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Kafteler Neueste Nachrichten ÜLciscn, "TOcutvdLC CTt 24-/25. Auqust 1929

Wochenend im Llplarw

Rund um die Diemeltalsperre Von Lutz Haurand

Wenn man auf der Höhe vor Rhena noch einmal zurücksieht, liegt Corbach wie ein Theaterprospekl scheinbar am Rande der Hoch­ebene, deren Mittelpunkt es in Wirklichkeit bil­det. Dann geht es hinab ins Tal, an einem kleinen Garten vorbei, darin ein zahmes Reh uns mißtrauisch betrachtet, durch Rhena hin­durch. Links schlängelt sich, am buchtenreichen Wipperberge hin, die Straße nach Allering- hausen, dem Geburtsorte von Louis Peter, dem Begründer der Peiers Union A.-G. Unser Weg führt in einer riesigen S-Kurve nach Bömighausen. Man merkt, wie man tiefer in die Berge hineinkommt, immer höher schie­ben sich uns, kuliflenartig, bewaldete Kuppen entgegen. In Bömighausen ist man beschäf­tigt, ein Grab zu schließen, darin soeben ein Mensch seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Wir verhalten ein wenig, oer Stimmung des Augenblicks hingegeben, und sehen den schau­felnden, hemdärmeligen Männern zu, die biet von der Straße aus wie Sptelwerk aussehen. Ihr vom Echo zerrissenes Sprechen hat etwas Gespenstiges. Trotz des Hellen Sonnenscheins, der uns Schweißtropfen auf die Stirn treibt.

Das Tal zwischen Bömighausen und Neer­dar ist

eines der reizvollsten Bachtäler, die ich in Mitteldeutschland kenne.

Es erinnert lebhaft an jenes zwischen Itter und Herzhausen (an der Edersperrel, aber es hat die größere Unberührtheit für sich. Wie dort die hessische Itter, fließt hier links im Wiesengrunde die Rhene und drängt den Wald zurück, der sich rechts bis dicht an die Straße schiebt. Den fehlenden Kraftwagenverkehr empfinden wir als eine Wohltat, durstig trin­ken wir den Duft des Weißdorns, der überall in Blüte steht, und würziger Linden

Neerdar hat ein massiges kleines Kirchlein, das 1531, und eine Kolontalwarenhandlung, die 1925 erbaut ist. Auf der Höhe hinter dem Dorfe haben Zigeuner ein Lager anfgeschlagcn nud die Mutze benutzt, große Wäsche zu halten. Hemden und Tücher trocknen seitlich auf den Weißdornbüschen. Rach Minuten noch sehen wir sie, zurückschauend, weiß in der Sonne leuchten. Wir biegen kurz vor der Ohlenbeck, einem einsam gelegenen Gasthof, wo wir Rast machen und uns von der Spieluhr für zehn Pfennig einen schmetternden Marsch Vorspielen

lassen, nach rechts ab, und genießen am alten Grenzstein zwischen Waldeck und der ehemals preußischen Enklave Eimelrod den prächtigen Rundblick. Wir stehen wie auf einer Ter­rasse. Corbach scheint sich nicht entfernt zu haben, seine charakteristischen Türme stehen noch genau so klar vorm Horizont wie bet Rhena. Nach der anderen Seite erheb» sich Stufe um Stufe das Upland. Bor allem ist es der breitgelagerte Dommel (785 Meier), der unseren Blick fesselt. Da ist ferner der Her­mannsberg bei Rattlar, wo Schwaner ferne Volkshochschule erbaute; die Weiße Straße hoch oben am Widdehagen mit ihren regelmäßig stehenden Bäumen wirkt in dieser dunklen, Wuchtigen Umgebung wie eine Filigranarbeit. Mit Eimelrod und Deisseld durchqueren wir die ehemalige Enklave. Deisfeld ernpfängt uns mit Ehrenpforten und kitschigen Papp­schildern:Herzlich willkommen!" Hier ist morgen Schützenfest. Im außerhalb des Dor­fes dicht an der Straße gelegenen Festzelt werden rege Vorbereitungen getroffen. Mein Begleiter, ein Stormbrucher Kind, erzählt mir, daß in Deisfeld die alten Bauern noch mit Pelzmützen zum Feste kommen. Es ist ein weltabgeschiedener Landstrich hier, dieSeg­nungen der Kultur" machen zum größten Teil an der Eisenbahn Halt.

Der Wald ist zurückgetreten, wir fahren durch Wiesen und Feldgemartung, jetzt treu­lich von der Diemel begleitet, die hier bei aller Lieblichkeit einen recht mageren Eindruck macht. Die Ernteaussichten scheinen gut, das Getreide steht höher auf dem Halm als im sonst doch viel fruchtbareren Edertal. Wieder steigt die Straße mächtig an, dann eröffnet sich überraschend der Talblick auf Stormbruch, das wie schutzsuchend am Fuße des mächtigen Kop­pen liegt. In sausender Fahrt gehts hinab unser Ziel für heute ist erreicht. Am äuße­ren Dorfende steht das alte Fachwerkhaus, darin wir diesmal unser Wochenende verleben werden Weekend am Dorsend.

Gastfreundlich werden wir einpfangen. Nachdem der Reisestaub entfernt und ein Im­biß genommen ist, bummeln wir umher. Die ältere Hälfte des Friedhofs ist mit Hafer be­sät, ein feines Symbol für oen Kreislauf alles Lebens. In der, wie eine verstütnmelte Bal­keninschrift verrät, 1792 erbauten Kirche zählen wir auf der Gedenktafel die Rainen von drei­

ßig Kriegsopfern zehn Prozent der gesamten Dorfbevölkerung sind den Heldentod fürs Vaterland gestorben. Das Dorf selbst macht einen gepflegten Eindruck. Auf der Straße spielen Kinder, neugierig und scheu mustern sie den Fremden.

Der Schoppen nach dem Abendessen ist aus­dauernd. Wir sitzen noch, als schon die Dörf­ler, einer nach dem andern, alle verschwunden sind, und darum auch finde ich erst aus den Federn, als die Sonne schon recht heiß ins Zimmer brennt und draußen ein Motorrad hupt. Mit verschlafenen Augen gucke ich aus dem Fenster und werde lachend begrüßt Freunde aus Corbach. Noch unrasiert, in der Training­bluse, bummle ich nach dem Frühstück mit ihnen durchs Dorf. Wir plündern im Garten unseres Gastgebers den Rotdornbaum für das Motorrad und die Freundin, die bei uns ist und die uns zum Dank in scherzhaften Posen mit ihrem Kodak variiert. Der Höhepunkt ist unsere AufnahmeVaterfreuden", die wir mit geborgten Kindern ermöglichen. Des Lachens ist kein Ende, und eine selten angenehme Wur­stigkeit macht selbst das Unrasiertsein zum Ge­nuß. Man kann stch's leisten, auf dieKul­tur" zu pfeifen.

Unsere Freunde verlassen uns nach dem Mittagessen, und wir rüsten unsere Zweiräder zur Fahrt um die Diemel. Schon vor Hering­hausen habe ich eine Panne, aber sie ist schnell behoben, ehe der Aerger über den unerwünsch­ten Aufenthalt hochkommen kann. Hering­hausen empfängt uns sauber und sonntäglich, die Diemel liegt wie ein Smaragd, wenig be­wegt, im Kranz der bewaldeten Berge. Die tiefrote Front des Eisenbergs bietet in diesem Schaufenster der Natur einen wundervollen Blickfang, zu seinen Füßen-liegt die Sperr­mauer. Wir verschieben die Besichtigung des Kraftwerkes auf ein andermal und radeln links die Chaussee entlang. Für die Fremden- industrte ist der Verkehrsmangel bedauerlich; wir empfinden ihn als eine Wohltat. Ein paar frische Mädels winken unten vont Ufer, wir geben den Gruß herzlich zurück, aber wir lassen uns nicht einfangen. Die Straße hier, nahe der Sperrmauer, wirkt recht nüchtern, aber ein Stück weiter dem Jttertale zu. wo aus der Chaussee ein Feldweg geworden ist, ist man mitten in der Natur. Große Kämpe reichen bis hinauf an den Wald. Wir halten bei dem Hillebrandschen Anwesen, dem letzten und schönstgelegenen der drei Höfe, die von der ehemaligen Kotthausen übrig geblieben sind. Durch seine Küche geht die Grenze zwi- fchen Waldeck und Westfalen, und die Bewoh­ner können von sich sagen, daß sie in Westfalen kochen und in Waldeck essen, sieben dem Hause fließt schäumend und sprudelnd die Itter, der

wesentlichste Zufluß der Diemelsperre, den man um sein Patenrecht betrogen hat. Dann nimmt uns der Wald auf. Ueberrcich blüht und duftet der Weißdorn, ein paar Drosseln schlagen, leise wispern die Blätter, sonst ist alles still. Man ist andächtig wie in der Kirche, bis der Ausblick wieder fret wird und der holprige Weg zu erhöhter Aufmerksamkeit zwingt. Auf der Gegenseite steht das rot­bunte Vieh der Rinderfarm als farbige Lupfen im Grün. Neben uns gluckst das Wasser Enten sangen Fische am Rande des Sees, efirig fahren die Schnäbel in die Tiefe, für Sekunden stehen dann die schmutzigen und struppigen Schwänze in der Luft. An der Heringhäuser Brücke haben wir unsere Rund­fahrt beendet.

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Eisenach wirbt hunderttausendfach.

Wenn ein deutscher Fremdenplatz in den letzten Jahren ausgesprochen in Mode gekom­men ist, so kann dies Eisenach, die bekannte Wartburgstadt, mtt Genugtuung von sich sest- stellen. Heute ist es fast eine Selbstverftänd- lichkeit, beim Durchreifen Thüringens und wer kommt nicht von Zeit -zu Zeit mal durch dieses schöne, in Deutschlands Herzen gelegene Land am Fuße der Wartburg Rast zu ma­chen, die deutsche Gralsburg zu besuchen und die unvergleichliche Schönheit der idealen Kur- und Bergstadl Eisenach mit ihrer wunderbaren Umgebung in ruhigem Aufenthalt zu genießen. Soeben ist ein neuer bilderreicher Prospekt über Eisenach und die Wartburg erschienen, der bei allen Reise- und Verkehrsbüros und beim Verkehrsverein, Städtisches Verkehrsbüro Eisenach kostenlos erhältlich, in gebotener Kürze über Eisenach als Stadt der Wartburg, der zahlreichen historischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten und als Kur- und Erho- lungsstadt unterrichtet. Die Fülle der über­raschenden Reize und Schönheiten ließ Eisenach nicht nur in Mode kommen, sondern machte es auch in schnellem Aufstieg zu einem der Zen- tren des mitteldeutschen Fremdenverkehrs.

Ferienerfahrung.

So ein Hotel wie das, in dem wir gewohnt haben, habe ich noch nicht gesehen," erzählte der Heimgekehrte von feiner Ferienreise.Da be­handeln sie das Federvieh besser als die Gäste."Ja, wieso denn?"Nun, das Fe­dervieh wird wenigstens nicht bei lebendigem Leibe gerupft."

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