen Saarverhandlung sei lediglich ein win- fchaftliches und finanzielles und die polttischen Fragen würden nicht berührt werden, erfahren wir aus besonders gut unterrichteter französischer Quelle, daß dies tatsächlich der offizielle französische Standpunkt ist. Es handle sich, so erklärt man uns, nur darum, im Hinblick auf die möglickie Rückgabe des Saargebietes — dieser poliliscknn Entscheidung solle aber die Konferenz nicht vorgleifen — die finanzielle« mid wirtschaftlichen Folgen zu klären, die an dem Tage eintrelen werden, an dem das Saargebiet wieder deutsches Reichsgebiet werde. Dies sei die Aufgabe der deutsch-französischen Kommission und eine rein deutsch-französische Angelegenheit. Dagegen sei die politische »tröge, d h. d e Rückgabe des SaargebieteS, keine rein deutsch-französische Angelegenheit mehr, da der Versailler Vertrag, der ein Vertrag aller Alliierten sei, darübe bestimmt habe, und die Volksabstimmung im Jahre 1935 vorsehe.
Diese von absolut zuverläfiger Quelle uns gegebene Darstellung des französischen Standpunktes deckt einen Widerspruch in den Anschauungen der beiden Regierungen über das Wesen der Verhandlungen auf. wie er schärfer wohl nicht befürchtet werden konnte
Während also die Taktil der Franzosen »dahin geht, ein wirtschaftlich cs Uebereinkommen ohne Einbeziehung politischer Fragen in die Diskussion zu erzielen und die Frage der Rückgabe des Saargebiets wruröglich vis zur Pollsadstinmnung tut Jahre 1935 offen zu lasten, ist der deutsche Standvumlt in dieser Fnv.e gerade der. auf Grund der politischen Fragen, b. h. der Rückgabe des Saargebiets zu diesem oder jenem Zeitpunkt, mindestens aber zu einem wesent- kich früher liegenden Datum als der Volksabstimmung im Jahre 1935, die Wirtschaftlichen und finanziellen Fragen zu regeln.
Bei der heute beginnenden Konferenz hcmdelt es sich allo zuerst einmal darum, die politischen Fragen zu regeln und das Datum der Rückgabe des Saar
gebiets genau zu bestimmen. Auf Grund dieses Datums richten sich dann auf deutscher Seite die Konzessionen, die Deutschland für die frühere Rückgabe zu machen bereit ist. Nach deutscher Ansicht wäre also, wenn Frankreich wirklich auf dieser Ver- handlunasbasts bestehen sollte, Den Verhandlungen jedes Fundament genommen, denn wie sollten die deulschen Unterhändler über den Rückkaufpreis der Bergwerke, Wer die Zollbedingungen usw. irgendein bestimmtes Ueberenckommen treffen können, wenn sie nicht einmal wissen, wann di« Rückgabe erfolgt und ob dies überhaupt vor 1935 geschehen wird?
Die ersten Berbandlunasiviae werden also gleich lebhafte Auseinandersetzungen über diese Grundfrage über das Fundament der ganzen Verhandlungen, bringen. Es ist nur zu hoffen, daß Frankreich diesen von Deutschland nicht annehmbaren Standpunkt aufgeben wird.
Sihamer -ei tzenderson
London, 21. November.
Außenminister Henderson empfing gestern abend den deutschen Botschafter Dr. Sthamer im Foreign Office. Wie es heißt, wurde die Frage des Datums für die Verhandlungen der zweiten Haager Konferenz zwischen Henderson und dem deutschen Boffchafter besprochen.
In hiesigen politischen Kreisen glaubt man annehmen zu dürfen, daß die z w e i t e Haager Konferenz am 3. Januar nächsten Jahres srösfnet werden wird. Man hält es für wahrscheinlich, daß die französische Regierung sich aus ein Datum einigen wird, das vor dem 5. Januar liegt.
Unsere Berliner* Schriftleitung drahtet uns über die deutsche Stellungnahme zur Verschiebung der Haager Konferenz ferner folgendes: Unter der Voraussetzung, daß inzwischen alle noch offenen Fragen (dahin gehört z. B. die wichtige Frage der sogenannten Ostreparationen für Rumänien, Südfla- wien usw.) diplomatffch gründlich vorbereitet werden, würde man sich auch in Berliner maßgebenden Kreisen mit der Verschiebung der Konferenz auf den Januar abfinden, weil dann die Konferenz selbst wahrscheinlich in wenigen Tagen erledigt sein könnte und sich auf die Unterzeichnung der ausreichend vor- beretteten Verträge beschränken könnte.
Dagegen mutz der immer erneut auftretende Versuch zurückgewiesen werden, die Terminverschiebung der Haager Konferenz mit irgendwelchen anderen Fragen in Zusammenhang zu bringen. So wird z. B. gegenüber der Korrespondenz Havas von maßgebender- Berliner Stelle festgestellt, datz der Volks
entscheid eine rein innerdeutsche Angelegenheit ist, die mit der Haager Konferenz nicht das geringste zu tun hat.
Seftlge Kämpfe in der
Mandschurei
Mulden, 21. November.
Heftige Kämpfe zwischen russischen und chinesischen Streitkräften sollen nach hier eingetroffenen Meldungen in der Nähe von Mandschuli im Gange sein. Die chinesischen Truppen unter General Liang- Tschung-Schia sollen den Russen heftigen Widerstand entgegensetzen, trotzdem aber von den russischen Truppen umzingelt worden sein. Die Verluste auf beiden Seiten werden als recht hoch bezeichnet und sollen auf chinesischer Seite etwa dreihundert Mann betragen.
An der östlichen Front in der Mandschurei ist es nunmehr ebenfalls zu Kämpfen zwischen Russen und Chinesen gekommen. Die Stadt Mischan soll beretts von russischen Truppen eingeschloffen worden fein und dürfte voraussichtlich von ihnen eingenommen werden.
Der afghanische König ennordei?
Delhi, 21. November.
Der neue König von Afghanistan Nadir Schah soll nach in Indien verbreiteten Gerüchten, in Kabul ermordet worden sein. Die indische Regierung hat aber bisher keine derartigen Informationen erhalten, weshalb man dazu neigt, die Gerüchte als unzutreffend zu bezeichnen. Der Londoner afghanische Gesandte bezeichnete gestern abend diese Gerüchte als unbegründet.
Oie laieinischen Schwestern
Außenpolitische Rundschau.
W. P. Das altrömische Reich pflegte in seiner Amtssprache von dem seine Küste umspülenden, erdteilverbindenden Mittelmeer als „mare nostrum" zu sprechen. „Unser Meer" durfte es sagen, seitdem Karthagos Mauern in Schutt lagen. Und „unser Meer"' möchte auch heute wieder Benito Mussolini, der Diktator des modernen Italiens, der mit seinen Gedanken so gern in die stolze Vergangenheit seines Landes, in hi? Zeiten Lcr riünflchcn Reiche^,, zurückgehl und von dort Ideale für Gegenwart und Zukunft holt, das Mittelmeer taufen. Aber Mussolini als nüchterner Politiker, der er trotz mancher Rede voll südlicher Beschwingtheit und trotz mancher phantastischen Geste ist, weiß, wie sehr heute das Wort „mare nostro", wenn es von italienischem Munde gesprochen wird, noch eine hohle Phrase ist. Drüben an der afrikanischen Küste, dort, wo sie am weitesten gen Italien vorspringt, liegt Biserta, das dem heutigen Italien gerade so auf der Rase sitzt, wie einst dem römischen Reiche Karthago. Frankreich, die wenig geliebte lateinische Schwester, behauptet die afrikanische Nordküste und dokumentiert dem italienischen Volke mit einer Deutlichkeit, die auch weniger bewegliche Gemüter als die italienischen verstimmen könnte, daß es noch andere Bewerber gibt, die das Mittelmeer „unser Meer" nennen möchten.
Gegensätze
Die Konkurrenz um das Mittelmeer hat die unsichtbare Scheidewand gezogen, die heute zwischen Italien und Frankreich, den Verbündeten von 1915, aufgerichtet ist: sie hat die Gefühle verwandtschaftlicher Liebe aus den Herzen der lateinischen Schwestern verbannt. Schritt für Schritt strebte Italien dem großen Ziele, seine Machtsphäre im Mittelmeere zu erweitern, zu. Als erste wichtige Etappe betrachtete es die Sicherung der Adria vor fremden Einflüssen. Aus der Adria ein italienisches Gewässer zu machen, war eine der heißesten Wünsche, mit denen Italien seinerzeit in den Krieg zog. Oesterreich, dem die Hauptbesorgnis damals galt, verschwand vom Meere. Sein Nachfolger wurde in gewissem Sinne Südslawien. So wurde eine energische Balkanpolitik, die zugleich neben der Sicherung der Adria den italienischen Einfluß auf dieser zweiten, vom Mittelmeer umspülten Halbinsel verstärken und damit die Eesamt- pofltion Italiens als Mittelmeermacht verbessern sollte, das Gebot, das die Zeit dittierte. Mussolini hat sich diese Aufgabe, seit er der erste Mann seines Landes ist, besonders angelegen sein lassen. Immer wreder aber traf Italien auf dem streitumtobten Boden des Balkans mit dem französischen Konkurrenten zusammen; es spürte bei seinen verschiedensten Aktio- nen, wie Frankreich hinter den Kulissen, vor allem in Belgrad, aber auch in Bukarest, bemüht war, die Fäden, die Mussolini auf dem Balkan geknüpft hatte, zu zerreißen.
Die Balkanpolitik war aber nicht der einzige Anlaß, der die Gegensätze zwischen den beiden lateinischen Schwestern verschärfte. Da war und ist ferner die lunisftoge, die sich ungünstig auf die italienisch- ftanzopschen Beziehungen auswirkt. Es ist bekannt, daß Italien auch heute noch — und das ist die Hauptquelle seiner politischen Macht — einen starken Bevöl- kerungsWerschuß hat. Einen Vevölkerungsüberschuß, den es im eigenen Lande nicht unterbringen kann. Kein Wunder dccherj daß es einem unumstößlich feststehenden geopolitischen Gesetze folgend in erster Linie seinen Blick nach der gegenüberliegenden nordafrikanischen Küste, wo das schon erwähnte Biserta liegt, richtet und seine Landsleute dort lieber untergebracht sähe, als daß es diese irgendwo in Amerika für das Volksganze verloren gehen läßt. Es fordert daher von Frankreich eine Neuregelung der rechtlichen Verhältnisse für die nach Tunis auswandernden Italiener, und zwar laufen seine Vorschläge im wesentlichen darauf hinaus, datz den Auswanderern auch für ihre Nachkommen die italienische Staatsbürgerschaft zugesichert werde. Die französischen verantwortlichen Stellen werden natürlich ihrerseits in diesen Vorschlä
gen vor allem die Gefahr einer friedlichen Eroberung ihrer Kolonie durch die italienische Bevölkerung, die sich aus den großen Reservoiren der Heimat immer wieder erneuert, sehen.
Die Reihe der strittigen Punkte, die zwischen Rom und Paris zu klären wären, ist damit noch nicht abgeschlossen. Man müßte noch die Mandatrfragen, die Gegensätze in der Tangerfrage, den latenten Streit um Corsika, Nizza und Savoyen behandeln, wenn mau eine einigermaßen vollständige Liste aufstellen wollt«. Und schließlich wäre noch ein Quell, aus dem dauernd Unstimmigkeiten fließen, zu erwähnen: Die faschistische Presse wird nicht müde, Frankreich anzuschuldigen, daß es mit Freude den antifaschistischen Emigranten ein Asyl gewähre, von dem aus diese Gegner Mussolinis ungestört ihre Propaganda betreiben könnten. ..
Locarno-Geflüster
„Unser Meer" — neben den miteinander hadernden lateinischen Schwestern ist noch ein Dritter da, der feine Rechte auf das Meer, an dem sich die älteste Geschichte Europas abgespielt hat, gewahrt wissen will: England, die Macht, die mit Gibraltar und Suez die Schlüssel und mit Malta das Herz des Mittelmeeres besitzt. Austen Chamberlain, damals noch Herr in der Londoner Downingstreet, hat sich, unterstützt von dem britischen Botschafter in Rom, Sir R. Graham, während der Genfer Tagung im Dezember des Vorjahres mit Eifer um die Regie eines politischen Spieles bemüht, in dem er als Schlußapotheose offenbar der erstaunten Welt die Versöhnung der lateinischen Schwestern zeigen wollte. Der frühere britische Außenminister hat auch in diesem Falle kein Glück gehabt; es war ihm nicht beschieden, die Rolle des Versöhnungsengels zu spielen; das „happy end" blieb aus!
In dieses Genfer Intermezzo von 1928 sei heute erinnert, weil jetzt wieder Gerüchte umgingen, die von ähnlichen englischen Plänen, wie sie Chamberlain damals hegte, wissen wollen. „Mittelmeer-Locarno" lautete die neue Signatur dieser Vorschläge, und der Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Erik Drum-, mond, wurde als verantwortlich zeichnender Regisseur genannt. In London wurde natürlich, sobald man erkannte, daß diese zweite Auflage der Locarnover- träge vor allem in Paris — der „Quotidien" ging sogar so weit, daß er das Projekt mit der Büchse der Pandora verglich — wenig Gegenliebe fand, die Dementiermaschine in Bewegung gesetzt. Immerhin besteht aber der Eindruck, daß die Gerüchte nicht aus der Luft gegriffen waren. Ein Ausgleich der italienisch-französischen Gegensätze, bei dem England das nahezu risikolose, aber doch ausschlaggebende Amt des Aufflchtsbeamten übernimmt, müßte den Londoner Staatsmännern in der Tat höchst wfllkommen fein. Die „Balance of power", die Ausbalancierung der Kräfte, war immer eins der wichtigsten und nützlichsten Mittel der englischen Politik; es ist hervorragend geeignet, die englischen Rechte ohne Unkosten und Gefahren zu wahren, und seine Anwendung in den Mittelmeerfragen wäre in einer Zeit, in der England feinen Blick von den europäischen Dingen ein wenig abwendet, nur zu begreiflich.
Mussolinis Schachzug
Ohne Zweifel stehen die englischen Pläne eines Mittelmeerlocarnos, deren Existenz durch das Dementi kaum in Frage gestellt wird, mit den bevorstehenden Verhandlungen Wer die Beschränkung der Seerüstung, auf die die Londoner Regierung ihre ganze Arbeitskraft konzentriert, in Zusammenhang. Das Wie dieser Verknüpfung der beiden Themen ist freilich gegenwärtig noch in Dunkel gehüllt. Die ita- lienisch-französische Rivalität wirkt sich natürlich auch auf dem Gebiete der Seerüstung aus; andererseits gibt es Wer in der Flottenfrage für die lateinischen Schwestern auch gemeinsame Interessen, und zwar gemeinsame Ziele insofern, als beide Staaten im Gegensatz zu den großen angelsächsischen Seemächten bisher eine Abschaffung oder starke BaWeschränkung der 17-Boote Wlehnten. Vielleicht hoffte die englische Regierung mit ihrem Plan eines Mittelmeerabkommens