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Kasseler Abendzeitung
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Nummer 200 ww«-. wo« io $(..«!» Montag, 26. August 1929________19> 3^,9<Wa
„Gras Zeppelin" über Los Angeles
Landung bei Tagesanbmch / Llebrrquemng des GMe n Ozeans in 67,49 Stunden
Pilgerfahrt -er Taufende
2o« Angele«, 26. August.
daß die nun einmal notwendigen Formalitäten sich glatt und ohne unerwünschte Zwischenfälle abwickeln.
London, 26. August. Mongolische Nomaden im Barga-Gebiet befinden sich nach Schanghaier Meldungen in einem Aufstand gegen die chinesische Regierung. Sie erklärten ihre Unabhängigkeit von den chinesischen Behörden. 160 Menschen wurden bei dem Aufstand getötet. Wie aus Mulden gemeldet wird, sind chinesische Truppen entsandt worden, um den Ausstand zu unterdrücken.
Wien, 26. August. Auf einer gestern in Deutsch-Feistritz in Steiermark abgehaltenen Tagung des LandbundeS hielt Vizekanzler Schumy eine Rede, in der er die Rotwendig- ketr betonte, ein scharf umrissenes Arbeitspro- gramm auiiustellen, das von Regierung und Parlament in kürzester Zett zu bewältigen wäre. Bezüglich der Heimwehr erklärte er, es müsse bei aller Sympathie für die Hetmwehren Recht und Ordnung unter allen Umständen gewahrt werden. Denn man dürfe nicht vergessen, daß die Koketterien mit dem Putsch und mit dem Bürgerkrieg dem Staat und seiner Bevölkerung schwer schaden.
Das Ende -er Entente
Die bekannt« englische, der Regierungspartei nahestehende Zeitschrift ,9teto States- man* veröffentlichte einen sehr interessante« Aufsatz über die englisch-französische« Beziehungen, dem man immerhin eine symptomatische Bedeutung zusprechen darf. Es heißt da unter anderem:
Das verhalten der britischen Regierung ans der Konferenz im Haag bedeutet hosfent-
Russische Ueberfälle in -er Mandschurei
London, 26. August. Wie ul Schanghai gemeldet wird, lassen dort eingelaufene Berichte erkennen, daß d'' sowjetrusstschen Truppen ihre Ueberfälle in der Mandschurei hauptsächlich deshalb ohne Unterbrechung fortsetzen, um die Moral der mandschurischen Streitkräfte zu schwächen, die augenscheinlich von der Nanking-Regie, rung ihrem Schicksal überlassen blieben Es sei kein Zweifel, datz in Mulden infolge dieser dauernden Einfälle große Aufregung herrsche. Auf Grund der Anweisung aus Nanking müssen die chinesischen Streitkräfte rein passiv bleiben. Die allgemeine Haltung in Nanking fei unver- ändert.
Den Gerüchten von einem bevorstehenden großen Vorstoß der Russen zur Eroberung von Eharbin und der ost<^ inesischen Eisenbahn werde in Schanghai kein Glauben Mschenkt Man nimmt jedoch an datz die Russen nach Jalainor, in dessen Nähe sich große Kohlengruben befinden, die die Bahn versorgen, vorrücken werden.
Ruhiger Sonntag in Oesterreich
Wie«, 26. August.
Der gestrige Sonntag ist, entgegen den Befürchtungen, die vielfach gehegt wurden, im allgemeinen ruhig und ohne größere Störungen verlaufen. Die Heimwehren hatten alle Kundgebungen abgesagt. Ein sozialdemokratisches Fest, das in der Stadt Donawitt in Steiermark stattfand, ging gleichfalls ohne Ruhestörungen vor sich.
Längst vor Anbruch der Nacht hatte die PU» gerfahrr der ungezählten Lausende nach dem Flugfeld eingesetzt. Di« meisten zeigten durch ihre Ausrüstung ihre Entschtosienheik, wenn notwendig, die ganze Rächt über draußen zu lagern, um auf alle Fälle dem großen Ereignis beiwohnen zu können. An Absperrungs- und Ueberwachungsmannschaften stehen, wenn man Polizei, Marrnesoldaten und die ebenfalls herangezogene Feuerwehr zusammenrechnet, insgesamt 1200 Mann zur Verfügung.
Der Flugplatz wurde die ganze Nacht von zahlreichen kräftigen Scheinwerfern in Helles Licht getaucht. Ueber 100 Flugzeuge hielten sich bereit, dem Luftschiff entgegenzuflieaen und ihm daS Geleit zu geben. An Bord einer dieser Flugzeuge wird sich, wie die Rattonal Broadcasting Company bekanntgab, Herbert Hoover jun. befinden, der durch dar an Bord befindliche Mikrophon den Rundfunkhörern eine Beschreibung der Ankunst deS Zeppelms gibt. Die Rundfunkberichterstattung begann, alS daS Luftschiff auf 50 Meilen von Lor Angeles herangekommen war und wurde durch daS ganze Land verbreitet. Zoll- und EinwanderungSbe- hörden haben alle Vorbereitungen getrosten,
Amerikanische Begeisterung
Eigene- Drahtbertcht.
Frankreichs Völkerbun-s-Delegation
Paris, 26. August.
Der für heute angesetzte Ministerrat, an dem wie bekannt, Briand nicht teilnehmen wird, wird sich nur mit der Ernennung der französi- schen Völkerbunds-Delegationen und nicht mit der Haager Konferenz befassen. Briand und Loncheur werden der Völkerbunds-Delegation auch weiterhin angehören, jedoch bleibt die Frage zu entscheiden, ob anstelle des zurückgetretenen Sozialisten Paul Boncourt ein Ersatz- mann bestimmt werden soll.
San Francisco, 26. August.
Nachdem „Graf Zeppelin" gestern um 6,25 Uhr abend Par. Zett (2,25 M. E. Z.) das Gol- den« Tor passiert hatte, wurde daS Luftschist um 6,54 Uhr über San Francisco gesichtet.
Sau Francisco und die Orte an der Bay hatten den Zeppelin nur etwa eine Stunde für sich. Ader sie feierten das große Ereignis der Ueberquerung des Pacific mit Sirenengeheul von allen Schiffen im Hafen, mit den Hupen der Tausenden von Autos, mit jubelnden Men- schenmassen auf allen Dächern und an allen Fenstern gebührend. Der silberglänzende Leib des Luftschiffes war von zahlreichen Flugzeugen, Insekten gleich, umschwärmt.
Um 6,45 Uhr glitt das Luftschiff über Mar- ketstreet, San Francisco- bekannteste Straße, dahin und überflog dann das Stadtinnere. Dix- jenigen, die den Ereignissen mti dem Radio- Hörer an de« Ohre« folgten, hörten, wie die Beamten einer Funkstation sich bei der Fahrtleitung des Zeppelins erkundigte«, ob Ihnen da oben San Francisco gefalle, und hörten, wie man aus der Höhe antwortete: „Ja, großartig." jin&i Ucberfliegrn *>».2 Präsid'.un.s drehte das Luftschist südwärts ab.
Um 7,45 Uhr Ortszeit meldete die Stadt Santa Cruzcal da« Austauchen des Luftschiffes. Dort hatte man drei mächtige Scheinwerfer bereit gestellt, die den Zeppelin aufs Korn nahmen und ihn zehn Minuten lang in ihr weißes Licht tauchten, ehe er in der Richtung nach LoS Angeles entschwand.
Gegen 9 Uhr 30 mitteleuropäischer Zeit traf „Graf Zeppelin" über LoS Angeles ein. Da eS 6« der amerikanischen Westküste um diese Zeit noch Nacht ist (4 Uhr 30), wird daS Luftschiss zunächst noch einige Zett kreuzen, um den An- bruch deS Tages abzuwarten.
Ueber die Ankunft der LHtschiffeS in D a n Francisco sei noch folgendes verzeichnet: Statt wie erwartet aus das Festland in Richtung Point ReyeS zuzusteuern, bog „Gras Zep. Pelin" vorher nach Süden olb. Da- Luftschiff flog in starkem Nordwest schnell der San Francisco-Bay um 6,11 Uhr abends »u. Die Kü- stenwachtschtffe patrouillierten am Goldenen Tor, während andere Fahrzeuge dem „Gras Zeppelin" entgegenfuhren. Flugzeuge mit Leitungsberichterstattern flogen dem Luftschiff entgegen, umflogen eS toi« Insekten und eilten we. nige Minuten später mit den aufgenommenen Photographien zurück. Auch ein Geschwader von Armeeflugzengen flog dem Luftschiff entgegen.
Zwischen dem Abflug deS Luftschiffes von Kasumigaura und der Sichtung in San Francisco verstrichen nur 67 Stunden 49 Minuten.
lich dar Ende der „Entente". Di« Entente hörte auf, einen wirkliche« Zweck und Sinn zu haben, als der Frieden unterzeichnet wurde.
Dir Enteilte ist eine fühlbare Ungehörigkeit a, «in Anachronismus. Natürlich wünschen wir ein guter „Einvernehmen" mit allen Mächten der alten und neuen Welt. Aber warum ganz besonders mit Frankreich? ES gibt keinen Grund, weshalb wir Frarckreich als den Empfänger unserer besonderen Freundschaft und Unterstützung auSWSHlen sollten, sondern Frankreich ist tatsächlich die einzig« Macht, deren Ziele den unseren ganz urch gar remd sind und deren Einfluß den Aussichten auf dauernden Frieden in Europa am feindlichsten ist.
Unsere Absichten sind denen der kranzöfi- chen Politiker entgegengesetzt, sowohl gestern wie heute und morgen. Wir haben eine völlig verschiedene fast ganz entgegengesetzte Ansicht über daS, was not tut für die Befriedung und das Gesunden Europas. Die so sorgfältig aus- rechterhalten« Entent« bedeutet eine Drohung für den Frieden Europas und nicht eine
Bürgschaft dafür. Sie hat kein DaseinSrecht -unb keine Wirklichkeit. . ,
Warum sollen wir Frankreich bevorzugen, das mehr als irgend ein andere- Land elf Jahre nach dem Waffenstillstand eine Kriegsatmosphäre aufrecht erhalten hat? Diese Tatsache ist unbestreitbar. Von diesem Standpui^t gesehen, ist Frankreich der größte und gefährlichste Feind für uns. Wie ironisch das Wort „cordiale" heute klingt! Wenn wir unsere« na- tionalen Interesse» folgen wollen, so wäre eine Entente mit Deutschland, gegründet auf wirk- liche gemeinsam« Interessen, sowohl politisch wie wirtschaftlich, viel vorteilhafter für un» als dies« Entente mit Frankreich, die zu einer Farce geworden ist! _ t .
Wir wünschen jedoch keine Sonder-Entente mit Deutschland oder mit sonst jemand. Wir wünschen Zusammenarbeit mit allen Völkern zu gegenseitigem Nutzen. Gan, bestimmt wollen wir aber nicht länger vom Ltaay d'Orsay am Gängelband geführt werden. Diese Tatsache wird tat Haag klar. Sie wird noch klarer werden, wenn die jetzige Regierung am Ruder bleibt.
1 rz bei »en verunzlM
Eigen« Drahtmeldung
auS
Düren, 26. August.
war
besetzt.
Der bei Buer verunglückte D-Zug 23 mit Reisenden bis auf den letzten Platz bi . Die Uufallstelle liegt etwa 500 Meter von der Station Buer entfernt. Auf der Strecke werden Gleisarbeiten vorgenpmmen, sodaß der Verkehr auf ein Nebengleis umgelegt werden mußte. Der Lokomotivführer hatte in Düren schriftliche Weisung erhalten, auf dieser Strecke langsam zu fahren. Augenzeugen berichten aber, daß die Ttandengeschwindigkeit schätzungsweise 90 Kilometer betragen habe. Es müsse daher angenommen werde«, daß der Lokomotivführer sich an die Weisung nicht gehal-
Die Leichtverletzten wurden daher in die Kran- kenhäuser der Umgegend, »um Teil sogar Ms Köln, geschafft. Die Verständigung mit den Verwundeten war sehr schwer, da sie meist nur ihre Heimatsprache beherrschen. Es handelt sich zum überwiegenden Teil um Franzose» »«b Polen. Unter den französische» Fahrgästen befanden sich auch Mitglieder eines Pariser SchwinnnklubS, die zu Wettkämpfen nach Ber- Ita und Warschau verpflichtet waren. Einem von ihnen wurde ein Bein abgequetsch, «»ährend die übrigen mit dem Schrecken davon kamen.
Die Lifte -er Opfer
Düren, 26. August.
Dreizehn Tote
Köln, 26. August.
Bei der Einfahrt in den Bahnhof Buer bei Düren ist Sonntag früh 8,04 Uhr der Schnell - zug Paris—Warschau mit der Lokomotive und sieben Wagen, darunter drei ausländische, entgleist. Aus de» Trümmern wurde« zunächst acht Tote geborgen. Bei den weitere« Auftäu- mungsarbeite« fand man beim Heben des So- komotiv-Tender« durch einen eigenS zu diesem Zwecke aus Essen herbeigeschafften fchwere« Wagenkran unter den Trümmern noch weitere vier bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt« Leichen vor. Außerdem ist in der Nacht vom Sonntag auf Montag im Krankenhaufe Düven der Lokomotivführer des UnalückszugeS Nordhaus seinen schweren Verletzungen erlegen. Die Zahl der Todesopfer hat sich somit auf 13 erhöht. Ferner wurden sechzehn Personen schwer und 25 leicht verletzt.
Hilfszüge und Gerätewagen aus Düren und Köln waren rechtzeitig zur Stelle, Aerzte und Feuerwehren aus der Nachbarschaft eilten sofott zum Ort deS Unglücks. Vertreter der Reichs- bahndircktion, darunter Vizepräsident Grunzke, sowie die zuständige» AmtSvorftände, begaben sich ebenfalls sofort an die Unfallstelle.
Zu hohe Geschwin-igkettr
Die Unfallstelle ein Bild grauenhafter Zer- störung
Düren, 26. August.
Der Zustand der in den Krankenhäusern Dü- r«n und Buer sowie im Kölner Bürgerhospital untergebrachten Schwerverletzten ist den Umstand«! nach verhältnismäßig günstig. Lediglich die tat Dürener Krankenhaus untergebracht« Frau Lewtow, die aus PoitterS stimmt, gibt zu Besorgnissen Anlaß.
Di« Ursache deS Unglücks ist, tote nunmehr einwandfrei festnebl. auf zu schneller Durchfah- ren einer abzweigenden Weiche zuruckzuführen. Die Reichsbahn gibt am heutige« Montag früh folgenden amtlichen Bericht heraus: DaS Eisenbahn-Unglück ist durch zu schnelles Ueberfahre« einer abzweigenden Weiche an der Einfahrt bei Bahnhofes Buer entstanden. Wann die Unfallstelle für den Zugverkehr wieder frei sein wird, ist noch nicht vorauSzusagen. An der Unfall« stelle sind anwesend: Dom ReichSverke-rS-Mi- nisterium Geh. Dberbaurat Zirkler, sowie vo« der Hauptverwaltung der deutschen Reichsbahn« gefellschast dir ReichSbahn^irektore« Dr. $e* lenburg und Dr. Staeckel.
Das Vefln-en
-er Schwerverletzten
ttti habe.
Die Unfallstelle selbst bietet ein Bild graue«. Hafter Zerstörung und unbeschreibliche« Durcheinanders. Die Maschine, die auS den Schienen geworfen ist, liegt mit dem Tender neben der Strecke. Der Pack- und Postwagen sind eine acht Meter hohe Böschung hinaufgewor- feit und ineinandergeschachtelt. Der nächste Wagen, ein Wagen zweiter Klasse, ist vollständig zertrümmert. Di« folgenden wurden mehr ober weniger beschädigt, während der Schlafwagen «uer über den Schienen steht.
Mit Schweißapparaten versuchte man, die Türen zu öffnen. Soweit dies nicht gelang, wurden die Dächer der Wagen aufgeriffen und auf diese Weise die Toten und verletzten geborgen. Sanitätswagen aus Köln mtb Aachen Über 60 Beamte und 100 Sanitäter sowie die Bevölkerung der Umgebung beteiligten sich an der Hilfsaktion. Der Lokomotivführer de» ver- unglückren ZngvS, eine Dienstfrau und ein Packmeister wurden getötet. Der Heizer rettete sich durch rechtzeitiges Abspringen.
DaS Krankenhaus in Buer vermochte dir Tote« ««d Verletzten nicht «Le aufzunehmen.
Di« Namen der zuerst geborgenen acht T»- ten lauten: Adrienne GasserwSki aus Paris, Leopold Palkowski auS Krakau, Packmetster ®. Roderburg auS Aachen, ein Joseph Wiesmann Wohnort noch unbekannt. Paul Herrmann auS Newyork, Grünfeld auS Warfchau, Lucien Bougnot aus Paris und der Waschfrau Krause aus Berlin. Die Namen der anderen Toten sind noch nicht eimittelt.
Schwerverletzt wurden «. a.; Ein Herr Kohn, auf der Fahrt nach Warschau be- griffen, Herr Ledermann, auf der Fahrt nach Marseille nach Polen begriffen, ein Leopold Lewww ans Poitiere und Frau, «ine Frau Meyer, Wohnort unbekannt, ein Wilhelm Ruprecht, Wohnort unbekannt, ein Zugführer vom Lehrter Bahnhof in Berlin, eine MaA na Gince auS Pofen sowie ihr Kind, das leicht verletzt ist, Jonne Kowal auS Trowbridge (auf der Reise von Amerika nach Dresden), Johann Kulik aus Warschau, Robta Schars- scher auS Warschau, Jminitoss auS Rußland.
Unter den Schwerverletzten befinden sich ferner »och di« polnischen Staatsangehörigen R. Rachel, Selma Bloch, Wiera Pieprakiewtcy und eine Helene WoieikodRa.