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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 271

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Sonnabend /Sonntag, 16./17. November 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Zahrqan g

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Deutschland mahnt zur Eile!

Für Seschleumgllng der Reparation-- und Saarverhandlungen / Flottenkonferenz und Aalstagung / Bene tlniemdung Hoeschs mit Irland

Haager Konferenz Ende November?

(Eigener D r a h t b e r i ch t.)

Wer die faschistische Jugendorganisation in Italien kennengelernt hat, kann es sehen und greifen, was diese beispiellose Einheitlichkeit der nationale^ Er­ziehung eines Tages für das italienische Volk bedeu­ten wird. Die Frage nach dew Segen oder Unsegen des Faschismus bleibt dabei aus dem Spiel; es han­delt sich darum, daß hier den einzelnen Gliedern eines Volkes von über vierzig Millionen vom Kindesalter an eine bestimmte nationalpolitische Denk- und Ee- fühlsrichtung anerzogen wird, die bis zum Erwachfe- nen-Alter ihrer großen Mehrheit einfach zur zweiten Natur geworden sein wird. E i n Volk ein poli­tischer Gedanke, das ist das Ziel.

Eine solche Beobachtung fordert dazu auf, die im Weltkrieg siegreich gebliebenen und die unterlegenen Völker einmal daraufhin zu vergleichen, wie sich bei ihnen das Empfinden der Vor- und der Nachkriegs­generationen zueinander verhält. Nehmen wir zu­nächst auf der einen Seite Deutschland, auf der ande­ren Frankreich, England, Italien, und von den über­seeischen die Nordamerikaner und Japaner. Von allen diesen kann man sagen, daß sie, trotz der auch bei ihnen vorhandenen inneren Gegensätze, doch jedes e i n Volk geblieben sind; von den Deutschen dagegen, daß sie im Grunde zwei Völker geworden sind.

Die Formel von den zwei Völkern ist in Deutsch­land schon einmal in einem anderen Sinne, im sozia­len, geprägt worden. Darum aber handelt es sich hier nicht. Es ist doch einfach so, daß die jüngere Generation in Deutschland, abwärts etwa vom dreitztgsten Lebensjahr, keinen direkten, gefühls- und anschauungsmäßigen Zusammenhang mit dem Vor­kriegsdeutschland mehr hat. Weder ist ihr die wirk­liche Verfassung des alten Deutschland lebendig, noch uet £,ceeesbknr . cwa hse.cen and gesund-'.) jun­gen Mannes, noch die Flotte, noch die große deutsche Weltstellung, noch die bewegenden Gedanken und Ziele der damaligen auswärtigen Politik: die hier verteidigten, dort bekämpften imperialistischen Ideen, der Orient, Konstantinopel, die Bagdadbahn, die Kolonien, Ostasien, das reißende Ansteigen des deutschen Anteils am Welthandel, die Ueberholung Frankreichs, Amerikas, das Heranrücken an England! Alles das nahm in unseren Zeitungen, in den Reichs­tagsdebatten, in der politischen Literatur, im Tages­gespräch einen großen und wachsenden Raum ein.

Paris, 16. November.

Das Journal teilt mit, daß man hier von deutscher Seite auf die Beschlem igung sowohl der Haager Kon­ferenz, als auch der Saarverhandlungen dringe. Be­züglich der Haager Konferenz dränge man darauf, daß diese bereits zu Ende November beginne, doch könne man daran erst denken, wenn alle vorbereitenden Ar­beiten geregelt seien. Die Saarfrage sei zur Verhand­lung am 28. Oktober 1929 bereit gewesen, wenn nicht die Ministerkrise dazwischen gekommen wäre.

Im Haag wäre jedoch kein Grund für eine weitere Hinauszögerung mehr vorhanden, und man könne mit den Verhandlungen bereits in nächster Woche begin­nen. Auch derMatin" ist der Ansicht, daß diese Ver­handlungen in etwa 10 Tagen beginnen würden.

Hoesch wieder bei Vriand

Paris, 16. November.

Der deutsche Botschafter von Hoesch hatte gestern nachmittag erneut eine Unterredung mit dem franzö­sischen Außenminister Briand, die ebenso wie die in den letzten acht Tagen sowohl mit Briand als auch mit Tardieu gehabten Unterhaltungen auch gestern wieder der Vorbereitung für die diplomatischen Besprechun­gen der Zukunft galt. Die beiden Staatsmänner un­terhielten sich sehr eingehend über das Datum sowie das Programm der zweiten Haager Konferenz.

Wie wir v.xn gif unterrichteter Seit, noch rrsahrcns bildeten auch die kommenden Suuioerhuavlungcn den Gegenstand der gestrigen Besprechung. Ob ein Datum für den Beginn dieser Verhandlungen schon festgesetzt worden ist, konnten wir jedoch nicht in Erfahrung bringen.

* * *

Paris, 16. November. Ministerpräsident Tardieu hatte gestern abend eine Unterredung mit Außenmini­ster Briand, die sich auf die aktuellen außenpolitischen Probleme bezog. Wie Havas meldet, soll im Verlaufe

dieser Unterredung besonders die Vorbereitung der zweiten Haager Konferenz erörtert worden sein.

Verlegung der Konferenztermine?

London, 16. November.

Die Besprechungen des Generalsekretärs des Völ­kerbundes Sir Erik Drummond mit dem briti­schen Außenministerium werden, wie derDaily Telegraph" berichtet, aller Voraussicht nach dazu füh­ren, daß das Datum der Januar-Tagung des Völkerbundes etwas verlegt wird. Sowohl die amerikanische als auch die britische Regierung seht sich dafür ein, daß die Flottenkonferenz nicht später als am 27. Januar zusammentreten soll, so daß für die Völkerbundstagung ein etwas früheres Datum als der ursprünglich vorgesehene 20. Januar zweckmäßig erscheint.

Die britische Regierung würde den 7. Dezember vorztehen und sei der Auffassung, daß die Konferenz in jedem Falle nicht später als am 15. Dezember zu­sammentreten müßte. Aus deutscher Seite wird gegen den Zusammentritt am 7. Dezember ein Einwand nicht erhoben. Wie verlautet, ist sogar von deutscher Seite ein Datum vorgeschlagen worden, das noch wenige Tage vor diesem Termin liegt.

Krise um Marin

Paris, 16. November.

Gestern nachmittag fand eine von 62 Mitgliedern besuchte Fraktionssitzüng der 101 Abgeordnete starken Fraktion Marin statt, in der, wie Havas berichtet, etwa 48 Abgeordnete die Haltung des Frakttonsvor- ssh""den Marin bei der letzte-' Kami ervebatren ^ziemlich lebyaft kricistert haben, a soUe« verlangt haben, daß, Um ähnliche Zwischestsälle in ocr Zu­kunft zu vermeiden ein oeratender Vorstand einge­setzt werde, andernfalls sollen sie beabsichtigen, eine neue Fraktion unter der BezeichnungZentrirms- Republikaner" zu gründen. Zwei Mitglieder der Fraktion, die Abg. N i c o l l e und Henru A u r i o l sind, wi.e gemeldet, bereits aus der Fraktion ausge­treten. Nach Havas sollen etwa zehn wettere Mitglie­der der Gruppe ebenfalls die Absicht haben, auszu­treten.

Unsere ganze ältere Generation, mag ihre grund­sätzliche Einstellung zum alten und zum neuen Deutsch­land sein, welche sie wolle, träat bei jedem Wort und jedem Gedanken, der dem Abwägen des Einst und des Jetzt gegeneinander gilt, bewußt oder unbewußt jene ganze frühere Dorsiellungswelt, in sich. Die junge Generation aber ist ausgewachsen und in das politisch mündige Alter einaetreten. ohne daß die Anschauung jener vergangenen Dinge für ihre Gefühls- und Mei­nungsbildung eine Rolle spielte. Die Erziehung und die unmittelbare Umwelt, in der der junge Deutsche auswächst, haben wohl einen gewissen Einfluß auf ihn, aber keinen so starken und nachhaltigen wie das eigene Erlebnis und die eigene Anschauung. Sobald wir uns vergegenwärtigen, was alles in Erlebnis und An­schauung der jungen Generation im Vergleich zur alten nicht eingeht darum nicht eingehen kann, weil es einfach nicht mehr da ist, so wird es in der Tat nicht zuviel gesagt sein, wenn wir von den zwei Völkern snrechen, die wir heute ausmachen. Von die­sen troei Völkern wird das eine mit iedem Tage größer und das andere mit jedem Tage kleiner

Wie aber sieht es auf diesem Gebiet bei den ^E-egervölfern" aus? Wir mögen von den vorhin genannten Nationen nehmen, welche wir wollen keine einzige hat in ihrem nationalen Dasein einen solchen Bruch erlebt (wir lassen die Rusten hier außer Betracht), wie die deutsche Ob Franzosen, ob Eng­länder, ob Japaner, ihre Entwicklung ist durch den großen Krieg nicht unterbrochen worden, sondern bei ihnen wächst die junge Generation kontinuierlich in die unzerriüene nationale Ueberlieserung, in die un­mittelbare Fortsetzung desselben nationalen Lebens und derselben nationalen Zielstrebigkeit hinein, in die frühere Generationen hineingeboren wurden, in denen sie aufwuchsen und deren Träger sie waren. Alle jene Völker sind nicht zwei Völker geworden, wie wir, ein älteres und ein jüngeres, ein wachsendes und ein ab­nehmendes, sondern sie sind e i n Volk geblieben!

Die faschistische Erziehung sucht diese Tatsache der inneren nationalen Einheit noch aufs äußerste zu stärken. In dem Maße, wie die Faschisten in Italien es anstreben, sind auch die übrigen romanischen und die angelsächsischen Völker nicht einheitlich, aber im Vergleich zu Deutschland sind sie es. an den Folgen des Krieges gemesten, so sehr, daß notwendig starke Wirkungen von diesem Unterschied ausgehen müffen. Wir wollen diese Unterschiede hier nicht im einzelnen untersuchen, aber wir glauben, es ist nötig, darüber nachzudenken, daß die Wesensr-erschiedenheit von Ein- volkstum und Zweivolkstum, so wie mir sie eben skiz­ziert haben, nicht ohne geschichtliche Folgen wird blei­ben können. (Man braucht den Ausführungen Dr. Rohrbachs nicht in allen Einzelheiten zuzustimmen, auf jeden Fall schneidet unser Mitarbeiter hier ein Thema an, das, wie er mit Recht sagt, eine ernste und gründliche Aussprache verdient. Wir möchten die heu.ige Veröffentlichung als Einleitung einer solchen Aussprache betrachtet wissen und werden zur gege­benen Zeit auf das Thema zurückkommen. D. Red.)

Mitt zu den Wahlen geröstet

(Von unserem Berliner Vertreter.)

Berlin, 16. November.

Für den morgigen Wahltag rechnet man auch in der Reichshauptstadt mit einem Großkampftag; sowohl die Wahlbureaus wie auch die Polizei sind auf alles vorbereitet. Vor allem ist man in Berlin diesmal darauf

gespannt, ob endlich einmal die Zahl der Nicht­wähler zurückgehen wird.

Bei der letzten Stadtverordnetenwahl in Berlin im Oktober 1925 haben sich noch nicht einmal zwei Drittel der Stimmberechtigten an der Wahl beteiligt. Ange­sichts der Vorkommnisse der letzten Wochen erwartet mAn jedoch, dost auch die Wahlmüden sich morgen leb­hafter an der Wahl beteiligen werden, sodaß die Er­gehn iste vorläufig noch in keiner Weise prophezeit werden können.

Allerdinas bestebt auch diesmal wieder die Ge­fahr einer starken Zersplitterung der Stimmen. R'cht weniger als 21 Stadt-Wahlvorschläge mit 394 Be­werbungen sind vorhanden. Dazu kommen 261 Kreis- wablvorichläoe mit 3140 Bewerbungen und 331 Be- zirkswahloorschläge mit 4377 Bewerbungen. Es

gibt also nicht weniger ols 7911 Kandidaten in Berlin.

Allerdings hat jetzt mehr als die Hälfte der soge­nannten Parteien, die sich auf den Stimmzetteln be­finden, keinerlei Aussicht, auch nur einen einzigen Vertreter in das gelte Stadtparlament zu enfenben, da sich die Hauptmaüe der abgegebenen Stimmen na­türlich auf die großen Parteien sammeln werden. Immerhin dürfte die Zerwlitterung für das Wahl­ergebnis nicht ohne Einfluß sein.

Von allen zuständigen Stellen sind ausreichende Vorbereitungen getroffen worden um einen glatten und ruhigen Verlauf des W-bltaaes, wie auch des heutigen Sonnabend -u gewährleisten, da gerade für heute noch eine Reihe besonderer Demonstrationen und Kundaebunaen (darunter sogar Fackelzüge) ge­plant ist. Bereits gestern abend ist es

in Neukölln zu einem Zusammenstoß gekommen, wobei die Kommunisten einen sogenannten Wahlturm (ein mit schwarz-weiß-roten Fahnen ausgestattetes Gerüst der Deutschnationalen) zu zerstören suchten, woran sie von der Polizei verhindert wurden.

I sondern auch auf finanziellem, wirtschaftlichem und auf dem Gebiete der Währung diese Verständigung fortzusetzen. Die Annäherung, für die ich eintrete, wird heute fast einstimmig von der öffentlichen Mei­nung für notwendig erachtet. Wir wollen eine Poli­tik der Zusammenarbeit der vie- europäischen Groß­mächte Deutschland. Frankreich, England und Italien schaffen, um jede Kriegsgefahr zu verhüten.

Ran muß Land sehen!"

Saarfrage und Youngplan-Ratiftzierung.

x Berlin. 18. November.

Im Nahmen der außenpolitischen Erörterungen spielt im Augenblick die Saorfragc insofern eine her­vorragende Rolle als durch die neue Rede, die der Zentrvmsführer Kaas in Saarbrücken gehalten hat, die politische Ansmerksamkeit ans diesen Gegenstand gelenkt wurde.

Prälat Kaas bat in Saarbrücken unter anderem gesagt, daß die Lötung der Saarfrage und die Aus­sichten, die unter Verhandlungspartner dabei zu machen habe, für das Ja ober Rein bes Zentrums bei bet Entscheibung über den Poungplan maßgebend fein würde.

Ein verfrühtes Ja zum Agunoplan. welches die Saarverba"dlungen Deutschlands ungtinstig be- einflnffcn könne, komme nicht in Frage.

Dieie Rede des Prälaten Kaas wird auch in Berlin besonders stark beachtet, und man bebt bervor, daß Dr. Kaas hiermit einige sehr wichtige Richtlinien für die Reichstaasverhanblungen gegeben fyabe, die der Haager Konferenz folgen sollen. Dagegen kann biete Rebe natürlich nicht auf bie Haager Konferenz selbst abgestellt gewesen sein, unb es ist ferner bemerkens­wert, daß auch

in bezug auf die parlamentarische Ratifizierung der Poünaverträge die Rede in verhältnismäßig vorsichtigen Wendungen gehalten

ist. obwohl im übrigen bie Schärfe bes Tones auf­fällt. Kaas hat nicht erklärt, baß für bie Ratifizie­rung ber doungverträge der effektive Abschluß der Saarverhandlungen eine unbedingte Voraussetzung sei.

Europäische Zusammenarbeit

Paris, 16. November.

Reichstagsabgeorbneter von Karborff erklärte einem Vertreter besErcelsior" zur beutsch franzö­sischen Annäherungspolitik: Ich bin ber Ansicht, daß die Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen für den Frieden Europas und auch für die Welt notwendig ist. Im gemeinsamen Interesie der Völker halte ich es für notwendig, nicht nur auf politischem,

Wohl aber erklärte Kaas und darin stimmen ihm sowohl die Regierung, als auch alle Parteien zu, daß man die Etziwicklung, die die Saarfragc künftig nehmen wird, beim endgültigen Ab'mtuß der Reparationsverträge ausreichend überblicken müsse, um über das Schicksal der Saargebiete völlig im klaren zu sein. Man spricht in Berlin in diesem Zusammen­hänge davon, daß man in ber Saarfrage wenigstens, wie man hier sagtLand sehen müsse", ehe man an die endgültige Ratifizierung der neuen Reparations­verträge Herangehen könne.

Die verletzte Gerechtigkeit

W. P. Der Versailler Vertrag hat UNS bie nähere Bekanntschaft mit einer Reihe von Begriffen vermit­telt, die sich aus Furcht vor der Deutlichkeit der plumpen" deutschen Sprache bas schillernbe Gewand bes Frembwortes angezogen hatten. Freude haben wir an diesenFremdlingen" nicht gehabt; mit dem artigen, Blumen unb Fruchte spendenden Mädchen aus ber Fremde, bas Schiller besingenswert fand, hatten sie wahrlich nichts gemeinsam. Reparationen, Investigationen, Liquidationen unb wie diese von Elemenceau, Lloyd George und ihren Assistenten er­fundenen oder für ihre politischen Zwecke umgeben« toten Begriffe sonst hießen sie alle waren nur bie Handhabe zur Ausbeutung, Unterdrückung unb Be­spitzelung Deutschlands. Wir haben erfahren, was sie bedeuteten, wir haben um ihre Auslegung ge­kämpft und sind gegen ihre Auswirkungen angegan­gen, und solange das Diktat von 1919 als böses Vor­zeichen vor unserem Leben steht, werden wir uns mit einem Teil von ihnen weiter herumzuschlagen haben.

Gegenwärtig spukt der BegriffLiquidationen" wieder einmal durch die politische Diskussion. Eigent­lich wäre es Zeit, daß die Staatsmänner ihm den Laufpaß gäben; selbst in den Paragraphenwäldern bes Versailler Diktats ist ihm kein bauernbes Asyl­recht eingeräumt worben. Denn um was handelt es sich bei diesen Liquidationen? Artikel 297 des Ver­trages enthält die Grundsätze, nach denen bieFrage bes privaten Eigentums, ber privaten Rechte und privaten Interessen im feindlichen Auslände" gere­gelt wurde. Den alliierten Mächten wurde das Recht zugesprochen, das deutsche Eigentum, das auf ihrem Gebiete lag,zurückzuhalten unb zu liquibieren", währenb Deutschland verpflichtet wurde, die Ange­hörigen dieser Staaten, deren Eigentum es während des .? ieges eingczogen hacke, zu entschädige«. - Entschädigungen konnten, so ist in dem genannten Artikel weiter zu lesen, aus dem beschlagnahmten deutschen Eigentum gedeckt werden. Der Saldo, ber sich etwa zugunsten Deutschlanbs ergab, war nach Ar­tikel 243 auf unsere Reparationsverpflichtungen gut­zuschreiben ; für bie Entschädigung ber von ber Liqui­dation betroffenen Deutschen hatte das Reich zu sor­gen. Soweit diese Versailler Bestimmungen, bie un­ermeßliche Arbeit allein aus Englanb würben bei­spielsweise etwa 11000 Ansprüche angemeldet ver­ursacht, bie ben Angehörigen der alliierten Staaten zwar eine hundertprozentige Entschädigung einge­bracht, ben beutschen Kriegsgeschädigten aber, die sich mit einer fünf- bis zehnprozentigen Entschädigung be­gnügen mußten, viel Leid unb Unrecht beschert haben!

Ein betrübliches Kapitel! Noch betrüblicher als die Betrachtung der Vergangenheit ist eine andere Er­kenntnis. Die Erkenntnis nämlich, daß auch jetzt, elf Jahre nach dem Kriegsende, noch nicht überall im ehemals feindlichen Auslande der Wille, ben Schluß­strich unter biefe Entwicklung zu setzen, burchgedrun- gen ist. Unb merkwiirbig: Das Land, bas sich in der Liquidationsfrage als unversöhnlicher Kontrahent erweist, ist England. Der Staat also, desien arbeiter- parteiliche Regierung sich in allen anderen Fragen der Politik als fortschrittlich unb vorwärtsstrebenb erwiesen hat.

Als Mahnung an Englanb bürfen bie Sätze auf- gefaßt werben, die sich unter dem TitelLiquidierung der Vergangenheit" im Poungplan finden und bie ba heißen:Um bas für bas erfolgreiche Arbeiten bes Poungplanes unerläßliche allgemeine Vertrauen zu gewährleisten, empfiehlt ber Ausschuß ben Regierun­gen . . . von ihrem Rechte, Güter, Rechte unb Inter­essen ber^beutschen Reichsangehörigen ober ber von ihnen abhängigen Gesellschaften zu beschlagnahmen, zurückzubehalten unb zu liquibieren, . . . nicht mehr Gebrauch zu machen." Eine Notwehr gegen England in erster Linie schließlich war es auch, wenn die beut­schen Vertreter im Haag zuguterletzt noch bie Ein­setzung einer besonberen Kommission für bie Liqui- bationsfrage burchdrückten. Allerbings, so müffen wir beute wohl sagen, eine erfolglose Abwehraktion! Denn bie Verhanblungen in dieser nach Paris ein­berufenen Kommission sind gar bald auf ben toten Punkt gekommen, unb, wie es scheint, bleibt nur nur ber Versuch, auf birektem Wege eine Derstänbigung zwischen ben beiben Regierungen zu erzielen.

Aber schlecht' Wetter in London! Schatzkanzler Snowden hat dem deutschen Botichafter auf unsere Wünsche und Forderungen eine Absage gegeben, aus ber auch bie Unentwegtesten nichts Hoffnungsvolles herauslesen können. Unb dieses Rein wiegt um so schwerer, weil es trotz ber in Englanb stiinbig wach- senben Bewegung, bie auf sofortige Freigabe bes noch nicht liauibierten deutschen (Eigentums unb auf Zu­rückerstattung bernach Begleichung ber privaten englischen Gegenansprüche verbleibenben Liquida- tionsüberschüsie art bie ehemaligen Eigentümer" ab- zielt, ausgesprochen wurde.

Die Liberalen Mac Pherson und Hutthison, bet Konservative Hugh Cecil unb ber Arbeiterparteiler Wedgewood haben offenbar, weil sie empfinben, in welch' peinlicher Situation sich Englanb, vom morali­schen Stanbpunkt aus gesehen, b'finbet einen An­trag eingebracht, in bem biese Sortierungen nach einer vernünftigen Lösung ber Liquidationsfrage aufgestellt werden. Philipp Snowden aber spricht ein kate­gorisches Nein, unb er setzt auf bie Ablehnung nach bie Drohung auf, baß er bie Liquidierung, die nach der Haager Konferenz zunächst eingestellt wurde, wie­der aufnehmen werde, wenn Deutschland auf seinem