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Piment Steffi

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19« Jahrgang

Donnerstag, 15» August 1929

Nummer 19t Einzelpreis: Wochentag» 10 Pfennig.

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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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Friedrichshafen - Tokio

Graf Zeppelin" wieder gestattet / Eckener rechnet mit vier- bi« fünftägiger Fadrtdauer

Sie zweite tztavve Des Weltsiuges

Eigene» Drahtbericht.

Nach dem Paffieren der Hauptstadt wird das Luftschiff seinen Weg über Danzig und ft ö. nigsberg nehmen, dann die russische Grenz« überfliegen und in Richtung auf Dünaburg weiterfahren.

Friedrichshafen 15. August.

DaS LuftschiffGras Zeppelin" ist umi 4M Uhr morgens unter dem Jubel einer zahllose» Menschenmenge zum Fluge nach Tokio aus- gestiegen.

Heber den Verlauf des FlugeS liege« fol­gende Meldungen vor: Um 6,45 Uhr passierte das Luftschiff die Stadt Nürnberg in «ordöstl. Richtung. 7 Uhr 20 wird Bayreuth überflogen Um 8,30 Uhr passierte das Luftschiff Gera. Eine halbe Stunde später befand es sich über Leipzig. Um 9 Uhr 45 wirdGraf Zeppelin" in der Nähe von Wittenberg gesichtet. ES nahm Kurs auf Berlin.

* * *

Gras Zeppelin" über Berlin

Berlin, 15. August.

Nachdem Graf Zeppelin um 10,20 Uhr in Potsdam gesichtet worden war, näherte er sich in größter Geschwindigkeit Berlin, wo er gegen 10,33 Uhr in voller Brette über der Potsdamer Straße austauchte. Alle Dächer in Berlin wa­ren mit Menschenmaffen, die ouS Büros und LÄhnungen von ihren Arbeitsstätten geeilt wa­ren, dicht bevölkert, um denGraf Zeppelin" auf feiner Weltfahrt zu begrüßen. Auf dem Xem- pelhofer Flughafen waren zahlreiche Flugzeuge aufgestiegen, die las Luftschiff umkreisten und ihm ein Stück das Geleit gaben. Die Flughöhe, dieGraf Zeppelin" über Berlin hatte, betrug cil 2000 Meter, die Geschwindigkeit zwischen 70 bis 80 Km. NachdemGraf Zeppelin" eine Schleife über Berlin gezogen .besuchte er in er­ster Linie das Zeitungsviertel und die Regie- rungsgebäude.

Stettin, 15. August. DaS LuftschiffGraf Zeppelin" erschien um 12,08 über Stettin und flog in schneller Fahrt in nordwestlicher Rich­tung weiter.

Luftschiff hoch!"

Friedrichshafen, 15. August.

Wieder eine herrliche sternenklare Sommer­nacht über der Zeppelinstadt. Ein Wetter ähn­lich dem des letzten Amerikastarts. Aus den Straßen ist auch nach Mitternacht kein Abflauen des Verkehrs zu bemerken.

Gegen 544 Uhr morgen» begaben sich die Passagiere in Omnibussen zum Werstgelände. Ganz Friedrichshafen war aus den Beinen, um seinem Lufffchifs die letzten Grüße mit auf die große Reise zu geben. In den Omnibussen der Passagiere herrschte eine ausgezeichnete, bei­nahe ausgelassene Stimnmng. Der Platz vor dem Haupteingang der Werft war schwarz von Menschen, sodaß kein Durchkommen war.

Die Passagiere versammelten sich dann vor dem Eingang zur Hauptgondel. Die Menge stand dicht gedrängt Kops an Kops um den zu den Kabinen führenden Steg. Die Passagiere bestiegen unter scharfer Kontrolle da» Luftschiff. Inzwischen hatten die Maschinisten die Moto­ren zu einem nochmaligen kurzen Probelauf in Gang gesetzt. Um 4.11 Uhr wurden bie meisten Ballastsäcke abgehängt. Dann wurde da» Schiff ausgewogen. Man mußte viel Wasserballaft abgeben. Um 4 93 Uhr wurde die Holztrepp« von der Gondeltür gezogen.

Draußen beginnt der Morgen zu grauen Endlich, um 4.24 Uhr wird da? Signal zum Au-sahren au» der Halle gegeben. Die letzten Abschiedsworte werden zwischen den SchfffS- insassen und der zurückbleibenden Menge ge­wechselt. Um 4,2« Ubr werden die Laufkatzen abgehängt, und .Graf Zeppelin" von der Halle weg mit dem Bug nach Südasien gedrängt. Einige Minuten nach 4 30 Uhr ertönt das Kommando »Leinen auSfchären". Da» Schiff ist frei. Es wird nochmals ausgewogen. Jetzt springen die Motoren einer «ach dem anderen an. Die Masckinentelegraphen rasseln. Die letzten Befehle schwirren hin und her.

Um 4.35 kommt da» Kommando .Lufffchifs hoch". Die Haltemannschaften stoßen mit einem gewaltigen Ruck den Schiffskörper in die Luff, und langsam, aber stetig hebt sich das schwer- heladene Schiff höher und höher, begleitet von den nicht endenwollenden Jubelrufe« der Zu­rückgebliebenen. Ein letztes Winken von Bord zum Land und umgekehrt, daun entfernt sich

»Graf Zeppelin" in la«gsamer Fahrt «ach Nordosten.

Die Flugroute

Friedrichshafen, 15. August.

lieber die Route, die derGras Zeppelin" aus der Fahrt nach Tokio einschlagen wird, sowie über die Wetterlage, die dar Schiff an­treffen dürste, machte Dr. Eckener folgende An­gaben:

Für den ersten Teil der Fahrt bis nach Rußland hinein sind die WetterauSstchten der- gestalt, daß das Luftschiff wahrscheinlich immer mit sehr günstigem Schiebewind zu rechnen ha­ben wird. Bo« Friedrichshafen wird der »Graf Zeppelin" zunächst die Reichshauptstadt an­steuern.

Bei der Fahrt über Rußland wird Dr.

Eckener

«ach Möglichkeit de« Wunsch der russischen Regierung erfülle« und Moskau zu über­fliege« suche«.

Sollte diese Absicht aber aus navigatorischen Gründen nicht verwtrllicht toerben können, so wird das Luftschiff entweder de« südlicheren Kurs über Tomsk Irkutsk oder, was wahr­scheinlicher ist, den nördlichen Kurs über Ja­kutsk OchotSk wählen.

Dr. Eckener rechnet bei günstigen Winden mit einet Fahrtdauer von etwa 4XA5 Tagen

Um Brennstoff zu sparen, wird versucht wer­den, möglichst nur ustt vier Motoren zu fahren.

Neuer Vorstoß Snowdens?

Eigene Drahtmeldung

Haag, 15. August.

Ein überraschendes und vorläufig noch nicht zu kontrollierendes Sensationsgerücht kursiert im Haag. Von französischer Seite wird behauptet, daß Snowden in den gestrige« Nachmittagsstunden, nachdem er von der Einigung in der Besprechung der vier Hauptgläubigermächte Kenntnis erhalten hatte, an den Präsidenten der Konferenz Jasper ei­nen Brief gerichtet habe, in dem er erklärte, daß sein ResolntionS-Entwurf, am Samstag zur Abstimmung gebracht werde«

solle. In diesem ResoluttonS-Entwurf, der schon vor einer Woche gestellt wurde, verlangt Snowden die Einsetzung eines neuen Sach- verständigen-Komitees zur Prüfung der Ver­teilung der deutschen Zahlungen im Poung- plan im Hinblick auf den Verteilung-schlüss'l von Spaa.

Die Annahme dieser Resolution würde einer vollkommenen Wiederaufrollung der gesamten Aoungplan-Debatte gleich- kommen.

Immer unter dem Vorbehalt, daß eS sich hierbei um ein Gerücht handelt, würde hie er­neute Hervorholung bet Snowden-Rriolntion die Ablehnung durch die Gegenseite bedeuten, wie von französischer Seite auf das bestimmteste versichert wird. Bei einem solchen Ausgang wäre ober wahrscheinlich mit bet sofortigen Abreise bet Engländer zu rechnen.

*

Die Diskussion im Haag spitzt sich immer schärfer darauf zu, ob die englische Beteiligung an dem Spa-Schlüssel auf den gesamten Aoungplan oder auch im Verhältnis auf die ungeschützten Annuitäten in Höhe von 660 Mil­lionen angewandt werden soll. Die Forderung Snowdens auf Abstimmung über seine Ent­schließung in der Sitzung am kommenden Samstag erstreckt sich vor allem auf eine dem Spa-SMüssel entsprechende Beteiligung der Engländer an den 660 Millionen der unge­schützten Annuitäten. Dar würde bedeuten, daß England seine ursprünglichen Forderun- St aufrecht erhalten bat, von den 660 unge­übten Millionen nicht 32, sondern etwa 150 Millionen zu erhalten.

In Kreisen, die di« Lage zu Überblicken im­stande sind, glaubt man vorläufig bei der Ge­sa mtlag« der Dinge immer noch an eine sach­liche Einigung in der entscheidenden Sitzung am kommend«« Samstag.

Gin ruhiger Tag

Ein Zwischenfall.

Haag, 15. August.

Die Verhandlungen der Haager Konferenz sind nach den letzt«« aufgeregten Tagen nun­mehr in ein ziemlich ruhige« Fahrwasser ge- raten.

Gestern nachmittag wurden die Besprechun­gen zwischen den einzelnen Delegationen über Die finanzielle Einigung fortgesetzt. Bei der englischen Delegation sprachen verschiedene Vertreter der kleinen Gläubigerstaaten vor, die auch bei der französischen Delegation mit Mi­nister Loucheur Unterhaltungen Pflogen. Ein Zusammentreffen zwischen den Hauptdelegier­ten der deutsche« Delegation und den Führern der englischen Delegation fand gestern abend anläßlich eines gemeinsauten Diners im Hotel Royal statt.

Briand hat im Laufe des Nachmittags mit den aus Paris eingetroffenen Militäffach- verständtgen und GeneralstabSoffizieren kurz die Frage des Endtermins der Rheinlandräu­mung erörtert.

Staatssekretär Dr. Pünder ist gestern nachmittag aus dem Haag abgereist. Er hat sich zur Berichterstattung über den bisherigen Verlaus der Haager Verhandlungen nach Hei­delberg zum Reichskanzler Hermann Müller begeben. Dr. Pünder wird am Sonnabend wieder nach dem Haag zurückkehren.

Ein sonderbarer Vorgang, der sich in der Finanzkommission der Haager Konferenz ab­gespielt hat, wird erst jetzt durch Mitglieder der belgischen Delegation bekannt. Wie sie er­zählen, hat sich in dieser Sitzung der Kom­mission ein Neffe der ehemaligen deutschen Kaisers, ein Prinz von Sachsen-Meiningen, mtt Hilfe einer Dtplomatenkarte Zutritt ver­schafft. Der Prinz wurde während der Sitzung von Mitgliedern der englische« Delegation, die ihn von früher kennen, erkannt und die deutsche Delegation auf die Anwesenheit des Prinzen aufmerksam gemacht. Di« Delegierten waren übereingekommen, über diesen Zwi­schenfall Stillschweigen zu bewahren.

Dar Gespenst

-er Lontrollkommisston

Haag, 15. August.

Die Frage bet Kontrollkommission zeichnet sich gestern nach Mitteilungen, die im Haag ge- macht werben, wieber bedeutend ernster ab. Dir Juristen der Alliierten versteifen sich nämlich noch immer ziemlich hartnäckig auf den Plan der Schaffung eine» Unterkomitees des Völker­bundes, der seinerzeit von Hendeffon, anschei­nend aus französische Einflüsse hin, in bet Poli- tischen Kommission aufgeworfen würbe. Die brutsche Haltung in biefer Frage ist nach wir vor die gleiche, baß dir Lorarnovrrträgr schon alle« enthielten, waS für bie Erfüllung aller Aufgaben notwendig fei, bi« Frankreich angeb­lich bet Kommission zur Regelung zuweisen möchte.

Die Auseinandersetzungen im Juristenkomitee doS heute nachmittag 3 Uhr zu seiner zweiten Sitzung zusammentritt, werde« deshalb einen ernste« Charakter trage« und ein Konflikt in diesem Komitee ist nicht ausgeschlossen, falls dir Alliierten nicht auf ihrer Forderung nach Ein fetzung eine» kleinen Organs außerhalb deS So cotna- und Völkerbundspaktes verzichte«.

Unbezahlte Rechnungen

W. P. Als Briand im Politischen Ausschuß der Haager Konferenz bei seiner Schilderung der Räumungsschwierigkeiten bewegliche Klage über die Leiden, denen die französischen Be­satzungstruppen im letzten Winter ausgesetzt waren, führte, erwiderte ihm der deutsche Außenminister schlagfertig, daß den französi­schen Soldaten derartige Schwierigkeiten er­spart blieben, wenn sie nicht noch einen Win­ter am Rhein zuzubringen brauchten. Wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen, und die Rolle des Spötters übernahm tn diesem Falle der eng- lische Außenminlster Henderson, der garkein Hehl daraus machte, daß ihm die Abfuhr sei- «es französischen Kollegen ungetrübtes Ver­gnügen bereitete. Auch dieses kleine Inter­mezzo war bezeichnend dafür, daß sich in dem Verhältnis, in dem England bisher zu Frank­reich stand, seit dem Amtsantritt des arbeiter- parteilichen Kabinetts etwas geändert hat, und gerade deshalb hat es in der deutschen Presse wohl soviel Beachtung gefunden. Eins ist ge­wiß: Austen Chamberlain, der treue Anbeter Frankreichs, hätte die Stresemannschen Worte, die seinem arbeiterparteilichen Nachfolger ein behagliches Schmunzeln entlockten, ganz anders, mit einem lebhaften Stirnrunzeln oder einer noch deutlicheren Bekundung seines Un­willens, quittiert . . .

Etwas hat sich in der englischen Außenpoli- ttk geändert! Darüber kann es nach dem rück­sichtslosen Vorstoß des Schatzkanzlers Snow­den und nach den Räumungs-Ankündigungen des Außenministers Henderson keinen Zweifel mehr geben. Wie weit sich das arbeiterpartei­liche Kabinett sein Ziel gesteckt hat, ist zwar im Augenblick noch nicht zu erkennen; in wel­cher Richtung dieses Ziel liegt, kann aber schon jetzt mit ziemlicher Sicherheit bestimmt wer­den: Macdonald und seine Freunde wollen eine selbständigere, eine, wie man wohl sage« darf,englischere" Außenpolitik als ihre kon­servativen Vorgänger treiben, die aus dem Londoner Foreign office zeitweilig geradezu eine Filiale des Pariser Auswärtigen Amtes gemacht hatten. Es ist selbstverständlich, daß für französische Ohren diese neue englische Melodie, zumal wenn sie auf so groben In­strumenten, wie sie Snowden im Haag spielte, vorgetragen wird, nichts Angenehmes besitzt. Das waren Worte, wie sie Frankreich aus dem Munde eines englischen Staatsmannes seit Jahren nicht gehört hat. Worte, in denen nichts, aber auch garnichts von alter Freund­schaft gesagt, in denen nur kühl und geschäfts­mäßig von Englands Interessen gesprochen wurde!

Englands wirtschaftliche und finanzielle Forderungen daraus waren vor allem die Snowdenschen Reden abgestellt, und nüchterne englische Jnteressenpolitik steckte auch den Unentwegtesten unter unseren deutschen Opti­misten ist dies« Warnung ins Stammbuch zu schreiben hinter den Erklärungen, di« der englische Außenminister zur Räümungsfrage abgab. England will räumen, und es will fort räumen. Soweit decken sich die deutschen und die englischen Interessen. Aber nichts wäre verkehtter, als wenn man nun anneh­men wollte, daß dieser Entschluß der arbeitet» parteilichen Minister aus Siebe zu Deutschland geboren wäre. Und wer von uns sich immer noch nicht von berartigen Illusionen losreißen konnte, der ist durch die Nachricht von den sinanziellen Forderungen, die das räumungs» sreudige England In diesem Punkte wieder einig mit den beiden anderen Besatzungsmäch­ten Deutschland auferlegen möchte, unsanft aus seiner Traumwelt in die Wirklichkeit zu­rückgeholt worden.

Die finanziellen Fragen der Besatzung und der Räumung sind fett ,eher hinter den politi­schen und rechtlichen Erörterungen zutückgette- ten. Zu Unrecht! Denn es wäre recht heilsam Sewesen, wenn der Welt immer wieder vor lugen geführt wäre, wieviel Millionen jähr­lich durch diese Besatzung vergeudet wurde«. Wasted Millians"vergeudete Millionen" hat derManchester Guardian" einmal vor längerer Zeit einen Artikel überschrieben, der sich gegen die Fortdauer des Besatzunasun- sinnes wandte. Allein für die Zett vom Waf­fenstillstand bis zum 31 August 1934 ergibt sich an BesatzunaSkosten die riesige Summe von fast 5500 Millionen Goldmark Und diese Millionen mußten von Deutschland aufgebracht werden! Denn nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages trug Deutschlanddie ge.