Kasseler Neueste Nachrichten
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Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
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Nummer 186 Einzelpreis: Wochentags 16 Pfennig.
Freitag, 9» August 1929
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19. Jahrgang
Der Kamps um das englische „Ja"
Scharfe Varifer Angriffe gegen Snowden / Frankreichs Kontrollpiäne im neuen Gewände
„Nationalist" Snowden
de« Bessatzungstruppen zur Verfügung gestellt werden mutzte Snowden soll sich mit der Absicht tragen, am DienStoa nachmittag nach London zu fahren.
Eigene» Drahtbericht.
Die durch die Angriffe des englischen Schatz- kanzlers Snowden auf den Aoungplan einge« tretene dramatische Wendung wird von der Pariser Morgenpreffe scharf kritisiert und der Haager Konferenz gegenüber zeigt sich bei fast allen Blättern ein großer Pessimismus. „Echo de Paris" erklärt:
Snowden
habe alle Brücken hinter sich abgebrochen.
Man könne hier nur noch seh: schwer einen Kompromiß finden. Der „Petit Parisien" wirft Snowden vor, durch die Art seiner Rede die ruhige und heitere Atmosphäre der Ver- Handlungen gefährdet zu haben. Das gewöhnlich recht optimistische „Journal" erklärt, die Lage sei ernst, man müsse aber mit Vermitt- lungsvorschlägen rechnen, die sicher nicht ausbleiben werden. Dem „Figaro" erscheint das Vorgehen Snowdens umso sonderbarer, als die englische Regierung über die Arbeiten der Sachverständigen auf dem Laufenden gehalten worden sei.
Ueber die Haltung der öffentlichen englischen Meinung, die sich für Snowden ausspreche, müsse man erstaunt sein.
Der „Matin" spricht von dem Ausbruch einer Krise. Snowden habe, wie der extremste Nationalist gesprochen. Wenn die Haager Konferenz einem Mißerfolg ausgeliefert fei, so werde man dies unbedingt dem Verhalten Snowdens zuschreiben muffen.
Das englische „Ultimatum"
London, 9. August.
Nach dem „Daily Mail" ist es allen klar, daß die Engländer nicht nachgeben werden.
„Daily Ehronicle" spricht, wie verschiedene andere Blätter von einem Ultimatum und sagt, in den meisten Kreisen werde Angenommen, ein Abbruch der Konferenz sei unvermeidlich.
Nach dem „Times"-Bericht aus dem Haag ist man dort, insbesondere in der britischen Delegation, der Ansicht, daß von einer Krisis, einem Stillstand oder Ultimatum keine Rede sein könne. Allerdings scheine im Haag der Eindruck weit verbreitet, daß Snowdens Resolution über die Ernennung eines Unter« ausschufses von einem Ultimatum nicht weit entfernt sei.
„Daily Expreß" berichtet aus dem Haag, die Franzosen ßeien wütend, ebenso die Italiener, und die Belgier schlössen sich ihnen an. Es scheine fehl zweifelhaft, ob die britische Delegation wahrend der Wochenendes im Haag bleiben werde. Immerhin sei es möglich, daß ein Ausweg gefunden werde.
Nach dem Bericht des „Daily Herald" beeinträchtigt Snowdens ^Offenheit di« Konferenz. Britische Kreise weisen jedoch jeden Gedanken an einen Abbruch der Tagung zurück.
„Commission öeLiquiöation"
Haag, 9. August.
Die schwerste Frage der Haager Konferenz, die Frage der Rheinlandkontrolle, wird heute nachmittag in der politischen Kommission be- hanoell werden. Obwohl die Lage in der Fi- nanzkommisflon sehr schwierig ist und der Kampf um das englische „Ja" auch heute morgen mit aller Energie in Sonderbesprechungen zwischen den Finanzsachverständigen der Delegation fortgesetzt wird, üoerschattet doch bereits die Frage „Was wird mit der Kontroll- kommisfion" zum mindesten in deutschen Kreisen das Interesse an dem Streit um die Prozentsätze. Der deutsche Standpunkt in der Kontrolle ist unverändert der gleiche, daß keine deutsche Regierung es auf sich nehmen könne, ihre Zustimmung zu einem Kontrollorgan über die im Versailler Vertrag festgesetzten Räu- mungssriften hinaus zu geben.
In französischen Kreisen spricht man heute morgen von einer neuen Namensänderung für die Kommission. Man hat nunmehr in französischen »reisen in den Worten „Eom- Mission de Liquidation" eine neue Beziehung gefunden, die, wie man ihn auf französischer Seite schildert, „mehr der eigentlichen Bestimmung der Kommission entspricht."
Dieser RamenSwechsel ändert aber nichts daran, daß die Forderung nach Komrolle in irgendeiner Form aus franzöfischer Seite un
verändert weiter besteht. Man kann sogar befürchten, daß die Liquidations-Kommission für die Dauer der gesamten Liquidierung der Re- parations- und Räumungsfragen gedacht ist, die ja nach franzöfischer Auffassung erst dann beendet sein werden, wenn die finanziellen Verpflichtungen Deutschlands vollständig erledigt find.
Hen-erson bei Stressmann
Haag, 9. August.
HenLersan begab stch heut- früh zu Dr. Stresemann. mit dem er fast eine Stunde lang eine vertrauliche Besprechung hatte. Zu gleicher Zeit weilte der Präsident der Bank von Frankreich bet dem deutschen Finanzminister. Auch der griechische Ministerpräsident Benizelos ftatteie Dr. Stresemann einen Besuch ab.
Die technische Räumungskommrssion wird aus Mitgliedern der vier an der Besetzung beteiligten Mächte bestehen, nämlich Deutschland, Frankreich, Belgien und England. Von deutscher Seite werden wahrscheinlich auch Vertreter des Ministeriums für die besetzten Gebiete teilnehmen. Die Arbeiten dieser Kommission sollen sich neben der Aufstellung emes Planes für di« Zurückziehung der Trichpeu aus der 2. und 3. Zone auch auf die Rückgabe: von Kasernen und oötm Material beziehen, das
Lohnkampf der engllschenSisenbahner
London, 9. August.
Wie zu erwarten war, haben die drei Eisenbahner-Gewerkschaften gemäß ihren einzeln gefaßten Beschlüssen nunmehr gemeinsam der Eisenbahngesellschaft das Lohnabkommen vom August letzten Jahres, das eine freiwillige Lohnkürzung von 2% vom Hundert Vorschlag:, zum 12. November d. I. gekündigt.
Abreise aus Manöschuli
Abbruch der chinesisch-russischen Verhandlungen.
Schanghai, 9. August.
In den direkten Verhandlungen zwischen Rußland und China über die oftchinefische Eisenbahn ist es zu einem offenen Bruch ge- kommen. Nach Meldungen aus japanischer Quelle befinden sich alle bevollmächtigten chinesischen Vertreter auf der Reise von Mandschuli nach Nanking. Trotz der bisher von der Nanking-Regierung veröffentlichten Berichte über einen befriedigenden Verlauf der Verhandlungen, mutz die chinesische Rationalregierung nunmehr zugeben, datz die SsNjetwa^rm«, leinen Fuß breit von ihre« in dem Ultimatum an China niedergelegten Forderungen abzu- gehen bereit ist.
Südeng- er beab-
Der „Matin" hat für seinen Sonderbericht, erftatter von Friedrichshafen ab einen Platz an Bord des „Graf Zeppelin" belegt, um feine Leser fortlaufend durch Funksprüche über den Weltflug des Luftschiffes zu unterrichten.
schiff zu sehen."
FronzSflschtS Interesse am Weltflug
Paris, 9. August.
London. 9. August. „Daily News" berichtet auS Newyork: Ecken« habe d« Zuversicht Ausdruck gegeben, datz her Zeppelin innerhalb von 45—60 Stunden nach Abflug sich über Südengland befinden toerbe. Er habe erklärt, er beabsichtige über London zu fliegen, als freundschaftlichen Grutz für diese Stadt, nm der London« Bevölkerung Gelegenheit zu geben, daS Lust-
morgtn 9 Uhr mitteleuropäischer Zeit auf 42,40 Grad Nord und 40,04 Grad West.
Friedrichshafen hört das Luftschiff
Friedrichshafen, 9. August.
Während bie Funkstelle des Luftschiffbaus Zeppelin, die bekanntlich auch über ein Kurz- wellengerät verfügt, bei der Fahrt des Luftschiffes nach den Vereinigten Staaten die Funkzeichen der Bordstation aus verschiedenen Gründen überhaupt nicht empfangen konnte, gelang es ihr gestern abend gegen 21 Uhr, das Schiff zu hören, als eS mit einer amerikam- Shen Funkstation in Verbindung stand. Der mpfang war diesmal ausgezeichnet. Da im Laufe deS Abends starke atmosphärische Storungen auftraten, konnte b« weitere Funkverkehr bes „Graf Zeppelin" von Friebrichshafen aus nicht mehr verfolgt werben. Die Funkbeamten ber Friedrichshafener Funkstation rechnen jedoch bamit; baß sie in ben Morgenstunden besseren Empfang haben werden.
Zeppelin fliegt über London?
Newyork, 9. August.
Das Luftschiff „Graf Zeppelin" hat bei sei- nem Rückflug nach Friedrichshafen gute Fort- schritte gemacht. Nach Berechnungen betrug die Geschwindigkeit des Luftschiffes während der ersten zwölf Stunden etwa 102 Stundenkilometer. Soweit sich erkennen läßt, verfolgt Dr. Eckener ben Kurs, ber von ihm vor Beginn ber Fahrt angegeben wurde. Ecken« schickte an ben Newyork« Bürgermeister Walker ein Funktelegamm, in bem er für die ihm übermittelten Reisewünsche dankte und> erklärt, er sehe mit großer Freube bem Augenblick entgegen, wo « bie wundervolle Stadt Newyork aus ber Luft wieder sehen werbe.
Auf feinem Fluge wurde bas Luftschiff von verschiedenen Dampfern gesichtet. So funkte gestern ber Dampfer „Präsident Roosevelt, daß er ben „Graf Zeppelin" um 1,35 Uhr M. E. Z. gesichtet habe. Die Position des Dampfers war zur angegebenen Zelt 40,oo Grub nördlicher Breite und 64„33 Grad westlicher Länge. Das Luftfchiff befand sich etwa 45 km südlich davon. Der Dampfer „Expreß sichtete das Luftschiff um 2 Uhr Ostnonnalzeit Nordbreite 40, Westlänge 57, niedrig fliegend ostwärts. Auch von bem Frachtdampfer Tomalva" wurde ber „Graf Zeppelin gesichtet.
Nachbern in ben Meldungen von Bord durchweg über günstiges Wetter berichtet würbe, befagte ein gestern um 4,18 UhrOft- normalzeit abgesanbter Funkipruch: „Stoßen auf dichten Nebel. Geschwindigkeit etwa 59 Seemeilen. Position 54,10 West. 39,40 Nord. Ueber ben weiteren Verlauf des Fluges unterrichten die nachfolgenden Meldungen:
Melin macht gute Fahri
Eigene DrahtM-ldung
Lissabon — Newyork
Paris, 9. August.
In Le Bourget ist auS Zürich ein Farntan- Flugzeug mit einem 230 P8-Motor eingetrossen, daß von Lissabon aus einen Ozeanflug nach Newyork durchführen will. Das Flugzeug wirb von bem Schweizer Flieger Raefer gesteuert, bem bie Mechaniker Tfchopp und Lüfcher zur Seite stehen. Die Flieger, die 2300 Kubikmeter Brennstoff für einen 50 Stunden- Flug mit sich führen, sind bereits am Donners- tag nachmittag von Le Bourget «ach Lissabon wettergeflogen.
Newyork, 9. August. Der Bäckergeselle Boschk, der als blinder Passagier die Zep- pelinsahrl nach Amerika mitgemacht hatte, wurde mit dem Dampfer „Thuringia" nach Deutfchland zurückgefchickt.
Newyork, 9. August. Ein Funkspruch von Bord deS „Graf Zeppelin" befugt, daß fich das Luftschiff um 5 Uhr mitteleuropäischer Zeit auf 40,20 Grad Nordbreite und 45,05 Wetzl. Länge befand.
Friedrichshafen, 9. August. Das Luftschiff „Graf Zeppelin" befand füh heute früh 7 Uhr 42 Grad Nördl. 40 Gr-d West. Mn Bord alles in Ordnung. Friedrichshafen fügt hinzu, daS Luftschiff habe sehr gute Fahrt.
Hamburg, 9. August. Rach einem bei der Hamburg-Anterika-Linie «»gegangenen Telegramm befand fich das Luftschiff em Freitag
Rhemlandkonttolle?
W. P. Französische Kabinettssitzung im Jahre 1919: Die Rheinlandfragen, bie Besetzung unb bie Räumungssristen, geben bas Ver- hanblungsthema. Kabinettschef Clemenceau, bamals schon beinahe ein Achtziger, erhebt sich unb ruft Poincar«, bem Präsidenten oer Republik bie Worte zu: „Herr Präfibent, Sie stnb viel jünger als ich. In fünfzehn Jahren werbe ich' nicht mehr leben. Wer bie Ternsche n werden im Ablauf dieser fünfzehn Jahre nicht aHe Klauseln erfüllt haben, die in dem Vertrag gebettet liegen. Und wenn Sie, Herr Präsiden! mir bann bie Ehre erweisen werben, mein Grab zu besuchen, so werden Sie zu mir Herunterrusen können: „Wir stehen am Rhein und wir bleiben am Rhein."
Der Schweizer Hermann Stegemann hat in einer seiner Schriften, in denen nachgewiesen würbe, baß ber Weltkrieg für Frankreich in erster Linie ein Kampf um den Rhein war, an dieses Clemenceau-Wcrt erinnert. „Wir stehen am Rhein, unb wir bleiben am Rhein". Das war bie Hoffnung des französischen Mi- nisterpräsibenten von 1919. Heute, zehn Jahre später, sitzt Aristibe Brianb. ber jetzige Ches des Pariser Kabinetts, mit dem beutschen Außenminister im Haag am Verhandlungstisch unb spricht mit ben Vertretern beS Reiche- über bie Räumung ber Rheinlands......
1919—1929! Weshalb diese Gegenüberstellung ? Ganz gewiß nicht, um Frankreich ein Lob zu zollen, daS ihm nicht zukommt. Denn was nicht aus freiem Willen geschieht, kann nicht als Verdienst gebucht werden, unb wir wissen jubem, daß auch Brianb Bedingungen bereithalt, von benen er bie Räumung abhän- machen will. Wenn wir baS Heute mit
t Einst in Beziehung setzen, so geschieht baS vielmehr nur deshalb, weil Mefex Vergleich, ber Vie politische Konferenz im Haag als Glied — und zwar, wie wir hoffen, als Schlußglied — einer zehnjährigen Entwicklung zeigt, erst richtig erkennen unb würdigen läßt, um was «S bei diesen Verhandlungen geht.
Nach Versailles waren bie französischen Staatsmänner in ber Hoffnung gegangen, daß ber Kamps um ben Rbein, in ben sie ihr Hand und ihr Volk 1914 geführt hatten, endgültig zu Frankreichs Gunsten entschieden werben würde. Der Widerspruch Amerikas unb Englands, das sich für einen Augenblick wenigstens an die Grundsätze seiner Festlandspolitik, au ben Gedanken des Ausgleichs ber Kräfte, erinnerte. sorgte dafür, datz die Ziele der Eroberungslust, bie nach einem Worte Emile Zolas nun einmal ein Stuck vom Wesen seines Volkes ist, xiicht völlig erreicht wurden. Wohl standen die französischen Truppen am Rhein, aber sie waren doch nicht in das deutsche Land einmarschiert, um es zu besitzen, sondern nur um es zu besetzen. Die Clemenceau» sche Hoffnung „Wir stehen am Rhein, und wir bleiben am Rhein" blieb ben französischen Staatsmännern als Trost. Jahre banach versuchte PoincarL mit den Mitteln ber Gewalt, auf bem Wege ber Sanktionen, das, waS in Versailles nicht erreicht war, zu erzwinge». Aber auch ber Vorstoß in baS Ruhrgebiet brachte Frankreich nicht an das Ziel seiner Wunsche; bie Opfer, bie das deutsche Voll bei seinem Abwehrkampf gebracht hatte, waren doch nicht umsonst gewesen.
Jahre ruhiger Entwicklung folgten. Deutschland machte daS Wunder wahr, an das Clemenceau nicht hatte glauben wollen. Ez erfüllte bie Klauseln des Versailler Diktates, es rüstete ab, eS zahlte seine Reparationen, und eS erwarb stch damit einen Anspruch auf bi« Rechte, bie ihm im Friedensvertrage etnge- räumt worden waren. Es kamen bie Verhandlungen von Locarno. In ihren Auswirkungen zwar für uns eine große Enttäuschung, wertvoll aber doch dadurch, daß Frankreich durch di« Anerkennung des deuffchen Besitzstandes in aller Form auf feine Eroberungs- gelüste verzichtete. Umso eifriger suchte man in Paris nun nach Vorwanden, mit denen man ben Rechtsanspruch auf Räumung, ben stch Deutschland durch sein« gewissenhafte Durchführung der Verfailler Bestimmung«» erworben hatte, bestreiten könnte. Man hat baS Märchen von b«r bebrohten Sicherheit Frankreichs erfuttben, unb man hat immer wieder versichert, daß die Besatzung derRheln- lanbt ein unentbehrliches Pfand für die deutschen Reparationszahlungen sei. Und bann, als für biefe Gerede immer weniger gläubige Hörer aufzutreiben waren, als nicht allein im lange Zeit fo gefügigen England, sondern sogar im französischen Volk selbst die Zahl de-