Einzelbild herunterladen
 

Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

krMelmlngSwrise: wöchentlich feäStaof nuchwttta^. Atze«tttiue «I8u reifr: f#r beit Sten«rt 240 Jt bet freiet 3n» ftcllung ins Haus, ix der Geschäftsstelle abgebolt 2.10 Jt. Durch die Post monatlich 240 Jt ausschließlich Zu. stellungsgebübr. Zn Kallen von böserer Gewalt besteht kein Anforuch ans Lieferung der Zeitung oder auf Rückzahlung des Bezugspreises. Verlag, Schriftleitung und Druckerei: Kölnische L>trotze 10. Telephon: Gammelnummer 6800. Juristische Sprechstunde leben Dienstag von S bis 7 Uhr, Kölnische Strotze Nr. io.

Hessische Abendzeitung

Anzeigenpreise: Geschäft;- und Karnilien-Anzeigen die 30 mm = Seile 11 Pfennig. Kleine Anzeigen an» Kastel daS Bort 7 4. Auswärtige Kleine Anzeigen die SO mm breite Zeile 11 4. Anzeigen im Reklameteil die 78 mm breite Zeile 45 4. Offertgebühr 25 4 «bei Zustellung 85 4). Für das Erscheinen von Anzeigen in bestimmten Ausgaben, au besonderen Plätzen und sür telephonisch erteilte Aufträge keine Gewähr. Rech, nuugsbcträge innerhalb von 5 Tagen zahlbar. Gerichtsnand Kastel. Postscheckkonto Frankfurt «u M. 63Al

Nummer 265

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Sonnabend/Sonniag, 9./10. November 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Zahrgang

Oie Mumungstermine werden verschoben!

Tardieu deckt seine Karten ans / DieGründe" der Verzögerung / Noch kein Befehl zur Räumung der dritten Zone erteilt

Sie Aauernflucht aus Rußland

Ansiedlung in Deutschland?

, Berlin, 9. November.

79 Stimmen Mehrheit für Tardieu (Eigener Drahtbericht.)

Vor Moskau, in den sommerlichen Holzhäusern an der Bahnlinie nach Puschkino, sind, wie wir vor eini­ger Zeit berichtet haben, 6000 oder vielleicht sind es schon 10000 deutschstämmige Bauernkolonisten ein­quartiert, die aus Sowjetrußland nach Kanada aus­wandern wollen. Es sind blonde, kräftige Gestalten mit Weib und Kind, mit Sack und Pack, teils Kulaken (Großbauern), die der bolschewistische Stalinkurs ent­rechtet hat, aber auch mittlere und kleine Landwirte und sogar Armbauern und Knechte. Sie kommen von der Wolga, aus Ufa, aus Turkestan, aus der Krim, wo ihre Väter und Großväter blühende Dörfer für Mütterchen Rußland schufen. Aber diese Bauernsöhne wollen nicht mehr für Rußland arbeiten. Man hat ihnen das Eigentum genommen, man hat ihre Scholle in Staatsgüter und Kollektivwirtschaften umgewan­delt. Nun wären sie alle nur noch Nummern und Sowjetbürger". Das paßt ihnen nicht.

Nun sind es also weit über 6000 Menschen, die von der Moskauer Regierung die Ausreisegenehmigung erwarten. Aber die Sowjetherren scheinen stutzig ge­worden zu sein. Sie machen Schwierigkeiten. Seit zwei Jahren hat Rußland keine Getreideausfuhr. In den Städten mußten Brotkarten und Karten für Milch, Butter, Eier und Fleisch eingeführt werden. Die ent­rechtete Landwirtschaft leistet nichts mehr. Das wollen die Berater Stalins natürlich nicht wahr haben. Sie sagen jetzt: Die Bauern dürfen nicht mehr hinaus. Aus Kanada fehlt noch die Einwanderungserlaubnis für diese 6000. Fällt die Entscheidung nicht in den nächsten Tagen, so lösen wir die Notquartiere auf und schieben die Deutschen nach Sibirien ab. ..

""rgesichts des unmenschlichen Beschlusses der Sowjorö. tue haben mitleidig: Stimmen in deut­schen Blättern angeregt, die russischen Auswanderer, die durchweg tatsächlich deutscher Abstammung sind, im Osten unseres Reiches, vor allem in Ostpreußen an* zusiedeln. Mit diesem Vorschlag hat sich offenbar auch schon die Reichsregierung beschäftigt. Denn gestern wurde eine Mitteilung vonzuständiger Stelle" ver­breitet, daß die deutschen Behördenbereit seien, alles zu tun, was im Bereiche der Möglichkeit liege, um das Elend dieser Menschen zu lindern". ?r6et förm­liche Ansiedlung von heute auf morgen, wie stellt man sich ^as vor? Als die deutsche Nationalversammlung vor zehn Jahren das Reichssiedlungsgesetz annahm, wußte man bereits, wie schwierig dieses Problem ist und wie schwerfällig seine Durchführung. Der Zweck des Gesetzes ist, dem deutschen Volke einen lebenskräf­tigen Bauernstand zu erhalten und zugleich dem Sla­went :m einen lebenden Wall entgegenzusetzen. Der Schöpfer des Gesetzes, Professor Sering, sprach da­mals die Hoffnung aus, daß jährlich wenigstens 10 000 Siedler angesetzt werden könnten.

Es ist viel viel weniger geglückt, und die größten Schwierigkeiten machte das liebe Geld. Für eine Dauernsiedlung sind ein Drittel der Ankaufssumme, nämlich 1012 000 Reichsmark als Anzahlung und einige 1000 Rmk. als Betriebskapital erforderlich. Haben die Wolgadeutschen das Geld? Die 383 Aus­wanderer nach Kanada, die zur Zeit in Kiel stationie­ren, klagen die russische Regierung an, daß man ihr Reisegeld in Moskau eingezogen und ihnen für jeden P.ß 220 Rubel abgenommen habe. Die Unglücklichen kämen also alle ausgeplündert auf deutschen Boden. Wir können sie nicht ansiedeln, wir können sie nur auf der Durchreise verpflegen. Wo bleibt aber das Rote Kreuz, das Internationale Arbeitsamt in Genf? Wo bleibt der Völkerbund und die Weltöffentlichkeit?

L Schulz.

Bronzen zu Geschenkzwecken

Berlin, 9. November.

Am Freitag fand eine geheime außerordentliche Magistratssitzung statt, die sich mit der auzenblick- fMv'*» fv'A-f'-ijV« Am ~'r>r>r>rv<;«iV, tvirfn'ier

Woche, also zwei Tage vor den Neuwahlen, wird noch eine Sladtverordneren-Versammlung stattfiwden. Der Oberpräsidenr ha, bisher in der Anliegenheit Böß nach keine Entxheidmm getrosien.

Wie eine Korrespondenz meldet, soll durch den Kriminalkommissar Seifert ermittelt worden fein, daß in einem großen Geschäft in der Leipzigerstraße

von Dior Sklarek Kunstgcgenstände, Beleuch­tungskörper usw. in Massen verkauft tvorden sind. Zwei Sendungen solcher Gegeirstiutde sind u. a. an den Direktor der Berliner Smdtbank, Zetzel, forme an dessen Sohn in Neumünster gegan­gen. Für 4000 Mark Bronzen hat Mar Sklarek noch kurz vor dem Zusammenbruch gekauft, d-e äugen-

SU - IC

Polizei ist augenblicklich bemüht, festzustellen, wohin diese Bronzen gegangen sind.

Bei der Durchsicht der Bücher der Vehhrma von bet die Sklateks die Geschenke für ihre Freunde de- zogen, ist festzestellt woroeu, daß darunter auch der Na»'« des jetzigen '^irek'ors der Berliner B<»rk»hrs- gefellfchast des früheren Leiters der Brennstosl-Gc- fell ch'i' B^o>a- ctint Di" Bf! a, tc:h dazu mit, daß die Gebr. Sklarsk, Frau Brokat etwa um Weihnachten 1928 die Pelzfirma Golicke emp­fohlen hätten, bei der Frau Brolat bann einen Pelz tm Werte von zweiltauseud Mark bestellte. Brolat

Paris, 9. November.

In der Nachtsitzung der Kammer (Briands Kam­mererklärung siehe Seite 2) ergriff Tardieu das Wort zu außenpolitischen Erklärungen von außer­ordentlich er Bedeutung:

Et betonte zunächst, daß sämtliche Minister des Ka­binetts unter einander einig seien und daß er sich voll­ständig mit dem Außenminister solidarisch erkläre. Der Sturz der Regierung Briands fei am 22. Oktober dadurch verursacht worden, daß bei gewissen Abgeord­neten Besorgnisse darüber entstanden seien, daß die dritte Rheinlandzone geräumt werde, ohne daß die Bedingungen dafür erfüllt seien, Es habe sich jedoch nur m.t Truppenverschiebungen gehandelt, die man fälschlich für Abtransporte gehalten habe. Essei

bisher kein Räumungsbefehl erteilt worden. Im Gegenteil seien Anordnungen getroffen worden, um falsche Auslegungen dieser Truppenverschiebun- gen zu verhindern. (Bewegung auf der linken Seite.) SelbstverstänL.lch könne die Räumung erst nach Beginn der Konmerzialisierung einfetzen. Unter der Jnkraftfetzung des Noungplaues habe man zunächst die Schaffung der internationalen Zahlungsbank zu verstehen, da von ihr die Möglichkeit zur Kommerzia­lisierung der deutschen Schuld abhänge. Weiter sei darunter zu verstehen die Auslieferung der deutschen Obligationen. Auf die Anfrage des Abgeordneten Francois Albrecht, ob die 3. Zone bis 30. Juni 1930 geräumt werde,

müsse er entgegnen, daß Ereignisse, die man bei Festsetzung dieser Dinge nicht habe voraussehen können, so der Tod Dr. Stresemanns und die neue französische Regierungskrise die Ratifizierung des Noungplaues verzögert hätten. Unter diesen Um­ständen habe die Frist noch nicht xn laufen beqnn- neu, und die Räumung werde entsprechend verscho­ben. (Lauter Beifall auf der Rechten, Bewegung und erstaunte B ^ufe auf der Linken.)

Der Mlnisterpräsident ging dann zur Innen­politik über und bedauerte, daß die Radikalen

nicht in f;ine Regierung eingetreten seien. Er kün- öigte die Fortsetzung der Unterdrückungspolitik gegen die Kommunisten an. Er schloß mit einem Appell an die Zusammenarbeit aller politischen Parteien. Die weitere Sitzung war mit Ausführungen zahlreicher Redner, sowie mit einer Rede des Finanzministers Cheron über das Finanzprogramm der Regie­rung ansgefüllt, die jedoch in der Ungeduld und Lebhaftigkeit des Hauses untergingen.

Nach einer sechsstündigen Nachtsitzung wurde dann eine Tagesordnung des Linksradikalen Thompson eingebracht, in der die Kammer die Politik der Re­gierung, insbesondere die Außenpolitik, billigt. Um 5 Uhr morgens drückte die Kammer mit 332 gegen 253 Stimmen, also mit 79 Stimmen Mehrheit der Regierung Tardieu ihr Vertraue« aus.

Die verstimmten Belgier

Entscheidung über den Sitz der B. I. Z.

Baden-Baden, 9. November.

Die Entscheidung über den Sitz der Bank für den Internationalen Zahlu gsausgleich erfolgte gestern abend in einer befonderen Sitzung des Organisations­ausschusses einstimmig u. z. in Abwesenheit der bel­gischen Delegierten Francqni und van Zeeland. Der Sitz der Bank soll nach der Schweiz gelegt werden. Die beiden belgischen Delegierten haben mitgeteilt, daß sie im Verlaufe der wiederholten Besprechungen über die Frage des Sitzes der B. I. Z. die gegen Brüs­sel als Bgnksitz vorgebrachten Argumente als solche politischer Natur bezeichnet habe. Sie habe mehrfach Einspruch dagegen erhoben und verlangt, daß die Frage des Bantsitzes lediglich von technischen Erwä­gungen geprüft werde. Da ihre Erklärungen nicht be­rücksichtigt worden seien, würden sie die Konferenz ver­lassen und nach Brüssel zurückreisen.

Vertagte Reformpläne

Von unserem Berliner Vertreter.

Berlin, 9. November.

Das bereits vor einigen Tagen angekündigte Kom­promiß zwischen den Regierungsparteien, wonach das Zentrum keine Einwendungen mehr gegen die Er­nennung des Außenministers und des Wirtschaftsmini­sters erheben wird, wenn die anderen Parteien sich mit der Vertagung der Ehescheidungsreform einverstan­den erklären, ist jetzt schon zustande gefommen. In einer Parteisührerbesprechung beim Reichskanzler hat man sich darüber geeinigt, daß die Arbeiten an der Reform des Ehescheidungsrechts nicht nur bis auf weiteres hinausgeschoben, sondern auf eine lange Frist vertagt wurden

Man hat dafür eine recht eigenartige Formel in der offiziellen Meldung gesunden. Darin ist davon die Rede, daß zunächst eine ganze Reihe anderer wichtiger Aufgaben vordringlich behandelt werden müßten, sodaß die Ehescheidungsreform zunächst tin Rechtsausschuß nicht zur Beratung gestellt werden könne. Wenn man aber erwägt, daß die Verabschie­dung des Noungplaues, die Erledigung des Etats, sowie die große Finanzreform, weiterhin die Arbei­ten an der Strafrechtsform und die Verabschiedung des Gesetzes über die Rechtstellung der unehelichen Kinder, sowie das Standesherrengesetz, weiterhin auch das Republikschutzgesetz erledigt werden sollen, ehe die Ehescheidungsreform wieder an die Reihe kommt, so kann man ohne Schwierigkeiten ausrech­nen, daß

die parlamentarische Winterarbeit überhaupt nicht ausreiche« wird, um zu der jetzt aufgescho j betten Ehescheidnngsreform zurückzukehren. ]

Damit ist dem Wunsch des Zentrums in vollem Umfange Genüge geschehen und dieGermania" kann daher heute mit Recht feststellen, daß die par­lamentarische Stellungnahme des Zentrums zur Ehescheidungsreform selbstverständlich unverändert bleibt. Unter diesen Umständen hat auch der Un­terausschuß des Rechtsausschusses, der für die wei­teren Arbeiten in der Ehescheidungsreform vor eini­gen Tagen eingesetzt worden war, gestern seine Ar­beiten noch gar nicht ausgenommen, obwohl feine erste Sitzung auf gestern anberaumt war.

Angesichts dieses Kompromisses wird voraussicht­lich heute oder spätestens Montag die

amtliche Bekanntgabe der endgültigen Ernen­nung des Außenministers Dr. Cnrtins und des neuen Wirtschaftsministers Moldenhauer erfolgen. Jedenfalls handelt es sich hierbei nur noch um eins Formfrage.

Eine andere Maßnahme der Regierung ist heute Gegenstand widerstreitender Meinungsäußerungen. Rach einer amtlichen Meldung hat der Reichsernäh­rungsminister den Vorstand der landwirtschaftlichen Reichsforschungsstelle Dr. Baade zum Reichskom­missar für die Warnehmung der Rechte der Reichser­nährung bei der Getreidehandelsstelle berufen. Diese Maßnahme findet imVorwärts" volle Zustimmung, während dieDeutsche Tageszeitung" der Meinung ist, daß diese ganze Aktion einer gründlichen Nach­prüfung bedürfe und Bedenken gegen die Berufung eines Sozialdemokraten auf diesen Posten trägt.

erhielt keine Rechnung über die Bestellung und mußte nach seiner eigenen Angabe feststellen, daß

der Betrag bereitszu feiner Ueberraschung" von einem der Brüder Sklarek bezahlt worden ioar. Brolat will dann den Sklareks schwere Vorwürfe wegen dieses Vorgehens gemacht und mehrmals versuch, Haven, ihnen das Geld zurückzn- erftotten. Schließlich habe er im März 1929 einem der Brüder Sklarek den Betrag in die Tasche gesteckl. ^ine O.U'tärna über die 6fitna des BeEaoes von zweitansend Mark will aber Brolat von den Sklareks zu feinem Bedauern nicht erhalten haben.

Die Gefahren des polarflnges

Berlin, 9. November.

SBie der Allianz-Konzern mitteilt, sind die Versiche­rungsgesellschaften zu der lleberzeugung gelangt, die Versicherung der Polarfahrt des LuftschiffesGraf Zeppelin" nicht zu übernehmen. Man glaubt den Versicherungspakt nicht auf solche Fahrten ausdehnen zu können, die lediglich Forschungszwecken in gänzlich unentdeckten Gebieten dienen und die größtenteils völlig abgeschnitten bleiben von jeglicher Hilfsaktion. Die gesamten, in der Nachkriegszeit gezahlten Prä­

mien würden nicht einmal dazu ausreichen, einen schweren Teilschaden, geschweige denn einen Totalver­lust zu decken.

Moderne Piraten

Der Dampfer Höchst ausgeraubt.

London, 9. November.

Aus Columbia wird im Zufammenhange mit der Meldung der Strandung des Hapag-Dampsers Höchst" ein modernes Piratenstück der Einwohner der Insel Minicori (etwa 500 Kilometer westlich der Südspitze Vorderindiens» gemeldet. Nachdem die Mannschaften den Dampfer nach dem Brande ver­lassen Wen, brachten die Bewohner der Insel die gesamte Ladung an Land und versteckten sie. Als die Leute zur Bergung der Ladung an der Insel ein- trafen, fanden sie nur noch den leeren Dampfer vor Alle Verhandlungen mit den Einwohnern auf Her auecabe der Ladung blieben erfolglos. Alle Häfen Indiens sind verständigt, um die eintreffenden Segler nach der beraubten Ladung derHöchst", die hauptsächlich ans Zinn besteht, zu durchsuchen. Der Wert der Ladung wird auf 4,8 Millionen Mark be­ziffert.

Briand oder Maginot

W. P. Ein Ministerpräsident, vierzehn Minister und zwölf Unterstaatssekretäre hielten am Donnerstag in der französischen Kammer ihren Einzug. Das größte" Kabinett, das Frankreich gesehen hat, wurde die neue Regierung von einem der Opposttions- redner genannt; bitterböse Ironie sprach aus dieser Randglosse, denn der Begriff derGröße" wird auf das Kabinett Tardieu nur wegen der Zahl seiner Mit­glieder, niemals aber wegen seiner Qualität zutreffen. Andre Tardieu hat mit der Vergebung von Minister­posten und Staatssekretärpöstchen nicht geknausert, um alle Fraktionen von der Mitte bis weit nach rechts, die er nach der Absage der Radikalsozialisten zur Fun­damentierung seiner Regierung brauchte, satt und zu­frieden zu machen. Nur so konnte ihm das Werk der Kabinettsbildung gelingen, und nur so konnte er den ersehnten Augenblick, der ihn in die vorderste Linie des politischen Lebens schob, festhalten.

Männer von recht unterschiedlicher politischer Ge­sinnung haben sich zusammengefunden. Der homo noous, der Neuling, sitzt neben erfahrenen Praktikern. Herr Loucheur ist da, und Herr Cheron wenn Andre Tardieu die Sehnsucht des seligen CäsarsLaßt wohl­beleibte Männer um mich sein" gehabt hätte, so würde die Erfüllung dieses Wunsches bei seinem Finanz­minister auf keine Schwierigkeiten gestoßen sein hat den Sturz des alten Kabinetts überlebt. Das viel- spältige Wesen dieser Regierung Tardieu wurde aber symbolisch durch das Bild gekennzeichnet, das sich den Kammermitgliedern und dem zahlreichen Publico bot, nachdem die siebenundzwanzig auf den Regierungs­bänken ihre Plätze gefunden hatten. Denn siehe da: Aristide Briand, der alte und der neue Außenminister, wurde flankiert von Andre Tardieu höchstselbst und von dem neuen Leiter des Kriegsministeriums Magi­not, der auf den gleichen Vornamen wie der Kabi­nettschef hört.

Ein seltsames Triumvirat, dieser Ministerpräsident mit seinem Außen- und seinem Kriegsminister! Man erinnere sich des Werdeganges Tardieus, der von bet diplomatischen Laufbahn übersprang zum Journiv listentum und als Vertreter desTcmps" die Werbe­trommel für das kriegführende Frankreich in Amerika gar trefflich zu rühren wußte. Der In dreizehn von st sundzw-nzig Kommissionen der Versailler Konfe­renz als eifriger Gehilfe Clemenceaus saß und in den sogenannten Friedensvertrag die Deutschland so schwer treffenden Bestimmungen über die Reparations- und die Saarfrage hineinlancierte. Und dann Maginot, Mitarbeiter Poincarös und scharfer Gegner der Ver­ständigungspolitik: Der Politiker, der noch vor weni­gen Wochen in Bar-le-Duc und anderswo als seiner politischen Weisheit letzten Schluß verkündete, daß die Räumung nicht allein von der Ratifizierung des Poungplanes, sondern auch von der Kommerzialisie­rung der deutschen Schuld abhängig zu machen sei.

Zwischen diesen beiden der Vater der Locarnover­träge, der Mann, dessen wesentliches politisches Ziel die deutsch-französische Verständigung zu sein schien. Man hat uns tröstend gesagt, Briand behalte das Außenministerium, und damit sei alles gut. Aber diese letzten Tage haben Bedenkliches in solcher Hülle und Fülle hervorgebracht, daß wir uns mit so billigem Trost nicht abspeisen lassen können. Gewiß, es ist ohne weiteres zuzugeben, daß der Ministerpräsident Tardieu von heute nicht mehr der Pressechef Clemenceaus von anno 1919 ist. Tardieu ist ein viel zu kluger Kops, als daß er sich den Wandlungen der Zeit ganz verschließen würde, er weiß, daß man heute Politik im Versailler Stil nicht mehr machen kann, daß man andere Metho­den anwenden muß, um zum Ziel zu kommen. Den Jdeenkreis aber, in dem er sich früher bewegte, hat er nicht verlassen; im Grunde seines Wesens ist er, der längst die Genfer Regeln der glatten Höflichkeit ge­lernt hat, auch heute noch Machtpolitiker: Ein ver­jüngter, ein moderner Poincars. Die Regierungs­erklärung, die Tardieu vor der ftamr-- abgab, trägt deutsch die Spuren seines Geistes. Sie ist in ihrer Art ein politisches Meisterstück. Zum größten Teil ist sie eine Spekulation auf die innerpolitischen, ja sogar lokalen Interessen der Abgeordneten. Tardieu kennt seine Pappenheimer; ihm geht es darum, Stimmen jedes einzelne Ja ist kostbar zu fangen und er weiß, daß steuerpolitische, wirtschaftliche und soziale Ver­sprechungen der beste Köder sind. Natürlich ganz ließ sich das heikle Thema Außenpolitik nicht umgehen. Aber es wurde in aller Kürze abgetan, und was dazu gesagt wird, reichte nicht aus, um Klarheit z« schaffen: Zunächst in verschwommenen Ausdrücken das Verspre­chen, daß die bisherige Außenpolitik fortgesetzt werde (Vorbeugung nach links!), dann der Satz, daß die Räumung von der Verwirklichung aller zur Inkraft­setzung des Yon-gplanes erforderlichen Maßnahmen abhängig gemacht werde (ein Satz, aus dem man auf der Linken u n b auf der Rechten das Genehme heraus- lesen kann), und schließlich (tiefe Reverenz vor den Rechtsparteien) die Zusicherung, daß für die franzö­sische Sicherheit alles Erdenkliche getan werde.

2IIles in allem also war diese vieldeutige Regie­rungserklärung nicht dazu angetan, in Deutschland optimistische Stimmungen zu wecken. Aber es kam "ach manches andere hinzu, was uns bedenklich stim­men mußte. Da hielt der abtrünnige Sohn der Radi- kalsozialisten, Franklin-Bouillon, eine Rede, die es an Verdächtigungen gegen Deutschland mit den schlimm­sten der berüchtigten ..Sonntagsreden" früherer Zeit aufnehmen konnte. Eine Rede, die zu der unglaub­lichen Schlußfolgerung kam, daß Frankreichs be­drohte" Sicherheit die Räumung nicht zulasse. Und das Erschütterndste, das, was uns beinah alle Hoff­nungen nehmen könnte: Dieser Hetzer von Beruf reißt