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Kasseler Abendzeitung

Donnerstag, 29. August 1929

«metctTOrttfe: (Untat jÄrwsfi mmSette 46 4. Cfft' 5 Tag«» igblbat. m sowie tüi Ausnahme»« besonder» schwierigem

Nummer 203 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19» Jahrgang

iller durch Sernwrechcr ausgegebenen Anzeigen MSOTÄÄ V«F«?Ä" «ä!

Mseler Nmeste Nachrichtea

Hessische Abendzeitung ____________

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Gras Zeppelin" am Ziel

Das Luftschiff beute mittag 1344 Wjr in Lakehurst gelandet / Die Xriumvhfahrt durch Amerika

KansaS City

Himmel.

lichen ...... ......

seid stieg sofort ein Flugzeuggeschwader auf, um denGras Zeppelin" zu begrüßen und über die Stadt zu geleiten. Von zahlreichen Flugzeugen umschwebt, kreiste das Riesenluft­schiff einmal um die Stadt und entschwand dann in nordöstlicher Richtung im Wolken-

gesunden, um das Luftschiff mit Jubel zu be­grüßen.

Um 5,30 Uhr M. E. Z. erreichte das Luft- schiff Cleveland in Ohio. Hier hatten sich schon am Nachmittag 140 000 Menschen, die größte Menschenmenge, die Cleveland fe ge­sehen, eingefunden, um den Zeppelin zu erwar­ten. Das Luftschiff überflog die Stadt mit ziemlicher Geschwindigkeit in ungefähr 300 Metern Höhe, über der Luftfahrtausstellung eine Schleife ziehend.

Weiter sind folgende Standorte zu oer- zeichnen: 5,57 Ubr M. E. Z. Mron (Ohio). 6,56 Uhr Newcastle (Pennsylvanien). 8,45 Uhr Bellefonte.

Der Flug desGraf Zeppelin" durch die Vereinigten Staaten gleicht einem crnzmen großen Triumphzuge. Ukberall bietet sich das gleiche Bild; große Scharen von begeisterten Menschen, die bewundernd zum Himmel bucken und dem Wunderfahrzeug zujubeln. Dte Zei­tungen sprechen von einem beisprellosen Sre- geszug des deutschen Luftschiffes.

Ueber den Verlauf des Fluges, den wir gestern bis an die Grenze von Oklahoma der- folgt hatten, ist folgendes zu verzeichnen: Don Oklahoma aus flog das Luftschiff nach

Hochbetrieb in Lakehurst

Newyork, 29. August.

Ueber das Leben und Treiben in Newyörk und Lakehurst vor der Ankunft des Zeppelins wird berichtet:

Während in Newyork die ersten Morgenaus­gaben der Blätter herauskommen. Nähert sich

Lakehurst, 29. August-

Die Sirenen-Signale, die die Landemann­schaften des Flugplatzes zusammenriefen, wur­den um 10,45 Uhr m. E. Z. gegeben. Um 10,42 Uhr m. E. Z. wurde aus Lehigh, das etwa hundert Kilometer südwestlich von Newyork liegt, gemeldet, daß das Luftschiff den Ort passiert habe.

Kurz «ach 12 Uhr m. E. Z. trafGraf Zep- Pelin" über Newyork ein.

Um 12,58 Uhr m. 6. Z. erschien daS Luft- schiff über Lakehurst. ES machte zunächst noch eine Schleifenfahrt. Um 13,10 Uhr wurden die Haltetaue von den Haltemannschaften ergriffen. Um 13,14 Uhr war die Landung vollzogen.

Das Luftschiff hat die Weltreise in 21 Tagen und 5 Stunden zurückgelegt.

Zeppelins Siegeszug

Newyork, 29. August.

hatte sich auf den Plätzen eine Riesenmenge angesammelt. Die Dächer im Geschäftsviertel wimmelten von Menschen. Im Geschäftsbetrieb der Stadt trat vorübergehend eine vollkommene Stockung ein. Es herrschte jedoch schlechte Sicht, da die Wolken niedrig hingen. Um 16,39 Uhr M E. Z. erreichte das Luftschiff den südwest- Autzenbezirk der Stadt. Auf dem Flug-

Unpassende Scherze. Die englische Be- -satzungSbehörde hatte vor einiger Zeit die Ge- nehmtaung für Rundslüge aus dem WieS- baden-Mainzer Flugplatz erteilt. Hierzu wurde aus dem Flugplatz erne 1500 Quadratmeter große Klugzeuahall« errichtet. Nunmehr hat dar englische Oberkommando in Wiesbaden die Rundslüge verboten und dem Flieger ein Ultimatum gestellt, innerhalb 24 Stunden von dem Berkehrslandeplatz abzusliegen.

Wettflug in 21 Tagen und 5 Stunden

Eigene Drahtmeldung

daS Luftschiff immer mehr seinem Ziele, dem Flugplätze von Lakehurst. Ueberall hört man die gleiche Frage: .Wann wird der Graf Zeppe- lin die Hudson-Metropole überfliegen ! Un­zählbar ist die Masse derer, die fest entschlossen sind, die Nacht über aufzubleiben, um die lieber« fliegung mitzuerleben.

In Lakehurst herrscht gleichfalls schon lebhaf- ter Betrieb. Alle Straßen, die zum Flugplatz führen, sind schwarz von Menschen und Fahr­zeugen. Man erwartet in Lakehurst über 2ÖÖ 000 Besucher. Neben Botschaftsrat Kiep und Staats- sekretär Dr. Meißner sind bereits zahlreiche andere maßgebende Deutsche, sowie viele ameri­kanische behördlich« Vertreter auf dem Flugplatz eingetroffen.

Wie hier bekannt wurde, beabsichtigt Dr. Eckener, sofort nach der Landung nach Was­hington abzureisen, um dem Präsidenten Hoo­ver^ und dem Marineamt einen Besuch abzu-- statten.

gestern bis an Die <= folgt hatten, ist folg, Oklahoma aus slc Kansas. In

Von KansaS auS flogGraf Zeppelin" wei­ter nach Norden. Nachdem er den Mississippi bei Davenport überflogen hatte, überquerte er den Staat Illinois und wurde um.23,25 Unr M. E.Z. über

Chicago, gesichtet. Die Presse widmet der Ueberfliegung Chicagos durch denGraf Zeppelin" ganze Spalten. Besonders eingehend wird geschil­dert, wie das Luftschiff beim Erreichen der Stadt salutierte, indem «s sich fast stehend nach vorn neigt«. Dieses Manöver sei so geschickt durchgeführt worden, daß die Menschen die Verminderung der Geschwindigkeit kaum be- merkt hätten.

0.25 Uhr wurde daS Luftschiff von Laporte (Indiana) aus über dem Michigansee gesichte:. 1.30 Uhr M. S. Z- überflog ez die ' Stadt Michigan.

140 000 in Begeisterung

Um 3 Uhr 19 M. E. Z übersiog das Luft- schiff'Graf Zeppelin" Detroit. Der Emp­fang in Detroit stand nicht zurück hinter de" Enipfang, den andere Städte dem Luftschis bereiteten. Alle Dächer waren dicht besetzt, ei« Riesenkonzert von Sirenen und Hupen begrüßte das Luftschiff, das so niedrig flog, daß man im Scheinwerferlicht den Namen lesen konnte. Während des Umkreisen» der Stadt blinkte auS einem Kabineufenster ein Licht auf, in Erwide. rung der Begrüßung. Auf der ganzen Fahrt durch Michigan, die fast ständig einer Haupt- landstraße folgt«, hatte sich von weit her die Landbevölkerung an dieser Straße zusammen­

3er Endkampf im Haag

Eigene» Drahtbericht.

Haag, 29. August.

Die Haager Konferenz ist wieder mitten in der schwersten Krise, sogar in der ernsthaftesten die sich in den verflossenen drei Wochen erlebt hat.

Die Besprechungen der sechs Mächte began­nen gestern vormittag kurz nach 11 Uhr und wurden am Nachmittag fortgesetzt. Sie wurden dann wegen des Diners, zu dem die englische Delegation geladen hatte, unterbrochen und in später Abendstunde im englischen Quartier wieder ausgenommen. Obwohl die Minister bis 2 Uhr nachts verhandelten, wurde kein Er­gebnis erzielt.

Soweit man erfahren konnte, ist es auch in dieser Besprechung wiederholt hart auf hart gegangen. Die Verhandlungen trugen durch- aus den Charakter einer Generaldiskuffton aller auf dem Konferrnzprogramm stehenden Fragen und haben sich nicht etwa nur auf die einzelnen Probleme beschränkt. Die Alliierten haben dabei an ihren finanziellen Forderun­gen festgehalten.

Minister Dr. Wirth verließ eine halbe Stunde vor den Übrigen Delegationen da» SihungSzimpter um halb 2 Uhr nachts und erklärte den Journalisten in sichtlicher Er­regung:Wir sind nicht fertig geworden. Um 11 Ubr morgen vormittag verhandeln die Mächte weiter. ES darf nicht alles zu Lasten Deutschlands gehen, wenn Herr Snowden 100 Prozent verlangt. Man mutz auch uns Rech- nung tragen und eS müssen alle Teile etwas zur Einigung beitragen,"

Bei der deutschen Delegation toutbe UNS von maßgebender Seite erklärt, daß die Be­sprechungen im Laufe des Mittwoch keinen Schritt weiter geführt hätten, und daß man z Zt. noch am gleichen Punkte wie am Mon­tag abend nach der Einigung der Gläubtger- mächte stehe. Die Lage sei zwar ernst aber doch nicht aussichtslos. Die Verhandlungen werden heute vormittag 11 Uhr in der politi­schen Kommission, der die sechs einladenden Mächte angehören, wieder aufgenommen.

Die Streitobjekte

(Von unserem Berliner Vertreter.)

Berlin, 29. August.

Der Schlußkampf im Haag, der voraussicht­lich heute zu Ende gehen wird, spitzt sich nach der in Berlin herrschenden Anschauung immer mehr aus ein Abwägen der finanziellen und der politischen Forderungen gegeneinander zu. Die Finanzfragen gruppieren sich deutlrch in vier verschiedenen Einzelproblemen:

1. Soll Deutschland auf die 220 Millionen Ueberschutz verzichten, die sich auS der

Ueberschneidung des DaweSplaneS mit dem Noungplan ergeben.

2. Sollen wir auf 79 Mill. Mark verzichten, welche sich aus 55 Millionen Eisenbahn­obligationen und 24 Millionen Beförde­rungssteuer zusantmensetzen. Beide sind jedoch erst im September fällig und wer­den deshalb von uns als unser Eigen- tum reklamiert.

3. Verhandelt man über die Erhöhung der ungeschützten Annuitäten von 660 auf 700 Millionen. ES steht jedoch fest, daß es fick dabei nicht um eine Erhöhung der Gesamt-Annuitäten, sondern ledig­lich um eine Verschiebung des geschützten und ungeschützten Teiles der Annuitäten handelt.

4. Fordern die Alliierten von nnS, daß wir auch nach nem 1. September Lesatzungs- kosten zahlen sollen.

ES ist ganz deutlich zu erkennen, daß die deutsche Delegation gegen die Forderung nach Besatzungskosten und gegen den Verzicht aus di« genannten 79 Millionen den hartnäckigsten Widerstand letsten wird. Dagegen scheint die Frage der 220 Millionen und die Frag« der Erhöhung der ungeschützten Annuitäten, söge, nanntesKompromitzgelände" zu fein. Wie weit wir in diesen Fragen den alliierten Wün. sehen entgegenkommen können, dürfte wesent­lich davon abhängen, wieweit wir unsere poli­tischen Forderungen durchsetzen. Auf dieser Seite der Bilanz stehen vor allem drei Pro­bleme:

L Die Räumung der besetzten Gebiete,

2. Die Kontrollfrage,

3. Die Saarfrage.

Bet der Saarfrage dürfte von Anfang an feftflehen, daß man nur zu einem vorläufigen Abkommen Über spätere Verhandlungen ge­langt. In der Kontrollfrage hat man sich aber leider schon allzusehr auf die Kompetenz-Er­weiterung der beiden Locarnokommissionen fest, gelegt, sodaß vor allem die Räumungsfrage übrig bleibt und die deutsche Delegation den größten Wen darauf legen wird, einen mög- lichst frühen Endtermin für die Gesamträu- mung herauSzuholen.

Angesichts dieser Sachlage ist es nicht weitet verwunderlich, daß die Rechts-Opposition be­reits von einer vollständigen deutschen Kapitu­lation spricht, während x. D. in derRassischen Zeitung" der Meinung Ausdruck gegeben wird, auf der Haager Konferenz werde eS weder Sieger noch Besiegte geben.

Jas HaagerWunder"

W. P. Wochenlang hat man an dem Uoung- slan herumgefchneidert, um ihn nach dem Ge« chmack des Herrn Philipp Snowden zurechtzu- tutzen. Man hat dort ein Stückchen angesetzt, hier eine Naht ansgetrennt und einen Batzen zwischenaeflickt. Dereiserne" Schatzkanzler, dem die englische Presse rühmend nachsagt, daß feit PalmerstoneS Zeiten niemand so energisch wie er Englands Interessen verteidigt habe, ver- olgte mit ironischem Lächeln die Schnetder- künste der anderen, um am Ende regelmäßig das Unzureichende ihrer Bemühungen festzn- tellen. Der Fall schien hofsnungslos. Die Nekrologe waren für die Haager Konferenz schon geschrieben, als sich zu mitternächtlicher Stunde im Binnenhof dasWunder" vollzog, an das niemand mehr geglaubt hatte: Philipp Snowden, der ewige Neinsager, sand sich »u einem Ja bereit. Einigung der Gläubiger­mächte drahteten die Journalisten, die stun­denlang vor den verschlossenen Türen des Be­ratungszimmers gewartet hatten, in alle Welt. Und die Engländer unter ihnen empfingen ihren Landsmann mit herzlichen Ovationen, als er, auf seine Stöcke gestützt, auS dem Bin- nenhof hinauShumpelte.

Zu 78 Prozent waren Englands Forderun­gen ersüllt. Das genügte schließlich dem eng­lischen Schatzkanzler. Um rund zwanzig Mil­lionen jährlich war der Streit der Gläubiger- Mächte zuletzt gegangen. Wenn man bedenkt, daß diese zwanzig Millionen, über die sich die Gläubigerstaaten nicht einigen konnten, etwa ein Prozent der Summe, die Deutschland in einem Jahr auf Grund ^des Doungplans zu zahlen hat, ausmacht, so könnte man ver­sucht fein, diese ganzen Haager Kämpfe als Feilschereien elender Krämergesellen zu bezeich­nen. Aber mit diesem Urteil würde man doch die Ziele, die Philipp Snowden, dem Schatz­kanzler des britischen Reiches, vorschwebten, nicht richtig erfassen. Denn ganz bestimmt waren für die englische Delegation diese Aus­einandersetzungen nicht Selbstzweck, sie waren nur ein Mittel zum Zweck, ein Kanch-mittel zur Befreiung der englischen Politik von W französischen Einflüssen. Das arbetterpartei- liche Kabinett suchte eine Gelegenheit, das Prestige der englischen Politik endlich wieder aufzubessern. Es nahm die erste Möalichkcit wahr, die sich ihm bot, um der Welt die politische Bedeutung Englands, die selbst Chamberlains Nachlässigkeit nicht ganz zu Grunde richten konnte, von neuem in voller Glorie zu zeigen. Hundertprozentige Erfüllung seiner finanziel­len Forderungen batte Snowden verlangt, aber als Englands politisches Ansehen wieder auf Hochglanz gebracht war, kam er auf finanziel­lem Gebiete den Verhandlungsgegnern die paar Schritte entgegen, die eine Einigung er­möglichten.

Ein paar Minuten nach der Geburt 1-8. rettenden Kompromisses rasselte in den Hotel­zimmern der deutschen Delegation das Telefon. Die Gläubigermächte hatten es auf einmal verdammt eilig; sie hätten eS gar zu gern ge­sehen, wenn die Deutschen sich nun auch ohne Zandern und Ueberlegen zur Patenschaft be­reiterklärt hätten. Aber Dr. Stresemann und Dr. Curtius ließen sich Zeit mit ihrer Entschei­dung; sie waren offenbar der Ansicht, daß der spießbürgerliche Grundsatz, daß man wichtige Entscheidungen erst überschlasen soll, auch für Staatsmänner ganz angebracht sei. Und sie taten recht daran! Denn schließlich war die Uebernahme der uns angetragenen Patenschaft nicht etwa nur ein Höflichkeitsakt, sondern diese Uebernahme verursachte uns neue Kosten. An diesemWunder" der Haager Einigung war noch manches andere als dieNachgiebig­keit" Philipp Snowdens des Anstaunens wert!

Da ist vor allem daS Rechenexempel, das dis ach so opferbereiten Gläubigermächte atifge- macht hatten, um dte Forderungen des engli­schen Schatzkanzlcrs 78-vrozentig zu erfüllen. Und wenn man sich diese Rechnung bei Lichte besteht, bann ergibt sich die Tatsache, daß im Grunde Deutschland an der Spitze der Opfern­den steht! 36 ganze Millionen bringen die vier Gläubigerstaaten zusammen, aber diese 36 Millionen reichen bei weitem nicht, um Mister SnowdenS Ansprüche zu besriedigen. Also rechnet man auf Deutschlands bewährten Opferwillen! Aber man ist klug u. weise, man bringt es uns vorsichtig auf Umwegen bei, daß wir am Ende die Zeche bezahlen sollen. An bet Endzahl der Donngannriitäten wird nichts ge­ändert, das könnte die Deutschen stutzig machen