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Nummer 238
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Mittwoch, 9. Oktober 1929
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19. Iahrgan 6
Nachklänge zur Berliner,/Geheimkonferenz"
Erklärungen -es französischen Adgeordneten Paul Reynand über seine „Vimduisverhandlungen" mit deutschen Politikern
Reynauds Studienreise nach Berlin
Znnerpoliüsche Beruhigung
Bös,' Amerikareise und der Sklarekskandal.
Alte Völker
Don Dr. Paul Rohrbach
Von unserem Berliner Vertreter.
Berlin, 9. Oktober.
Der Streit um die definitive Nachfolgeschaft des verstorbenen Außenministers scheint sich jetzt zu beruhigen. Das geht wohl insbesondere darauf zurück, daß der Vorsitzende der Zentrumspartei, der Abgeordnete K a a s, von dem Vorstoß abgerückt ist. Auch der Minister für die besetzten Gebiete Dr. Wirth, der als erster in dieser Hinsicht vorging, hat jetzt keine neuen Schritte in dieser Sache mehr unternommen, Und der Urlaub, den er gestern angetreten hat, wird wahrscheinlich nicht nur acht Tage, sondern mehrere Wochen dauern.
Von dem Sozialdemokraten ist bekanntlich betont worden, daß die jetzigen sozialdemokratischen Minister unverändert auf ihren bisherigen Posten bleiben sollten, und diese Bemerkung wird in einer parlamentarischen Zuschrift des Tageblattes" dahin ausgelegt, daß diese Aeußerung sich weniger auf das Außenministerium, als vor allem auf das Arbeitsministerium bezogen hat, weU in der Sozialdemokratie selbst vor kurzem die Frage eines Wechsels im Arbeitsministerium erörtert worden sei. Jetzt aber, nachdem das Gesetz über die Arbeitslosenreform wenigstens zum Teil erledigt ist, sei das Weiterverbleiben des Ministers Wissest m seinem Amt für die Sozialdemokratie geradezu zu einer Prestigefrage geworden.
Angesichts dieser Sachlage kann man annehme», daß das gegenwärtige Provisorium, welches durch die Betrauung des Ministers Lurtius mit J der Leitung des Auswärtigen Amtes geschaffen wurde, doch wohl von einiger Dauer sein wird - «ud daß zum miudesten der Abschluß der Repara- tionsverträge abgewartet werden wird, ehe im Reichstag a« die eventuelle Neugestaltung des Kabinetts im Zusammenhang mit der endgül- < tigen Besetzung des Außenministeriums heran
gegangen wird.
In Berlin beschäftigt man sich angesichts dieser beginnenden innerpolitischen Beruhigung jetzt umso stärker mit dem Sklarek-Skandal, der aus einer kriminellen Angelegenheit immer mehr zu einer kommunalpolitischen Affäre wird. In diesem Zusammenhänge ist bekanntlich auch die Rückkehr des zur Zeit in Amerika weilenden Berliner Oberbürgermeister Böß gefordert worden, aber es hat den Anschein, daß der Oberbürgermeister seine Reise nicht unterbrechen wird, ließet die Gründe seines Verhaltens hat der stellvertretende erste Bürgermeister Scholz einem Vertreter des „Tageblatt" erklärt, die Rückkunft des Oberbürgermeisters wegen der Sklarek- Affäre würde einen sehr ungünstigen Eindruck Hervorrufen. Man würde sich drüben sagen, daß dadurch die Wichtigkeit der Sache in den Augen des Auslandes nur unterstrichen wird und dadurch wiederum würde ein sehr ungünstiger Einfluß aus die Kreditgewährung des Auslandes gegenüber der Stadt Berlin ausgeübt werden. Auch der „Vorwärts" wendet sich heute scharf gegen diejenigen Berliner Blätter, die
durch übertriebene Aufbauschung der Sklarek- Affäre den Kredit der Stadt Berlin im Auslände schädigen. Ofseubar ist mit der Reise des Oberbürgermeister nach Amerika, trotz aller Dementis, die Absicht verbuuden, eine neue Ausländsanleihe für Berlin aufzunehmen, und es wurde bezweifelt, daß dies nach den Enthüllungen über de« Sklarek-Skandal noch gelingen wird.
Auch von einem angeblich geplanten Rücktritt des Oberbürgermeisters war in einem demokratischen Sensationsblatt die Rede. Der „Vorwärts" wendet sich auch gegen diese Seite, in dem er sagt, man dürfe den kriminellen Fall Sklarek nicht zu einem Kommu- nalskandal aufbauschen. (Weitere Meldungen über die Sklarekaffäre siehe Seite 2!).
Heute vormittag treten im Reichsinnenministerium die Innenminister der deutschen Länder, begleitet von den ständigen Berliner Bevollmächtigten der Länder, zu einer Konferenz zusammen, auf der die schwebenden politischen Fragen erörtert werden. Man darf wohl annehmen, daß zu diesen Fragen u. a. auch das Volksbegehren, das Republikschutzgesetz und die Bombenattentate in Schleswig-Holstein gehören.
Dar SetätigungKseld der Reparassonsbank
Baden-Baden, 9. Oktober.
In dem 9tr6e.iten des Organifattonskomitees der Bank Mr den internationalen Zahlungsausgleich ist gestern ein nicht unerheblicher Fortgang insofern erzielt worden, als man bezüglich der Einzahlung des Kapitals zu einer gewissen Uebereinstimming
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 9. Oktober.
Der von der Reise aus Mexiko nach Frankreich zurückgekehrte französische Abgeordnete Paul Rey- n a u d, der der Partei Maginot angehört, hat angesichts der Veröffentlichungen der „National-Liberalen Korrespondenz" Vertretern der französischen Presse Erklärungen über die in der deutschen Veröffentlichung erwähnten Verhandlungen gegeben. Seine angeblichen Verhandlungen seien in Wirklichkeit nichts weiter gewesen, als eine Studienreise, die er im April nach Berlin unternommen habe, ebenso, wie er sich einen Monat vorher nach London begeben habe. Eine solche Reise lohne sich schon. Deutschland habe ein doppeltes Gesicht: Auf der einen Seite das offizielle, das friedliche Deutschland und auf der anderen Seite eine fanatische Minderheit, die unter außergewöhnlichen Umständen die Regierung wieder übernehmen könnte. Da er sich über die Gefahr habe ganz klar werden wollen, habe er mit Männern aller Parteien von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten gesprochen. Es sei natürlich sehr leicht, diese privaten Besprechungen als geheime Verhandlungen hinzustellen.
scherseits von einem Militärbündnis gesprochen Es sei richtig, daß bei diesen Unterredungen freut« worden sei,
wie dies auch Arnold Rechberg in Paris getan habe, aber er habe sofort geantwortet, daß eine derartige Formel von der französischen Oeffentlichkeit niemals angenommen werden würde. Vielleicht könnte man eine neuartige Formel finden, etwa dadurch, daß die deutschen und die französischen Truppen dem Völkerbund zur Verfügung gestellt würden. Diese Maßnahme wäre dazu angetan, in Europa in sicherer und vollständiger Weise den Frieden zu wahren.
Washington, 9. Oktober.
Präsident Hoover erklärte Pressevertretern: Zwischen England und freu Vereinigten Staaten seien keinerlei Schwierigkeiten zu regeln. Keines der beiden Länder habe irgendwelche Vorbehalte zu machen. Sie beschränkten sich daraus, Mittel und Wege zur Stärkung ihrer freundsckjaftlichen, moralischen Solidarität zu suchen. Er müsse die freundliche, durchaus ungezwungene Haltung der amerikanischen Presse und des amerikanischen Volkes gegenüber dem englischen Ministerpräsidenten und dem englischen Volke lobend anerkennen. Für Donnerstag wird die Veröffentlichung einer von Hoover und Maedonald in ihren gestrigen Besprechungen aufgesetzten und gemeinschaftlich untrzeichneten Erklärung angekündigt.
Ferner wird mitgeteilt, daß in der heutigen Zusammenkunft zwischen Maedonald und Senator B o r a h unter anderem die Frage der Freiheit der Meere erörtert werden soll.
Die alte These
Paris, 9. Oktober.
Die Presse veröffentlicht den Wortlaut der Einladungen zur Flottenabrüstungskonferenz, die die englische Regierung in Paris, Rom und Tokio überreichen ließ. Außenminister Briand wird diese Note heute dem Ministerrat vorlegen. Die französische Antwort wird in etwa 8—10 Tagen abgehen. Es steht jedoch fest, daß die französische Regierung die Einladung annehmen wird, da ja die Note selbst darauf hinweist, daß es sich darum handelt, die Arbeiten der vorbereitenden Abrüstungskommission und der allgemeinen Abrüstungskonferenz zu erleichtern. Frank-
dahin gelangte, daß hier eine gewisse Freizügigkeit für die einzelnen garantierenden Länder geboten sei.
Die bisherige Aussprache hat ergeben, daß die Praxis und die gesetzlichen Vorschriften in den einzelnen Ländern überaus verschieden sind Zn gewissen Ländern ist es möglich, Anteile durch die Zentvalnotenbanken sofort weiter zu verkaufen, iväh- rend in anderen Ländern Anteile in Form von Zertifikaten an das Publikum weitergcgeben werden müssen.
In dieser sogenannten ersten Lesung der verschiedenen vorliegenden Entwürfe behandelte man dann die Frage des Korporationsrechtes der Bank; eine Entscheidung darüber ist noch nicht gefall-n. Man Wird sich auch noch zu einigen haben darüber, ob
Niemals habe er Durchblicken lassen, fraß Frankreich dem polnischen Korridor wenig Bedeutung beilege, er habe im Gegenteil den Deutschen, die ein Bündnis mit Frankreich wünschten, vorgehalten, daß sie doch in Frankreich einen loyalen Verbündeten finden wollten, und Frankreich halte also auch an seinem Bündnis mit Polen soyal fest. Wenn die deutschen Nationalisten ihre heftige Champagne gegen Polen und für die Revision der Verträge einstellen würden, dann würde die Atmosphäre der internaUrmalen Beziehungen eine ganz andere werden. Man könnte gemeinsam die Mittel zur Wiedergutmachung gewisser übler Folgen der durch den Krieg geschaffenen Wirtschaftslage ins Auge fassen.
Die Reichsregierung sei über die Unterredung am Tage, nach dem sie stattfand, unterrichtet worden.
Stresemann, mit dem er vor seiner Abreise eine längere Unterredung gehabt habe, habe nicht einmal hiervon gesprochen. Er werde ihr wohl ebensowenig Bedeutung beigelegt haben tote er, Rehnaud, selbst. Nach seiner Rückkehr habe er weder eine Unterredung mit dem damaligen Chef der Regierung Poin- care noch mit seinen politischen Freunden gehabt.
Die Erklärungen Reynauds sind in erster Linie natürlich durch innerpolitische Rücksichten bestimmt worden. Es wird aber wohl unausbleiblich sein, daß die Erörterung, über die Bündnisverhandlungen deutscher Rechtspolitiker mit französischen Politikern durch diese Veröffentlichung nochmals einen neuen Anstoß erhält. Darüber hinaus verdient Reynauds Erklärung aber auch deshalb ein besonderes Interesse, weil sie über die Mentalität der französischen Rechtskreise (der Gruppe Maginot gehören die sogenannten Poinearisten an) Aufschluß gibt.
reich wird jedoch von vornherein seine These von der Untrennbarkeit der Abrüstung zu Wasser, zu Lande und in der Luft, sowie von der Unmöglichkeit der Abschaffung der Unterseeboote klarstellen.
Mißtrauen In Ztalien
Mailand, 9. Ocktober.
Die Einladung zur Abrüstungskonferenz findet in Italien eine skeptische Aufnahme. Der „Popolo Italia' schreibt, sie verdiene kein außerordentliches Interesse. Schon viele Konferenzen über tue Abrüstungsfrage seien angesagt worden, ohne daß eine davon zu einem greifbaren Ergebnis geführt habe. Ein gewisses Mißtrauen sei daher gerechtfertigt.
Zapamfthe Vorbehalte
Tokio, 9. Oktober.
—Die Einladung der britischen Regierung zur Teilnahme an der Fünf-Mächie-Konferen; wird von der japanischen Regierung mit gewissen Vorbehalten angenommen werden. Die japanische Regierung betrachtet es für unbedingt notwendig, daß vor Einberufung einer allgemeinen Abrüstungskonferenz ein Uebereinkommen über die von Japan erhobene Forderung nach einem Verhältnis vcn 10 zu 10 zu 7 in der Frage der Hilfskreuzer erzielt wird, wenn der Erfolg der Füns-Mächte-Marine-Abrüstungskonferenz nicht in Frage gestellt sein soll. Unter diesem Vorbehalte sei Japan aber bereit, die Einladung anzunehmen und seinerseits alles zu tun, um den Erfolg der Konferenz sicherzustellen.
man die Form einer Kollektivgarantie oder einer Einzelgarantie für die einzelnen garantierenden Länder auswählt, von denen jedes einzelne in letzterem Falle 1/7 der aufzubringenden Anteile zu garantieren haben würde.
Weiterhin wurde auch besprochen das Kapitel „Einlagen". Ein Wettbewerb der zu schaffenden Bank mit den übrigen Banken soll nach Möglichkeit ausgeschaltet werden. Man glaubt, daß der neuen Bank aufgrund ihrer besonderer Aufgabenkreise ein hinreichendes Betätigungsfeld gegeben ist.
Reichsbankpräsident Dr. Schacht, der nach seiner Rückkehr von Berlin wieder an den Verhandlungen teilnahm, hat sich über den Fortgang der Arbeiten sehr befriedigend ausgesprochen.
Unser geschätzter Mitarbeiter beschäftigt sich in diesem Artikel mit dem Bevölkerungsvroblem, einem Thema, das ernsteste Beachtung verdient. Wir geben seine Ausführungen wieder, ohne uns allerdings mit ihnen in allen Einzelheiten zu tbeittiftzieren.
Wir hören aus England einen Alarmruf zur Geburtenfrage. Die englische Geburtenziffer ist im Jahre 1928 auf 16,7 pro Taufend gesunken, und der medizinische Leiter des englischen Eesundheitsmini- steriums, Sir George Newman, macht darauf aufmerksam, daß es in England heute schon mehr Leute über 55 Jahre gibt, als Kinder unter 5 Jahren. Wir werden sehen, eine wie schwerwiegende praktische Bedeutung gerade diese Tatsache für die Frage der sozialen Lasten hat.
Man hört verschiedene Meinungen darüber, ob der Geburtenrückgang, den wir bei den meisten modernen Völkern beobachten, schlechthin eine Gefahr bedeutet, ober ob er nicht auch als ein Vorbeugemittel gegen die Ilebervölkerung der Erde und als Entlastung von wirtschaftlichen Druckzuständen, namentlich Arbeitslosigkeit, begrüßt werden könnte. Man weiß, in welche finanziellen Röte gerade jetzt der Unterhalt der Arbeitslosen uns bringt.
Was die Uebervölkerung angeht, so ist die Erde, im ganzen genommen, noch lange nicht bis an die Grenze ihrer Tragfähigkeit für das Menschengeschlecht bewohnt. Allerdings gibt es örtliche Menschenanhäufungen von so großer Dichte, daß von „Völkern ohne Raum" gesprochen werden kann, und der englische Schatzkanzler Snowden hat kürzlich in einem (auch in den „Kasseler Neuesten Nachrichten" erschienenen) Artikel die Deutschen und die Italiener als solche Völker bezeichnet. Er hat auch die eigentümliche Redewendung hinzugefügt, es würde gefährlich sein, wenn England, im Besitz eines so großen Teils der Erdoberfläche, gegenüber den Nationen ohne Raum die Rolle des Hundes spielen wollte, der keinen andern an seinen Freßnapf läßt. Ob das die Einleitung zu einer praktischen Diskussion der Kolonialfrage fein soll, mag einstweilen Herrn Snowden überlassen bleiben. In Bezug auf die soziale Seite der Bevölke- rungs- und Eeburtenfrage können wir aber schon heute klar genug sehen.
Die englische Geburtenziffer steht auf 16,7, die deutsche ungefähr auf 18 pro Tausend. Vor einem halben Jahrhundert betrug die Durchschnittsdauer des menschlichen Lebens bei den europäischen Kulturvölkern nur einige dreißig Jahre. Heute ist sie im mittleren und westlichen Europa durch die Fortschritte des Gesundheitswesens auf 56 bis 57 Jahre gestiegen, eine im Laufe der menschlichen Entwicklung noch nie erreichte Höhe. Es müssen also etwa 18 Menschen aufs Tausend geboren werden, um den Abgang zu decken — gegen 30 bis 31 zur Zeit, da das deutsche Reich gegründet wurde. Damals aber betrug unsere Geburtenziffer beinahe 40 aufs Tausend; sie war also mehr als doppelt so hoch im Vergleich zu heute und lieferte einen großen lleberschuß der Geborenen über die Gestorbenen.
Einen lleberschuß, und zwar von mehreren Hun- derttauserid Geburten jährlich, haben wir auch heute noch, aber er hat keine natürliche Grundlage und wird darum nicht von Dauer sein. Weil bei uns im Weltkriege mehrere Millionen Geburten ausgefallen find und weil die Hungerblockade eine sehr erhöhte Alterssterblichkeit verursachte, haben wir gerade tn den Altersklassen, die für die Hervorbringung von Kindern noch nicht ober nicht mehr in Frage kommen, ein unverhältnismäßiges Minus, und in der Klasse der Vollkrästigen ein ebenso unverhältnismäßiges Plus. Dies große Plus allein ist die Ursache, daß wir überhaupt noch 18 Geburten aufs Tausend haben, und ebenso auf der Sterbeseite nur etwas über 12 Todesfälle. Reduziert man diese beiden Zahlen auf die sogenannten „bereinigten“ Ee- burts» und Sterbeziffern, d. h. auf die Zahlen, die sich ergeben würden, wenn wir einen normalen Altersklassenaufbau der Bevölkerung hätten, so zeigt sich, daß unsere Bereinigte Geburtenziffer schon etwas unter der bereinigten Sterbeziffer liegt.
In England liegen die Verhältnisse ähnlich, nur daß der Eeburtenausfall durch den Krieg geringer war und Hungerverluste garnicht statffanden. Dafür ist der Sturz der Geburtenzahl dort noch größer als bei uns. Newman berechnet als das Jahr des völligen Wachstumsstillstandes für Endland 1942. Für Deutschland wird etwa 1970 angenommen, für den Fall, daß wir bei 18 aufs Tausend stehen bleiben. Schon bevor dieser Zustand eintritt, würde sich aber in sozialpolitischer Beziehung eine Last von so großer Schwere auf uns legen, daß uns der Druck, unter Bern wir heute leiden, dagegen leicht erscheinen müßte.
Dieser Druck wird die allgemeine Ueberalterung des Volks sein. Die starke Zunahme des menschliHen Durchschnittsalters hat schwerlich schon ihre Grenze erreicht, sie kann auf 60 und mehr Jahre steigen. Wir haben heute etwa 6 Millionen alte Leute, die durch die Arbeit der übrigen mit ernährt werden müssen. Im Jahre 1970 werden es (nach einer Berechnung von Burgdörffer) dreimal soviel sein! — Wenn keine Vermehrung der Geburten und damit der Zahl der Jugendlichen im Volk geschieht, so wird eine solche Last überhaupt untragbar sein.
Auch die andere Vorstellung, als ob die Abnahme der Geburten ein direktes Hilfsmittel gegen die Ar-
Die Reihe« der Meere
(Eigene Drahtmeldung.)