Kasseler Neueste Nachrichten
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Nummer 254 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig. Montag, 28. Oktober 1929 Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19. Jahrgang
Fürst Bernhard von Bülow t
Der frühere Kanzler heule früh z Uhr entschlafen / Ruhiger Verlaus der badischen Wahlen / Saladiers Kabinettsbildung macht Fortschntte
Trauer in Billa Malta
(Eigene Drahtmeldung.)
Landlagswchlen in Vaden
Bernhard von Bülow wurde am 3. Mai 1849 in Klein-Flottbeck bei Hamburg als Sohn des preußischen Ministers und Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, Ernst von Bülow, geboren. Seit 1873 im diplomatischen Reichsdienst, wurde er 1888 Gesandter in Bukarest und 1893 Botschafter in Rom. 1897 wurde er zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes ernannt. Die Erwerbung der Karolineninseln von Spanien 1899 brachten ihm den Erafentitel ein. Am 17. Oktober 1900 wurde er als Nachfolger des Fürsten Clodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst zum Reichskanzler ernannt.
Rom, 28. Oktober.
Der ehemalige deutsche Reichskanzler und Botschafter in Rom, Fürst Bernhard von Bülow, ist heute kurz nach 7 Uhr gestorben. In der Billa Malta wurde eine Liste für die Kondolenzbcsucher ausgelegt.
Wie verlautet, werden die sterbliche« Ueberrefte des Fürste« Bülow «ach einer schlichte« Eiusegnnngsseier ie Rom nach Eroß-Flottbeck bei Hamburg überführt werde«.
fremdländischen Kapitalmächten erlangen, und daß wir weiterhin im Innern des Arbeitslosenproblems und auch weitgehend des Wohnungsproblems Herr werden. Mit Steuersenkungen und Kürzung der SoziMasten, wovon ständig geredet wird, kommen wir nicht an das heran, worauf es ankommt. Notwendig ist ein« gründliche Dationalisierung, Vereinfachung und Verbillgung unserer öffentlich-rechtlichen Verwaltung, die Herstellun gder Rentabilität der deutschen Landwirtschaft, eine gründliche Rationalisierung der Güterverteilung (seither ist diese nur durchgeführt für die Güterherstellung), und daneben eine volkswirtschaftliche gurt durchgearbeitete Steuerreform.
Politische Demokratie heißt im letzten Ende Besorgtsein aller um den Staat, heißt: alle Kräfte für die Gesamtheit mobilisieren, sie ins Ganze einordnen und dem Ganzen dienstbar machen. Die gleichen Ziele mutz sich jede Wirtschaftsdemokratie stecken. Demokratie bedeutet praktisch: Einblick in Staat und Wirtschaft. Rur dann kann die Verantwortung gegenüber Staat und Wirtschaft herangebildet werde». Dem Deutschen, der aufmerksam die Vereinigten Staaten von Amerika bereist, fällt ein Doppeltes auf, die Aktivität der Amerikaner auf allen Gebieten und das allseitig entwickelt« Selbstbewutztsein. Ohne starke Aktivität und ohne ausgeprägtes Selbstbewutztsein arbeitet sich das deutsche Volk ans seiner gegenwärtigen Lage nicht wieder heraus.
sehr kleinen Kreisen der Partei Anhänger besitzt, während weit über den liberalen Flügel der Partei hinaus die Meinung im Wachsen ist, daß Dr. Scholz, der bisherige Reichstagsfraktionsführer, nach seiner Wie- dergepesung wohl der gegebene Parteiführer sein wird.
Staat und Wirtschaft
Köln, 28. Oktober.
Gestern veranstalteten im großen Saal des Gürzenich aus Anlaß ihres 30iährigen Bestehens die Christlichen Gewerkschaften Kölns eine große Kundgebung, in deren Verlauf der Reichsmiuister Dr. Stegerwald in einer großen Rede u. a. ausführte:
Solange wir der deutschen Kapitalflucht nicht ernsthaft begegnen, und die Neukapitalbildung stark begünstigen," ist es ausgeschlossen, daß wir einmal nach außenhin wieder größere Freiheit gegenüber den
W. P. Der Mann, der heute früh in der Villa Malta die Augen für immer schloß, hat einmal gesagt.
Bülows Werk
Es gelang ihm, sich zunächst jahrelang im Reichstag eine Mehrheit zu sichern und diese zusammenzuhalten. Ende 1906 kam es gelegentlich einer Vorlage in Sachen der Niederwerfung des Aufstandes in Westafrika zu einem Bruch Bülows mit dem Zentrum, de1 zur Reichstogsauflösung führte. Bei der endgültigen Reichsfinanzreform einigten sich die Konservativen mit dem Zentrum über Bülow und die liberalen Parteien hinweg. Bei den Konservativen verlor Bülow in Verbindung mit seiner Verhütung einer Fortbildung des preußischen Wahlrechtes und beim Kaiser infolge feines Eintretens für eine größere Zurückhaltung im Falle eines Krieges im November 1908. Bülow trat daher nach Erledigung der Reichsfinanzreform am 14. Juli 1909 zurück und überließ dem Staatssekretär von Vethmann Hollweg das Reichskanzleramt.
Im Jahre 1905 war Bülow vom Kaiser in den Für- steustand erhoben worden, (lieber Bülows außenpolitische Leistung vergleiche den Leitartikel! D. Red.) Fürst Bülow lebte nach seinem Rücktritt als Reichskanzler auf seinem Gute Klein-Flottbeck und in seiner Villa Malta in Rom. Im Dezember 1914 wurde er als Botschafter nach Rom gesandt, um ein Abfallen Italiens vom Dreibünde zu verhindern. Diese Mission fcheiterte jedoch. Nach Bethmanns Abgang sollte Bülow wieder Reichskanzler werden, jedoch konnte der Kaiser seine Haltung in der Novemberkrise 1908 nicht vergessen. Au chals Reichspräsidentschaftskandidat ist Bülow genannt worden. Am 26. Februar 1929 verlor er sein« Gemahlin durch den Tod.
Ser Kamps geht weiter
Magdeburg, 28. Okwber. In einer Rede bei einer fiuexk.eliunig für das Deu -sche Volksbegehren in der Magdeburger Stadlhalle erklärte der erste Bundesfüh- tet des Stahlhelms Franz Seldte, der Reichs- ausfchuß für das Volksbegehren habe freudig die jKampfidee des Stahlhelms ausgenommen und einstimmig beschlossen, daß ein Präsidium auch nach dem Volksbegehren zusammenblerben werde. Der Angriff werde wcillrgetragen. Es werde sofort eine neu« Aktion eingeleitet in einer Form, die man selbst bestimmen «erbe.
Scholz oder Luther?
Von unserem Berliner Vertreter.
Berlin, 28. Oktober.
Bekanntlich ist in letzter Zeit immer wieder der Gedanke einer Sammlung der bürgerlichen Mitte erörtert worden, aber es hat auch nicht an Warnungen vor voreiligem Handeln auf diesem Gebiete gefehlt.
In diesem Zukammenhange ist heute eine neue Zuschrift in der „Welt am Montag" zu verzeichnen, in welcher darauf hingewiesen wird, daß die tatsächlichen Verhandlungen über diese Frage noch vollkommen in den Anfängen stecken und daß ste sogar in der Hauptsache von wenig einslußreichen Juaendorganiscitonen getragen werden aDbei sei auch das Ziel dieser Bewegung noch nicht völlig Hat.
Für die weitere Entwicklung der Dinge spielten aber persönliche Momente eine wesentliche Rolle, wobei es wiederum stark auf die Wahl eines neuen Parieivorsitzenden der Deutschen Lolkspartei ankonunen werde. In der erwähnten Zuschrift wird betont, daß jetzt der frühere Reichskanzler Dr. Luther als Bewerber um die Nachfolgeschaft Stresemanns auftri' und daß er in einigen Teilen der Partei, besonders unter den jüngeren Elementen einen gewissen Anhang habe. Auf dem linken Flügel der Partei sei man aber wenig geneigt. Dr. Luther an die Spitze der Partei zu stellen. Aus diesen Reihen werde neuerdings mit Nachdruck wieder für Dr. Scholz Stimmung gemacht.
Zu dieser Zuschrift der „Welt am Montag" kann hinzugefügt werde«, daß Dr. Luther tatsächlich nur in
Karlsruhe, 28. Oktober.
Di« gestrigen Wehlen zum badischen Landtaasiud trotz des «orausgegangenen überaus heftigen Wählamt',es ruhig erlaufen. I« Vt Landeshauptstadt war di« Wahlbeteiligung ziemlich stark. Man schätzt sie auf über 70 Prozent, während nach den bisherigen Meldungen aus Freiburg dort eine Wahlbeteiligung bis zu 60 Prozent zu verzeichne« ist.
Stimme« Sitze Betäub.
Zentrum ....... 341866 (34) +«
Sozialdemokraten. . , . 187 290 (18) + 2
Deutschnationale .... 34081 (3) —5
Wirtschaftspakt ei . ... 35613 (3) +1
Kommunisten..... 55 169 (5) +2
Deutsch« Volkspartei . . 74318 (7) unverSnd.
Demokratisch« Partei . . 62 335 (6) nttoeränb.
Linke Kommunisten ... 1530 (0) —1
Badisch« Bauernpartei. . 28141 (3) +3
Nationalsozialisten ... 65106 (6) + 6
Evangelischer Dolksdieust . 35 328 (3) + 3
Christlich-soz. Reichspartei. 5105 (0)
Bollsrechtspartei .... 6803 (0)
Insbesondere wurden 932 679 Stimmen abgegeben.
'sichtigen ist bei der Verteilung der Sitze, daß Landtag 88 Abgeordnete gegenüber bisher 72 rb.
Die gestrige WaU vollzog sich (siehe unseren Artikel „Badische Wahlschlacht" in der Sonnabend-Ausgabe!) erstmalig nach bem neuen Wahlgesetz, das an Stelle der bisherigen -jebetr?? «ahkkrrsie ha'. Durch
die $ertleit..rung des Mhlkrei,es würde vor alle« das Ziel «erfolgt, die Abgeordneten in engere« Kontakt mit der Wählerschaft des Bezirks zu bringe«. Die Gesamtzahl der Landtagsabgeordneten hängt o»u dem Umfange der Wahlbeteiligung ab. Wie bisher entfällt auf je 10 000 Stimmen oder einen Schlüßeeft von mehr als 7500 Stimmen je ein Abgeordneter.
* * *
MedergelvMe Minister
Karlsruhe, 28. Oktober.
Nach Paragraph 39 der Verfassung «utz der neugewählte Landtag am zehnten Tage nach erfolgter Wahl Mfammentrete«. Wie «Nr hören, findet die erste Sitzung voraussichtlich am Mittwoch, den 6. November, 11 Uhr, statt. Erster Punkt der Tagesordnung ist die Wahl bes Landevpriifibiums.
Unter den wiedergewählten Abgeordneten befinde« sich auch die Minister Dr. T r n n k (Justiz), Dr. L e e r s (Kultus und Unterricht) «nd Dr. Schmidt (Präsidium und Finanzen).
Briand bleibt Außenminister
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 28. Oktober.
Daladier hat die Kabinettsbildung übernommen ttttb gestern einen ersten sichtbaren Erfolg verzeichnen könne».
Die fozialiftische Ka«nnersrakti»« hat in einer Sitzung gestern morgen mit 36 gegen 12 Stimmen sich im Prinzip für eine Mitarbeit an einer Regierung Da'adier ausgesprochen. Infolgedessen ist für heute 21 Uhr bet Rationalrat bet Sozialisten einberufen worden, bet, so wirb hier angenommen, bi« Entschließung bet Kam- mersraktion bestätige« dürft«.
Daladier findet also ben Weg. ein Kabinett bet Linken zu bilden, frei. Er konnte diesen ersten Erfolg allerdings nur unte« großen Mähen erringen. Sonnabend abend sucht« er in einet zweistündigen Unterredung mit den Mitgliedern des Exekutioansschusses bet Sozialistischen Partei den Sozialisten sein Angebot so schmackhaft wie möglich zu machen. Er machte ihnen auf innerpolitische« Gebiet bedeutend« Zugeständnisse di« jedoch mm einer großen Zahl Sozialisten mit we- ntg Befriedigung ausgenommen wurden. Erst al» er sein letzte», schwerstes Geschütz ansgefahten hatte und den Sozialisten eine an Zahl und Bedeutung säst gleich stark« Beteiligung mit den Radikalen in der neuen Regierung versprochen hatte, trennte man sich Daladier hatte zwar keine ablehnende Antwort, aber auch keine Zusage in der Tasche.
Gestern morgen beschloß dann, wie oben erwähnt, die Kammerfraknon, eine Beteiligung an der neuen Regierung de« Nationalrat zu empfehlen. Gestern abend konnte er bnnn dr« radikalen Fraktion die Mitteilung machen, daß Briand fein Angebot, das Außenministerium im neuen Kabinett zn übernehmen, angenommen habe. Daladier hat pe« ganzen Nachmittag über feine Besprechungen mit feinen politischen Freunden fort
gesetzt und nacheinander Stoog, Satt aut, Laillaux und Httrtot empfangen. E» scheint also, daß diese Persön- IWeiten als Mitglieder in der neuen Regierung in Frage kommen.
Dem „Echo de Paris" ,«folge, soll sich das kommende Kabinett wie folgt zusammenfetzen: 5 Radikale, 4 Sozialisten, 2 Anhänger der Fraktion Loucheut, 2 Linksrepnblikaner, 2 Sozialrepnblikaner, ein Mitglied der Unabhängigen Linken (Richtung Guernut). Daladier habe die Absicht, ein selbständiges Postministerin« und ein selbständiges Ministerium für die Handelsmarine zu schaffen.
Sie Tschechoslowakei wählt!
Prag, 28. Oktober.
Bis 7 Uhr früh waren die Wahlresultate aus zehn Wahlkreisen von 23, darunter den zwei Prager Wahlkreisen, für daS Abgeordnetenhaus bekannt. Bon 163 zu vergebenden Mandaten wurden im ersten Wahlgang 111 beseht. Es erhielten bi« Kommunisten 11, die Deutsche Wahlgemeinschaft (Bund der Landwirte) und Deutsche Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft (Dr. Rasche) 12, die deutschen Sozialdemokraten 5, die tschechoslowakischen Nationalsozialisten 19, bi« tschcho- slowakischen Sozialdemokraten 1, die Liga gegen die gebunden« Wahllisten (Stribrny Partei) 2. die tchecho- slowakischen Nationaldemokralen 4, die tschechoflowa- kische Volkspartei 13, die Republikaner (tschechosllowa lisch« Agrarier) 21, die tschechoslowakische Gewerbe Partei 2, die Deutschen Christlich-Sozialen 3, die Hlinka Partei (slowakische Volkspartei) 3 und die Deutschen Nationalsozialisten 2 Mandate
bei der Politik komme es darauf an, zu spielen, ohne einen Einsatz zu riskieren. Fürst Bülow hat sich auch sonst gern und häufig mit den Theorien der Politik und der Diplomatie befaßt, aber keine seiner Bemerkungen ist so bezeichnend für seine Einstellung als Politiker und Staatsmann, wie dieses Wort oo/ risikolosen Spiel.
Unter den Kanzlern der nachbismarckschen Zeit war Bernhard von Bülow zweifellos die glänzendste und bedeutendste Erscheinung. Ein Mann von außerordentlicher Begabung und umfassender Bildung, ein geistvoller und witziger Redner, im politischen Kampf ein gewandter und eleganter Fechter, ein Staatsmann, der über eine reiche Rüstkammer von Ideen verfügte. Und doch blieb diesem Manne der letzte Erfolg, um den er sich mit Eifer und mit dem ganzen Einsatz seines Könnens bemühte, versagt. Das war so während der achtjährigen Kanzlerschaft Bülows, und das war auch sein Schicksal, als er während des Krieges die deutsche Botschaft in Rom übernahm, um Italien von der Seite der Entente zurückzurufen.
Es war nicht immer bet Zwang der Dinge, der Bülow um die Früchte seiner Arbeit brachte. Sicherlich war vieles, was während seiner Kanzlerschaft geschah, und wohl alles, gegen das er in den fünf Monaten um die Wende des Jahres 1914 in Rom ankämpfte, dem Eingriff feines Willens entzogen. Aber es heißt das Andenken des Verstorbenen nicht schmähen, wenn man andererseits zugibt, daß Bülow manche Eigenschaften fehlten, die erst den Staatsmann von ganz großem Format, wie es der erste Verwalter seines Amtes, wie es Bismarck war, ausmachen. Bülow hatte nicht die rücksichtslose Zielstrebigkeit eines Bismarck. Er verteilte die Kräfte lieber vorsichtig, als daß er sie auf einen Punkt konzentrierte. Er war kein Politiker der mutigen Tat, er war ein Mann der Vorsicht, der das Risiko nach Möglichkeit beim Spiel herabzufetzen suchte.
Für uns, die wir erlebt haben, daß diese Politik der Vorsicht Deutschland nicht vor dem Verhängnis bewahrte, ist es leicht, Kritik zu üben. Es wäre vor allem ungerecht, wenn man verkennen wollte, daß zu der Zeit, als Bülow bestimmenden Einftuß auf die deutsche Außenpolitik bekam, die Situation bereits außerordentlich schwierig war. Bismarck hatte die Gefahren, die Deutschland, das Land der Mitte, bedrohten, durch sein geniales Bündnissystem gebannt. Schon zu seinen Lebzeiten war freilich die Wirkungsfähigkeit dieses Systems geschwächt worden: Die Verlängerung des deutsch-russtsch-österreichischen Vertrages, des Drei- Kaiser-BLndnisses, war an dem Widerspruch Petersburgs gescheitert. Aber Bismarck fand ein Mittel, das den Schaden Halbweg» kurierte. Waren Rußland und Oesterreich nicht mehr unter einen Hut zu bringen, so konnte doch Deutschland die Beziehungen dieser beiden Konkurrenten auf dem Balkan kontrollieren, indem es mit jedem von beiden ein Bündnis unter hielt. Mit Oesterreich war das Deutsche Reich durch den Dreibund verknüpft. Die andere Lücke schloß Bismarck durch den deutsch-russischen Rückverstcherungsver- trag. Aus diesem Bismarckschen Bollwerk der Siche rungen brachen nach dem Sturz des ersten Kanzlers die neuen Männer selbst den Stein, auf den sich alles stützte, als sie eine Erneuerung der Abmachungen mit Rußland ablehnten. Die Gründe, die den jungen Kaiser und seine Berater zu diesem neuen Kurse veranlaßten, sollen hier nicht kritisch gewürdigt werden. Jedenfalls zeigten sich schon bald die ersten bedenklichen Auswirkungen dieses deutschen Verzichtes auf den Rückverflcherungsvertrag in einer Annäherung des Zarenreichs an die französische Republik, die sehr bald zu festen politischen und -"ftärischen Abmachungen führte. Das Kräfteverhältnis der europäischen Staaten, das zu Bismarcks Zeit eindeutig für Deutschland sprach, hat sich also bereits damals in einen Zustand des Gleichgewichtes verändert. Die zukünftige Entwicklung hing davon ab, zu welcher der beiden Gruppen sich England schlagen werde.