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Kaffeler Abendzeitung

Donnerstag, 8. Angnst 1929

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Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19« Jahrgang

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Kasseler Nemste Nachrichtea

Hessische Abendzeitung

Gras Zeppelins" Weltflug

Das Luftschiff in Lakehmft gestartet / Zwischenlandungen in Friedrichshafen, Tokio und Los Angeles

Eckeners Rekordversuch

(Eigene Draht Meldung).

Winde, während aus seiner Ostseite die Winde aus nördlicher Richtung kommen. Mit An­näherung an das europäische Festland drehen die Nordwinde mehr auf westliche Richtung hin, wobei unter dem Einfluß bes Tiefdruck­gebietes über die Nordsee strichweise Regen­schauer niedergehen.

Newyork, 8. August.

Das LuftschiffGraf Zeppelin" ist um 12 Uhr 19 Ortszeit (5 Uhr 19 M. E. Z.) auf den Flugplatz von Lakehurst zur ersten Etappe aus dem Weltslug gestartet.

Unter den Passagieren befanden sich Dir Herbert Witkins und Lady Drummond Hay, die an der ganzen Fahrt teilnehmen. Der Koinmandant derLos Angeles", Rosendahl, begleitet Dr. Eckener bis nach Deutschland. Etwa sechzig Sachverständige besichtigten gestern denGraf Zeppelin".

Dr. Eckener erklärte, daß er versuchen werde, den Rekord für die Weltreise, der gegenwärtig 28 Tage beträgt, zu brechen. Fer­ner beabsichtigt er, auf dem Wellfluge nur drei Zwischenlandungen vorzunehmen, nämlich in Friedrichshafen, in Tokio und in Los Angeles. Er hofft, den atlantifchen Ozean in höchstens fünfzig Stunden überqueren zu können, da das Luftschiff direkten Kurs auf die irische Küste r hmen wird. .

Zum Start desGraf Zeppelin" hatten sich etwa 30 000 Zuschauer eingefunden, die, als sich das Luftschiff erhob, in laute Beifalls­und Hochrufe ausbrachen.

Das Luftschiff überflog, nachdem es Rew- york überflogen hatte, nm 1 Uhr 47 amerika­nischer Zeit die Freiheits-Statue. Damit hat der Weltslug offiziell begonnen.

Neunzehn Passagiere

Newyork, 8. August.

Die Ladung des Zeppelins

Frischfleisch, Akten, Alligator und Bulldogge.

Newyork, 8. August. Während der Startvor­bereitungen für den Flug des Grasen Zeppelin hatte die Polizei scharfe Absperrungsmaßnah­men durchgeführt. Auf das Flugfeld selbst durs­ten nur fünstausend Personen. Die Ladung des .Gras Zeppelin" mit Einschluß der Post, welche 1000 Kg. wiegt, hat einen Wert von 210 000 Jt. Sie enthält u. a. auch Aktenmaterial der Luft- fahrtverhandlu.igen zwischen dem englischen und dem französischen Luftfahrtminister.

Die Ladung ist die mannigfaltigste, die je in der Luft befördert wurde. U. a. wurden 16 Pfd. Lammkoteletts und 50 Pfund Brockeneis in Glaspapier gewickelt, welches wieder in Asphalt- Papier und imprägnierte Wellpappe verpackt ist. Das Paket ist für das Bankett auf dem Berliner Reklamekongreß bestimmt. Es ist dies die erste derartige Frischfleischsendung. An Bord befin­det sich auch ein lebendiger Wigawr und eine 9 monatige Bulldogge namens Happy.

Blinder Passagier abgesatzt!

Lakehurst, 8. August.

Bei dem Start desGraf Zeppelin, kurz be­vor die Startvorbereitungen begannen, wurde auf dem Luftschiff wieder ein blinder Passagier

aufgefunden. Es handelt sich um einen jungen Deutschen, der erklärte, daß er seine Verwand­ten in Deutschland besuchen wollte.

Der 17jährige blinde Passagier Buschke aus Düsseldorf, der die letzte Fahrt desGras Zep­pelin" mitgemacht hatte, wurde bei der Lan­dung in Lakehurst der Polizei übergeben, die chn nach Newyork gebracht hat. Er wird heute an Bord des DampfersThuringia" das für ihn so ungastliche Amerika verlassen. An Bord wird er seine Ueberfahrt abarbeiten müssen.

Seift der Schikane"

Warschau, 8. August.

Die amtliche AgenturPai" verössentlicht die am 2. August dem Generalsekretariat des Völkerbundes überreichte Antwortnote Polens auf die am 11. Juni dem Völkerbünde zuge­stellte litauische Beschwerde. Die polnische Note ist in sehr scharfem Tone gehalten und wirft der litauischen Regierungunmenschliches Ver­halten" und denGeist der Schikane" vor. (Uns scheint, als ob sich die beiden streitenden Nach­barn in dieser Hinsicht nichts vorzuwersea hätten! D. Red.).

Smuts gegen Herhog

London, 8. August. General S m u t h wies am Mittwoch im Südafrikanischen Parlament auf den füdasrikanisch-oeutschen Handelsver- trag hin, der das System der Vorzuasbehand- lung innerhalb des britischen Weltreiches dar­stelle. Beide Häuser des Parlaments mutzten diesen Vertrag ratifizieren. Der Vertrag ent­halte anscheinend geheime Vorbehalte, durch die eine neue Regierung nicht gebunden wer­den könne, General Hertzog erwiderte, daß in dem Handelsvertrag mit Deutschland nichts enthalten sei, was der Oeffentlichkett nicht be- reits zugän-siich gemacht worden sei. Die Re­gierung "müsse es jedoch ablehnen, sich über Einzelheiten der Verhandlungen über diesen Vertrag zu äußern.

Etresemann bei Briand

(Eigener Drahtbertcht).

Vertrag eingerichtete Schiedsgericht abzu- finden.

Pertinax kritisiert im übrigen scharf die unverzeihliche Schwäche" Briands in den Haager Verhandlungen, die dazu führen werde, daß Frankreich nicht die Durchführung, sondern die bloße Annahme des Youngplanes mit der Rheinlandräumung bezahlen müsse.

Die revidierte Paffagierliste weist 19 Na­men auf. Rickard und Gras Soden fehlen. Da­gegen werden vier neue Namen auf geführt: Kapitän Schütz-Berlin und die Herren Schlat- ter-Phlladelphia, Merianc Cooper-Newhork (ein Nachkomme des Verfassers desLeder­strumpf") und Robert Hartmann-Newyork. Eine Kabinentür trägt den Namen Godfroy (offenbar ein Pseudonym).

*

Berlin, 8. August. Das Reichsverkehrs­ministerium hat namens der Reichsregierung Dr. Eckener in Lakehurst eingeladen, zur Feier des Versassungstages am 11. August über Ber­lin zu erscheinen.

Hoover an Eckener

Washington, 8. August. Präsident Hoover sandte an Dr. Eckener folgendes Telegramm: »Wünsche Ihnen eine erfolgreiche Reise. Gras Zeppelin trägt fortwährend zur Entwicklung der Kunst des Lufttransportes bei."

Dr. Eckener hat in einem Telegramm an den Präsidenten Hoover seinen Dank für diese Reisewünsche und für die freundliche Aufnahme seitens des amerikanischen Volkes und die Unterstützung der amerikanischen Marine, die die Ozeanflüge ermöglicht habe, ausgesprochen.

Und das Wetter?

Hamburg, 8. August.

Das Seeflugreferat der deutschen Seewarte zu Hamburg gibt über das Ozeanwetter aus der Fahrtroute des Graf Zeppelin folgende Ueberstcht aus:

Ueber Labrador liegt ein ausgedehntes Tief­druckgebiet, das sich nur langsam in nordwest­licher Richtung verlagert. An der amerikani­schen Küste herrscht bis Neufundland böiger nördlicher Wind unter dem Einfluß eines Hoch­druckgebietes, das über den amerikanischen Seen liegt. Von Neuschottland bis Neufund­land wehen mäßige zeitweise westliche bis süd- westtiche Winde, die die Fahrt des Luftschiffes sicherlich fördern werden. Oestlich von Neu­fundland wehen die Winde aus Südwest bis Süd, wobei das Wetter zunächst trübe, regne- risch und nebelig wird. Von dem Azorenhoch aus, hat sich auf ungefähr 30 Grad Westlänge ein Keil mit Luftdruckwert über 165 bis 70 Grad Nordbreite vorgeschoben. Auf seiner Westseite herrschen bei ruhigem Wetter südliche

Haag, 8. August. Heute vormittag um VAX Uhr hat in dem Hotel der französischen Abord­nung die erste politische Zusammenkunft zwi­schen Stresemann und Briand ftattge- funden, die als Vorbereitung für die heute nach­mittag beginnende politisch« Konferenz ange­sehen wird.

Es wird damit gerechnet, daß der amerika- ntsche Beobachter Wilson an den Arbeiten des Finanzausschusses teilnehmen wird, da die Re­gierung der Vereinigten Staaten anteilmäßig an der Verteilung der deutschen Tributleistun­gen beteiligt ist. Dagegen wird eine Teilnahme der Amerikaner an den Arbeiten des politischen Ausschusses nicht angenommen. Die amerika­nische Regierung soll, wie verlautet, im voraus die Forderung einbringen, daß der Teil ihrer Gesamtforderung von 66 Millionen Reichsmark, der sich ans die Wiedergutmachung von Schäden bezieht, in den ungeschüuien Teil der Annuitä­ten einbezogen wird, während die Besatzungs­kosten, wie bisher,im Rahmen des geschützten Telles restlos geregelt werden.

Der englische Ministerpräsident Macdo» n a l d wird, wie von englischer Seite mitgeteilt wird, am Dienstag zur Teilnahme an den Ar­beiten der Konferenz eintreffen.

Sieg -er Vernunft?

Paris, 8. August.

Der energische deutsche Widerstand gegen die von Frankreich geforderte Kontrolle im Rheinland scheint bereits Früchte zu tragen. In einigen Morgenblättern tauchte heute zum erstenmale der Gedanke auf, diese Kontrolle nicht einer besonderen Kommission, sondern der im Locarno - Abkommen vorgesehenen Schiedsgerichtskommission zu übertragen.

In diesem Sinne äußert sich auch der Haa­ger Korrespondent desPetll Pariflen". Auch Pertinax imEcho de Paris" bezweifelt, daß Briand gegen den zähen Widerstand Dr. Stresemanns mll seiner Forderung nach einer Kontrollkommission im Rheinland durchdrin- gen wird Der französische Außenminister fei offenbar schon bereit, sich mit der Übertra­gung der Kontrolle an das durch den Locarno­

Unzufrie-enheit mit Brian-

Paris, 8. Augu».

Die französische Presse gibt der Meinung Ausdruck, Snowden werde nichts anderes übrig bleiben, als sich dem Druck der Anhänger des Young-Planes anzuschließen, sonst würoe enb gültig die Hoffnung auf Erfolg der Ver­handlungen vernichtet. Es sei aber wenig wahrscheinlich, daß Snowden eine so schwere Verantwortmrg auf sich nehmen werde.

DerExcelsior" hätte es für glücklicher ge­halten, abzuwarten bis eine Einigung über den Young-Plan erreicht worden sei, bevor man den politischen Ausschuß mit der Prü­fung einer so wichtigen Frage, wie der Be­setzung des Rheinlandes betraut hätte, da die Rheinlandbesatzung das einzige Pfand für die Wiedergutmachung bleibe.

Ebenfalls unzufrieden mit der Haltung Briands ist das »Echo de Paris". Er hätte di« Rheinlandräumung solange nicht zur Bera­tung kommen lassen dürfen, bis alle notwendi- gen Maßnahmen getroffen waren, um den Youngplan in Kraft treten zu lassen.

Englmr- hinter Snow-en

London, 8. Augusi.

Zu den gestrigen Ereignissen auf der Haager Konferenz, vor allem der Rede Snow­dens uno der Erwiderung des ftanzösifchen FirmnzmitzisterS nimmt die «englische Presse fast durchtveg Stellung. In allen englischen Kreisen, ohne Unterschied der Partei wird Snowden unterstützt. Die Wahl Hendersons zum Vorsitzenden des politischen Ausschusses hat hier befriedigt.

Los

von derBergougenheit!

Bon Senator W. E. Borah.

Senator Borah ist in auhenvolitische» An- selegenheiteu eine der einflabreichsten Persön­lichkeiten der Vereinigten Staaten. Seine Ausführungen verdienen gerade in diesen Ta­gen, in denen die Haager Verhandlungen über die Liauibation des Krieges begonnen haben, besondere Beachtung.

Vor Jahren las ich einmal eine spannende Novelle, die sich auf eine mystische Lehre grün­det. Es wurde darin offenbart, wie ein furcht­bares Verbrechen, das in einem vornehmen alten Landhause begangen wurde, später das Schicksal der Bewohner dieses Hauses entschied Sie lebten zu einer Zeit, als viele Jahre über das Verbrechen dahingegangen waren, sie waren ohne Schuld, standen in keiner Bezie­hung zu jener Untat von einst, und den­noch mußten sie erkennen, daßBöses sortwir- kend Böses zeugte"; eine unerklärliche, geheim­nisvolle Macht zwang sie, unter einem Ver­brechen zu leiden, das ihre Vorfahren verübt hatten. Der tiefe Sinn dieser Geschichte möge als Gleichnis dienen! Ein furchtbares Verbre­chen wurde vor zehn fahren verübt, ein Krieg wurde geführt, für den es keine Recht- fertigung gab. Die Frage, die ich in den Vor« dergund stelle, lautet; Wie lange wird dieses Verbrechen das Schicksal «och ungeborener Ge­nerationen bestimmen? Erwacyen wir endlich aus der Hypnose des Weltkrieges! Vollbringen wir endlich Taten, gestalten wir endlich unse­re Politik im Hellen Tageslicht zeitgemäßer Notwendigkeit und zukünftiger Erfordernisse!

Nachdem der Vertrag von Versailles unter­zeichnet war, erklärte ein berühmter franzö­sischer Staatsmann;Dieser Vertrag ist eine Fortsetzung des Krieges!" Die folgenden Jah­re schienen diese unbarmherzige Prophezeiung zu bestätigen. Wir haben unsere Augen nicht auf kommende Dinge gerichtet, nein, unsere Gedankenwelt baut sich noch immer auf der Vergangenheit auf. Wie lange, frage ich, soll der Geist von Versailles die internationalen Beziehungen beeinflussen und beherrschen? Nicht eine Konferenz hat in Europa während der letzten zehn Jcchre stattgefunden, in der man nicht umhin konnte, gegen diesen kriege­rischen Geist anzukämpsen . . .

Europa ist förmlich gepflastert mit militä­rischen Bündnissen. Schritt für Schritt hat man in den letzten zehn Jahren, während man von Abrüstung und Frieden sprach, die stärksten Heere der Welt ausgebildet und Flot­ten gebaut, für die es kein Beispiel in der Vergangenheit gibt. Die Humanität ging aus , dem Welttriege verstümmelt und blutend her-, vor, ungeheure Steuerlasten bedrückten die Völker, was nichts anderes bedeutete und auch heute noch bedeutet, als Hunger und Krank­heit für Millionen von Männern, Frauen und Kindern. Nach den Worten des eingangs er­wähnten französischen Staatsmannes hat sich der Krieg im Friesen fortgesetzt, die Konflikte sind die gleichen geblieben. Es wurde zwar kein Krieg wie bis zum 11. November 1918 geführt, aber der neue Krieg war kaum weni­ger tödlich in feiner Wirkung auf Millionen Menschen. Wochenlang hindurch hat die Welt in banger Sorge den Kampf verfolgt, der in Paris über dem Problem der Reparationen entbrannt war. Dieser noch nicht abgeschlos­sene Kamps betrifft in weitestem Ausmaß öie wirtschaftliche Gesundung Europas und sehr wahrscheinlich auch den zukünftigen Frieden des Kontinents, wenn nicht der Weit. Und dieser Kampf spielt sich immer noch aus einer Grundlage ab, die durch den Weltkrieg geschaf­fen wurde, er bewies die geistige Einstellung zum Kriege. Die Nachkriegsgeneration hatte keine Möglichkeit, gehört zu werden. Dieseni- gen, die ine großen Summen, die bezahlt wer­den müssen, aufzubringen haben, wie auch die­jenigen, die die Leidiragenden fein werde», wenn ein friedlicher Vergleich nicht zustande kommt, haben keine Stimme. Die Teilnehmer der Pariser Konferenz waren, um es bildlich auszudrücken, an die tote Hand der Vergan­genheit gebunden. Vielleicht konnte unter ben Sachverständigen keine geeignetere Persönlich­keit gesunden werden, als Mr. Young. Aber Mr. Aoung war es nicht erlaubt, sich mit dem Problem vom rein menschlichen Gesichtspunkt aus zu befassen, vom Standpunkt des Welt­friedens oder des künftigen Wohlstandes kom­mender Generationen. Er mußte gemäß den Verträgen verfahren, deren Unterzeichnung, wie gesagt worden war, eine Fortsetzung des Krieges bedeutete.

Rach Kriegsende war Deutschland seiner