Kasseler Neueste Nachrichten
Nummer 264
Freitag, S. November 1929
19. Iabrqang
Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
Knappe Mehrheit für das Kabinett Tardieu?
I
Rechenkkempel nach der RegiernngseMärung / Scharfe Kampfansage der Linken / Vor der Neubesetzung des Reichswirlschastsministerinms
Locarno oder Var-le-Duc?
-11
(Eigener Drahtbericht.)
Auf tönernen Füßen?
Außenpolitische Rundschau.
*
T
V
politische Zwischenfälle in Hamburg
(Eigener Drahtbericht.)
Hamburg, 8. November.
Ser neue Mrischastsminister
(Von unserm Berliner Vertreter.)
Stockholm, 8 November.
Ein Wort Theodor Fontanes wird heute gern zitiert, wenn vom britischen Weltreiche und seinen der Lösung harrenden Problemen gesprochen wird: Fontane hat da einmal im Jahre 1852 das alte Bibelwort vom „Koloß auf tönernen Füßen" aufgegriffen und auf das England seiner Zeit angewendet. In einem Büchlein voll Londoner Betrachtungen, von denen alles übrige in Vergessenheit geraten iß. Der märkische Dichtersmann, der Gestalter manchen gestaltenswerten Ereignisses englischer Sage und Geschichte, hat sich damals geirrt; noch immer tragen die Füße den inzwischen noch mehr in die Breite gegangenen Koloß; sie müssen wahrlich aus festerem Stoffe als aus Ton sein.
des Sieges und einer Mehrheit von 40 Stimmen sicher sei.
Ms weiterer Grund zum Optimismus wird in den regierungsfreundlichen Blättern hervorgchoben, daß die Radikalen höchstwahrscheinlich nicht geschlossen gegen das Ministerium stimmen, sondern sich zum Teil der Stimmenabgabe enthalten und vereinzelt sogar für die Regierung stimmen werden.
„ach England hat in der Nachkriegszeit zu spüren bekommen, ein wie gefährliches Spiel von ihm und seinen Bundesgenossen getrieben worden war, als man in der Absicht, die Mittelmächte zu schädigen, das
„Genosse Georg"
1 Die Morgenpresse gibt in ihren Kommentaren zu der gestrigen Kammersitzung im allgemeinen der Ansicht Ausdruck, daß die Abstimmung über die Vertagung der Debatte, die mit 310 gegen 270 Stimmen beschlossen wurde, als einen Fingerzeig für die künftige Mehrheit der Regierung ausgelegt werden könne. Es sähe jetzt schon so aus, als ob Tardieu
Versamurlungsleiter war der Redner als „Genosse Georg' vorgestellt worden. Die Menge versuchte wiederholt, den Verhafteten zu befreien, wurde aber von einem starken Polizeiaufgebot zurückgcdrängt. Die Polizei verweigert jede Auskunft über die Person des Verhafteten.
Paris, 8. November.
Die Regierungserklärung Tardieus findet in der der Regierung nahestehenden Presse eine außerordentlich günstige Aufnahme. In großen Schlagzeilen loben die Blätter das „prachtvolle" Regierungsprogramm, das auf Kammer und Senat einen trefflichen Eindruck hinterlassen habe. Andre Tardieu habe sich über die Ränke und den Streit der Parteien erhoben und mutig und voller Ideen ein Regierungsprogramm entwickelt, das selbst die alten politischen Fachleute überrascht und die jungen Abgeordneten begeistert habe.
Die Blätter der Opposition erheben den KriegSruf gegen das neue Kabinett.
»Die Schlacht hat begonnen," schreibt die „Eve nou- velle", Tardieu hat kein Wort zugunsten der neuen Gesetze und des großen Friedenswerkes, mit denen Namen wie Herriot und Briand verknüpft seien, gesagt. Heute gebe es keine Täuschung mehr:
Auf der einen Seite befänden sich alle Rechtsparteien, auf der anderen alle Linksparteien.
Der sozialistische „Populaire" schreibt, Tardieu habe ein außerordentliches Programm aufgestellt, wie für eine Ausstellung. Tardieu habe eine Mehrheit, die dem Programm seindlich gegenüberstehe. Briand fitze im Außenministerium, aber Maginot sei Kriegsminister. Bedeutet das Locarno oder Bar-le-Duc? Die Sozialisten seien zum Kampf bereit.
Ein schwerer Zusammenstoß ereignete sich auf dem — “ Etwa 500 Kommunisten griffen
--on. $ie $eamten ÖBt.
großen Ncumarist. Etwa 50
eine Abteilung Polizeibeamte ___________
den mit Mauersteinen, Bauhölzer« und Abfällen beworfen. Auch wurden Gegenstände aus den Fenstern der umliegenden Häuser auf die Beamten geschleudert. Mit dem Ruse: „Schlagt die Bluthunde tot!" drang die Menge aus die Beamten ein, so daß diese schließlich von der Schußwaffe Gebrauch machen mußten, worauf die Angreifer flüchteten. Drei Personen konnten im Laufe der Nacht festgenommen werde», mehrere Polizeibeamte sind durch Steiuwürfe verletzt worden.
1 Bei einer von der kommunistischen Minderheit gestern abend aus Anlaß des 12. Jahrestages der Revolution in Rußland unter freiem Himmel veranstalteten Kundgebung kam es zu Tumulten, als einer der Redner, angeblich ein Vertreter des Exekutivkomitees, von der Polizei verhaftet wurde. Vom
Sie Räumung stockt!
Ein beunruhigendes Dementi Maginots.
Studenten kam es am Donnerstag in dem Anatomischen Institut der Universität in Wien erneut ju Zusammenstößen. Gegen halb 10 Uhr drangen völkische Studenten in den Saal ein. wo zahlreiche sozialistische Studenten bei der Vorlesung von Pros Tandler anwesend waren. Dabei kam es wieSer zu schweren Prügeleien. Erst am Nachmittag konnte hier die Ruhe wieder hergestellt werden.
Die Studentenausschreitungen im Anaromtschen Institut übertrugen sich schon im Laufe des Vormittags auch auf die Universität, wo es wiederum zu schweren Ausschreitungen und Prügeleien kam Um halb 12 Uhr wurde ein Hörsaal von deutsch-völkischen Studenten gestürmt. Die Eindringlinge verlangten den Abzug der jüdischen Hörer Es kam zu Prügeleien, und den Pedellen war es nicht möglich, die Ruhe wieder herzustellen. Auch der Rektor, Professor Dr. Gleispach. und die Professoren versuchten vergebens vermittelnd einruareifen jüdische und sozialistische Hochschüler wurden mißhandelt.
Vor der Universität wurde die Ringstraße von Polizei abgesperrt, da auf der Rampe die deutsch- völkischen ,auf der gegenüberliegenden Seite die sozialistischen und jüdischen Hochschüler Ausstellung genommen hatten.
Die von der Ä. P. D. für Dienstag nach Sagebüll einbernfeae Revolutionsfeier ist polizeilich verboten worden. Dafür hatten die Kommunisten zu einer Protestkundgebung nach Ohlsdorf an den Gräbern der Revolutions-Gefallenen aufgefordert, an der sich am Donnerstag etwa 1000 Personen beteiligten und wo der kommunistische Reichstagsabgeordnete Thälmann eine Ansprache hielt. Während diese Kundgebung ruhig verlref, kam es in der Nacht an mehre- reu Stellen der inneren Stadt zu kommunistischen Demonstrationen, die von der Polizei wieder aufgelöst wurden.
Wie die Morgenblätter melden, haben drei radikale Abgeordnete, darunter der Herausgeber pes „Homme ljpre" Lautier und der Abgeordnete Ph:l°pp 01 e a u x, ihren Austritt ans der rasikalsoztattsti- schen Partei angemeldet, weil sie mit der opposuio netten Haltung ihrer Fraktion gegenüber oem Kabinett Tardieu nicht einverstanden sind. Es verlautet, daß noch weitere Mitglieder der radikalen Partet diesem Beispiel folgen werden.
Hessische Abendzeitung
anrteewtdfc: »etoäM. enb Senritten-aiiatiaen Me 30 mm - Seile 11 Pfetmts. Kleine Ameisen an» Saget das Soti 7 4. AnSv»irtige Kleine Anzeigen die Sv mm breite Zeile 11. j, Anzeigen im Reklameteil Me 78 mm breite Seite 45 J. Cftertstbübr 25 4 (bet SuftcQung 85 4). — Für das Erscheinen von «meteen iw bestimmte» Ausgaben, an besonderen Plätzen and für teleodonisch erteilte A»steige keine Gewähr. Rech. nnngsbetrSse mnerhalb von 5 Tagen zahlbar. (Serituieitatü> Kassel. — Postscheckkonto Frankfurt a. M. 638a
Bar-le-Duc hat gegenwärtig in der französischen Politik eine symbolische Bedeutung, weil Maginot in der kleinen Hauptstadt des Departements Meuse eine seiner aufsehenerregenden Reden hielt, in denen er den Haager Räumungsbeschlüssen eine merkwürdige, in Deutschland stark berunruhigend wirkende Deutung gab Locarno oder Bar-le-Duc? Das ist die Frage, aus die auch wir Antwort begehren. Tardieus Regierungserklärung wich dieser Antwort aus. Wird Briand das Versäumnis seines Kabinettschefs gutmachen, wird er es in Zusammenarbeit mit Leuten vom Schlage Maginots und Tardieus gutmachen können? Die durch das Dementi des neuen französischen Kriegsministers eigentlich nur bestätigten Beschlüsse, nach denen die Räumungsaktion abgebremst wird, heißen uns leider recht skeptisch in die nächste Zukunft schauen! (Weitere Meldungen über die Vorgänge in der französischen Kammer siehe Seite 2!)
SowgalewSkiLondonerVotschafter?
London, 8. November.
Eine Mitteilung der russischen Regierung über die Persönlichkeit des neuen Botschafters in London ist int Londoner Auswärtigen Amt noch nicht ein- gelaufen. Nach Ansicht hiesiger politischer Kreise ist es nicht ausgeschlossen, daß der gegenwärtige Pariser Botschafter der Sowjet-Regierung in Anerkennung seiner Verdienste um die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Rußland und England nut dem Londoner Posten betraut werden dürfte. Als einen aussichtsreichen Kandidaten nennt man ferner neben Dowgalewski auch Sokolnikow.
Die Chancen des Kabinetts
Paris, 8. November.
der Volkspartei stehenden Abgeordneten D a u ch zum Wirtschaftsminister zu machen, aber diese Frage gilt nunmehr als erledigt, und der Abgeordnete Dr. Sugo, der Führer der rechten Gruppe, hat in einer rklärung, die er gestern veröffentlichte, ausdrücklich festgestellt, daß der rechte Flügel der Fraktion zwar den Wunsch habe, den Abgeordneten Tauch zum Wirtschaftsmtnister zu machen, daß aber er und seine Freunde nicht daran denken, etwa aus der Volkspartei auszutreten und zu den Deutschnationalen überzugehen. Man nimmt an, daß diese Angelegenheit damit erledigt ist.
Sie Wiener Hochschulen geschloffen
Wien, 8. November.
Die Rektoren der Universität der Technischen Hoch schule, der Hochschule für Bodenkultur, der Tierärztlichen Hochschule und der Hochschule für Welthandel haben gestern abend in einer gemeinsamen Beratung beschlossen, sämtliche Wiener Hochschulen bis auf weiteres zu schließen.
Diesem Beschluß gingen gestern folgende Ereignisse voraus: Zwischen sozialistischen und völkischen
Kasseler Abendzeitung
SrtcheinangSweike: möSeutNS sechsmal »achwrittasS. «bwmememspret»: ft* bew Mas« 2JO jl bet freier Sn* «cllung ms Haus, is bei Geschäftsstelle abgebolt 2,10 Jl. Durch bie P-»ft menatfitb 2.30 Jl auSschlietzlich Zu- Uellungsgeblldr. ?tn Fällen von höherer Gewalt be fleht kein Anspruch aus Lieferung der Zeitung ober auf Rückzahlung Ses Bezugspreifes. Verlag. IchriMeitung und Druckerei: Kölnische Strotze 10. — Telephon: Sammelnummer 6800. Jurislilche Sprechstunde leben Dienstag von 5 MS 7 Uhr. Kölnische Strotze Rr. 10.
Paris, 8. November.
Der sozialistische „Populaire" brachte gestern eine (auch von uns gestern mitgeteilte) Nachricht aus Berlin, wonach im Verlauf des Donnerstag die zur Räumung vorgesehenen Maßnahmen wieder ausgehoben worden seien. Das in Kreuznach liegende Infanterieregiment, dessen Abberufung seit zwei Wochen bekannt sei, habe Gegenbefehl erhalten. Eine Kom- pagnie Infanterie, die sich auf dem Bahnhof in Mainz zum Abfahren Bereit fand, habe in letzter Minute Order erhalten, in ihre Garnison zurückzukehren.
Kriegsminister Maginot gab nun gestern nachmittag ein Dementi aus, in dem diese Truppenbewegungen mit hygienischen (!!) oder strategischen Gründen gerechtfertigt werden. Uebrigens werde die dritte Zone nicht vor Inkrafttreten des Aonngplanes geräumt werden. Was die zweite Zone anbelange, hätten die Militärbehörden es für notwendig befunden, die bereits getroffenen Dispositionen bezüglich der Truppen, die noch in dieser Zone verbleiben, zu ändern. (II)
Dtese Angelegenheit hat innerhalb der Volks- Partei noch 3u einem Zwischenspiel geführt, da vom rechten Flügel der Fraktion Wünsche geäußert werden, dte Fraktion möge noch einmal zu- lammentreten, um die Frage der Neubesetzung des Wtrtschattsministeriums zu erörtern. Von dieser Seite her wünscht man den auf dem rechten Flügel
Berlin, 8. November.
Der Reichspräsident von Hindenburg verläßt heute Berlin zu einem kurzen Aufenthalt in Ostpreußen, wo er am Sonntag der Taufe eines Urenkels beiwohnen will.
Gestern hat der Reichspräsident mit dem Reichskanzler noch dte Frage der Neubesetzung des Außenministeriums und des Wirtschaftsministeriums besprochen und man hält es nun für sicher, daß wahrscheinlich morgen die amtliche Verkündigung der neuen Ernennungen herauskommen wird. "Heute trifft der volksparteiliche Abgeordnete Moldenhauer von.feiner Amerikareise wieder in Berlin ein, und
man hält es für beinahe sicher, daß Moldenhauer zum Wirtschaftsminister ernannt wird, während
Dr. Curtius selbstverständlich endgültig das Außenministerium übernehmen wird.
W. D. „Das Gleichgewicht her Mächte ist heute, so wie seit' den Tagen der Tudors, der hauptsächlichste Faktor unserer Politik. Wir unterstützten zweifellos die Entente, um dieses Gleichgewicht zu erhalten und um die Hegemonie einer einzelnen Macht in Europa zu verhindern. Die Aufrechterhaltung unserer Herrschaft zur See und das Gleichgewicht der Mächte gehörten gu den Grundlagen unserer traditionellen Politik. Wir haben immer für das Gleichgewicht per Mächte gekämpft, wir kämpfen auch heute dafür."
Diese Sätze wurden in der Londoner „Times" vom 4. Dezember 1914 veröffentlicht; mit ihnen wurden — in gefälliger Aufmachung natürlich — die Ziele umrissen, denen das kriegsführende England nachstrebte. Mißt man diese Absichten von 1914 an den Erfolgen, die das Znselreich aus dem Weltkriege in die eigenen Scheuern brachte, so kann man es verstehen, wenn die Kritiker der damals verantwortlichen Männer der Meinung Ausdruck gaben, daß die Mitglieder des Kriegskabinetts, die Leute um Sir Edward Grey, das Geld auf ein falsches Pferd gesetzt haben.
Zunächst freilich hatte es ganz den Anschein, als ob die englische Kriegsbilanz mit einem erheblichen Aktivum abgeschlossen habe. Die Friedensverträge von Versailles und Ssvre brachten dem britischen Reiche in Afrika und in Vorderasten die Stücke ein, die in den Wunschträumen der englischen Imperialisten schon seit langem eine bedeutende Rolle gespielt hatten. Gar bald verschlechterte sich aber die Bilanz. Ganz abgesehen davon, daß der Kurswert einiger Kriegsgewinne rapide fiel, traten auf der Passivseite immer deutlicher zwei Posten in Erscheinung, über die man in London in der ersten Siegesstimmung hinweggesehen hatte: Das war einmal die °durch den Krieg erstarkte maritime und wirtschaftliche Konkurrenz der Vereinigten Staaten, und das war zum andern die hegemoniale Stellung, die Frankreich in Europa errungen hatte. In der englischen Oeffentlichkeit wuchs die unangenehme Erkenntnis, daß dem Kampf um die Ziele, die von der „Times" 1914 in so pompöser Weise herausgestrichen waren, der Erfolg versagt war; Austen Chamberlain freilich — ein für einen englischen Staatsmann erstaunliches Beispiel von diplomatischer Ungeschicklichkeit — fuhr munter fort, die Vereinigten Staaten zu brüskieren und Frankreichs Macht durch liebevollste Fürsorge noch weiter aufzupäppeln. . .
Die Ablösung des konservativen Kabinetts durch die jetzige Arbeiterregierung bedeutete mehr als einen Personenwechsel, sie brachte einen Wechsel des außenpolitischen Systems mit sich. Philip Snowden machte den ersten Schritt, um mit dem „Chamberlainisinus" aufzuräumen; in seiner robusten Art zerschnitt er im Haag die französischen Fäden, in die sich die englische Politik verstrickt hatte, und Macdonald hat später in der gewandten Sprache des Diplomaten klargelegt, wie er und seine Freunde diese Vorgänge verstanden wissen wollen. Selbstverständlich liegt es ihnen fern, nun etwa eine antifranzösische Politik aus Prinzip zu treiben, ihre Absicht geht lediglich dahin, sich nicht mehr länger für französische Sonderwünsche, deren Erfüllung die hegemoniale Stellung Frankreichs verstärken würde, vorspannen zu lassen und mit freieren Händen an die schwierigen Aufgaben, die zweifellos den Männern in der Downingstreet gestellt sind, heranzu- gehen.
Macdonalds Amerikafahri
Die delikateste Aufgabe, die Besserung der englisch- amerikanischen Beziehungen, hat sich der Premier selbst vorbehalten, und es ist bezeichnend für die politische Reife der englischen Parlamentarier, daß Macdonalds Bettcht über seine Amerikafahrt im Unterhause den vollen Beifall der Opposition fand. Selbst Baldwin, unter dessen Regime gerade in der Amerikapolitik vieles verabsäumt wurde, fand herzliche Worte des Dankes für die Arbeit, die sein arbeiterparteilicher
Nachfolge" "'/7,mteresse der Nation geleistet habe, und ebenso stimmte Lfoyd George int allgemeinen in bc- Beisall ein, wen/er sich auch als Nörgler von Bei zu ein paar krMstyen Anmerkungen verpflichtet fühlt..
Macdonalds Reise über den Ozean stand int Zeichen des Pazifismus und zwar eines Pazifismus von typisch englischer Fätbüng; der aus röcht realpolitischen Erwägungen geboren ist. Die idealistische Gesinnung, die sich ein Mann wie Macdonald bewahrt hat, soll keines- ‘ wegs in Zweifel gezogen werden, aber es ist anderseits nicht abzustreiten, daß mit dieser Amerikareife nur den Schlußfolgerungen, die sich aus der gegenwärtigen außenpolitischen Lage Englands ergaben, in nüchterner und sachlicher Weise Rechnung getragen wurde. Die arbeiterparteilichen Minister haben den Mut gefunden, der Wahrheit ins Auge zu schauen, sie haben erkannt, daß ein wirtschaftlicher und militärischer Wettstreit mit dem Dollar ein gefährliches Unterfangen sei, und sie haben die Entschlußkraft gehabt, diesen Erkenntnissen entsprechend zu handeln. Das England der Vorkriegszeit, das, gestützt auf seine allen anderen Konkurrenten überlegene Flotte und seine wirtschaftliche Macht, eine imperialistische Politik ganz nach eigenem Geschmack betreiben konnte, existiert heute nicht mehr. Das heutige England mutz vorsichtiger operieren, es hat — in diesem Sinne ist sein Pazifls- mus aufzufassen — ein Intewsse an der Erhaltung des Friedens, weil das Risiko eines Krieges, der nicht allein die außenpolitische Stellung gefährden, sondern auch an dem inneren Gefüge des Weltreiches rütteln lS~-*e, gewachsen ist.
England ist bereit, den Vereinigten Staaten bie Parität in ber Flottenrüstung zuzugestehen. Das ist seine Einlage in dieses Geschäft größten Stils, von dem man sich in London offenbar nicht nur einen Vergleich auf militär-technischem, sondern auch auf politischem unb wirtschaftlichen Gebiete erhofft. Recht bezeichnend ist das, was die angesehene englische Zeitschrift „New Statesman" über die englisch-amerikanischen Verhandlungen schreibt: „Als 1914 ein Abkommen zwischen Frankreich und England über Marokko, über Aegypten und andere Stätten erreicht wurde, war bas nichts im Vergleich zum eigentlichen Sinn bet entente corbiale. Wenn 1929 ein Abkommen zwischen Großbritannien und den Vereinigten traten über Kriegsschiffe erreicht wird, so ist das nichts im Vergleich zur wahren Bedeutung einer anglo-amerikanischen Verständigung." Inwieweit die englischen Hoffnungen im Weißen Hause zu Washington erfüllt werden, ist heute noch nicht zu übersehen. Fast scheint es aber so, als ob in den Staaten der Enthusiasmus, mit dem England an diese Verhandlungen herangeht, nicht ganz geteilt werde. Es ist nun einmal so. daß der Stärkere auch weitergehende Bedingungen stellen, die Dinge überhaupt ruhiger an sich herankommen lassen kann.
Los von London