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Meler Nemste Nchrichtm

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Vsummet 188 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Montag, 12. August 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19« Jahrgang

*

1- -J

v

Der Kampf um Wiffells Reformen

(Von unserem Berliner Vertreter)

des Uoungplanes gung der Besatzur

>aag außerordentlich be-

Friedrichshafen Tokio

Nur eine Galgenfrist?

Haag, 12. August

Reichsaußenminister Dr. Stresemann stattete heute vormittag dem englischen Außen­minister Henderson einen Besuch ab.

Taltrk. Denkt man daran, daß es hier im Haag um die entscheidendste Auseinandersetzung seit Versailles geht, daß hier die Würfel darü­ber fallen müssen, ob Versailles Frankreich nicht nur die Befriedigung alter Wünsche, eine ungeheure Macht, sondern jetzt auch noch den

Macdonalds AmMkarelse abgeblosen

Newyork, 12. August.

Vielleicht ist es ein entscheidender Moment für die politische Konstellation in Europa. I Vielleicht ist es nur ein Spiel wagemutiger

Gemeinsam mit Wiffell hat sich noch am gestri­gen Abend auch der Innenminister Severing auf die Reise nach dem Haag begeben, da sich eine persönliche Fühlungnahme zwi-

Wenn "e§ jetzt unter dem Zwang der fi­nanziellen Notwendigkeit, unter dem Frank­reich steht, nicht gelingt, gegen die Annahme des Houngplanes die vollständige Beseiti­gung der Besatzung u. die Ausgabe des Kon­trollgedankens von Frankreich ernzuhandeln, wird Deutschand bei Auflösung derentente cordiale" .... wie sie angesichts der engli­schen Haltung möglich erscheint, noch mehr als

auf ihr traditionelles Recht, Weekend zu hal- te», verzichtet, und sich mit einer gemeinsamen Besprechung der Hauptdelegierten der sechs einladenden Mächte einverstanden erklärt, die a mSonntag vormittag von 111# Uhr im Binnenhof im Haag ftattfand.

In, dieser Besprechung find dieMißver- ftändnisse" persönlicher Art. die durch die scharfe Rede GnowdenS auf französischer Seite entstanden find, ausgeräumt worden. Snow­den hat in der Besprechung nochmals münd­

sprechungen aus dem Haag zurückgekehrt sein werden, wird das Kabistett Mitte der Woche abermals Stellung nehmen, und auf jeden 8all wird am Donnerstag dieser Woche der ozialpolitische Ausschuß des Reichstages die Besprechung dieser Frage beginnen, deren Schicksal vollkommen ungewiß ist.

Haag, 12. August.

Die erste Krisenwoche ist herum. Es hat bis jetzt auf dieser Konferenz fast keine Minute gegeben, in der Bild und Stimmung nicht mit kinematographischer Schnelligkeit wechselten. Es war der englische Widerstand, der von An­fang an der Konferenz dieses unruhige Gesicht gab. Noch heute kann kein Mensch eindeutig sagen, wo die Engländer hinaus wollen. Man weiß bloß, sie widerstehen mit einer Kraft, die großer Dinge wert sein mutz. Ist es die Los­lösung der englischen Politik von Frankreich, ist es die Befreiung von der unter Chamber­lain erdrückend eng gewordenenEntente Cor- biale, ist es nur der Versuch, mit den Ver­einigten Staaten in ein gutes Verhältnis zu kommen, oder ist es eine Kraftanstrengung, die £,6alance of Power", das Gleichgewicht der Kräfte, auf dem Kontinent wiederherzustellen. Niemand wettz das. Niemand kann darau' eine Antwort geben.

Der einzige, der es könnte, Snowden, schweigt. Der stärkste Mann der englischen Delegation sitzt krank, hilflos, gebrechlich, hin­ter seinen Schreibtisch gebannt. Zu den Kon­ferenzen schleppt er sich auf zwei Krücken. Mühsam, ein Bild des Erbarmens. Aber die­ser kranke Körper besitzt eine Vitalität, eine Kraft, die ihm den Mut gibt, dem Trommel­feuer der Ueberzeugungskünste von zehn Staa­ten zu widerstehen und vielleicht sogar in die­sem Augenblick das Steuer des großen Welt­reichs mit einer entscheidenden Wendung Herumreißen. Vielleicht!

-m der Haltung der englischen Regierunq ru der von Snowden auf der Haager Konke- renz vertretenen Forderung über eine Revision des Youngplanes ist keine Aenderung einae- treten. Snowden findet bei seiner Aktion wei­testgehende Unterstützung, was am deutlichsten durch das von Macdonald an den englischen Schatzkanzler abgesandtes Telegramm ersichtlich ist Macdonald sagte über den Zweck dieses Telegramms folgendes: Angesichts der auf dem Kontinent weit verbreiteten Ansicht, daß Snowden bluffe, wollte ich es vollkommen klar machen, daß er für den von ihm angenomme­nen Standpunkt, datz Großbritannien jetzt dte Grenze des Ertragens ungerechter Lasten er­reicht hat, dte Unterstützung von uns allen er- balt. Ich erklärte, daß dies ohne Rücksicht auf dte Parteien so ist.

Llovd George bat gestern in einer Mitteilung an denDaily Expreß" gleichfalls seine feste Unterstützung des Schatzkanzlers zum Ausdruck gebrachst Damit steht tatsächlich ganz England hinter Snowden.

- Aufregung im Haag

Haag, 12. August.

Pe Krisenwoche vom Haag ist noch nicht zu Ende. Man kann nicht sehen, ob hinter hr der Bruch oder die Weiterverhandlnng steht, dte schlimmere Krisen bringen kann als dte ersten Tage.

Haag, 12. August. Innenminister Severing und Reichsarbeitsminister Wissel sind heute mittag im Haag eingetroffen. In den Kreisen der deutschen Delegation sieht man die inner­politische Lage sehr ernst an und gibt zu er­kennen, daß gerade jetzt alles vermteden wer­den müsse, um Deutschland in eine innerpoli­tische Krise zu bringen, dte seine Verhand- lungsfähigkeit im Haag außerordentlich be­nachteiligen könne.

,-------- ,-v- -^ch noch den

Löwenanteil an der Kriegesbeute schenken soll, daß diese Tage die Entscheidung darüber brin­gen müssen, ob Deutschland nicht nur zum Schuldner, sondern auch zum politischen Aus­beuteobjekt der Sieger von 1918 werden soll, dann kann matt fast daran glauben, daß Eng­land, sei es durch die Labours oder die Diehards regiert, eine Kraftanstrengung machen muß, um in dieser künftigen europäi­schen Konstellation das Steuer in die Hand zu bejpmmen. Sie mag unter dem Stern von Versailles oder einem neuen, noch unbekannten Stern stehen, für England ist jetzt der Moment gekommen, sich entweder ganz von der Fest­landspolitik zurückzuziehen oder nur der Freund Frankreichs zu sein.

der Entwurf Wissells im Kabinett nicht auf Annahme rechnen kann,

wetl er sich nicht so an das Votum der Sach­verständigen anschließt, wie ursprünglich ver­mutet wurde. Der Entwurf bringt vielmehr verschiedene Abweichungen, nämliche geringe Reformen des Systems und daher die Not­wendigkeit einer stärkeren

Beitragserhöhung über # Proz. hinaus

Damit sind die Aussichten für die Verwirkli­chung verschlechtert, und es ist die Fühlung­nahme mit dem Haag umso notwendiger ge­worden, da der Wirtschaftsminister und der Finanzminister sich beide dort befinden.

Wenn Wiffell und Severing von ihren Be-

Seiger tiieferuna tft au-geiÄloiieu Sur unverlangt einaefanirte '-Beiträge kann die Jtetiattion eine Verantwortung oder Gewähr In keinem Saue übernehmen Sdmftlcituna «erlag und Druckerei: -asset. S-hla-htbosstrahe

Haag, 12. August.

Der englisch« Schatzkanzler Snowden er­hielt gestern abend folgende Depesche Macdo­nalds:Der FinanzA-usschuß würde einen schweren Fehler begehen und den Fortschritt und eine baldige Regelung hinausziehen, wenn man nicht endgültig de« Sachverständigen-Be- richt einer Revisiion verlangt, um den gerech ren Forderungen Englands zu entsprechen. Unabhängig von Parteien und Gruppen un­terstützt das Land einstimmig Ihre Haltung Soweit ich ersehen konnte, stehen alle Zeitun­gen hinter Ihne» und alle Parteien des Un­terhauses sind auf Ihrer Seite. Ich hoffe dringend, das Ihre Kollegen in der Finanz- Komunffion einsehen werden, daß Sie

einer Lage gegenüberstehen, in der

die elementarsten Rücksichten des fair

plays zwischen einem Lande und dem anderen dazu zwingen, eine Wiedererwägung einiger Empfehlungen des Sachverständigen-Berichtes herbeizuführen. Unsere Haltung mit dem Ziel einer Befriedung Europas auf der Basis eines guten Willens ist ein Beweis dafür, daß tmr wünschen, daß die Konferenz zu einem Erfolg sowohl aus der finanziellen, als auch auf der Politischen Seite wird. Aber wir haben die Grenze einer ungleichmäßigen Lastenvertei- lung erreicht.«

Änzetgenvreise: ISinbetmifttie GeslhäktSanzeigen die mm-Seile 11 4. auswärtige GeschättS- onaeigeu bte mm-Seue 11 4. Bamitienanaeigen die wm-Zeile 11 4. Kleine Anzeigen au8 Kabel das Wort 7 4. auswärtige Kleine Anzeigen die wm-Zeile 11 4, Reklamen die mm-detle 45 4. Dffertgebübr 25 4 (bei Zustellung 85 4). Rechnungsbeträge innerhalb o Tagen zahlbar. Siir die Richtigkeit aller durch Fernsprecher aufgegebenen Anzeigen sowie für Ausnahmedaten und Plätze kann nicht garantiert werden, frür Anzeigen mit besonders schwierigem Satz 100 Prozent Aufschlag. Postscheckkonto Frankfurt a. M. 6880.

Das sensationelle Telegramm Macdonalds an «nowden hat den Haag in eine ziemliche aufreflun0 versetzt und Anlaß zu den ver­schiedensten Beurteilungen gegeben

Di« Franzosen, deren Absicht «s ist, die Haager Konferenz angesichts des englischen Widerstandes so schnell wie möglich zu schlie- 6en und Brtand und Macdonald in Genf in ®ret Wochen weiter verhandeln zu lassen, spre­chen von einem Abbruch der Konferenz am Donnerstag.

Bei den anderen Delegationen ist man in der Beurteilung aber wesentlich vorsichtiger. Man halt es jur möglich, daß außer diesem offiziellem Telegramm vom Foreign Dfficce weitere Meldungen an Snowden ergangen sind, deren Thema auf die Möglichkeit einer politischen Einigung gestimmt fei

In englischen Kreisen unterstreicht man auch diejenigen Sätze des Macdonaldschen Te­legramms, in denen von der Notwendigkeit einer Fortsetzung der Verhandlungen und einer etwaigen Einigung gesprochen wird.

World" meldet aus Washington, daß Mac­donald möglicherweise nicht nach Amerika kom­men werde. Es verlautet, daß Amerika die englischen Vorschläge über die Kreuzer nicht annehmen, und daß Hoovers Versuche zur Flottenabrüstung vorläufig auf dem toten Punkt angelangt seien.

In Deutschland wird man sich über die Kraftworte Snowdens freuen. Das sind Töne, die seit zehn Jahren noch uiemaitd in der gan­zen Welt Frankreich gegenüber angeschlagen hat. Aber man sollte darüber nicht vergessen, daß-chie Entscheidung, die wir zu nehmen ge­zwungen sind, wenn es zu einer grundlegen­den Aenderung des englisch-französischen Ver­hältnisses kommt, eine Frage ungeheuerster Verantwortung ist. Die englische Delegation treibt im Haag keine deutsche Politik. Sie treibt englische, und, wenn man will, sogar britisch-imperialistische. England will uns die Märkte sperren für die Reparationslieferungen. England will unfere Ausfuhr nach Frankreich dämpfen durch Auferlegung der 26prozentigen Ausfuhrabgabe. Das sind Zeichen, die zur Vor­sicht mahnen, vor allen Dingen den, der etwa ein politisches Spiel gegen Frankreich für mög­lich hielte.

Aber noch mehr sollte es diejenigen zur Vorsicht mahnen, die glauben, wenn je, dann sei jetzt der Augenblick, um die europäische Front mit Frankreich herzustellen. Wir wür­den in der Kontrollfrage sofort die englische Quittung dafür bekommen, ebenso wie die Konttoll- und Besatzungsschlinge von den Franzosen zugezogen würde, wollten wir jetzt versuchen, ein englisch-deutsches Gegesiseitig- keitsgeschäft zu machen, bevor wir uns von diesen gefährlichen Bindungen befreit haben.

m . Berlin, 12. August.

Don besonders politischer Akualität waren di« Worte, die Reichsinnenminister Seve­ring tm Rahmen feiner Verfassungsrebe im Reichstag in Gegenwart des Reichspräsiden­ten von Hindenburg über die Arbeitslosenver­sicherung gesprochen hat. Er nannte dieses, die Innenpolitik z. ZI. vollständig beherr­schende Problem, zwar nicht beim Namen, aber wenn er unter anderem sagte, es würden in nächster Zeit sehr

ernste Auseinandersetzungen über die Lasten­verteilung

zu erwarten fein, und es müsse dafür gesorgt werden, daß die Aermsten der Armen nichl noch mehr belastet werden, wenn er ferner von bem Begriff des Wirtschaftsbürgers, seinen Rechten und Pflichten sprach, so war deutlich herauszuhören, daß der Minister damit in der bei ihm gewohnten, scharf betonten Form für den Entwurf seines Parteifreunde Wiffell in der Arbeitslosenversicherung Stellung nahm.

lich seine gestern schon gegebene schriftliche Er­klärung wiederholt, daß es ihm fern gelegen habe, die französischen Gefühle zu beleidigen. Allerdings soll das, wie man hört, in einer recht ironischen Form geschehen sein.

Die Besprechung hat auch Klarheit darüber geschaffen, daß die Generaldiskussion über den Noungplan heute fortgesetzt wird.

Obwohl man in der Form ein Mittel ge­funden hat, die Diskussion fortzufetzen, be­stehen aber die sachlichen Gegensätze fort, vor allem in der Frage der Verantwortlichkeit der Pariser Sachverständigen. Hier haben die Eng­länder die französische Behauptung, daß die Sachverständigen mit Wissen und Willen ihrer Regierungen gehandelt hätten, nicht anerkannt, und sich dadurch für die kommenden Verhand­lungen völlige Handlungsfreiheit gesichert.

bisher Ball im europäischen Spiel bleiben, weil es dann zwischen zwei Kräften hin und hergeworfen wird.

Die Engländer haben von Anfang an ver­sucht, das Heft dieser Konferenz in die Hand zu bekommen. Sie haben «8- robust und nicht immer in sympathischer Manier getan. Es ist ihnen gelungen. Snowden zwingt mit der Hartnäckigkeit, mit der er fein Nein wieder­holt, sämtlichen anderen Staaten den Willen Englands auf.

Frankreich steht erstarrt vor der Tatsache, daß nicht nur in England, daß sich auch in Europa über Nacht etwas geändert hat. Selbst die kleinen Mächte, die stets für Aenderunaen in der politischen Atmosphäre hoch sensibel "mb, öffnen ihr Herz unb melben gegen Frank­reich Ansprüche en.

Srianb ist nicht fröhlich in diesen Tagen. Der Quell seines Humors scheint versiegt. Er weiß, welche Opposition ihn in Paris erwartet wenn er auch nur eine der drei großen fran- zösischen Forderungen nicht mit nach Hause bringt: bares Gelb, die Kontrolle ober die Fortdauer der Besatzung. Aber Loucheur steckt ich nach jeder Mahlzeit eine leuchtende Blume ins Knopfloch. Er ist, man merkt es ihm an, aottsetdank, nicht verantwortlich dafür, daß Briand die englische Karte im Spiel nicht richtig berechnet hat und daß er zu der kom- inenden Mehrheit gehört.

Vor dem Abbruch der Konferenz?

lEigener Drahtberichft,

Friedrichshafen, 12. August.

Arn Sonntag abend gab der Luftschiffbau Zeppelin für die Besatzung des Luftschiffes ein Essen, bei dem die Rekordfahrt und der 61. Geburtstag Dr. Eckeners gefeiert wurde.

Bei dieser Gelegenheit sprach Dr. Eckener der gesamten Besatzung Dank und Anerken­nung für ihre vorzüglichen Leistungen aus. Besonders hob er dabei auch die tadellose Ar­beit der Maschinen hervor. Die Strecke Frie- brichshafen-Tokio fei deshalb besonders schwierig, weil dabei Gebiete überquert wer­den müßten, von denen keine genauen Land­karten vorhanden seien.

Da alle Motoren intakt geblieben seien, werde es möglich sein, vielleicht schon in der nächsten Zeit, wahrscheinlich Donnerstag nächster Woche, nach Tokio zu starten. Er be­absichtige nicht, eine Rekorosahrt zu machen, sondern er werde versuchen, während der gan­zen Fahrt mit nur vier Motoren zu fahren, um lestzustellen, ob es möglich sei, mit weniger Maschinenkraft auch größere Fahrten auskuh- ren zu können. Hauptsächlich denke er daran, einen Motor stets als Reserve behalten zu können. Er wolle lieber einen oder zwei Tage länger fahren, als Besatzung und Passagiere in Gefahr zu bringen. Er wolle dcks Pro­gramm einhalten und versuchen, di« F.-Hrt in etwa 27 Tagen abzuwickeln.

Englands Karte im Spiel

Von unserem Son derberichterstatter

Macdonald hinter Snowden

Ein Telegramm des englischen Ministerpräsidenten / Frankreich gegen Fortsetzung der Der Handlungen

..... ....Mahnte zwi­

lchen den in Berlin und den tm Haag weilen­den Ministern wegen der Arbeitslosenversiche­rung als notwendig herausgestelli hat. Am Sonnabend wollte das Reichskabinett diese Frage behandeln, aber man zog vor, keine onnelle Kabinettssitzung, sondern nur eine unverbindliche Ministerbesprechung abzuhalten weil man zu einer Beschlußfassung im jetzi­gen Stadium der Dinge noch nicht in der Lage war. Man weiß übrigens, daß