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Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

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Nummer 205 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig. Sonnaberid/Sonntag, 31. Aug./l.Sept. 1929 Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19* Jahrgang

Englands Räumungspläne

Abmarsch der ersten Truppen am 14. September / Damr der Räumung ungefähr drei Monate

Besehle des Kriegsmimsteriums

Eigene Drahtmeldung

London» 31. August.

Das SriegSmInisterium hat nunnlehr gestern abend bekannt gegeben, datz mit der Zurück­ziehung der englischen Truppen aus Dem Rheinland am 14. September begonnen werden soll. Die Räumung deS Rheinlandes durch die englischen Truppen wird der offiziellen «nkün-

brgung zufolge annähernd drei Monate dauern.

Mit dem Abtransport der Familien der englischen Soldaten wird zuerst begonnen. Als erstes Truppenkontingent wird daS zweite Bataillon deS Leicester-Regiments und al- letztes daS erste Bataillon des Effex-RegimeniS aus Deutschland zurückgezogen werden.

DaS KriegSministerium hat über die Zu­rückziehung der britischen Truppen aus dem Rheinland verfügt: Die Truppe» weroen über Ostende-Dover befördert werden. Die Heiuibe- förderung der Tiere erfolgt über Antwerpen- Harwich. Das schwere Gepäck, der Proviant- und Wagenpark werden auf Kähnen den Rhein herunterfahren und dann zu Schiff nach ver- schiedenen Häfen Englands gebracht werden

.ES kebe Briand, eS lebe der Friede" begrüßt. Briand begab sich daraus nach dem Quai d'Orsad.

Die Lösung der Kontrollfrage

Bon unserem Berliner Vertreter.

Berlin, 31. August.

In den Diskussionen über das Haager Er­gebnis spielt auch heule die Kontrollfrage wieder eine gewiffe Rolle. Nachdem nun auf amtlichem Wege der Wortlaut d«S im Haag unterzeichneten Protokolls bekannt gegeben worden ist, läßt sich auch nachprüfen, inwieweit die Vermutungen über Dauer-Kontrolle richtig sind.

Der entscheidende Satz des Haager Proto­kolls lautet mit Bezllg auf die Artikel 42 und 43 des Versailler Vertrages (Angelegenheiten der entmilitarisierten Zonei wie folgt:

Wenn eine derartige Schwierigkeit auf- tauchen sollte, so wird sie entweder der deutsch-belgischen BergleickSkommifsion oder der deutsch-französiscken Veraleichskommis. sion unterbreitet werden müssen".

Dieser tune und harmlos erscheinende Satz ist politisch t on großer Tragweite, denn es

fehlt darin die bisher gültige Bestimmung, daß die Vergleichskommisstonen nur für die poli­tischen Fragen zuständig seien, während ihre Anrufung in Rechtsstreitigkeiten von der beiderseitigen Zustimmung Deutschlands und Frankreichs bzw. Belgiens abhängig war. Diese beiderseitige Zustimmung ist (und daS wird auch durch die Erläuterungen von zu- ständiger Seite in Berlin bestätigt) künftig nicht mehr notwendig und darin liegt tatsäch­lich eine Erweiterung der Befugnisse dieser Vergleichskommissionen.

Ratstagung Ak. 56

Genf, 31. August. Unter dem Vorsitz deS persischen Ratsmitglieds F o r u g h i, Botschaf­ter, in Angora, ist gestern vormittag kurz nach 11 Uhr der VölkerbundSrat zu seiner 56. Rats­tagung zusammengetreten.

Die Tagung begann mit der üblichen vertrau­lichen Sitzung, in der die Tagesordnung geneh­migt und verschiedene administrative Angelegen­heiten erledigt wurden. In der anschließenden öffentlichen Sitzung wurde ein Bericht über die internationale Vereinheitlichung der amtlichen Arzneimittel - Verzeichnisse entgegengenommen Der Rat genehmigte dann ferner einen Bericht des italienischen Ratsmitglieds über den Stand der Ratifikationen der unter den Auspizien des Völkerbundes abgeschlossenen internationalen Konventionen. Schließlich nahm der Rat von einem Wunsch« der Regierung des Iraks zum Beitritt.zur Genfer Opiumkonvention vom Jahre 1L25 Kenntnis.

Alarmnachrichten aus PalSstina

Stresemann reift direkt nach Genf?

Von unserem Berliner Vertreter.

Berlin, 31. August.

Die Reisedisposttionen der tm Haag werten­den Münster sind auch heute noch nicht genau bekannt-. Während man blsher annahm, daß die Berliner Kabtnettsmitglleder sich an den Rhein begeben würden, um dort mit den Haager Kol­legen zusammenzutreffen, har sich durch das vor- läufige abschließende Ergebnis der Haager Be­sprechungen die Lage in dieser Hinsicht geän­dert. Dr. W i r r h, Dr. E u r t i u s und Dr. HUfer ding werden in den nächsten Tagen ohnehin nach Berlin zurückkehren, sodaß die

nächste Kabinettsttzung am Montag oder am DonnerStag in Berlin

stattfinden kann. Dabei wird es sich um eine Berichterstattung über die Genfer Verhandlun­gen, sowie um die Billigung der von der Dele­gation betriebenen Politik durch daS gesamte Kabinett handeln. An dieser Billigung selbst ist natürlich nicht tm geringsten zu zweifeln.

Es wird nicht für unbedingt notwendig er­achtet, datz der Autzenminister persönlich an die­ser Kablnettsfltzung teilnimmt, da ja drei seiner Kollegen mit ihm zusammen im Haag waren.

Es ist noch nicht bekannt, ob Dr. Stresemann am Montag nach Berlin kommen wird, oder ob der Autzenminister bereits am Sonntag direkt vom Haag nach Genf fahren wird.

Dabet spricht auch der Umstand mit, datz Mac- donald und Briand heute bereit- nach Genf fah­ren werden, und daß Dr. Stresemann gern ein­mal mit Macdonald zusammentrefsen möchte, der seinerseits nur einige Tage in Genf zuzu- bringen beabsichtigt.

*

Die .Vossische Zeitung" meldet aus dem Haag: Der Reichsminister Dr. Wirth sagt«. alS er die Sitzung der einladenden Mächte vor- ließ, zu den ihn umringende» Journalisten: .Ich stelle mich Ihnen nunmehr als ehsmalt- gen Minister der besetzte» Gebiete und setzigen Minister der befreiten Gebiete vor."

Briand in Paris

Pari«. 31. August

Der französische Ministerpräsident Briand kam gestern abend 7.40 Uhr auf dem Nord­bahnhof an Briand sah, als er dem Salon- waaen entstieg, ziemlich angegriffen auS. Bot schafter v Hoesch. der sich auf dem Bahnsteig eingefunden batte begrüß-« den Ministerpräsi­denten herzlich Di« beiden Staatsmänner unterhielten sich einige Minu'en miteinander Briand sagte dem deutschen Bolschafirr lächelnd: Sie sehen, «8 ging nicht ,u schlecht" MS Briand den Bahnsteig verlietz. wurde er von einem zahlreichen Publikum mit dem Ruf:

Eigen«'

London, 31. August.

In Palästina ist eine neue beunruhigende Wendung eingetreten, da nach einer Mitteilung deS britischen Kolonialamtes große arabische Streitkräfte die syrische Grenze überschritten haben. Den Arabern sind Flugzeuge entgegen« Seschickt worden, die den Vormarsch zum Still- and bringen sollen. Einzelheiten stehen zur Zeit noch aus. Dagegen wird berichtet, datz die Agitation in Syrien, die eine Unterstützung der Araber in Palästina zum Ziele hat, bedeutend an Umfang zunimmt.

Jüdische Siedlung überfallen

London, 31. August.

Ein neuer Angriff ist einerCentral NewS- Meldung zufolge von Arabern auf die jüdische Siedlung Safed, ungefähr 20 Kilometer von Liberias, unternommen worden. Die Araber töteten sechs Juden und verwundeten 29, plün­derten eine Anzahl Häuser und setzte» sie dann in Brand. Zum Schutz gegen weitere arabische Ueberfälle ist ein Teil der jüdischen Bevölkerung von Safed in Polizeibaracken unter geb rächt worden

Bon englischen Marinesoldaten wurde gestern ein anderer Angriff von Arabern auf die Stadt Gaza im letzten Augenblick verhindert und die beutegierigen Araber vertrieben. Auf zwei in der Nähe von Jerusalem gelegene arabische Dörfer habe» englische Truppen einen Angriff ausgeiührt, um die den Arabern bei ihren Ueberfällen auf jüdische Siedlungen in die Hände gefallene Beute zurückzuerobern. Bei dem sich daraus entspinnenden Kamps wurden zwölf Araber getötet; die Engländer hatten keine Verluste.

Palattlnas Bedeutung für England

Anläßlich der Araderunruhe» in Palästina raucht unwillkürlich die Frage auf. warum dem an Kolonien so unendlich reichen England so­viel an dem Mandat (lies Besitz! von Palä­stina liegt.

Sei» Besitz: ist tatsächlich weit wichtiger, alS gemeinhin angenommen wird. Denn 1936 muß her Suezkanal laut Vertrag an Aegypten übergeben werden. Englands Konttolle dörr dann auf. dadurch würde im Kriegsfall die Verbindung »ach Indien gefährdet sei». Es bandelt sich daher für England darum, mtiet Umgehung deS Kanals eine Sandderbindung nach dem persischen Meerbusen und damit wer­ter »ach Indien zu schaffen.

Der Ausgangspunkt dieser Verbindung am Mittelmeer muß in Palästina liegen; denn Syrien, daS einzige »och in Frage kommende

Drahtbericht.

Lantz, hat Frankreich sich gesichert. DaS jetzt oft genannte Haifa an der palästinischen Küste ist von Natur für einen große» Flonenstütz- punkt wie geschaffen.

Zwischen Palästina und dem Irak (Meso­potamien) liegen die nördlichen Ausläufer der arabischen Wüste. Ein Verdrängen der wilde» Stämme auS dieser Gegend weiter nach Süden ist England zum Teil geglückt. Wenn auch seine Verhandlungen mit dem mächtigen Be­herrscher aller dieser Stämme, dem bekannte» Sn Saud wegen der großen und wichtigen fe Djuf, dem gegebenen Stützpunkt für arabische Truvpenansammlungen, die Oase hat über 15000 Einwohner noch keinen Er­folg hatten, so wird dies doch auf die Dauer gelingen.

DaS Einrichten einer Autolinie von Haifa nach Bagdad soll eine der ersten Maßnahmen sein. Die Trace für die Bahnlinie Haifa-Bag- dad wird nach einer sicheren Nachrichi au? Haifa in aller Stille schon vermessen Durch diesen englischen Bahnbau von Westen nach Osten ist das Bagdad-Bahnprojekt erledigt.

Hier kommt ein zweiter wichtiger Punkt England hat sich verpflichtet, eine Oelleitung von den Oelfeldern bei Mossul bis anS Mittel­meer zu legen. Jetzt geht ein ernsthafter eng­lischer Plan dahin, die sehr empfindliche Röh- renleitung nicht zu bauen, sondern dies Pro­jekt mit dem Dahnproiekt derart zu vereinen, daß die Bahn das Oel zum Meer bringt und in den Leerwaggons billig Ware ins Innere befördert. Dann würde sich die für strategische Zwecke erbaute Bahn rentieren und ihre Ueberwachung durch Panzerwagen, und Flie­ger, könnten zum großen Teil auch noch die Petroleumgesellschaften befahlen. Im Irak werden die zwischen dem Persischen Golk und Bagdad vorhandenen Schmalspurbahnen all­mählich weiter ausgebaut.

Am Mittelmeer verfügt England über die tm Kriege herpestellle Bahn von Palästina nach dem Suezkanal, wodurch eS diefen nach 1936 flankiert. Ein weiteres Ba-bnprojekt am Mit­telmeergestade ist die Strecke nördlich Haifa; eS handelt sich hierbei um Dollenduna hc-r un» unterbrochenen Eisenbahnverbindung Dkutari Kairo, man könnte dann im Anschluß an den Orient-Erpreß aus dem Landweg nach Aegyp­ten kommen.

Schließlich ist auch Palästinas Bedeutung kür die Luftverbindung nach Indien sehr groß Bereits vor zweieinhalb Jahren ist die Strecke Kairo-Palästina- Bagdad - DaSra-Karachi (in Nähe der Mündung des InduSi eröffnet wer­den. Be, der ständigen Vervollkommnung der Flugzeuge bedeutet das ein dauerndes Wach­se» an Transportmitteln und Gefe-btskrast Bezeichnenderweise hat England in Palästina 24 und Im Irak 140 Militärflugzeuge dauernd stationiert.

Bom Haag nach Gens

W. P. ES ist diesmal alles viel leiser vor sich gegangen als sonst. Ohne das Drum und Drau, das den Beginn der Genfer Völker­bundsfeste anzukündigen pflegt, hat die dies­jährige Ratstagung, der Zahl »ach die sechs- undfünsrigste, ihren Anfang genommen. Eine Anzahl der prominenten Ratsmitglieder fehlte noch bei dem Eröfsnungsakt, und die zweite Garnitur, die zunächst die Geschäfte der betref- senden Länder i. V. führt, wußte, was sich schickt. Sie übte sich in bescheidener Zurück- Haltung und wartet auf den Tag, an dem die Großen auf der Genfer Bildfläche erscheinen werden. Vorläufig aber mühen sich diese Män­ner mit bekanntem Namen im Haag noch da­mit ab, die letzten Streitfragen, tote man so schön sagt, zubereinigen", oder sie verschnau­fen sich, soweit sie der holländischen Residenz bereits den Rücken gekehrt haben, von den Strapazen der letzten Wochen. Und auch die Oeffentlichkeit hat noch kein rechtes Interesse für das, was in Gens gespielt wird. Sie hat genug damit zu tun, die Haager Nachrichten, die ihr in den letzten 48 Stunden vorgesetzt wurden, zu verdauen.

Begreiflicherwe^: -will weiten Kreisen bei deutschen Volkes die Haager Kost nicht recht munden. Wenn schon der Poungplan bei uns auf starken Widerstand gestoßen ist, so müssen die neuen finanziellen Zugeständnisse, tue von unseren Delegierten im Haag gcmaeg. wurden, natürlich noch stärkere Bedenken wecke». ES ist tatsächlich so, datz Deutschland auf finanziellem Gebiete eigentlich in allen Fällen der Gebende ist. Ein abschließendes Urteil über die Haager Ergebnisse wird aber nur möglich fein, wen» man die finanziellen Opfer mit den Erträg­nissen der politischen Verhandlungen in Der- gleich setzt.

Von einer vom Außenministerium infor­mierten Stelle ist erklärt worden, daß die Konferenz eine nahezu hundertprozentige Er­füllung unserer politischen Forderungen ge­bracht habe. Was damit verkündet wird, ist zu schön, um wahr zu sein. Diesem offiziösen Optimismus steht denn auch die Meinung »er Opposition schroff gegenüber, die rundheraus von einer völligen Niederlage StrefemannS spricht. Die Wahrheit dürste also zwischen den beiden Extremen liegen!

Zunächst ist ein Gewinn festzustellen: Für die Räumung sind nunmehr endlich feste Ter­mine angegeben worden. Allerdings hat Briand auch in btefen Freudenbecher ein paar Wer­mutstropfen gemischt. Mit der sofortigen Räumung, die ursprünglich auf unserem Pro­gramm stand, ist es nichts geworden, die fran­zösischen Truppen werden noch einige Monate länger im Rheinlande stehen, als wir erwar­tet hatten. Und weshalb ist eigentlich bet Endtermin für die Räumung auf doppelte Weise, einmal mit dem 30. Juni 1930 und zum anderen mit acht Monaten nach der Ratifika­tion deS PoungplaneS, bestimmt worden? E- wird zwar in dem KommuniauL ausdrücklich gesagt, datz sich diese beiden Angaben auf se- den Fall decken sollen, aber eS wäre immerhin denkbar, daß diese Bestimmungen, worauf selbst die dem Außenminister nahestehendeKölnische Zeitung" hinweist, zu spitzfindigen Auslegun­gen Anlaß geben könnten. In der Kontroll­frage mutz anerkannt werden, daß die deutsch« Delegation die französischen Forderungen auf ein Minimum herabgetzrückt hat. und eS Ist nur zu wünschen, daß die Auffassung, nach der die jetzigen Vereinbarimgen von Briand weniger aus prakti-'chen als auch auS taktischen und innervolitifchen Gründen gewünscht seien durch die Wirklichkeit als richtig erwiesen werde.

Alles in allem muß gesagt werden, daß dar Haager Ergebnis nicht einfach »ach dem Partei­politischen Schema beurteilt werden kann. Wenn es auch alles andere alS ungetrübte Freude bereitet, so verdient eS doch eine gründ­liche, sachliche Prüfung, bei der das Agitato­rische ausgeschaltet werden muß. ES wird in den nächsten Wochen noch mehrfach Gelegenheit fein, zu diesen Dinge» Stellung zu nehmen.

Am heutigen Sonnabend gehe» also die Haager Verhandlungen zu Ende Und wen» bann die Aufregung, die diese Konferenz in der europäischen Politik verursacht hat, ein wenig verebb: ist. wenn die Prominente» In der Völkerbundsstadt erschienen sind, bann wirk sich baS politische Interesse auch toleber aus die Genfer Verhandlungen, die, tote gesagt, am Eröffnungstage matt und ruhig verliefen, konzentrieren Der Ratstagung wird die Voll­versammlung folgen. Und welch Ereignis! Mit dieser Vollversammlung begeht der Vöb-