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Kasseler Neueste Nachrichten

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Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 214 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig. Mittwoch, 11. September 1929 Einzelpreis: Sonntags so Pfennig. 19. Jahrgang

Aufklärung -erBombenattentate?

Zahlreiche Personen in Schleswig-Holstein und Berlin verhaftet / Darunterrandvolk"-IMtglieder

Sie Bombe in der Zigarrenkiste

Eigene Drahtazeldung

Beziehung standen. Zwei weitere Personen sind in den letzten Tagen geflüchtet, einer von ihnen nach Italien. Seine Adresse ist aber bekannt, sodaß er bereits weiter Verfolgt wird.

Itzehoe, 11. September.

Gestern nachmittag wurde im benachbarten Krempe ein angeblicher früherer Polizechaupl. mann Nickel im Zusammenhang mit den Bom­benanschlägen verhaftet. Der Verhaftete wurde schon längere Zeit verfolgt und gesucht. Er kam am Dienstag mit seinem Auto nach Krempe und stieg im ,Lremper Hof" ab, um mit dem Zuge nach Heide weiterzufahren. Kurz nach seiner Ankunft wurde er verhaftet.

ES wurde» sofort weitere Spuren aus­genommen, die nach Itzehoe gingen. Ei» riesi­ges Aufgebot von Kriminialbeamten und Lan- deSpolizei besetzte das Landratsamt, gegen das ein Anschlag geplant gewesen sein soll. Der gesamte Redaktionsstab sowie daS sonstige Per­sonal der hiesigen ZeitungDas Landvolk" wurden verhaftet. Ferner wurde der frühere Oberleutnant Quaeschke, der Geschäftsführer der Landvolkbewegung, in Haft genommen.

* * *

Teber die Verhaftung des ru,geblichen Poli- zechauptmanns a. D. Nickel in Krempe wird aus Itzehoe ferner mitgetcilt: In der Ange­legenheit der geheimnisvollen Bombenattentate lenkte sich der Verdacht der Polizei immer mehr auf einen bestimmten Personenkreis. Aus der Reihenfolge, in der die Attentate erfolgt waren, schloß die Polizei, daß eine Bombe von einem gewissen Nickel aus Heide in Holstein zu einem neuen Attentat auf einen anderen Platz ge­bracht werden sollte. Nickel, der ständig beobach. tet wurde, hatte dann ein Paket von Heide nach Hamburg transportiert und war nach Itzehoe zurückgefahren, wo er in der Redaktion der ZeitungDaS Landvolk" vorgesprochen hatte Inzwischen hatte die Polizei festgestellt, daß das Paket, welches Nickel nach Hamburg ge­bracht hatte, eine Höllenmaschine enthielt, die in eine Zigarrenkiste eingebaut worden war. Der Empfänger dieses Paketes in Hamburg wurde verhaftet.

Mit der Festnahme Nickels war für die Polizei der Kreis geschlossen. Nickel, der früher eine Wehrvereinigung in Heide und Usow ge­gründet hatte, wurde nach seiner Festnahme in Krempe zunächst nach Itzehoe und dann nach Altona überführt. Auf Grund der weiteren Untersuchungen wurden dann die bereits gc- meldeten Verhaftung bei der ZeitungLand­volk" in Itzehoe vorgenommen.

Wie die T. U. weiter hört, sind auch in ande­ren Teilen der Provinz SchleSwig-Holstetn Personen ans den Kreisen derLandvolk-Be- wegung" festgenommen worden. Die zuständt- gen amtlichen Stellen schweigen sich über die vorgenommenen Verhaftungen vorläufig noch

Der in der Bombenaffäre verhaftete ,Po- lizerhauptmann a. D. Nickel" ist -er Seiler der Wach» und Schließgesellschaft in Heide. Den Titel eines Polizeihauptmannes a. D- hat er sich selbst zugelegt. Er hatte in der Zeit der oberschlesischen Wirren dort selbst eine Ab- wehrkompagnie aufgestellt und sich als deren Führer mit dem HauptmannStitel auSgestattet

Der verdächtige Zordwagen

Wie die Polizei die Spur sand.

Itzehoe, 11. September.

Die Polizei war der Ansicht, daß die Lüne­burger Anschläge nicht von dortigen Einwoh­nern verübt sein konnten, sondern nur von Leuten, die mit einem Auto herübergekommen waren. Ihr Sitz mußte in Lstholstein liegen, und deshalb wurden dort mit Hilfe der Kri­minalpolizeibehörden und der Landjägerei alle Straßen Tag und Nacht beobachtet.

Ein Fordwagen. der bei alle» Ermittlungen immer wieder auftauchie, wurde besonders be­obachtet, und so gelang es, festzustellen, daß er nach Hamburg fuhr, wo man auch sein Ziel berauSbekam. In Hamburg führten die Nach­forschungen der Polizei in die Wohnung eines Kaufmanns, dessen Name jetzt mit Präger an­gegeben wird. Auf die Landvolk-Zeitung kam die Polizei dadurch, daß das Auto weiter ver­folgt und dabei festgestellt wurde, daß sein Insasse Nickel dort eine Unterredung hatte. Untere den in Holstein Verhafteten befinden sich drei weitere Leute: Kenl, Dammann und Johnston. die mit den Bomben Attentätern 'n

Verhaftungen auch in Berlin

Berlin, 11. September.

Der Polizeipräsident teilt mit: Auf Grund der Ermitllungen, die die Polizeiorgane feit längerer Zeit in Berlin, Hamburg und Schles­wig-Holstein geführt haben, find im Zusam­menhänge mit den in Hamburg und Schles­wig-Holstein erfolgten Verhaftungen am Mor­gen des 11. 9. 1929 in Berlin mehrere Perso- nen unter dem dringenden Verdacht der Teil- nähme an den Sprengstoffanschlägen vorläufig sestaenommen worden. Ihre Wohnungen und ArbeitSräume wurden durchsucht.

Es handelt stch um Ernst v. Salomon, der sich unangemeldet in Berl!» - rfhält, D- Srlinge:, bei oon «Giotn-'n «woh> hat, Werner Latz und H a u s Teschow. Die Festgenommenen stehe» in engsten Be­ziehungen zu den Kreisen der in Hamburg und Schleswig-Holstein festgenomisrnen Personen.

Weiter find einige Personen vorläufig fest genommen worden, die stch mit der theoreti- schen und prattischen Vorbereitung von Svrengstoffanschlägen befaßt haben. Ob diese Pläne mit den ausgeführten Anschlägen et-

London, 11. September.

In einer Rede vor den Bergarbeitern in Durham nahm Ma.cdonald zu -er Hal­tung Englands in den Haager Verhandlungen Stellung. Von gewisser Seite, so führte er aus, werde behauptet, daß England nur um die 2,4 Millionen Pfund gekämpft habe, eine Summe, die heutigen Tages keine Rolle spiele. Wenn 2,4 Millionen Pfund auf der einen Seite und Frieden und Ruhe in Europa auf der anderen Seite nur -er Erfolg gewesen seien, dann sei allerdings eine Regierung, die den Frieden in Europa um 2,4 Millionen Pfd, geopfert hätte, blind und unmöglich. England habe niemals die Nationen schlecht behandelt, die aus dem Kriege verschuldet seien, aber es gäbe eine Grenze. Solange er seine Stellung als Ministerpräsident inne habe und in Eng­land eine Arbeiterregierung an der Spitze fei, werde sie stets darauf bedacht sein, daß Eng­land seinen rechtlichen Anteil erhalten müsse.

Auf die englisch-amerikanisckftn Flöt- tenauSgleichsverhandlungen Bezug neh­mend sagte Macdonald, beide Rationen seien außerordentlich vorsichtig und wür­den nicht versuchen, mit dem Kopfe durch die Wand zu rennen. England schließe keine Bündnissd mit Amerika, daS müsse eindeutig festgestellt werden. Amerika fei viel z» weife, mit irgendeiner europäi- schc» Macht ein Bündnis abzuschließen, es sei, denn, daß daS Bündnis die Form eines Uebereinkommens habe, das moralischen Einfluß ausübe und den Friede» ficher- stelle.

Macdonald schloß: btn, wie immer,

außerordentlich optimistisch. Ich glaube nicht, daß die Schwierigkeit in der augenblicklichen Lage die guten Absichten und den aufrichtigen Zweck unserer Besprechungen über den Haufen werfen werden."

*

In der Frage des geplanten Besuches Mac­donalds in den Beretnigten Staaten glaubt man auf Grund von Berichten, daß der eng­lische Premierminister für sich und seine Toch­ter Plätze auf derBeringaria", die am 28. September nach Rewyork ausläuft, habe sichern lassen In London will man wissen, daß Mac­donalds Reise nach Amerika zu diesem Zeit­punkt angetreten Werve» dürfe.

Der parlamentarische Korrespondent der Times" teilt zum Besuche des englischen Premierministers in Amerika mit, daß bisher noch feine endgültige Entscheidung darüber ge»

was zu tun haben, bedarf noch der Aufklärung. Er handelt stch dabei um Hilfsrevisor Erich Timm, Arbeiter Herbert Mittelsdorf und Schlosser Kurt Rotzteutfcher und Mechaniker Heinrich Bauder. Bei dem verhafteten Teschow handelt eS sich um den Bruder des an dem Rathenau-Morde beteilig­ten Günther Teschow.

Haussuchung im Büro Ehrhardt

Berlin, 11. September.

Zu den Verhaftungen in Berlin meldet der Polizeibericht noch, daß Werner Laß früher Rotzbach nahestand, ihn aber später bekämpfte. Er ist Führer der Freischar Schill, deren tätigster Mitarbeiter Hans Teschow ist Die Aktion der Berliner Polizei, die zusammen mit den in Hamburg tätigen Beamter einen Ring um die Bombenattentäter zog, geht noch weiter. Deshalb ist die Polizei mit ihren Aeutzerungen außerordentlich zurückhaltend. Es ist nicht n»8geWnRen, daß noch weitere Lertzaftua,.en erfolgen, zumal die Spur noch auf andere Personen hinweist.

Zur Zeit findet eine Haussuchung int Büro Ehrhardt in der Lützowstratze statt, das von ehemaligen Angehörigen der Organi­sation Konsul" geleitet wird. Ob Kapitän Ehrhardt selbst belastet ist, kann noch nicht gesagt werden.

Dom Frieden zugewandt"!

Der Bischof von Ripon über seine Deutschlandreise.

London, 11. September.

Times" veröffentlicht ein Schreiben des Bischofs von Ripon, der an dem kürzliche» Be­suche von 20 Vertretern britischer Kirchen in Deutschland teilnahm. Die englischen Geistli- chen waren Gäste des Deutschen Rates des Weltbundes zur Förderung internationaler Freundschaft durch die Kirchen", (der bekannt­lich in Kassel seine Tagung abhielt. D. Red.)

Der Bischof erklärte: Ich bin sicher, daß in einem Punkte alle meine Kollegen überein- stimmen, nämlich, daß das wahre Herz der deutschen Christen dem Frieden zugewanvt ist, und daß daS Maß, in dem sich der Wille zum Frieden in der deutschen Politik Geltung ver­schaffen kann, nicht wenig vom guten Willen und dem Wunsch nach wtrllicher Annäherung abhängen wird, wie ihn die britischen Christen in der gegenwärtigen Zeit ihren deutschen Mit- Stiften zeigen. Früher oder später wird ein Versuch unternommen werden müssen, um die moralischen und materiellen Beschwerden, von denen ein großer Teil des deutschen Volkes be­drückt zu werden scheint, zu beheben, wen» der bestehende Wille zum Frieden sich schließlich durchsetzen soll.

Erholungsreise Ltresemanns

Genf, 11. September.

Reichsautzenminister Dr. Stresemann begibt stch Mittwoch nachmittag zu einem Er­holungsaufenthalt nach einem Ort der Zentral­schweiz. Er wird in zwei bis drei Wochen nach Berlin zurückkehren.

Paris, 11. September. Ministerpräsident Briand ist gestern nacht kurz nach 22 Uhr aus Genf kommend hier eingetroffen. Er begab sich sofort nach dem Quai d'Orsay. Aus bie Frage, ob er wieder nach Gens zurückkehren werde, antwortete er, er denke nicht daran Rur wenn die Ereignisse feine Aywesenheit in Genf notwendig machen sollten, werde er Ende dieser Woche wieder in die Völkerbundsstadt zurückkehren. Morgen Donnerstag wird ein Mintsterrat in Rambouillet stattfinden.

Zuftizreform

Man schreibt uns aus juristischen Kreisen: Der zweite Teil der laufenden Woche steht im Zeichen der Juristentagungen. In Hamburg wird am 12. und 13. September der 24. Deut­sche Anwaltstag abgehalten. Die deutsche» Notare fanden stch schon gestern und heute dorffelbst zu ihrem 13. Deutschen Notartag zu­sammen. Gleichzeitig mit diese» Hamburger Verhandlungen ist in Köln der 8. Deutsche Richtertag für Donnerstag und die folgen­den Tage anberaumt, und während die An­wälte in Hamburg einen Festakt zur Feier des 50jährigen Jubiläums der1878 erlassenen Justizgesetze begehen, lautet in Köln bei den Richtern neben dem Derhandlungsgegenstand Justiz und Presse" das Hauptchema:Bedarf es einer grundlegende» Justizreform?" Die streng an die Gerichtsverfassung gebun- denen Richterbeamten also und nicht die freien Rechtsanwälte scheinen als Stürmer und Dränger an die Front zu eilen, ein Beweis, wie brennend das Problem geworden ist.

Ei» schwacher Anfang wurde ja schon durch die sogenannte kleine Justizreform gemacht. In Preußen hat man dadurch eh Anzahl Richterkräfte eingespart. Die Arbeitslast der öernng vermiedenen Richte cposten ist durch immer verwickelter geSvrbt.;e,i Zustände und durch die Angliederung der Ar­beitsgerichte schier unerträglich geworden. Aehnlich wie in Preußen liegen die Dinge in den anderen deutschen Ländern. Soll man nun, und das ist eine Frage, die wahrscheinlich in Köln angeschnitten werde» wird, über die Reform, wie sie bisher schon eingeleitet wor­den ist, hinausgehen und die ganze Justiz, um Kosten zu sparen, radikal umbauen, etwa nach amerikanischem Muster Friedensrichter, also Richter ohne juristische Vorbildung, einführen? Soll man die Rechtsmittel beschränke», die In­stanzen vermindern, die Justiz .verreicklichen"?

Heber die Verreichlichung ist aus den letzte« Juristen- und Richtertagen schon viel gesprochen worden. Aber diese Frage hängt so eng mit der sonstigen VerfassungSresorm zusammen, daß man getrennt damit nicht vorwärts kommt. Verreichlichung, wenn sie wirklich betrieben wird, bedeutet zunächst ja auch nur Verschie­bung der Aufgaben und nicht Verringerung. Nun hat vor einiger Zeit der ehemalige Reichsjustizminister Schisser den Entwurf eines Gesetzes zur Neuordnung des deutschen Rechtswesens" herausgebracht, an dem auch schon viel herumgeredet und geschrieben wor­den ist. Schiffer forderte z. B. die völlige Aus­hebung der Amtsgerichte und ihre Verschmel- zung mit den Landgerichten in Form von Be­zirksgerichten. Gegen diesen Vorschlag wird sich besonders die Landbevölkerung auflehnen. Der Amtsrichter ist auf allen Gebieten der Rechtspflege eng mit den Einwohnern der kleineren Städte und der Dörfer verknüpft. Er erscheint doch sehr bedenklich, gerade im Zeit- alter der -Vertrauenskrise", diese Fäden der Verbundenheit zwischen Volk und Richter radikal zu durchschneiden und anstelle des Amtsrichters den im Auto durch die Gegend sausenden Bezirksrichter zu setzen. Und die Kosten einer solchen Reform? 2880 Amtsrichter müßten versetzt ober mit vollem Gehalt in den Ruhestand geschickt, neue Gerichte errichtet wer­ben. alte veröden. Und was bet Staatsbürger nach Jahren vielleicht an Kosten sparen würde, ginge an Reisekosten zum Bezirksgericht und an vermehrter Zeitversäumnis der Parteien und Zeugen wieder baronf.

Gin anderer Vorschlag: Einführung einer -niederen Gerichtsbarkeit", die durch besondere RechtSvfleger ausgeübt werden soll. Ihr wären die Streitigkeiten bis zu 50 Mark Wert Berufung soll allgemein unter 300 Mark ausgeschlost->n fei« twie jetzt schon Arbeitsgericht. Für Summen bis 10 Mark wird der Rechtsweg verweigert, wen» es sich nicht um Strei igeoenständ» von gründ» faßlicher Bedeutuna handelt. Aber hieraegen wird wobt eingewendet werden, daß der Arme sein Recht nicht bekomme.

Irgend ein Wea muß aber aefitnben wer« Prozeßsucht einzudämmen. Und Wichtigste für die Justizreform: Einschrän- mng der Gesetzgebung. Was <st aus der Vorlage des früheren Reichst"«;? geworden, bte den Zweck hatte. W» noch oülttg-m Reichs- oesetze zusammen, usasten und dadurch die Rechtsfindung zu vereinfachen» Auch diese Seite der Angelegenheit man sowohl in Hamburg als mich i-t jjr(» bearbeiten.

Sptimist Macdonald

Eigene- Drahtbericht.

troffen worden sei, ob die Reise in diesem Jahre ftattfinben wird. In ministeriellen streifen hofft man aber, daß die diesbezügli­che Entscheidung bereits innerhalb der nächsten Tage bekannt gegeben wird.