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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 242

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Moniag, 14. Oktober 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

Württemberg gegen die Michsregierung

Die württembergische Regierung lehnt den öffentlichenAnschlag desAusruses gegen das Volksbegehren ab / ilnflimmigkeiten wegen derRundsvnkreden

DerAWsgegen dasVollsbegehren

VonunseremBerlinerVertreter.

Berlin, 14. Oktober.

~x>as Reichskabinett wird im Laufe des heutigen Tages wahrscheinlich wieder eine Sitzung abhalten, von der man zunächst die Verabschiedung des vor kur­zum beratenen neuen Republikschutzgesetzes erwartet. Dann wird sich das Reichskabinett wieder mit der Gegenpropaganda gegen das Volks­begehren beschäftigen, da in dieser Hinsicht verschiedene Unstimmigkeiten vorliegen.

Zunächst handelt es sich um den Aufruf, den die Reichsregierung erlassen will und der am Sonn­abend abend bereits in einem Berliner Blatte aus­zugsweise erschien, wodurch natürlich die öffentliche Wirkung eines solchen Aufrufs bei seinem endgültigen Erscheinen herabgesetzt wird. Die Reichsregierung be­absichtigt, diesen Ausruf nicht allein als Kundgebung des Kabinetts, herausgehen zu lasten, sondern sie hat dafür auch eine große Zahl von Unterschriften promi­nenter Persönlichkeiten gesammelt, sodaß dieser Unter­schriftenliste besondere Aufmerksamkeit gewidmet wer­den wird. Mit der Veröffentlichung des Aufrufs ist nunmehr wahrscheinlich für Dienstag zu rechnen. Allerdings hat, wie dieMontagspost" berichtet,

die württembergische Regierung sich geweigert, den Aufruf der Reichsregierung in Württemberg öffentlich anzuschlagen. Es ist erinnerlich, daß bei der Besprechung der Innenminister der Länder, die vor kurzem in Berlin stattfand, mehrere Lan­desregierungen fdarnnter Thüringen, Mecklen­burg und Württemberg) mit den Maßnahme» des Reichsinnenministers n'cht einserMMÄ wur«. Nunmehr hat aber die württembergische Regie­rung in einer Note der ReichsregieruiW mitgeteilt, daß sie de« öffentlichen Anschlag eines solchen Aufrufes für überflüssig halte und eine Beunruhi- t gung der Bevölkerung davon befürchte.

Man nimmt an, daß diese Entschließung der würt- "lemberyischen Regierung darauf zurLLzuführen ist daß die Deutschnationalen sich in der württembergii- schen Koalition befinden. Irgendwelche rechtliche Hand­habe, gegen diese Entschließung der württembergischen Regierung, den Anschlag des Aufrufes im württem- bergifchen Gebiet nicht durch-zuführcu, gibt es nicht.

Auch die Rundfunk-Propaganda der Reichsregierung hat zu einigen Mißhelligkeiten ge­führt. Gestern hat der Reichsjustizminister von G u s r a r d im Rundfunk gesprochen und in den näch­sten Tagen werden andere Kabinettsmitglieder folgen. Diese Vorträge erregen regelmäßig lebhafte Kritik in der Rechtspresse, aber es haben sich auch Mißhellig- feiten insofern larausgestellt, als linksstehende Blät­ter über Verhandlungen im lleberwachungsausschuß für den Rundfunk berichtet haben, worauHin der volksparteiliche Landtagsal-geordnrte Buchhorn

scharf dagegen protestiert hat, daß derartige Berichte zur parteipolitischen Zwecken mißbraucht würden.

*

Essen, 14. Oktober.

Wie das kommunistischeRuhrecho" mitteilt, wurde am Sonntag mittag in Castro-Rauxel der Antifaschi­stische Kongreß des Ruhrgebietes, der von der Polizei verboten worden war, durch ein größeres Aufgebot von Polizeibeamten im Auftrage des Bochumer Po­lizeipräsidenten aufgelöst.

Rheinland und Volksbegehren

von Guerards Rundfunkrede.

Köln, 14. Oktober.

Reichsjustizminister von G u s r a r d hielt heute abend tm hiesigen Rundfunk eine Rede über das ThemaRheinland und Volksbegehren", in der er u. a. aussiihrte: Rur dank einer durch zehn Jahre fortgesührien konsequenten Politik ist es durch die Verhandlungen im Haag erreicht worden, daß am 30. Juni 1930 kein fremder Soldat mehr aus deut­schem Boden steht. Da kommt das Volksbegehren und verlangt Unmögliches, durch das die Rheinland- befreiung wieder hinfällig würde. Denn das wäre die Folge der verlangten Erklärung, daß wir nichts leisten wollen, daß wir bedingungslose Räumung ohne Rücksicht auf die Haager Abmachungen verlan­gen, sollen. schmerzliche und bittere Tatsache des Verlustes pes ieT<>et Wahr ,

ist aber auch, daß die noch besetzten und auch die schon geräumten Gebiete bei Nichterfüllung unserer Verpflichtungen sofort durch die alliierten und aflo- ziierten Truppen nach dem Gewaltfrieden wieder besetzt werden können.

Diese Erkenntnis hat nichts zu tun mit der im Versailler Vertrag Deutschland fälschlich zugeschobe­nen Kriegsschuld. Deutschland hat niemals die Alleinschnld am Kriege anerkannt. Jede deutsche Re­gierung hat diese These des Versailler Vertrages zurückgewiesen.

Der Redner wandte sich dann mit Schärfe gegen die Behauptung, daß nach dem Youngplan deutsche Männer und deutsche Frauen auf Wunsch der Gläu­biger exportiert werden könnten und weiter dage­gen, daß das Volksbegehren die bisher geführte Außenpolitik der Republik in seinem § 4 zum Lan­desverrat erklärt, diese Politik, die die Ruhr be­freite, die die Räumung des besetzten Gebietes durchsetzte, die die Saar wieder deutsch werden laste, die Deutschlands Lasten konsequent vermindert habe. Seine Rede klang aus in dem Appell: Keine Unter­schrift für das Volksbegehren!

Bürgerkrieg in China

(Eigener Drahtbericht.)

London, 14. Oktober.

Der Ausstand des Marschalls Feng gegen die Ra»- kingregierung zieht weitere Kreife. Von der draht­losen Station in Tanfi ist nach Pekinger Meldungen eine Kundgebung der im Ausstand befind! chen Gene­räle gegen die chinesische Nationalregierung gerichtet worden, in der mit einem sofortigen Einmarsch in die Provinz Honan gedroht wird. Insoweit diese Ge­nerale unter dem Kommando von Marschall Feng und st)en kämpfen, muß angenommen werden, daß sie unter Zustimmung dieser beiden Truppenführer handeln.

General TichrangkaischÄ nimmt diese neue Be­drohung außerordentlich ernst, was daraus hervorgeht, daß eine Ssndertagung des Kabinetts zusammenbe- ruse» wurde, in der eine Vollmacht für die Entlastung von General Litschunglin, des bisherigen Kriegs- ministers und neuerlichen Anhängers General Fengs, erzielt wurde.

Im Zusammenhang mit dem Ausstande im Norden gewinnt der Vormarsch des Generals Tfch«ngfatkwai in Kwanfi erhebliche Bedeutung. Kleine Lorpostenge- fechte haben bereits begonnen. Die Truppen des Ge­neral Sun Liang Afcheng, unterstützt durch Feng, haben ein erstes Zusammentreffen mit den Regie- rnngsstreitkräften gehabt. Der Ausgang ist noch un­gewiß.

Die Aussichten Tfchiangkaischeks werden als gering anaesehen, da auch für den keineswegs sichere» Fall eines Sieges der Zentralregierung die Stellung Tfchiangkaischeks durchaus in der Schwebe bleibt.

*

Das Oberkommando der chinesischen Armee teilt halbamtlich mit, daß am Sonnabend große Minen­boote auf ben- Flusse Sungari, zwc: Stunden lang chinesische Städte bombardiert hätten. Besonders stark habe die Stadt Futing, in der Nähe der sowjet­

russisch-chinesischen Grenze, gelitten. Die russischen Minenboote hätten mehr als 100 Schüsse abgefeuert. Unter der chinesischen Zivilbevölkerung habe es zahl­reiche Tote gegeben.

Das chinesische Oberkommando teilt mit, daß diese Beschießung chinesischer Städte eine Kriegsmaßnahme der Roten Armee gegen die chienesische Republik be­deute. Das Oberkommando bittet die chinesische Re­gierung um weitere Anweisungen zum Schutze der chinesischen Grenze.

Japan verlangt L-Svote

Paris, 14. Oktober.

Wie aus Washington gemeldet wird, erklärte ein höherer Oftizier der japanischen Marine, daß seine Regierung auf der bevorstehenden Flottenabrüstungs- konferen; darauf bestehen werde, daß das Flotten­verhältnis zwischen Amerika und England einerseits und Japan andererseits mindestens 10:18 betrage.. Aus keinen Fall werde Japan der Abschaffung der U-Boote zustimmen.

Die österreichische VerfaffnngS- reform

Wien, 14. Oktober.

Minister Schumy hielt Sonntag in einer Ver­sammlung des Landbunves in Hörtendorf in Kärn­ten eine Rede zur österreichijme» Verfastungsrev:- sion. Da Schumy Führer des Landbundes und Mitglied des ministeriellen Viererkomitees ist, das von der Regierung zur Ausarbeitung der diesbezüg­lichen Entwürfe eingesetzt wurde, kommt seinen Aus­führungen Autentizität zu.

Schumy legte dar, daß nach dem neuen Entwurf der Bundespräsident das Recht zur Auf­lösung des Nationalra es, zur Ernennung und Eni lastung der Minister, zur Anrufung des Volkes so­wie zur Verhängung des Ausnahmezustandes aus Antrag des Ministeriums erhalten soll. Tas Not­

verordnungsrecht des Präsidenten dagegen soll sich in engen Grenzen bewegen. Die Wahl des Präsi­denten soll im ersten Wahlgang durch das Volk, int zweiten durch di« Bundesversammlung erfolgen. Der neue Bundesrat soll aus 36 Ständevertretern und 18 Ländervertretern bestehen. Wien wird eine bundesunmittelbare Stadt, jedoch soll die Stadt Wien mit weitgehenden Sonderrechten ausgestattet werden. Der Nationalrat soll in Zukunft aus 120 Mitgliedern gegenüber 165 bestehen. Auch die Land­tage werden verkleinert. Oesterreich wird in 6080 Wahlkreise eingeteilt. Die Polizei soll im ganzen Staatsgebiet der Bund erhalten.

Schumv forderte die Heimwehr auf, auf weiter- gehende Aspirationen zu verzichten, sich ganz in den Dienst der Resormarbeit zu stellen und Ruhe zu ten. Aber auch die Sozialdemokratie muß eine starke Einsicht bekunden, da sie zwischen Krieg und Frieden, zwischen Demokratic und Diktatur zu wählen habe.

Tschechische Justiz

Die Unschuld Gröschels nach drei Monaten festgestellt.

Prag, 14. Oktober.

Der Justizminister hat gestern dem deutschen Ge­sandten Koch, nachdem dieser sechsmal beim Außen­minister interveniert hatte, mitgeteilt, daß sich die Un­schuld des vor elf Wochen unter dem Verdacht der Spionage verhafteten Bibliothekars der Meißener Porzellanmanufaktur Gröschel herausgestellt hat und daß Gröschel noch heute auf freien Fuß gesetzt würde. Bis geziern aoend ist Gröschel jedoch noch nicht ans der Hast entlasten worden.

Sein Anwalt erhielt gestern einen Bries Gröschels, in dem sich dieser verzweifelt über seinen Gesund­heitszustand beschwert und um seine Ueberführung ins Krankenhaus bittet. Die deutsche Gesandtschaft wird sich mit Gröschel wegen Schadenersatzansprüchen ins Einvernehmen setzen und voraussichtlich seine Forderungen aus diplomatischem Wege unterstützen.

Gröschel wurde bekanntlich vor etwa drei Monaten verhaftet, weil er das Schlachtendenkmal in Kolin, in besten Nähe sich eine Kalifabrik befindet, photogra­phiert hatte. Merkwürdigerweise befindet sich diese Kalifabrik größtenteils in reichsdeutschem Besitz.

Das Urteil im Oppelner Prozeß

Oppeln, 14. Oktober.

Im Prozeß wegen der Zwischenfälle anläßlich der polnischen Theateraufführung wurde am Sonnabend nach dreieinhalbstündiger Beratung von Landgerichts­direktor Dr. Christian das Urteil verkündet. Es lau­tet gegen den AngeUagten Lalewaja auf acht Monate, Zentner und Nowak auf je fechs Monate, Potsada und Haupt auf je vier Monate, Polster drei Monate Gefängnis. Der Angeklagte Bernard wurde anstelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von einer Woche zu 150 Mark Geldstrafe verurteilt. Die jugendlichen An­geklagten Kaduk und Funke erhielten eine Verwar- nung. Die übrigen elf Angeklagten wurden freige- fprochen. Soweit Verurteilung erfolgt, tragen die AngeUagten die Kosten, im übrigen die Staatskaffe.

Ass dem Reiche Mffolims.

Bon Or. Paul Rohrbach

Im Folgenden seien einige Beobachtungen von einem Besuch im Reiche Mussolinis gegeben. Als Erstes gleich eine aus einer Buchhandlung auf einem italienischen Erenzbahnhof. In der Auslage, an auf­fallender Stelle, lag das Buch von Stein (Rumpelstilz­chen):Der Schmied Roms". Vor ein paar Tagen, erzählte der Buchhändler, war ein Mitglied des ört­lichen Fascio zu ihm gekommen und hatte sich er­kundigt, ob er das Buch habe. Auf die verneinende Antwort die Sendung war noch nicht angekommen sagte der Faschist:Es ist verboten, Sie dürfen es nicht beziehen." Am nächsten Tage kam er wieder und sagte:Es ist erlaubt worden, wenn Sie es be­kommen, so legen Sie es aus!"

Der Schmied Roms" wird in Deutschland viel ge­lesen. Auf dem Deckel steht eine faksimierte Widmung Mussolinis, in deutscher Sprache, an den Verfasser: Männer machen die Geschichte!" Es enthält eine sehr eindrucksvolle Schilderung vom Duce und seinem Werk, auch mit etwas Kritik, in der Hauptsache aber begeistert. In Deutschland faßt man es als eine Pro­pagandaschrift für die Uebertragung faschistischer Ee- dankengänge auf deutsche Verhältnisse auf. Die Mei­nung in Italien ist anders: es arbeite für eine ita­lienisch-deutsche Verständigung mit der Spitze gegen Frankreich. Politische Gespräche zwischen deutschen und höheren Mitzliedern des Fascio bekommen von italienischer Seite regelmäßig bald die Spitze:W a s in aller Welt treibt eigentlich euch Deutsche, die ein­zigen Freunde Frankreichs zu sein? Bildet ihr euch ein, die Franzosen dahin zu bekommen, daß sie euch gutwillig wieder eine Großmacht werden lassen?"

Der Faschismus treibt konsequente Bücherpolitik.

Remarque's:Im Westen nichts Neues" ist eben in Italien verboten worden. Der Verleger hat eine große Auflage Herstellen lassen und stand damit un­mittelbar vor der Ausgabe. Da traf ihn das Verbot. Bücher, die antimilitärisch, pazifistisch, wirken, solle kein guter Italiener lesen, für die Tapferen seien sie ein Aergernis und für die Schwachen eine Verführung sie dienten dazu, eine Nation zu verweichlichen. So die Begründung. Der Verleger hat nicht einmal ver­sucht, etwas für die Freigabe zu tun, seine Hoffnung, wenigstens einen Teil bei Auflage abzusetzen, find jetzt die Italiener in Südamerika und in den Ver­einigten Staaten.

Der Duce macht Krieg im Frieden auch noch auf andere Art. In den letzten Septembertagen gab es in ganz Italien eine große Siegesfeier:

Viktoria del grämt, Sieg in der Kornschlacht!

Musik, Umzüge, Reden, vor allen Dingen aber, dem italienischen Geschmack entsprechend, Feuerwerke von ganz märchenhafter Pracht. Das wichtigste der Län­der, die vor dem Kriege den Volksüberschuß Italiens als dauernde oder vorübergehende Einwanderung auf­nahmen, Nordamerika, hat bekanntlich die italienische Quote auf einen so geringen Bruchteil herabgesetzt, daß praktisch ein Einwanderungsverbot herauskommt. Mussolini macht aus dieser Not ganz genial eine Tugend und verkündet: Kein guter Italiener darf überhaupt ausroanbern! Auf der andern Seite aber weiß er, daß Italien, wenn keine Auswanderung statt­findet, einem Kessel mit zunehmender Dampfspannung und geschlossenen Ventilen gleicht. Deutschland hat nur noch 18 Geburten ckufs Tausend, Frankreich etwa ebensoviel, Italien aber hat über 30 Allerdings zeigt sich jetzt auch eine leichte Abnahme. Um dem italieni­

schen Volk sein eigenes Brot zu geben und die Korn­einfuhr herabzubrücken, würbe die .^ornschlacht", bat- taglia del grano, organisiert, mit landwirtschaftlichen Kursen, Verteilung künstlichen Düngers. Prämien für die Ernteziffern pro Hektar in jeder Provinz, und mit einer gewaltigen Propaganda in Presse und Rede. Der Erfolg scheint da zu sein, die Erntezifsern steigen, die Einfuhr sinkt. Daher Musik und Feuerwerk, und die Zeitungen sind voll von der Liste der zugesagten Prämien fürs nächste Jahr.

Der Neapoliti"er ißt Makkaroni, die von Weizen­mehl gemacht werden. In der Lombardei aber wächst viel Reis. Daher Befehl:

Au einem Tag in der Woche wird in ganz Italien Reis gegessen!

Im vorigen Jahr wurde auch befohlen, das Getreide so stark auszumahlen, daß ein großer Teil bei Kleie mit ins Mehl ging. Das Brot war grau unb gefiel ben Leuten wenig, aber sie mußten es essen. Sollten die Erfolge sich noch einige Jahre so fortsetzen, und sollte es namentlich gelingen, die großen Weidelari- fundien in Süditalien wirklich unter Weizenkultur zu bringen, so wäre das früher Undenkbare tatsächlich ge­leistet: Italien hätte sein Brot. Bei den Pontinischen Sümpfen und bei der Römischen Eampagnan ist die Verwandlung von Unland in Ackerland tatsächlich ge­glückt. Jetzt wird der Appennin aufgefordert. Es ist eine Arbeit auf viele Jahrzehnte, aber wenn sie ein­mal getan ist, so werden die Flüsse von Mittel- und Unteritalien auch im Sommer nicht mehr trockenen Steinbetten gleichen, sodern Wasser für ein reichliches Netz von Jrrigationskanälen liefern.

Diese uud ähnliche Eindrücke sind unwidersprechlich. wer geauer Hinsicht, hat aber auch noch andere. Schon die Frage, was werden wird, wenn der Duce einmal nicht mehr da ist, wird von vielen Italienern, Fa­schisten und Nichtfaschisten, mit einem ängstlichen Ach­selzucken beantwortet. Man wird gebeten, über diese Möglichkeit lieber zu schweigen. Ein zweiter, sehr heikler Punkt, ist der

beginnende Kulturkampf.

Die faschistische Regierung hat die Verpflichtung der politischen Vereine, ihre Statuten und Mitglieder­listen (!) der Polizei vorzulegen, auch auf die nicht- politischen Vereine ausgedehnt. Damit sind die katho­lisch-kirchlichen Vereinigungen gemeint, und damit ist gesagt, daß sie aufgelöst und unterdrückt werden können, sobald es der Regierung beliebt. Ende Sep­tember hat der Präfekt von Como bie erste Probe aufs Exempel gemacht unb ben katholischen Jünglings­verein bei bischöflichen Diöcese von Como aufgelöst, weil, in ihm kritische Aeußerungen über ben 21. De­zember 1870 gefallen waren, ben Tag, an bem die ita­lienischen Truppen durch die Bresche, die italienische Kanonen neben der Porta Pia in die Mauer der Resi­denzstadt des Papstes geschossen hatten, in Rom ein zogen.

Der Weg, den der Faschismus damit betreten hat, kann ihn leicht in eine Krisis führen, deren Umfang er noch nicht voraussieht. Die katholische Kirche ist eine Weltmacht, die auch über bie Geister gebfttet. Schon hat ber Papst Pius XI. in einer Ansprache an die italienischen Jungkatholiken vomMartyrium ber täglichen Pflichten gesprochen unb sie ermahnt, keine Zugestänbnisse zu machen. Auf beiben Seiten, in ben Blättern ber Faschisten unb in denen bet Kurie, fallen scharfe Worte. Es geht um bie Jugend, und beide Teile wissen, was das bedeutet!