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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 260

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Montag, 4. November 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

Oie innerpolitischen Wirren in polen

Lene Aerfchärsirng der Streifes zwischen Regierung und Sejm / Tardieus Programm / Frankreich verschiebt die Ratifizierung des Noungplans?

der Polizei sprangen die Kommunisten in einen ge­rade abfahrenden Stadtbahnzug und entkamen auf diese Weise. Der 60 Mann starke Trupp der Natio­nalsozialisten wurde angehalten und der Abteilung la des Polizeipräsidiums zugeführt.

Mit gefälltem Sajonett!

Wien, 4. November.

Sn Wien kam es am Sonntag zu schweren Zusam- menstögen zwischen Nationalsozialisten und Sozialdemo­kraten. In Mödling teilten Nationalsozialisten Werbe­schriften aus. Als sie vor das sozialdemokratische Arbeiterheim kamen, kam es zu Zwischenfällen zwischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten. Es entstand eine Schlägerei, bei der es zahlreiche Leichtverletzte gab. Ms Gendarmerie eingriff, wurde sie mit Pfeifen und höhnischen Rufen empfangen u. angegriffen, sodaß sie blank ziehen mutzte. Die Gendarmerie ging mit ge­fälltem Bajonett vor und säuberte die Stratze. Dabei wurde eine Person durch einen Stich am linken Ang« schwer verletzt.

Zn einem zweiten Zusammenftoh kam es in Pur» kersdorf, wo ungefähr 2000 Heimwehrleute auf­marschiert waren. Während der Feldmesse zog eine Gruppe jugendlicher Sozialisten unter Absingen von Liedern vorbei. Es kam zu einem regelrechten Hand­gemenge, bei dem es mehrere Verletzte gab.

polnischer Militarismus

(Eigene Drahtmeldung.)

Warschau, 4. November. Im Regierungsprojekt des Haushaltsplanes für

das Etatsjahr 1930/31 in Höhe von 2 934 741480 Zl. nimmt das Heeresbudget der Größe nach die erste Stelle ein. Die Ausgaben für das Heer belaufen sich auf 837 216 226 Zl. Die Hauptpositionen sind: Unter­halt der Armee 520199 956 Zl. (im verflossenen Jahre 502 510137 Zl.). Diese Summe setzt sich aus folgenden Posten zusammen: Löhnung 277 734 371 Zl., Verpfle­gung der Mannschaften 102 653 087 Zl., Verpflegung der Tiere 39 961925 Zl., Bekleidung 39 979 218 Zl. Weiter: Bewaffnung 7 2 032 899 Zl. (im Vorjahre 73 692 849 Zl.), Ausbildung 5127 910 Zl. (i. B. 5 012 756 Zl.) und die Marine 18597961 Zl. (i. V. 17 767 080 Zl.). Schließlich als allgemeine Ausgaben 109 278 116 Zl. (i. SB. 107 265 286), als Bersorgungs- rescrve 100 284 116 Zl. und als Dispositionsfonds acht Mill. Zl. Für autzerordentliche Ausgaben im Kriegs­ministerium find vorgesehen: für Neubauten über 21 Mill. Zl. und für den Bau von schwimmenden Ein­heiten der polnische» Marine über 17 Mill. Zl.

Der Sejm erneut emberusen

Warschau, 4. November.

"2ün Sonntag hat eine zweistündige Besprechung zwischen dem polnischen Staatspräsidenten und dem Sejm-Marschall Daszynski stattgefun­den, über deren Verlaus vorläufig Stillschweigen bewahrt wird. Als Ergebnis kann jedoch gebucht werden, daß

der Sejm-Marschall die nächste Sitzung des Parlaments auf Dienstag nachmittag angesetzt

hat. Nach Bekanntwerden der durch die amtliche Agentur Pat verbreiteten und sowohl von Jnnenrni- nistel Sklatskowski wie Oberst Bock unterzeichneten Darstellung der Unterredung zwischen Pilsudski und Daszynski richtete letzterer am Sonntag vormittag ein Schreiben an den Staatspräsidenten, in dem er erklärt, daß er

nur unter der Bedingung ins Schloß kommen werde, daß Marschall Pilsudski nicht an der Unterredung teiluimmt.

Er sei ein zu alter Mann und nehme eine zu hohe amtliche Stellung ein, um sich derartigen Gesprächen und ihrer eigentümlichen Veröffentlichung in der Presse auszusetzen. Der Staatspräsident antwortete darauf, daß die Konferenz unter vier Augen statt- fänpe. Im übrigen hat Daszynski mitgeteilt, daß die Wiedergabe seiner Unterredung mit Pilsudski durch den Innenminister und Oberst Bock ungenau und zum Teile falsch sei. Die oppositionelle Presse teilt mit, daß dem Sejmmarschall aus dem ganzen Lande Vertrauenskundgebungen zugingen.

Am Sonntag abend fand im Schloß eine Bespre­chung zwischen dem Staatspräsidenten, dem Marschall Pilsudski und dem Ministerpräsidenten Swo- 1 a l s k i statt. Der Streit zwischen Sejm und Re­gierung ist durch die Vorgänge am Sonntag womög­lich noch weiter verschärft worden.

*

Wenn man die innenpolitischen Vorgänge in Po­len verstehen will, mutz man sich daran erinnern, daß die Mehrheit der Sejm-Abgeordneten für Marschall

Pilsudski eine „Rasselbande" ist, die man zu Paaren treiben sollte. Er hat den Sejm in den letz­ten drei Jahren immer mehr von der politischen Macht ausgeschaltet. Die Zustände sind zwar noch nicht faschistisch. Es besteht ja eine getoiffe Rcde- und Versammlungsfreiheit. Die Zeitungen erschei­nen eine Stunde nach der Beschlagnahme wieder lu­stig mit verändertem Text. Die Koalitionsfreiheit der Gewerkschaften ist nicht angetastet, weil sonst m den Jndustrierevieren der Teufel los wäre. Aber die Verwaltung trägt doch bereits scharf diktatorische Züge. In den Gemeinden sitzen mehr Staatskout- missare als je. Die Richter sind zwar noch unabsetz­bar, aber sie werden auf andere Posten versetzt oder in den Ruhestand geschoben, sobald sie nicht regie- rungssromm sind.

Das alles läuft natürlich auf den Staats­streich zu. Er könnte vielleicht gelingen, wenn er von einer mächtigen Volksbewegung getragen wir Sonst wäre er nur der Auftakt zu schweren Wirren. Die Männer des Pilsudskikreises müssen sich darüber klar fein, daß Macht allein nicht ansreicht, wenn nicht die Masse dahinter steht. Das stärkste Moment, das sie ausspielen, ist die Person Pilsudski. Aber der Marschall ist ein alter, polternder Mann. Wenn er von der Bühne abtritt, ist kein Nachfolger da. Man möchte dem polnischen Volke schon im Interesse der guten Nachbarschaft wünschen, daß sich die poli­tischen Wogen beruhigen und daß es nicht zum Staatsstreich kommt.

parlamentarischer Hochbetrieb

in London.

London, 4. November.

Die gegenwärtige Woche ist vorn politischen Ge­sichtspunkte aus die wichtigste Parlamentswoche der letzten Monate. Verschiedene Fragen von politisch großer Bedeutung werden in der Unterhaussitzung in dieser Woche zur Sprache kommen.

Für heute ist die allgemein mit größter Spannung erwartete Erklärung des Arbeitslosenminsters über die Regierungsvorschläge zur Erörterung der Ar­beitslosigkeit angekündigt worden. Wie es heißt, soll der Arbeitslosen -Mini st er in der Lage fein, verschiedene großzügige Pläne über die

Ausdehnung und Verbefferung des englischen Straßennetzes

zu unterbreiten, die ungefähr die Summe von 50 Mil­lionen Pfund erfordern werden. Die Ergebnisse der Kanada-Reise des Ministers Thomas sollen gleichsalls angeblich günstiger sein, als bisher allgemein ange­nommen wurde.

In der morgigen Sitzung des Unterhauses werden die Fraktionen die Besprechungen über die diploma­tischen Beziehungen zwsichen England und Sow- j e t - R u ß l a n d wieder aufnehmen und diese Frage wird wahrscheinlich den Hauptgegenstand der Sitzung bilden. In der Sitzung wird ferner

Premierminister Maedonald über seine Reise nach Amerika und Kanada berichten.

Am Donnerstag wird die Frage der zukünftigen Politik Englands in I n d i e n ausführlich zur Spra­che kommen. Der Minister für Indien wird in dieser Frage heftig die Opposition Baldwins ankämpsen müs­sen, dürfte 'jedoch, wie anzunehmen ist, als Sieger aus diesem Kamps hervorgehen.

Frankreich und der Noimgplan (Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 4. November.

' Das Programm der neue», von Tardieu gebildeten Regierung ist bereits der Gegenstand zahlreicher Pressebesprechungen. Die Regierungserklärung wird schon heute vom Ministerpräfidenten Tardieu aus­gearbeitet werden. Sie wird Dienstag oder Mittwoch dem Kabinettsrat und Donnerstag früh dem Mini- fterrat vorgelegt werden. Man sagt, daß diese Erklä­rung nur kurz sein wird »nd sich aus die beiden drin­genden Probleme der Finanzreform und der Außen­politik beschränken wird. Voraussichtlich wird Tardieu auch die Kammerdebatte über die Regierungsbildung gleichfalls auf diese beide» Punkte begrenze», damit unverzüglich mit der Beratung des Budgets und der damit zusammenhängenden Finanzreform begonnen werben kann.

Der „Matin- will wissen, daß die Debatte über die Ratifizierung des Poungplanes auf unbestimmte Zeit verschoben wird, und daß das französische Parlament die Ratifizierung ablehne, solange nicht die Volks­abstimmung in Deutschland beendet fei. (Bei der Hal­tung, die Leute wie Maginot einnehmen, ist zu be­fürchten, daß eine Verschiebung der Youngplcin-Ratisi- zierung auch unangenehme Rückwirkungen auf die Räumnngsaktion ausüben könnte. Vorläufig muß man

aber natürlich abwarten, ob bei dieser Meldung des „Matins" nicht der Wunsch der Vater des Gedankens ist. D. Red.)

Tardieus Kabinett

Bon der Kammermitte bis zur Gruppe Marin.

Paris, 4. November.

In der Nacht zum Sonntag gegen 12 Uhr hat sich Tardieu ins Elyfee begeben, um dem Präsidenten der Republik sein Kabinett vorzustellen. Das Kabinett hat folgende Zusammensetzung:

Präsidium und Inneres: Tardieu (Linksrepnbl.) Justiz: Lucien Hubert (Dem. Linke d. Senats) Aeußeres: Briand (Sozialist. Republ.) Krieg: Maginot (Rep.-Dem. Union) Marine: Leygues (Linksrepnbl.) Finanzen: Cheron (Republ. Union) Oeffentl. Unterricht: Marraud (Dem. Linke) Arbeit: Loucheur (Radikale Linke) Landwirtschaft: Hennessy (Sozialist. Republ.) Handel: Flandi» (Linksrepnbl.) Oeffentl. Arbeiten: Pernot (Gruppe Marin) Pensionen: Gallet (Dem. Volkspartei) Luftverkehr: Laurent-Eynac (Rad. Linke) Kolonien: Pietri (Linksrepnbl.) Post: Germain Martin (Rad Linke) Handelsmarine: Rolli» (Dem. Linke).

Am Dienstag wird im Innenministerium der erste Kabinettsrat und am Donnerstag vormittag im Elyfse der erste Ministerrat stattfinde». 2lm Donnerstag

nachmittag wird das neue Ministerium mit der Regie­rungserklärung vor das Parlament treten.

Ministerpräsident Tardieu erklärte der Presse, es fei ihm vor allem darauf angekommen, die Wieder­aufnahme der parlamentarischen Arbeiten und damit die Behandlung der wichtigen internationalen Abkom­men zu ermöglichen. Ferner habe man die Beratung des Budgets und der damit zusammenhängenden Finanzreform nicht weiter verzögern dürfen. Deshalb habe er Republikaner guten Willens berufen, die von dem heutzutage so notwendigen Geist der Zusammen­arbeit beseelt seien. Die Regierung hoffe, daß das Parlament für diese Notwendigkeit Verständnis aus­bringe und sie bei der Durchführung ihrer Aufgaben unterstützen werde.

Krawalle in Serlin

Brlin, 4. November.

Im Zirkus Busch veranstaltete gestern vormittag die kommunistische Partei den sog. „Tag der Roten Fahne". Als einer der Teilnehmer, der die Uniform der Roten Frontkämpfer trug, zwangsgestellt werden ollte, fielen seine Genossen über die Polizeibeamten her: es kam zu einem wüsten Zusammenstoß, Jn des- en Verlaus die Beamten von ihren Gummiknüppeln Gebrauch machen mußten.. Der rote Frontkämpfer wurde abgeführt.

Rach Schluß der Kundgebung im Zirkus Busch kam es auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Börse zu einer wüsten Schlägerei zwischen Kommunisten und einem Trupp Nationalsozialisten. Beim Herannahen

Das Ultimatum der Flame«

(Von unserem Korrespondenten.)

Brüssel, Anfang November.

Das Königreich Belgien wird im nächsten Jahr das Fest seines hundertjährigen Bestehens durch die Ver­anstaltung sogenannter Weltausstellungen in Lüttich und Antwerpen begehen. Lüttich ist die französischste, Antwerpen die flämischste Stadt des Königreichs, wäh­rend von der Hauptstadt Brüssel keiner genau sagen kann, was sie ist. Aber dieses Brüssel ist nun einmal das politische Zentrum, wo die Belgier französischer und flämischer Zunge um den Einfluß im Staate rin­gen. Und es geht in diesen Tagen wieder einmal hart her. Die Flamen drängen vorwärts. Ihre Volks­zahl, ihre Wählerzahl, die Zahl ihrer Abgeordneten ist in einem ganz natürlichen Wachstum begriffen, und sie werden eines Tages zweifellos die Mehrheit im belgischen Parlament haben. Es ist sehr die Frage, ob sie sich an dem Tage, wo sie diese Mehrheit erreicht haben, noch mit so verhältnismäßig bescheidenen For­derungen begnügen werden wie heute. Die

wichtigste dieser Forderungen ist die sogenannte „Einsprachigkeif,

die der von den Wallonen verlangten Zweisprachig­keit (Bilinguisme) gegenübersteht. Die Wallonen ver­langen nämlich, daß (mit Ausnahme der rein franzö­sisch redenden Gegenden) jeder belgische Beamte beide Landessprachen (französisch und flämisch) beherrschen soll, daß auch in den Schulen beide Sprachen gleich­mäßig gelehrt werden sollen, kurz, daß der Belgier ein zweisprachiger Mensch sei. Das klingt sehr schön, aber die Praxis hat da, wo dieses System gehandhabt wird, z. B. hier in Brüssel die Flamen in Wirklichkeit dabei zu kurz kommen lassen. In Brüssel hat sich eine merk­würdige Mischsprache herausgebildet, die direkt komische Wirkung hat und z. B. von dem Verfasser des bekannten Lustspiels „$ie Hochzeit des Fräulein Beulemans" und von dem Erzähler Leopold Cou- rouble (Familie Kakebroek") auch in diesem Sinne verwandt worden ist. Die Wallonen lernen kein flä­misch, und die Flamen radebrechen ein schauderhaftes französisch. Darum verlangen die Flamen, daß in den rein flämischen Landesteilen flämisch die einzige Ver- waltungs-, Gerichts- und Unterrichtssprache sei. Das kommt in Wirklichkeit auf die Verwaltungstrennung hinaus.

Damit ist aber auch die Forderung verknüpft, daß die Flamen eine rein flämische Universität haben müssen und als solche kommt für sie einzig und allein Gent in Betracht. Man hat ihnen vorgeschlagen, die flämische Hochschule in Antwerpen zu errichten, aber das käme darauf hinaus, daß man Gent der franzö­sischen Sprache und Kultur überließe und

Gent ist für die Flomen eine zwar umkämpfte, aber doch heilige Stabt.

In Gent hat Jakob van Artevelde, der „Löwe von Flandern" geherrscht und gerade diese urflämische Stadt sollte man den „Franskiljous" überlassen? Mit dem Spottnamen „Franskiljous" bezeichnet man näm­lich nicht etwa die Franzosen, auch nicht die Wallonen, sondern jene Flamen, die ihrer Muttersprache ab­trünnig geworden sind und die französische Sprache angenommen haben. Ein solcher Franskiljou ist z. B. in den Augen der Flamen der Dichter Maeterlinck, der Sprößling einer alten Genter Patriziersamilie. Es ist auch ein für den wahren Flamen nie zu verwin­dender Schmerz, daß De Eoster den Uilenlpiegel, das große von flämischem Geist erfüllte Prosaepos in fran­zösischer Sprache geschrieben hat.

Wenn die Flamen heute unbedingt auf bot „Vervlamsching" der Genter Hochschule bestehen, kön­nen sie sich auf das feierliche Versprechen berufen, das König Albert ihnen bei seiner Rückkehr in das Land im sogenannten „Pakt von Loophem" gegeben hat. Dem König waren im November 1918 Vertreter aller Parteien entgegengereift und er mußte dreierlei ver­sprechen: Einführung des allgemeinen gleichen Stimm­rechtes, Trennung des Heeres in französisch und flä­misch sprechende Regimenter und Flamifierung der Universität Gent. Das Versprechen hinsichtlich des Stimmrechts wurde gleich ausgeführt — merkwür­diges Beispiel eines mit Zustimmung des ganzen Volkes durchgeführten loyalen Staatsstreichs — die Trennung der Armee ist auch im Gange, aber der voll­ständigen Flamifierung von Gent setzt man noch immer Widerstand entgegen.

Diese dritte Forderung ist die wichtigste. Die kul­turelle und geistige Uebermacht der französisch sprechen­den Belgier beruht darauf, daß nur sie die Möglich­keit einer vollkommenen Hochschulbildung haben, die dem flämisch redenden Belgier bisher noch fehlt. Nur wenn Gent von der Wurzel auf als flämische Univer­sität durchgebildet wird, wo der vom flämischen Gym­nasium (Athenaeum heißt es hier) herkommende Stu­dent alle Wissenschaften in seiner Muttersprache studie­ren kann (wie es der Holländer in Holland kann), kann das flämische Volk sich seine, die Muttersprache sprechenden Beamten und Richter erziehen. Dann erst haben die Flamen ihre

kulturelle Autonomie,

während sie heute in dieser Beziehung unter Völkern wie Letten und Esthen stehen. Es ist nicht daran zu denken, daß die Flamen in diesem Punkt je nachgeben werden. Das Anwachsen ihrer Volkszahl sichert ihnen den Sieg im Laufe der Jahre. Wahrscheinlich wird es in dem Jubeljahr 1930 recht tüchtige, parlamentarische Kämpfe geben. Augenblicklich stellen die Flamen dem Ministerpräsidenten Jaspar ein Ultimatum: Ein­sprachigkeit und Flamifierung von Gent — oder du kannst sehen, wo du deine Mehrheit hernimmst! Und da man Belgien nicht ohne die Flamen und nicht gegen die Flamen regieren kann, wird die Regierung ihre Forderungen wohl bewilligen müssen.

Faschisten gegen Sozialisten

Blutige Zusammenstöße in Brüssel.

Brüssel, 4. November.

Tas sozialdemokratische Blatt „Le Peuple" meldet, daß etwa 20 Personen, von denen die Mehrzahl Italiener waren, die faschistische Abzeichen trugen, und mit Knüppeln bewaffnet waren, gestern nachmit­tag vor dem Boltshausc in Brüssel demonstrierten, wobei sie die faschistische Hymme fangen und in be­leidigende und drohende Ausrufe ausbrachen. Etwa die gleiche Anzahl sozialistischer junger Leute stieß aus die faschistischen Demonstranten und es entwik- kelte sich eine Schlägerei, die mehrere Minuten an- öaueue. Dabei zog ein Italiener einen Revolver. Die Italiener, von denen vier verletzt waren, er­griffen schließlich die Flucht. Drei Sozialisten wur­den ernstlich verletzt

Brüssel, 4. November.

In der Nacht zum Sonntag wurde von einem Po­lizeibeamten gegenüber der italienischen Haneels- kammer eine Bombe entdeckt. Der Beamte schnitt die brennende Zündschnur ab und machte die Bout» be unschädlich.' Die Untersuchung der Sprengladung ergab, daß diese lediglich aus Pulver bestand und daher höchstens die Fensterfcheiben des Gebäudes hätte zertrümmern können. _. ■