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Kasseler Neueste Nachrichten
19. Jahrgang
Montag, 30. September 1929
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
Nummer 230
Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.
Verfrühte Krisengerüchie
DouuuseremBerliuerVertreter.
00-00
In neuem Gewände
Messerstiche erheblich verb
dem Kreiskrankenhaus ges
Oesterreich -raucht Ruhe
Wien, 30. September.
Verlag und Redaktion der Kasseler Neuesten Nachrichten
teils Nationalsozialisten, festgenommen.
Zu einem zweiten Zusammenstoß kam es ntn dieselbe Zeit am Wilhelmplatz in Eharlottenburg zwischen Nationalsozialisten, die in Spandau eine Versammlung abgehalten hatten, und Kommunisten. Hier konnte die Polizei rechtzeitig größere Ausschreitungen verhrnder»- Sie nahm fünf Personen fest.
Am 28. September fand im Preußische» Justiz- mmifterium unter, Vorsitz des Justizministers Dr. Schmidt die diesjährige Zusammenkunft der Ober- landesgerichtspräsidenten Preußens statt. Die Aussprache befaßte sich u. a. mit der Frage, ob mit Rück- sich auf mancherlei Vorkommnisse der letzten Zeit d-te Justizverwaltung in der Lage sei, die Gerichte bei der Auswahl von Vermögensverwaltern (Konkursverwaltern, Zwangsverwaltern, Nachlaßpflegerns im Sinne einer zuverlässigeren Auswahl zu unterstützen. Es wurde weiter erörtert, in welcher Weise die Ein- heiMchkeit der Rechtssprechung der Mevisionsgerichte " m Strafsachen besser als bisher sichergestellt werden' könnte, und wie sich dazu die einschlägigen Bestimmungen des Entwurfs zum Einführungsgesetz zum Strafgesetzbuch verhalten. Weiterhin beschäftigte sich die Aussprache mit den bereits bestehenden Bestimmungen zum Schutze der Justizbeamten gegen ehrverletzende und unsachliche Angriffe und im Zusammenhang damit den Bemühungen um ein vertrauensvolles Zusaururenapbeiten zwischen Justiz und Presse.
ein Beweis für die Richtigkeit meiner Erklärungen gewertet werden.
»Graf Zeppelins" polaffahrt
Friedrichshafen, 30. September.
Zur Vorbereitung der Polarfahrt des »Graf Zeppelin" sind in Friedrichshafen verschiedene Ausschüsse zusammengetreten. Einer vorbereitenden Sitzung am Sonnabend, unter Vorsitz von Professor Wegener von der Handelshochschule Berlin, folgten am Sonntag Sitzungen des technischen Ausschusses unter dem Bor-
Hessische Abendzeitung
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Die Regierung Schober hat also ihren ersten Sieg errungen, lleber die weiteren Aufgaben, die dem Mrbinett gestellt sind, schreibt Karl Anton Prinz Rohan, der He-rausge^r der bekannten Zeitschrift „Europäische Revue" u. a. folgendes: Bundeskanzter Schocher, langjähriger Polizeiprästdem von Wien, etn Mann, der sich in schwersten Stunden als Hüter der Ordnung und Staatsautorität bewährt hat, genießt im In- und Ausland größtes Vertrauen.
Die Politik des neuen Kabinetts ist sozusagen schick- solshaft vorgezeichnet. Jede österreichische Regierung, ob sie nun Streeruwitz, Schober oder anders hieß, müßte sie machen. Die laut erhobenen Forderungen nach Umbau des Staates müssen erfüllt werden. Die Heimwehren stehen hinter dem neuen Kabinett und werden es bei der Durchsetzung der Verfassungsreform gegen die Linke unterstützen. Dabei wird der Verlauf der Entwicklung wesentlich davon abhängen, wieweit die Sozialdemokratie auf dem Boden des Parlaments nachzngeben bereit sein wird. Die Erhöhung
Die Sondervorlage umfaßt sieben Paragraphen, zwei davon sind die wichtigste«, well ste die Bestimmungen über die BeitragserhöhunL-n enthalten, der eine die allgemeine Erhöhung um S Prozent, der andere die SondererhShung für die Saisonarbeiter nm VA Prozent. Der Parugroph mit dieser Sonder- erhöhnMg um 1% Prozent wird nun, wie sich gestern ergab, von allen Regierungsparteien abgelehmt »nt> bei der Iprozentigen allgemeinen Erhöhung werden nur die Sozialdemokraten mit Ja stimmen, die Deutsche Dolkspartri nach wie vor mll Nein, das Zentrum und die Demokraten wollen sich der Stimme enthalten. Es ist somit auch für diese allgemeine Erhöhung keine Mehrheit im Reichstag vorhanden, so d-tz das Sonder- gejetz mit einer Lücke so« zwei besonders wichtiges
Berlin 30. September.
Der auf heute nachmittag 3 llh-r anberaumte Reichstagssitzung sieht man aus verschiedenen Gründen mit großer Spannung entgegen. Auf der Tagesordnung steht bekanntlich lediglich die Reform der Arbeilslosen- versicherung, aber die Deutschnationalen und die Kommunisten haben offen angekündigt, daß sie die Besprechung anderer Gegenstände, vor allem der Außen- politll, mit großem Nachdruck fordern werden, so daß von Anfang an mit einer lebhaften Geschäftsordnnngs- debatte zu rechnen ist. Es ist jedoch nicht anzunehmen, daß diese Wünsche neuerdings in Erfüllung gehen, und die Sitzung selbst wird dann im wesentlichen mit der Beratung der Arbeitslosenversicherung ausgefüllt sein.
Die Vorbereitungen, die darüber bis zum Sonntag abend gedauert haben, hinterlassen den Eindruck, daß man auf halbem Wege stehen geblieben ist. so daß auch hier eine völlig ungeklärte Situation vorliegt. Das Zentrum hat am Sonnabend noch eine Fraktionsbesprechung abgehalten, die jedoch im wesentlichen nur den Standpunkt der Unterhändler gebilligt und die Fortsetzung der bisherigen Verhandlungen gutgeheißen hat. Es kam dabei auch gttt Behandlung der
stelle? sich die .Kasseler Nege*en Mächten heute -v? y A
ihren Lesern vor. Die Umstellung unseres' technischen Betriebes, die | §Fwga
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„ , , _____ , letzt. Ordnung mußte nach
' ..eschafft werden. Die Polizei hat insgesamt 12 Personen, teils Reichsbannerleute,
Paragraphen verabschiedet werde« müßte, da man sich nur über die anderen fünf Paragraphen darnnter die allgemeinen Bestimmungen über die Saisonarbeiter geeinigt hat.
Es ist nun aber nicht angängig, daß ein Gesetz mit einer so wesentlichen Lücke (es handelt sich um 150 Millionen) verabschiedet wird, und wenn sich in der ersten Lesung heute dieses Bild bestätigen sollte, so beabsichtigt die Regierung erneut, die Initiative zu ergreifen und dann voraussichtlich morgen bei der zweiten Lesung des Reichstages neue Vorschläge zu machen.
Jedenfalls verlautet mit Bestimmtheit, daß der Kanzler derartige Absichten hat. Es wirt» doch' mit Recht vermutet, daß diese Vorschläge in der Verknüpfung der Arbeitslosenversicherung mit der allgemeinen Finanzreform bestehen werden, über deren Grundsätze Reichsfinanzminister Hilferding bereits am Sonnabend im Kabinett referiert hat. Man wird zunächst den Erfolg dieser in Aussicht stehenden neuen Initiative der Regierung abwarten müssen, und insbesondere wird man bis dahin alle die kürzlich wieder aufgetauchten Krisengerüchte zurückzustellen haben.
der Machtbefugnisse des Bundespräsidenten wird wohl kaum Schwierigkeiten bereiten; ebensowenig die Entpolitisierung der obersten Gerichtshöfe, Administration und Heer.
Die Verhandlungen werden wohl efft dann ins Stocken kommen, wenn es um die Neuordnung des Verhältnisses von Wien und Ländern gehen wird. Die Linke wird zweifellos jeden Zentimeter ihrer Machtposition in Wien verteidigen. Die Heimwehren Zöllen aber gerade hier grundsätzliche Wandlung schaffen. So darf denn damit gerechnet werden, daß es nach Erlrt»igung der parlamentarisch erreichbaren Ver- fassuugsreform, sei es gelegentlich einer Präsidentenwahl, sei es in Neuwahlen, zur Ueberprüfung des wirklichen Mächteverhältnisses im Staate kommen wird, was deshalb zur endgültigen Konsolidierung der Innenpolitik Oesterreichs notwendig scheint, weil heute im laute» Lärm überhitzte: Propägaichatätigkeit der verschiedenen Lager kaum irgend jemand verläßlich die wirkliche Krästelagerung zu übersehe» vermag.
Die Alarmsüchtigen und Putschä-,Etlichen aber, die am klugen Menschenverstand der österreichischen Bevölkerung eine zeitlang gezweifelt haben, werden sich der Persönlichkeit Schobers beugen und aufhören muffen, die Welt mit Sensationsnachrichten über Oesterreich zu beunrrchigeu,
in Koblenz gefaßten Beschlüffe, wo man sich seinerzeit mit der Teilung der Materie beschästigt und mit der befristeten Sondervorlage einverstanden erklärt hatte.
Im Anschluß an die Zentrumsfraktioussitzung haben sich die sozialpolitischen Sachverständigen sowie die Regierungsparteien noch einmal über die heute im Sozialpolitischen Ausschuß zu verfolgende Taktik unterhalten. Dabei hat sich ein recht bemerkenswertes Resultat herausgestellt. Es handelt sich dabei natürlich nur noch um die Sondervorlage, da ja das Hauptgesetz vom Ausschuß schon angenommen wurde.
Meder politische Schlägereien
Berlin, zg. September.
Heute nacht kam es in der Köpenicker Landhaus- fiedlung Wendenschloß vor einem Lanzlakal zu Auseinandersetzungen und im Anschluß daran zu einer Schlägerei zwischen Nationalsozialisten und Reichsbannerleuten. Die Nationalsozialisten flüchteten mit der Straßenbahn, an deren Haltestelle es nochmals zu einer Schlägerei kam. Zwei Unbeteiligte, der Obermaat Mohr von der Mattofenschule Deutschland und der Schleffer Ordnung, beide aus Köpenick, wurden durch
sitze von Dr. Bleinstein-Berlin, des Ausrüstungsaus- schusses unter dem Vorsitze von Dr. Villinger-Frei- burg, des Funkentelegraphischen Ausschusses unter dem Vorsitze von Professor Walter Pungs, des Raviqattonsausfchusses unter dem Vorsitz von Dr Koppe-Berlin, des geographischen und ozeauographi- > schen Ausschusses unter dem Vorsitz von Geheimrat Peuck-Berlin und Professor Defant-Berlin, des Geo logifchen Ausschusses unter dem Vorsitz von Professor Nansen und des meteorologischen Ausschusses unter dem Vorsitze von Professor Dr. Weickmann-Leipzig.
Am heutigen Montag vormittag zehn Uhr begann die Vollsitzung im Kurgarten-Hotel, an der außer Nansen auch Dr. Eckener teilnehmen wird. Wie verlautet, werden an der Polarfahrt 35 Mann Besatzung und 13 Gäste teilnehmen, darunter Professor Dr Raufen, Professor Sverdrup-Oslo, Professor Weick- . —= ----- mann-Leipzig, Generalsekretär Walter Bruns, Dr
Hande», ?o daß das Sonder- Willinger-Freiburg, ferner ein Amerikaner imi> ei» --------------oder zwei Wrsses. ,
Die Heimwehr Wer Kabinett Schober
(Eigener Drahtbericht)
gleichzeitig mit der Verlegung unserer Verlags», Redaktions», Geschäfts» und Betriebsräume nach der Kölnischen Strafe 10 erfolgte, hat es nunmehr ermöglicht, unsere Zeitung vom heutigen Tage an in großem Formate erscheinen zu lassen. Ein häufig aus der Leserschaft der Kasseler Neuesten Nachrichten geäußerster Wunsch ist damit in Erfüllung gegangen.
Dem Wunsch auf Vergrößerung des Formats sind wir auch deshalb besonders gern nachgekommen, weil die ständig wachsende Bedeutung der Kasseler Neuesten Nachrichten nunmehr auch im Zeitungsbilde den entsprechenden Ausdruck findet. Zugleich erschließt uns diese Maßnahme aber auch neue Möglichkeiten zur textlichen Ausgestaltung unserer Zeitung. Die Ziele, denen wir seit jeher nachgestrebt haben, bleiben bestehen. Die Kasseler Neuesten Nachrichten haben sich immer stolz eine Heimat» zeitung genannt, und wir werden auch in Zukunft nur der einen großen »Partei“, die Heimat und Volk heißt, dienen. Aber nicht allein die Ausstrahlungen des heimatlichen Lebens aufzufangen, ist unsere Pflicht Wir wollen unsere Leser auch zu Miterlebenden und zu Mitbeurteilem der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Dinge, die außerhalb unseres Heimatgebietes vor sich gehen, machen. Die Einzel-Interessen des Heimatgebietes mit den übergeordneten Interessen des größeren Ganzen fa Einklang zu bringen, wird nach wie vor unser wichtigstes Ziel sein.
„Dienst an Heimat und Volk“, so lautet unsere Parole. Und unsere höchste Aufgabe sehen wir darin, unsere Leserschaft zu einem starken, stolzen Heimatbewußtsein zu führen und damit zugleich Brücken über die Klüfte, die sich in unserem Volke aufgetan haben, zu schlagen.
Unsere Leser dürften es begrüßen, daß der bisherige Abonnementspreis von Mark 2-30 monatlich auch weiter bestehen bleibt
«Bien, 30. September.
Der gestrige 29. September, dem die Bevölkerung mit großer Besorgnis entgegensah, ist m voller Ruhe und Ordnung verlaufen. In benotet Orten, dre der Schauplatz bei Heimwehraufmarsche waren, fanden schon Sonnabend große Kundgebungen des sozraldemo- kwtischen Republikanischen Schutzbundes statt, an tei sich auch die Wiener Abteilung dreser Organisatum ^Auch^Sonntag fanden zahlreiche, Eegenversammlun- gen der Sozialdemokraten statt. Diese großen Demonstrationen politischer Gegner hatten die Regwrung v - anlaßt, umfangreiche Sicherl^usvorkehrungen ZU tt s- fen. Große Teile der Wiener Polizei waren bermts Sonnabend nach Niederösterreich abgegangenen. um dort der Gendarmerie zur Verfügung gestellt zu wer- den. Ueberdies wurde das gesamte Bundesheer mobilisiert und in Bereitschaft gestellt. Ebenso war die gesamte Wiener Polizei den ganzen Tag tut De- MSie Heimwehraufmärsche in den vier Orten Niederösterreichs verliefen im großen und ganzen in voller Rübe In Mödling versammelten sich die Heim- weMormationen, darunter 3000 Mann aus Wien, auf einer Festwiese. Rach einer Feldmesse hteltM dm Vundesführer Dr. Pfriemer und Dr. St et dle ?nttt großem Beifall Ansprachen, in denen behe be* tonten daß die Heimwehr hinter der aeaenwarttgen Regierung stehe und diese bei der Durchführung tätet Abgaben auf das tatkräftigste unterstützenwerde^ Dte Kundgebung schloß mit einem Werbemarsch durch dm Stadt, mo die Bevölkerung die Hetmwehr lebhaft be- grichw. 10 p r a n außerhalb der Stadt die Feldmesse gelesen, an der etwa 12 000 Personen tetl- Strtnen. Es sprachen dann der Laiideshauptmann Rtederösterteichj Dr. Buresch. sowie wieder Tt- Pfriemer und Dr. Steidle. dessen Rede tn sehr schaffen Ausdrücken gehalten war und mehrere andere Heimwehrführer. Die Teilnehmer marschierten dann durch die Stadt und defilierten vor dem Rathaus, Zwettel versammelten sich mehr als 3000 Heimwehrleute aus dem Waldviertel. Ansprachen hielten der Düraermeister Neugebauer und mehrere andere Heim- wehrführer. Auch in Pöchlarn verlief die Heim- wehrkundgebung, an der 6000 Mann teilnahmen, ohne Störung. „ „ , t,
Zu kleinen Zwischenfällen kam es lediglich in Stockerau und Mödling, wo aber, wie gesagt, tut allgemeinen auch alles in Ruhe abging. In Stockerau tarn es mittags beim Abmarsch der Versammlungsteilnehmer zu einem Zusammenstotz bei einem Gemeindeneubau, den die Heimwehrdemonfttanten wegen einer angeblichen Provokation durch eine« Bewohner des Hauses stürmen wollten. Bei dreser Gelegenheit fiel auch von bisher unbekannter Seite em Schuß, durch den ein sozialdemokratischer Wehrturner verlebt wurde. Eia Gendarmerieaufgebot, das bald zur Steve war, konnte die Ordnung wieder herstelle«. Im gleiche« Orte kam es Sonntag abend zv Zusammenflötzen zwischen abziehcnden Heimwehrleuten und der Stockeraucr Bevölkerung, in deren Verlauf sich eine regelrechte Prügelei entwickelte, wobei die Heimwehrleute ziemlich arg verprügelt wurden. In Mödling wurden bei Zusammenstötzen zwischen Kommunisten und Wachleuten 57 Kommunisten festgenom- me«. Die Mehrzahl der Festgenommenen wurde nach Umstellung der Personalien wieder entlassen.
Einige weitere Zwischenfälle ereigneten sich gestern auch in anderen Orten Oesterretchs. So wird aus Graz berichtet, daß mehrere Angehörige des Hei- matschutzes und des Republikschutzbundes in Streit gerieten. Dabei wurde ein Heimatschützler und ein Schutzbündler verletzt. Ein anderer Schutzbündler, der auf der Flucht ein blutiges Bajonett weggeworfen hatte, wurde von der Polizei festgenommen und auf die Wachstube gebracht. Der Verhaftete gestand bei seiner polizeilichen Vernehmung, während eines Streites mit den Heimatschützlorn diesen Stiche mit dem Bajonett, das er unter der Windjacke verborgen gehalten «nd auf der Flucht weggeworfen habe, beigebracht zu haben. Der Täter ist in Hast behalten worden.
Die amtliche Nachrichtenstelle bemerkt zusammenfassend zu dem Verlauf des gestrigen Tages: Demnach scheinen die zuversichtliche Stimmung der Bevölkerung und die eingetretene weitere Beruhigung anlätzlich der Uebetnahme der Regierungsgeschäste durch das Ministerium Schober vollkommen grrechffertigt zu sein.
Ruhiger Verlauf des Heimwehrtages
Der erste Eieg des neuen österreichischen Kabinetts — Nur unbedeuiende Zwischenfalle — Vor Beginn der Veichsiagssefflon
Es kamt — «nd dafür legt auch der Sondetartikel des „3$orm6rts“ unzweideutig Zeugnis ab — keine Rede davon sei«, daß die Regierung eventuell zurück- tveteu würde, wen» die Reform der Arbeitslosen»--, ficherung auch jetzt wieder scheitern sollte. Wichtiger als diese Arbeit ist di-, Erledigung der mit dem Poung- plan zusammenhängenden Gesetze, und schon aus diesem Grunde kau« au einen Rücktritt des Kanzlers oder des Finlmzminifters tat jetzige» Zeitpunkt nicht gedacht werde«.
Der Entwurf des neue» Republikschutz- ge setz es wird voraussichtlich nicht die jetzt mitgeteilte Gestalt behalten, sondern im Kabinett voraus-
BundeÄanzler Schober erklärte einem Bertte- ter der Berliner Montagblätter über die Wirkung, die seins Regierungserklärung hervorgerufen hatte, u. a.: Ich muß meiner Verwunderung darüber Ausdruck geben, daß meine so klaren Erklärungeen von den Rednern der Opposition so falsch aufgefatzt worden sind. Ich halte es für durchaus demokratisch und für den etnzig möglichen Weg, eine so starke Volksbewegung, wie es die Heimwehr ist, nicht zu übersehen. Es wäre auch für die politischen Parteien Mer Richtungen gewiß ein schwerer Fehler, wollten sie an dieser Bewegung vorübergehen. Der einzig richtige Weg in einer Demokratie kann für die Regierung nur der sein, größtes Interesse für diese Volksbewegung zu bekunden ,ihr Verständnis entgegenzubringen und das Gute aus ihr herauszuholen und zu verwirklichen.
Je prompter und je zielbewußter die parlamentarische Maschine den ganzen Fragenkreis der Derfaf- fungsreform behandele und einer Erledigung zuführen werde, desto eher werde jeder Gedanke an Widersetzlichkeit verschwinden und unserem Volke und Vaterlande endlich die so notwendige Ruhe gegeben werden, die der Boden ist, auf dem Mein die Volkswirtschaft eine gedeihliche Entwicklung nehmen kann. T-r