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Kasseler Neueste NachMm

Kaffeler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Mittwoch, 28. August 1929

Nummer 202 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Einzelpreis: Sonntags 21) Pfennig. 19. JuhkgUUg

Einigung aus Deutschlands Kosten

Die Verständigung der Siäubigermächte / Ungenügende politische Zugeständnisse?

Deutschland vor der Entscheidung

Eigene' Drahtbericht.

Haag, 28. August.

Die Sitzung der Sechsmächte begann gestern um 17 Uhr und dauerte zunächst bis 19,45 Uhr. Sie wurde dann nach kurzer Pause wieder aus­genommen und dauerte bis Mitternacht. Die Deutschen waren gegen 20 Uhr aus den Ver­handlungen ausgeschieden.

Um Mitternacht war ein grundsätzliches Ein­

neu durch die übrigen Alliierten in Garantie­form angeboten werden.

Der Rest von vier Millionen soll nach einer Verlautbarung von belgischer Seite, Deutsch­land zur Last gelegt werden.

Autzerdem müsse Deutschland noch seine Zustim­mung zu der Verteilung des Dreihundert-Mil- lionen-Fonds geben. Ferner bieten die Alliier­

vernehmen erreicht worden mit dem Vorbehalt, daß Deutschland sich einverstanden erklärt. Die deutschen Delegierten werden heute vormittag ihre Entscheidung treffen, doch gilt es alS sicher, daß sie günstig ausfallen wird.

Es wird angenommen, daß Snowden 78 Prozent seiner Forderungen durchgesetzt hat. Als er den Binnenhof verließ, brachten ihm die britischen Pressevertreter und andere wegen seines erfolgreichen Kampfes für die britischen Jntereffen eine große Kundgebung dar. Der Staatssekretär des Aeußern Henderson erklärte dem Reutervertreter, er betrachte die zwischen den anderen Gläubigermächten und Groß­britannien erreichte Regelung als sehr be­friedigend.

Verhandlungen mit den deutschen Delegierten

Haag, 28. August.

len England anstelle der geforderten 120 Millio­nen im ungeschützten Teile der Annuitäten, eine Beteiligung von nur sechzig Millionen an. Ins­gesamt dürfte die englische Forderung zu unge­fähr 78 Prozent erfüllt sein. Bis auf die oben­genannten vier Millionen, be-en Herkunft noch nicht klar ist, stellt dieses Angebot keine Er­höhung der Poung-Annuitäten dar, die nach wie vor auf 2050 Millionen berechnet werden.

Beunruhigung in Berlin

Berlin, 28. August.

Die Nachrichten von der im Haag heute nacht erfolgten Einigung haben in Berliner politischen Kreisen lebhafte Beunruhigung auS- gelöst. Die Tatsache, daß die Gläubiger, nach­dem sie sich über alle Differenzpunkte geeinigt hatten. die deutsche Ab»rd»unq noch-in spaier Abendstunde veranlassen wollten, gfctr’fTtt-

matzen stehenden Fußes ihre Unter^ichnung zu gewissen Punkten zu geben, hat den Eindruck erweckt, daß man der deutschen Abordnung keine Zeit zu wohlüberlegten Beschlüssen lassen wollte.

Deutschland, so befürchtet man in Berlin, ist jetzt in eine taktisch unglückliche Lage ge­drängt worden. Die Taktik der Gläubiger- Mächte, mit offenbarem Einschluß Englands, hat es wie die Berliner politischen Kreise be­tonen, fertiggebracht, daß die deutsche Abord­nung scheinbar logischer Weise mit der Verant­wortung belastet werden soll, den Zusammen­bruch der Konferenz herbeigeführt zu haben. Aus der anderen Seite wird nach den in Ber­lin vorliegenden Na^ richten die Annahme der Forderungen folgende deutsche Zugeständnisse erforderlich machen:

1. Erhöhung der jährlichen Gesamtleistung Deutschlands um 4 Millionen Mark.

2 Erhöhung des ungeschützten Teiles der deutschen Tributleistungen um einen noch un­bekannten Betrag,

3. Verzicht auf die 300 Millionen auS dem Uebergang vom Dawesplan zum Uoungplan.

Hinzu kommt noch, daß die Besatzungskosten allem Anscheine nach weiteren Verhandlungen Vorbehalten geblieben sind, und daß die Eini­gung der Gläubigermächte, wenigstens soweit man in Berlin erkennen kann, ohne endgültige Vereinbarungen über die von Deutschland immer wieder geforderte Bekanntgabe eines sofortigen oder zum mindesten frühzeitigen RäumuMägterw'nf. zwischen Kenderson und den. c!~ Zögernden Briand g7l'!irberi Ist- '

Heute vormittag um 11 Uhr wird eine Sit- zung der sechs einladenden Mächte stattfinven, in der die Punkte zur Beratung stehen, in de­nen die Einigung zwischen den Gläubigrrmäch- ten eine Mitwirkung Deutschlands notwendig machen wird. Die beiden wichtigsten Punkte hierbei sind die Frage des Verhältnisses der geschützten zu den ungeschützten Teilen der An­nuitäten und die Frage des UeberschusseS aus den letzten fünf Monaten des Dawes-Planes in Verbindung mit der Frage der Besatzungs­kosten. Die deutsche Delegation ist in dieser Frage in keiner Weise sestgelegt und hat freie Hand für ihre Entschließungen.

Eine Behandlung dieser Fragen noch in der Nacht wurde von den deutschen Delegierten ab­gelehnt weil Dr. Stresemann, der sich wegen Uebermüdung durch die anstrengenden Ver­handlungen zurückgezogen hatte, daran nicht hätte teilnehmen können. Gelangen diese Ver­handlungen zu einem Ergebnis, so ist für Don- .nerstag eine Vollsitzung vorgesehen, der am heutigen Nachmittag um 4 Uhr eine Sitzung der vier Rheinlandmächte und um 5 Uhr eine politische Konferenz vorangehen sollen.

An- -ie Räumung?

London, 28. August.

Angesichts der erst in später Nachtstunde et« folgten Einigung der Gläubigermächte im Haag fehlt in den heutigen Morgenblättern noch jede nähere Stellungnahme dazu. Die Ei­nigung kommt in London als eine völlige Ueberraschung. Noch in den heutigen Morgen­blättern wird das vorige Angebot der Alliier­ten vom diplomatischen Mitarbeiter des „Daily Telegaph" einer Kritik unterzogen, gegen die auch vom deutschen Standpunkt nicht- einzu­wenden wäre, und in der im einzelnen nachge­wiesen wird, daß die wichtigsten Zugeständnisse auf Kosten der kleinen Mächte und vor allem Deutschlands gemacht werden. Die Einigung hat vorbebalilich genauer Unterlagen diesen Eindruck eher bestärkt, umsomehr, als jeder Anhaltspunkt für etwaige Gegenleistungen, falls die Deutschen zustimmen sollten, fehlte. Richt einmal von einer Räumung bis zum 30. Juni ist die Rede.

78 Prozent 5er engl. Forderungen erfüllt

Haag, 28. August.

Durch das gestern in später Nachtstunde er­zielte Uebereinkommen wird die Atmosphäre der Haager Konferenz mit einem Schlage geändert. Allerdings ist noch eine Klippe zu überwinden, indem nämlich Deutschland zu dem den Eng­ländern gemachten Vorschläge noch seine Zu­stimmung geben muß.

Im einzelnen wird von den Engländern mit­geteilt, daß die ursprüngliche englische Forde­rung von 48 Millionen Mark auf vierzig^Mil­lionen herabgesetzt wurde, von denen 36 Millio-

„Glas Leppeli»" über Texas

Eigene Drahtia-ldung

Los Angeles, 28. August.

Beim Start des „Graf Zeppelin", über den wir bereits gestern berichteten, kam es, wie erst später bekannt wurde, zu einem Zwischenfall, da die Schwanzflosse kurz nach dem Aufsteigen eine elektrische Hochspannungsleitung streifte. Als man im Luftschiff bemerkte, daß der Auf­stieg sich nicht rasch genug vollzog, wurde eine ziemliche Menge Proviant in Gestalt von vollen Konservenbüchsen, Tee und Gemüsen über Bord geworfen. Nach Mitteilungen von Bord waren die Beschädigungen aber nur ganz unbedeutender Natur.

Das Luftschiff fuhr zunächst parallel zur Küste. Es wurde über Point Loma und Jaeumba Hotsprings (in der Nähe von San Diego) ge­sichtet. Dr. Eckener schlug dann von dort auS einen östlichen Kurs ein. Offenbar sah er r-’' da der Versuch, größere Höhen zu gewinnen, für das schwer belastete Luftschiff Schwierig- fetten mit sich brachte, veranlaßt, der mexikani- fchen Grenze zuzusteuern, um das Felsengebirge in seinen südlichen Ausläufern, die eine ver­hältnismäßig geringe Höhe aufweisen, zu über­fliegen.

Gestern 1,43 Uhr mittags M. E. Z. wurde das Luftschiff über Jurna im

Staate Arizona

gesichtet. 3 Uhr nachmittags überflog eS die Stadt Aztec. Es folgte der Bahnstrecke der Southern Pazific-Bahn. Das Luftschiff flog in etwa 500 Meter Höhe mH einer Geschwindig­keit von nicht mehr als 80 Stundenkilometern. Das Luftschiff mußte hier einem Gewittersturm ausweichen. Auch die wetteren Meldungen be­sagten, daß „Graf Zeppelin" während de« gestrigen Nachmittags

mit heftigen Westwinden zu kämpfen

hatte. Gegen Abend konnte das Luftschiff dann aber feine Geschwindigkeit wieder erhöhen. Um 19 Uhr M. E. Z. wurde es über Willcor iArizona) gesichtet. 20,23 Uhr wurde es in der Nähe von Steins-Paß an der Grenze von Arizona und Neumexiko beobachtet.

lieber El Paso

Heute früh 1 Uhr MEZ überflog „Graf Zep. Pelin" die Stadt El Paso. Das Luftschiff fuhr langsam über das Geschäftsviertel der Stadt hinweg, wo Tausende von Menschen, die ftun- denkang gewartet hatten, um das Luftschaff zu sehen, m laute Jubelrufe ausbrachen. Tie Kir-

chenglockan läuteten, und die Fabriksirenen heulten. Um 1.20 Uhr MEZ. wandte sich das Luftschiff nach Süden und überflog den Rio Grande nach Mexiko hinein. Sechs Heeresflug- zeuge gaben dem „Graf Zeppelin" das Geleit

Aach Norden abgeöreht

2,55 Uhr M. E. Z. Der Zeppelin überflog Fort Hancock (Texas) den Ort um 2,55 Uhr. Während er bisher der Texas-anv Pacisicbahn gefolgt war, drehte er nunmehr scharf nord­wärts. Von El Paso aus benachrichtigte die Schiffslcitung die Armee-Funkstation Fort Blitz, man werde die Route über Fort Worth nach Little Rock in Arkansas einschlagen.

5,56 Uhr: Nach einem bei der Texas- and Pacific-Eisenbahn eingegangenen Telegramm hat der Zeppelin 5.55 Uhr die Stadt Loving in Neumexiko überflogen.

6 Uhr: Die Armee-Funkstation Fort Sill (Texas) stand mit dem Luftschiff in Ver bindung. Der Zeppelin funkte, er steuere in der Richtung von Loving (Neumeriko) um ein Ge­witter östlich Fott Worth zu vermeiden. 57 Minuten später passierte der Zeppelin die Stadt Midland (Texas) in rascher Fahrt.

7 Uhr M. E Z.: Der Zeppelin hat kurz die Stadt Odessa in Texas passiert.

7,15 Uhr: Der Zeppelin wurde um 11,15 Uhr nachts über Gatun in Neumexiko gesichiet. Er fuhr in nordöstlicher Richtung.

9 Ubr: .Graf Zeppelin" befand sich um diese Zeit 30 Meilen südlich der Grenze von Okla­homa.

Sonntag Start nach

Frie-richshafen?

Rewyork, 28. August.

Wie daS Büro der Hamburg-Amerika-Linie erklärt, beabsichtigt Dr. Eckener, vier Tage nach der Ankunft in Lakehurst, also etwa am kom­menden Sonntag, mit dem „Gräf Zeppelin" den Rückflug nach Friedrichshafen anzutreten

Staatssekretär Dr. Meißner, der zur Zeit hier zu Besuch weilt, wird heute mittag in Begleitung des Botschaftsrates Dt Kiep nach L-akehurst fliegen, um Dr Eckener bei Be­endigung des Äeltfluges des »Graf Zeppelin' die Glückwünsche der Retchsregierung zu über­mitteln.

Irr Lllkaprozeß

Prag, Ende August.

In Bratislawa (Pretzburg) wird seit Wochen ein Hochverratsprozetz verhandelt, der recht lebhaft an den Prozeß gegen den elsässt- schen Autonomisten Roos erinnert, der die Geschworenen von Besancon 14 Tage beschäf­tigte und mit einer glänzenden Freisprechung endigte. Wie die Elsässer in Frankreich kämpsen die Slowaken in der tschechoslavischen Republik, die in der Praxis nur eine tschechifche Republik ist, für Autonomie, d. b. für Selbstverwaltung innerhalb des Staatsrahmens. Bis zum Ende des Weltkrieges gehörte die Slowakei zum Königreich Ungarn und wurde nach magyari­schen Methoden, das bedeutet: mit Mißachtung ihrer Sprache und ihrer nationalen und kultu­rellen Eigentümlichkeiten regiert. Die Slowa­ken waren natürlich mit dem magyarischen, sie so vielfach verletzenden Regime nicht zufrieden, und als der tschechische Staat gegründet wurde, trugen ste ihre Hoffnungen zu diesem. Man verfprach ihnen von Prag aus eine weitgehende Selbverwaltung, es sollte nicht ein tschechischer, sondern ein tschechoslowakischer Staat werden. In den Verträgen von Versailles, St. Ger­main, Trianon wird der neue Staat „La Tchöco-Slovaquie" genannt, wohlgemerkt mit einem Bindestrich, der die Gleichberechtigung beider Teile ausdrückcn sollte. Aber die Tsche­chen strichen den Bindestrich, und heute grenzt ott XSoifmern*$. wenn man

schreibt. Prag will nur die Tschechoslowakei an­erkennen, in der die Slowakei kein selbständi­ger, gleichberechtigter, sondern ein untergeord­neter Bestandteil ist.

Tuka ist Slowak. Er ist Professor der Rechtswissenschaft. Es ist sein juristisches Den­ken, das ihm diese Anklage wegen Hochverrates zugezogen hat. Er war an den Verhandlun­gen, die zum Eintritt der Slowakei in den neuen Staat geführt haben, hervorragend be­teiligt und will von den Rechten, die damals den Slowaken zugestanden wurden, nichts Nach­lassen. Nach der Revolution wurde zwischen tschechischen und slowakischen Führern ein Ver­trag abgeschlossen, aber, tote Tuka behauptet, nur auf die Dauer von zehn Jahren. Es sollte sozusagen eine Ehe auf Probe fein und nach zehn Jahren, die mit dem 31. Dezember 1928 abliefen, sollten die beiden Völker frei sein, ob sie ihren Bund fortsetzen sollten oder nicht. Die Tschechen bestreiten, daß eine solche Klausel ver­einbart worden sei. Tuka, der eS jedenfalls mit aufrichtiger Ueberzeugung behauptet, ver­öffentlichte nun Anfang 1929 einen Artikel unter dem Titel „Vacuum iuris" (etwa: die „Rechtslücke"). Darin führte Tuka aus, daß durch den Ablauf der zehnjährigen Frist ein vertragloser Zustand, ein vacuum, zwischen der Tschechei und der Slowakei eingetreten fei und daß jetzt neue Vereinbarungen getroffen wer­den müßten. Dieser Artikel, der doch zunächst eine staatsrechtliche Theorie ausstellte, sollte in den Augen Tukas die Anregung geben, einen neuen Verfassungsvertrag zu schließen, der Bürgschaften für die kulturelle Autonomie der Slowakei gewähren sollte.

Aber m Prag wurde man unruhig, sah in Tuka einen Hochverräter und begann nach dem Kon plott zu suchen, daß er nach Ansicht dir z'unalistischen Partei-» notwendig organisiert haben mußte. Man suchte eine Verschwörung und fand sie. Denn man findet immer eine Verschwörung, wenn man die Polizei danach suchen läßt.

Die tschechische Staatspolizei fand also daS ihr zum Finden aufgegebette Komplott und sie beging genau dieselben Ungeschickltthkeiten, wie die französische Polizei ste im Elsaß begangen hat. Mit einer geradezu erstaunlichen Leicht- gläubigkeit sammelte sie altes Geschwätz aus dem Munde von Tukas persönlichen Feinden, protokollierte als Gewißheiten, was als bloße Vermutung beweislos geplappert wurde und stellte aus diese Weise dicke Akten zusammen, aus denen die Staatsanwaltschaft Material für eine Anklage wegen Hochverrats fchöpfte. Tuka, der gleich im Anfang dieses Treibens verhaftet wurde, sollte nichts Geringeres bezweckt haben, als die Slowakei aus ihrem jetzigen Staats­verband loSzureißen und sie Ungarn einzuver­leiben. Dazu hättten ihm die Magyaren die nötigen Geldmittel gegeben. Es war Wie ein Abklatsch der Anklage gegen die elsässischen Autonomisten...

Der Prozeß gegen Tuka dauert jetzt viel« Wochen. Es ist auch nicht ein einziger Be-