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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Rümmer 233

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Donnerstag, 3. Oktober 1929

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19. Iahrgan

Michsaußenminister Dr. Strefemann t

Verlm, den 3. Oktober. Reichsaußenminister Sr. Strefemann ist heule nacht an den Folgen eines Schlaganfalles plötzlich gestochen

Oer tote Kämpfer

W. P. Mitten aus vollem Schaffen ist Reichsaußen- ilinifter Dr. Gustav Strefemann in der Nacht zum Donnerstag durch den Tod abberufen worden. Noch am »estrigen Tage weilte Dr. Strefemann im Reichstag, noch einmal stand er in der vordersten Linie des politi­schen Kampfes. Seine Freunde waren zwar erschrocken aber das schlechte Aussehen des Ministers, aber nie- man hat daran gedacht, daß diese Begegnung die letzte fein würde. Die geistige Frische und Lebendigkeit, mit der Stresemann auch gestern die Verhandlungen führte, kuschte darüber hinweg, daß der schon feit Monaten geschwächte Körper dem starken Willen und der Energie innen kurzer Frist die Gefolgschaft versagen würde.

Strefemann tot! Ein Mann ist aus dem Leben ge­schieden, dessen Lebensschickfal Kämpfen hieß. Aus kleinen Verhältnissen stammend, hat sich der Verstor­bene mit eigener Kraft heraufgearbeitet zum Führer der deutschen Außenpolitik, zu einem Staatsmanns, dessen Wort in der ganzen Welt gehört wurde. Grad­linig verläuft der Lebensweg Stresemanns; er ist ein steiler und beschwerlicher Aufstieg. Schon in dem jun­gen Studenten waren die Ideen des Liberalismus lebendig; in dem Allgemeinen Deutschen Burschenbund, der dem Liberalismus innerhalb der deutschen Stu­dentenschaft Bahn brechen wollte, fand der Student Strefemann die gleichgesinnten Freunde, die er -suchte. Noch bis in die letzten Jahre hinein, als auf ihm schon längst die Last der außenpolitischen Geschäfte ruhte, stellte er sich häufig auf den Tagungen seines Bundes ent, und immer versuchte er, seine jungen Bundesbrü­der zur aktiven Mitarbeit an der Gestaltung des neuen Deutschlands aufzurufen. Mit jungen Jahren trat der Verstorbene dann ins politische Leben ein. In der kommunalen Politik begann diese Tätigkeit, aber schon 1907 wurde Stresemann vom Wahlkreise Aunaberg in den Reichstag entsandt. Es ist das Verdienst der alten Nationalliberalen Partei, daß sie in ihrem jungen Reichstaasabgeordneten die Fähigkeiten entdeckte, die ihn zu höherem beriefen! Nach dem Tode Basfermanns wurde «strefemann die Führung der Partei übertragen, nnd der Name des Verstorbenen war es wieder, der tr den Nachrevolutionstagen nach der Umbildung der Nationalliberalen Partei' der neuen Deutschen Dolls- partei voranleuchtete.

Ins Weite wuchs aber die politische Tätigkeit Strese­manns erst, als er im August 1923 die Kanzlerschaft intb die Führung der deutschen Außenpolitik über­nahm. Das war damals in den schweren Zeiten des Ruhrkampfes und der Inflation. Mit einer mutigxn Tat begann die Kanzlerschaft Stresemanns: Der Ruhr­krieg wurde liguidiert, und dann begann der Abschnitt unserer Außenpolitik, der mit dem Namen des Ver­storbenen auf immer verknüpft bleibt.

Ein Kämpfer und ein Vielumkämpster ist mit dem Verstorbenen aus dem politischen Leben geschieden. Ein Dielumkämpfter! Es war ein merkwürdiges Schau­spiel, daß der Mann, desien Name in der ganzen Welt beachtet wurde in Deutschland selbst immer auf erbit­terte Gegnerschaft stieß. Mit dem 13. August 1923 hat Dr. Stresemann von der Wlhelmstraße ans die deut­schen Schicksale gelenkt. Inkonsequent haben ihn seine Gegner ost gescholten, fte haben ihn getadelt, weil er mit Sozialisten und Demokraten, mit Zentrum und DeutsLnationalen je nach dem Wechsel der innenpoliti­schen Derhältniffe zusammengearbeitet hat. Wer eins werden sie ihm lasten wüsten: Unentwegt hat er den Kurs gesteuert, der Deutschland auf dem einzig gang­baren Wege einer ehrlichen Friedenspolitik zur Frei­heit führen sollte. Das ist das Entscheidende! Darüber hinaus wird sich aber der Vorwurf der Inkonseäuenz auch damit nicht rechtfertigen lasten, daß sich Dr. Strese- wann mit allen Kreisen, die jeweils zur verantwort- kichen Arbeit bereit waren, zusammensetzte. Denn er hat immer wieder die Notwendigkest betont, daß die Gegensätze von Rechts und Links, von Altem und Neuem auf einer mittleren Linie ausgeglichen werden müssen. Und diesem Ausgleich hat er selbst durch seine Arbeit die besten Dienste geleistet. Diesen Willen zum Vermitteln, zum Ausgleichen aber verkannten gerade seine Kritiker, wenn ihn die einen zum Reaktionär ab- stempeln wollten, während ihm die anderen ein Lieb­äugeln nach links zur Last legten.

Und etwas anderes wird man niemals vergessen dürfen: Wer dem Verstorbenen Schwäche vorwer­fen zu muffen glaubte, sollte niemals vergeffen, daß der Außenminister eines Staates, dem alle Macht­mittel genommen sind, andere Wege gehen mutz als ein Staatsmann, hinter dem eine kompakte Macht steht. Mit vollem Recht hat Stresemann einmal die Sätze geprägt: »Eine Macht vorzutäuschen ist das Gefährlichste; das kann ein Land in den Ruin fuh­ren, aber niemals vorwärts bringen/ Unsere Vor­kriegspolitik, die nicht ganz selten den _ taktischen Fehler beging, durch große Worte ein falsches Bild von Deutschlands Wollen zu geben, hat uns doch wahrhaftig genug Lehrgeld gekostet, als daß wir es heute, wo die Machtverhältniffe sich so rapide zu un­seren Ungunsten verschoben habra, noch einmal mit dieser verkehrten Methode versuchen müßten. Deutsch­lands einzige reale Macht ist nach dem Versailler Spruch nur seine wirtschaftliche Unentbehrlichkeit Mit diesem Tatbestände hat jeder deutsche Außen­minister zu rechnen; uvb daß der Verstorbene es im gegebenen Moment auch nicht an der notwendi­gen Energie fehlen ließ, hat er erinnert sei nur an Iden Faustschlag aus dem Luganoer Verhandlungs­tisch, der Herrn Zaleski keinen schlechten Schrecken einjagte mehr als einmal bewiesen.

.Durch Friedenspolitik zur deutschen Freiheit" _ . . . Das war das Ziel der Stresemannschen Außenpolitik. Der Weg zn diesem Ziel war dornen­voll, und er ist auch heute noch nicht bis zum Ende zurückgelegt. Manche Hoffnung, die der deutsche Außenminister gehegt har, ist nicht in Erfüllung ge- gegangen. Aber vieles ist erreicht worden; und über dem noch nicht Erreichten sollten die Gegner Strese­manns das Errungene nicht vergessen. Diese Stun­den, die noch ganz unter dem Eindruck der Berliner Hiobsbotschaft stehen, sollten denen, die und das war jelbtzvertzändlich ihr gutes Recht an den

Ein Opfer des pflichibewußtseins

(Eigene Drahtmeldung.)

Berlin, 3. Oktober. Heber die Todesursache und den letzten Str ankhei tsverlau s Dr. Stresemarms machte Profeflor Hermann Zondek auf Anfrage folgende Mitteilungen:

Dr. Sresemanns Nierenleiden hatte sich in der letzten Zeit erheblich gebeflert, dagegen zeigte das Allgemeinbe finden schon feit längerem starke Er­müdungssymptome, und der Blutdruck war in die Höhe gegangen. Professor Zondek führt diese Er- nungen mit auf die aufreibende und aufregende Tätigkeit Dr. Stresemanns zurück. Er hat den Außenminister immer wieder eindringlich zur Zu­rückhaltung gemahnt. So ließ er ihn nur schweren Herzens zur Haager Konferenz fahren und bat ihn noch gestern früh, doch unter allen Umständen im Bett zu bleiben. Diese Mahnung war, wie fo häu­fig, vergeblich bei dem aufopfernden Pflichtbewußt­sein und dem Temperament, mit dem Dr. Strese­

mann sich seiner verantwortungsschweren Tätigkeit hingab.

Immerhin ging es dem Minister gestern abend verhältnismäßig gut Er sagte auch selbst, daß er sich ganz wohl fühle. Um VAX Uhr erlitt er da.rn aber den ersten Schlaganfall, der zn einer tiefen Bewußtlosigkeit führte. Dieser Anfall war fo schwer, daß weitere Blutungen befürchtet werden mußten. Deshalb blieben die Professoren Geheimrat Kraus und Dr. Zondek die ganze Nacht am Krankenlager. Um %6 Uhr morgens war eine neue Blutung ein­getreten, die den Tod zur Folge hatte.

*

Berkin, 3 Oktober. Der Reichsinnenminister hat aus Anlaß des Todes von Stresemann angeordnet daß an allen amtlichen Gebäuden bis einschließlich Sonntag geflaggt wird.

Wegen der Stresemannschen Politik Krftik übten, die Verpflichtung zu einer ruhigen, dem Tageskampf entrückten Nachprüfung ihrer Kritik auferlegen. Ein Verdienst des Verstorbenen wird es immer bleiben, daß unter seiner Führung Deutschland langsam in die Rolle des gleichberechtigten Partners hineinge­wachsen ist. Mit dieser wachsenden Glelchberechti- gung liefen parallel die Bemühungen, die deutsche Außenpolitik wieder zu aktivieren. Während der Locarnovertrag und die deutsch-russischen Abmachun­gen vom Jahre 1926 die Grundrichtung, in der sich die Politik eines Landes der Mitte, wie es Deutsch­land ist, bewegen muß. bestimmten, sollte der Ein­tritt in den Völkerbund die Bemühungen, Deutsch­land in die Weltpolitik einzuschalten und die deut­sche Souveränität vollends wiederzuerringen, ener­gisch fördern So hat Dr. Stresemann überall der Außenpolitik die Wege gewiesen und, wie es uns scheint, richtig gewiesen. Richtig gewiesen, wenn auch im eiuzelneu mancher Fehler Begangen sein mag ... .

Eine tiefe Tragik liegt aber in der Tatsache, daß Stresemann nun die Stunde, in der Glockengeläut die Befreiung der Rheinlande verkündet, nicht mehr

Stresemann ist tot Eine spätere Zekt erst tohbfeht Werk beurteilen können Wir Heutigen aber fühlen daß dieser Tod in unserem politischen Leben eine Lücke geschaffen hat, von der wir noch nicht wissen, tote tze geschlossen toetben soll. Mitten tut Kampf

hat der Tod den Kämpfer getroffen. Fast möchte man das Won der alten Römer .Dulce et decorum est pro palria mori zitieren Denn vor einer Er- kenntis werden sich auch die Gegner der Strese­mannschen Politik beugen müssen: Der Verstorbene bat seine ganze Tätigkeit stets in den Dienst des Vaterlandes gestellt und diesem Dienst hat er sich, feiner Gesundheit und schließlich auch sein geben geopfert An der Reinheit feines Strebens zu zwei­feln, wird niemand wagen dürfen Er wollte sei­nem und unserem Vaterlande wieder einen Platz an der Sonne erkämpfen, und er wollte mithelfen an der Gestaltung einer Welt in der für Frieden und Verständigung Raum ist Nicht nur bei uns, in der Wilhelmstraße und im Reichstag wird man ihn vermissen, sondern auch in Genf und den anderen Stätten, an denen heute die große Politik zu Hause ist, wird der Verlust betrauert werden.

Die Pflicht des deutschen Volkes aber ist es, das Parteipolitische zurückzustellen und mit Dankbarkeit des Mannes zu gedenken, der für unserer aller Mut­ter, für unser Deutschland, stets das Beste wollte. Der für Deutschland kämpfte und fiel!

Dr. Stresemann war mit einer gebürtigen Kleefeld (einer übrigens aus Kassel stammenden Familie) verheiratet Zwei Söhne betrauern den Tod des Vaters. Nicht unerwähnt sei auch, daß der Verstorbene starke kulturelle und literarische Inter­essen batte. So gatt et als ausgezeichneter Goethe- kennet... ..vv,.,»»

Trauersitzung im Reichstag

..Von unsrem Berliner Vertreter.

Berlin, 3. Oftober.

Zm Reichstag herrschte beute vormittag bogreiflicher- tDerk eine äußerst gedrückte und bewegte Sttmmung. Das Haus war sehr stark besucht, und auf dem Platze, den Dr. Stresemann als Abgeordneter in den Reihen seiner Fraktionsfreunde mitunter einzunehmen pflegte, lag ein mit einem Trauerflor umwundener Kranz. Das Reichskabinett war fast vollzählig anwesend. Um 10 Uhr 15 Minuten betrat der Reichskanzler den Saal und Vizepräsident Esser eröffnete die Sitzung. Die kommunistische Fraktion war geschlossen der Sitzung ferngeblieben. Während die ganze Versammlung stch von den Plätzen erhob, hielt

Vizepräsident Esser

folgende Ansprache:

Trauer erfüllt heute die Mehrzahl des deutsche« Volles, ein treuer Hüter seines Lebens- und Kampfes­willens ist in den Sielen gestorben, unser Gustav Stresemann. Der Deutsche Reichstag trauert nm eins seiner hervorragendsten Mitglieder. Dr. Stresemann gehörte dem Reichstag seit 1914 an und war Mitglied der Nationalversammlung des Deutschen Reichstages. Seine überrageiwe politische Befähigung und seine ausgezeichnete Rednergabe brachten ihm auch die Füh­rerschaft schon im alten Reichstag, wo er Vorsitzen­der der nationalliberalen Fraktion war. Von 192023 leitete er die Fraktion der "Deutschen Vvlkspariei, die heute in dem Heimgegangenen ihren langjährigen Führer beklagt. Mit außerordentlichem politischen Geschick übernahm seine hervorragende Persönlichkeit am 13. August 1923 das Reichskanzleramt in dem Augenblick, als der Ruhrkamvf abgebrochen weiden mußte. Daß Dr. Stresemann vor dieser schweren Auf­gabe nicht zurückschreckte, und daß er nut zäher Wil­lenskraft sich für feine Politik eingesetzt hat, bleibt sein geschichtliches Verdienst. Nack der Niederlegung des Reickskanzleramtes blieb er Außenminister, bis auf den heutigen Tag. Was er auf diesem schweren Posten für Deutfchland geleistet bat, steht mit ehernen Lettern in das Buch unseres Volkes und Vaterlandes eingetragen. Das deutsche Volk dankt dem Dahinge­schiedenen, daß er bis zum Ende feiner Körperkraft

das Werk der Befreiung Deutschlands weitergeführt und zum politischen Wiederaufbau erferes Vaterlan­des sehr viel getan hat. Der Deutsche Reichstag hat diesen Dank hier mtt tiefbewegreu Worten Ausdruck gegeben.

Unmittelbar muh dem Vizepräsidenten Dr. Esser nahm der

Reichskanzler

das Wort zu folgender kurzen Aussprache, iw er not tiefbewegter Stimme »ertrag:

»Tief erschüttert steht die Reichsregiernng, stehe« bie Regierungen 6er Länder mit dem Reichs­tag an der Bahre Gustav Stresemanns, dieses Staatsmannes, der seine Kraft im besten Sinne des Wortes für fein Boll und fein Land verzehrt hat. Es ist ein tragisches Geschick, daß er den Abschluß des Werkes nicht erlebt, dem er die letzten Jahre und die letzten Kräfte seines Lebens gewidmet hat.

Es war immer sein Ziel, bte Befreiung Deutsch­lands zu «eichen. Gerade nach dem Abschluß der Konferenz im Haag, die der Regeluug der Kriegs­schulden und der Räumung gewidmet war, mußte ein unerbittlicher Tod ihn aus unsere« Reihe» rei­ße«. Stresemann war ein Stretter und ein Kämp­fer. Ihm war der Kampfeswille Lebensbedürfnis! Stresemann hat Gegner und Feinde die Menge ge­habt. Die Reichsregiernng ist aber bet Ueberzeugung daß die Geschichte dereinst, wenig beeinflußt vom Streite der Parteien in der schweren Nachkriegszeit, ihm gerecht werde» wird als einem Manne, der er­folgreich gearbeitet hat, »nb der für sei« Land und fein Doll gelebt hat und gestorben ist. Richt nut feine Gattin, nicht u»r seine Linder, sondern die weitesten Streife des deutschen Volles trauern nm diesen Manu."

Nach dieser Rede des Kanzlers wurde auf Vor­schlag des Vizepräsidenten Effet die Sitzung znrn Zeichen der Trauer um eine Stunde unterbrochen.

Stresemanns Werdegang

Dr. Stresemann ist am Ä). Mai 1878 als Sohn eines Gastwirtes tn Berlin geboren. Er studierte in Leipzig und Berlin Nationalökonomie und trat bereits im Alter von 24 Jahren in die Geschäfts­führung wirtschaftticher Vereine in Sachsen ein, die sich unter seiner Tätigkeit bald zum Verband Säch- stscher Industrieller ausdehnte». Diese Organisation gewann in den Jahren vor dem Kriege erhebliche Bedeutung und bildete mit das Kernstück des dama­lige» »Bundes der Industriellen". Schon in jun- gen Jahren ist Dr. Sttesemann in das politische Leben ««getreten. Es war auf dem Nationallibe- ralen Parteitag 1906 in Goslar, wo er erstmals mtt Ernst BMrmann zusammentraf, als er als Wort­führer einer Gruppe jüngerer Parteimitglieder an der Steuerpolitik der damaligen Fraktion Ktttik übte Im gleichen Jahre war er zum Stadtverordneten in Dresden gewählt worden. Bald aber sollte er Ge­legenheit haben, seine Fähigkeiten auf größerem Felde zu erproben. Bei deu Blockwahlen des Jah­res 1907 wählte ihn der erzgebirgische Wahllreis Annaberg nach lebhaftem Wahllampfe in den Reichs­tag. Es war ein alter sozialdemokratischer Stamm- sttz, der hier erobert wurde und der 1912 unter ver­änderten Verhältnissen knapp verloren ging. Scho» tot Jahre 1914 wurde Dr. Stresemann wieder in den Reichstag entsandt, diesmal durch den ostfriesischen Wahllreis Aurich. Nach dem Tode Bassermanns be­rief die Gesamtpartei den kaum Vierzigjährigen zu ihrem Führer.

Nach dem Umsturz war Sttesemann, fihrend an der Neubildung der deutschen Volkspartti beteiligt 1923 übernahm er nach dem Sturz des Kabinetts Cuno die Reichskanzlerschaft in einem Kabinett der Großen Koalalion. Dann war er Reichskanzler in einem Minderheitskabinett, und nach dessen Sturz ist er bis zu seinem Tode Außenminister in den ver­schiedenen nachfolgenden Kabinetten geblieben.

Die Beerdigung

Berlin, 3. Oktober.

Die Beerdigung Stresemanns wird voraussichtlich am Sonntag oder Montag stattfinden. Ob sie auf Staatskosten vorgenommen wird, steht zur Stunde noch nicht fest. Man rechnet damit, daß die Leiche Strefemanns im Reichstag aufgebahrt wird. Der heute in Mer Frühe benachrichtigte Reichspräsident v. Hindenburg, der am Sonnabend ohnehin nach Berlin zurückkehren Nwllte, wird voraussichtlich schon früher hi« Eintreffen.

In den Dispositionen für die in nächster Zeit ge­planten Veranstaltungen wird selbstverständlich eine Aenderung eintreten müssen. So dürfte der für Wochenende vorgefehene Flug des »Graf Zeppelin" nach Berlin all« Wahrscheinlichkeit »ach anssatieu.

*

Raturgiemäß ist es noch zu früh, über die folge Tr. Stresemans Voraussage» zu macken. maßgebenden Zentrumkreise» wird jedoch als Rach- fotger ter Sterne Breitscheid genannt Man «st dort der Ansicht daß für den FM einer Kandidatur Breitscbjeids das Reicksflnanzinlnifterium durch die Deutsche Volks Partei besetzt toeroen könne.

Es sei ferner daran erinnert, daß schon früher als mutmaßlicher Nachfolger Dr. Stresemanns für dem Fall, daß dieser sich fpäterhin zurückziehen würde, der Parteivörsttzende des Zentrums, Prälat Kaas, vielstutz genannt worden war.

Kassel kondoliert

Oberbürgermeister Dr. Stadler hat dem Reichs­außenminister Dr. Sttefemann unter Würdigung sei­ner großen Verdienste einen warmherzigen Nachruf gewidmet -----