Kasseler Neueste Nachrichten
Hessische Abendzettung
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Dienstag, 6. August 1929
ien. Für unverla >ei Gewähr in kct ilachthofstratze Nr.
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Auftakt im Haag
Beginn der Sachberatungen heute nachmittag / Der englische Außenminister zur Räumungsfrage
Km weltgeschichtlicher Augenblick
Bon unserem Sonderberichterstatter'
Haag, 6. August. Der weltgeschichtliche Moment der Eröffnung der Haager Konferenz von 1929 vollzog sich heute vormittag um 11 Uhr im Biunenhof iw Haag. Der Zugang des weitläu- sigen Gebäude-Viereckes, in dessen Mitte sich wie eine Kirche der graue Bau deS Rittersaales erstreckt ,in dem heute abend die holländische Regierung den Delegationen einen Empfang gibt, waren durch Polizei in schwarzer Gala- Unisorum abgesperrt. Aus dem Buttenhof, einem weiten Platz vor der dunklen Vorfahrt, die zum Binnenhof führt, staute sich eine unabsehbare Menschenmenge, die die anfahrenden Delegationen mit Hochrufen begrüßt.
Die Eröffnungssitzung findet im Sitzungssaal der holländischen ersten Kammer, dem Tre- vessaale, statt. Aus den beiden Tribüne» an der Schmalseite des Saales hatte man in drangvoll fürchterlicher Enge die Vertreter der internationalen Presse und die Photographen untergebracht. Das Personal der Delegationen fitzt rechts und links aus theatralisch aufgebauten Stühlen.
Die Delegierte» selbst »ahme» an einem ovalen Tisch im SenatssaaL in folgender Reihe Platz: I» der Mitte der holländische Außenminister, rechts von ihm Briand mit Cherou und Loucheur, sodann Jaspar, Hymans, dann die vier deutschen Reichs- Minister, rechts daran anschließend Venizelos, dann der polnische Außenminister Zaleski, der Portugiesische Reparations-Sachverständige UI- richt, links vom holländischen Außenminister Snowden, Henderson und Graham, dann die vier Italiener, drei Japaner, der jugoslawische Außenminister Marinkowitsch und Benesch, die rumänischen Mitglieder mit Außenminister Mnorescu und der Londoner Gesandte Titn- lescu. Am Ende deS Tisches hatten die Vertreter der an den Reparationsfragen intersfier- ten englischen Dominions, Canadas, Reuseelands und Australiens Platz genommen.
Nach dem holländischen Außenminister und »ach Briand werden Streseman» und Snowden das Wort führen. Damit gilt die Konse- renz als offiziell eröffnet.
Tuchfühlung
Haag, 6. August.
Die Vertreter der sechs Hauptmächte haben Montag nachmittag von 7 Uhr 30 bis 9 Uhr 40 am Wohnsitz Briands eine erste Besprechung abgehalten, an der teilnahmen: Für Deutschland Dr. Stresemann und Dr. Hilf er ding; für Frankreich Briand und Loucheur; für England Henderson und Snowden; für Italien Mosconi und Pirelli; für Belgien Jaspar und Hymans und für Japan Baron Adatschi. Ueber die Besprechung wurde folgendes Kommunique ausgegeben:
„Die Delegierte« der sechs einladenden Mächte haben sich versammelt, um die Bedingungen zu prüfen, unter denen die Arbeite« der Konferenz eröffnet werden sollen. Sie haben beschlossen, daß die aus DienStag vormittag 11 Uhr angesetzte Sitzung die Eröffnungssitzung sein wird und als össentliche Vollsitzung vor sich geht. Herr Briand ist von seinen Kollegen gebe- ten worden, auf die Ansprache des holländische» Außenministers BoelaertS van Blokland z« antworten. Die erste effektive Sitzung wird um 4 Uhr nachmittags stattsinden und nicht öffentlich sein."
Die erste Zusammenkunft hat sich länger als gewöhnlich ausgedehnt, da die Unterbckl- a in drei Sprachen übertragen werden te mit Rücksicht auf Mosconi, der nur italienisch spricht. Aus der Veröffentlichung geht hervor, daß zu der Eröffnungssitzung auch die übrigen Delegationen (Polen, Tschechoslowakei, Rumänien, Griechenland, Portugal und Jugoslawien) zugezogen werden. Ihre Teilnahme an den politischen Beratungen, die besonders von Polen und der Tschechoslowakei verlangt wird, findet auch in englische» Krei- sen den stärksten Widerstand, und man will di« Teilnahme dies«? sechs „etogelad««"
Mächte auf die Reparationsverhandlungen beschränke», an denen sie mehr oder weniger dirett interessiert find.
Um die Präsidentenposten
Paris, 6. August.
Zu der Haager Meldung, daß gestern beschlossen wurde, den Vorsitz bei der Regierungs- kouferenz der Reihe nach bei den beteiligten Mächten umgehen zu lassen, erklärt man in hiesigen politischen Kreisen, diese Frage sei nur von nebensächlicher Bedeutung. Wesentlich dagegen sei, wer de» Borfitz in de» beiden Kommissionen inne habe» werde, i» deae» die tatsächliche Arbeit geleistet werde» muß, und von denen die eine die finanziellen, die andere die politischen Probleme zu lösen haben werde.
Aus zuverlässiger Quelle wird versichert, daß zwischen Paris, London und Berlin bereits eine Verständigung über die Regelung der beiden Präsidentenposten herbeigeführt worden sei. Danach soll der Borfitz in der Finanzkommisfion die sich mit dem Aoungplan zu befassen habe» wird, vem Führer der japanischen Delegation Adatschi, und der Vorsitz, der mit dem Studinu» der Rheinlandräumung beaustragte« politischen Kommission, dem Führer der italienischen Delegation Senator Mosconi übertragen werden.
Gin dornenvoller weg
London, 6. August.
Die Morgenblätter veröfientlichen ausführliche Berichte über die Fühlungnahme zwischen Den Abordnungsführern. Das Ergebnis der Fühlungnahme findet einen zweifachen Rieder- schlag.
Eine ziemlich optimistische Erklärung gab Außenminister Headersou zu den politischen Fragen ab, während ein eher verstärkter Pessr- misllius in allen finanziellen Fragen zu erkennen war. Henderson erklärte u. a., daß die Konferenz bestimmt zur Räumung des Rheinlandes führen werde. Was die finanziellen Fragen betrifft, so dürste die allgemeine A.«sicht durch die Feststellung deS Haager Berichterstatters des „Daily Herold" gekennzeichnet fein, daß die erste Fühlungnahme zwischen de« Führern klar gezeigt habe, daß die Konferenz einen sehr dornenvollen Weg zurückzulegen habe und daß die Aufgaben der Konferenz kaum in wenige» Wochen beendigt werden könnten.
Auch die „Times" unterstreicht mit Nachdruck die Notwendigkeit stiedlicher Besprechungen deS Uoungplanes, hat aber starke Zweifel, daß eS im Haag möglich fein werde, die Repa- rationssrageu endgüllig zu lösen. Der Young- Plan sei auf dem Kontinent kaum populärer alS in England selbst. Unter diesen Umständen werde viel Geduld und Mühe notwendig fei« wenn eine Krise vermieden werden solle.
Stiemte Anleihepläne
Haag, 6. August.
Im Haag wurden gestern abend Gerüchte verbreitet, die die Aussichten für die französische Absicht, zur Mobilisierung der ersten Rate der deutsche» Youngverpflichiungen, auf dem amerikanisch« Markt eine Anleihe von 800 bis 900 Millionen Mark aufzunehmen, günstig erscheinen lassen. Die Fühlungnahme zur Auflegung einer solchen Anleihe soll angeblich sofort nach der Beendigung der Reparationsverhandlungen in Paris ausgenommen werden. Der Anleihebetvag soll mrt Rücksicht auf die Versteifung des amerikanischen Gelo- marktes nicht höher angesetzt worden fein Falls die Anleihe gesichert werden könnte, würde sie aus die Haager Verhandlungen wahrscheinlich günstig einwirkeu, da Briand damit die französische Forderung auf möglichst schnell« Mobilisierung eines Teiles der deutschen Reparationen verwirkliche» könnte. Praktische Bedeutung kisttnen diese Pläne natürlich erst erhalten, wenn die Zustimmung sämtlicher Staaten zum Youngplan vorliegt.
Der englische Wirtschaftskrieg
Loudon, 6. August.
Di« Lage tn der Baumwollindustrie in Lan- cashire ha: sich am Montag weiter verschärft und nach der Ablehnung jeder LohnmindvgMg
durch eine der beiden großen Arbeitnehmergruppen sind die Ausgleichsbestrebungen ins Stocken geraten.
Mahnung aus tem besetzten Gebiet
Koblenz, 6. August.
Der Wirtschaftsausschuß für die besetzten Gebiete faßte in-feiner gestrigen Sitzung eine Entschließung, die der deutschen Delegation im Haag zugelertet werden wird. In der Entschließung heißt es u. a.: Der Wirtschaftsausschuß für die besetzte» Gebiete hält sich angesichts der sich von Tag zu Tag verschärfenden Wirtschaftslage für verpflichtet, von der Reichsregierung zu verlangen, bei de« kommenden politischen Verhandlungen im Haag darauf zu bestehen, daß die sofortige Räumung des besetzten Gebietes und die Wiedervereinigung des SaargebieteS mit feinem Mutterlande zur Vor
bedingung der Annahme des Houngplanes gemacht werden, der für die deutsche Wirtschaft kaum tragbare Belastungen bringen wird. Die Rheinlandräumung darf nicht von irgend welchen wirtschaftlichen oder politischen Zugeständnissen abhängig gemacht werden. Insbesondere muß die Einsetzung einer Feststellungs- und Vergleichskommiffion nachdrücklichst abgelehnt werden.
Ueberschrvemmung in China
viele Todesopfer.
London, 6. August.
Durch die Uebcrfchwemmung in den beide« chinesischen Provinzen Hona» und Hupeh sind nach Pekinger Meldungen Hunderte von Men- schen ums Leben gekommen. Verschiedene Städte wurden fast völlig zerstört. Eine große Anzahl von Menschen wird noch vermißt.
Konferenz-Nele
Don Staatssekretär Frhr. v. Rheinbaben (M. d. R.)
Eine herbe Kritik an der deutschen Außenpolitik -»läßlich de: Haager Konferenz beginnt mit folgendem Satze: „Abermals, und diesmal zum letztenmal, steht Deutschland an einem Scheidewege seiner Schicksalswende."
Beziehungen haben sich geändert, auch wenn im Kern Deutschland noch auf lang- die Folgen seiner Niederlage zu tragen Haven wird.
Die neue englische Regierung
Dieser Satz ist grundfalsch! Ein Blick auf die Entwicklung in der Welt um uns herum zeigt vielmehr, daß auch die nun beginnende Konferenz aus keinen Fall einen Schlußstrich unter deutsche Zukunftsmöglichkeften machen wird und machen kann. In Wahrheit entwickelt sich Politik und Wirtschaft auf den Trümmern des Weltkrieges nach neuen Kraftlinien und Tendenzen weiter. „Alles fließt" — und wer diesen „Fluß" der Dinge nicht versteht, mft dem läßt sich schwer über Außenpolitik diskutieren. Die zehn Leidensjahre seit 1919 waren nicht vergebens. Das, was war, kehrt nicht zurück. Aber es ist keine bloße Redensart, wenn wir die nun angehende internationale Konferenz wiederum mrt dem Beginn einer neuen Epoche der Nachkriegspolitik zusammensallen lassen. Zum Beweise dieser Behauptung seien hier kurz die wesentlichsten Konferenzztele der Haupt- beteiligten stizziert, weil aus ihnen am besten hervorgeht, daß die Welt sich seit 1919 geändert hat und demgemäß Deutschland keineswegs vor einem Ende, sondern am Anfang aller möglichen Entwicklungen steht, die zu seinem Vorteile zu nutzen Aufgabe der kommenden Jahre sein wird .
Die französische Außenpolitik
sieht sich unter der ständigen Führung des viel- gewandten Herrn Briand vor der Realisierung eines in den letzten Jahren mit zunehmender Präzision geäußerten Wunsches: der wenigstens teilweise vorzunehmenden Umwandlung der deutschen staatlichen Reparationsschuld in eine finanzielle Verpflichtung privaten und internationale» Eharakters. Die 660 Millionen, die Deutschland jährlich unter allen Umständen leisten muß, bieten für viele Milliarden internationalen Geldes die genügend gesicherte Unterlage oder werde» dazu dienen, einen erheblichen Teil der inneren stanzöstschen Staatsschulden in eine deutsche Verpfitchtmig umzu- wandeln. Daneben hat Frankreich die genügend rechlliche Sicherheit erhalten, daß es den Gegen- wert für seine eigenen auswärtigen Schulden an England und Amerika während der ganzen Laufzeit von Deutschland erhäft. Frankreich weiß, daß es gegen so hohen Gewinn politische Konzessionen machen muß. Es bereitet fich auf die Rheinlandräumung vor, will diese jedoch nach französischer Art sich durch weitere Son- dervortelle auf allerhand Rebengebieten abkaufen lassen. So wünscht es eine Kontrolle der Internationalen Bank für Zahlungsausgleich auf dem Wege über den Völkerbund, und es wird sich mit aller Macht an den fattif*en Saarbesitz klammern, je mehr es durch eng- lischen und amerikanische« Druck bewogen werden wird, die Räumung des Rheinlandes ohne die Errichtung einer Sonderkontrollkommission zu vollziehen. Ueber dem allen schwebt die äußerlich so milde und versöhnliche Briand- formal von der künftigen Einigung Europas, d. h. von einer Beherrschung der Kontinents durch die militärische Machrstellung Frankreichs und seiner Verbündete«. Kein Zweifel, di« Süßer« Merkmal« der deutsch-französischen
geht mit dem ehrlich« Willen »ach dem Haag, die Rheinlandfrage mehr oder weniger in deutschem Sinne zu liquidieren. Dem Anpacken des Saar-Problems wird st« sich nicht wider- setzen, aber es auch von sich aus nicht fördern. Einer Sonderkommisston tot Rheinlande über das Jahr 1935 wird sie keineswegs zustimmen können. Die neue International« Bank soll möglichst nach London komm«, die englische Quote aus den deutschen Gesamtzahlungen soll evxll. auf Kosten Italiens und Frankreichs erhöht werd«, die Sachleistungen sollen nach Möglichkeit noch unter das Pariser Schema hinabgedrückt werden und das Endergebnis soll im Zusammenwirk« von Friedensidealen und höchst politischer Betätigung eine vermehrte Befriedung Europas und eine wesentliche Entspannung gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika sein. Diese
englisch-mnerikanische Entspannung
bei freundlicher Gestaltung der Beziehung« D«tschlands zu beiden Machten ist neben der ernsthaften Möglichkeit, den deutschen Boden von fremder Besatzung zu befreien, das außen- wlitisch wichtigste Ergebnis unserer Zeit. Auf te bezieht sich ganz besonders meine Auffas- ung, daß gegenüber der Stagnation der Jahr« 1927 und 1928 nunmehr eine neue für Deutschland günstigere ALgemeinentwicklung eingetreten ist. Ebenso tote seit 1919 jeder englisch-französische Streit schließlich auf Deutschlands Rücken ausgetragen wurde, hat es sich herausgestellt, daß das als Subjekt au8 der Weltpolitik ausgeschaltete Deutschland auch als Objekt von der großen Politik der Weltmächte abhängt, indem jede englisch-amerikanische Spannung ein derartiges Umwerben Frankreichs bei beiden angelsächsisch« Mächten hervorzerufen hat, daß das deutsche Strebe» nach Wiederherstellung der Souveränität darunter empfindlich leiden mußte.
DaS find die wesentlichsten außerdeut- schen Triebkräfte der Haager Konferenz Für Japan ist die Mandschurei und die Entwicklung in China hundertmal wichtiger alS irgend ein innereuropäisches, d. h. auch deutsches Problem. Es ist ebenso im Haag dabei, wie in Genf und überall da, wo „Großmächte" Konferenzen abhalten. In abgeschwächter ?iorm gift dies auch für I t a I i e ». Es wird iesmal allerdings in erster Linie daraus bedacht sein müssen, die günstige Pariser Quote in der interalliierten Verteilung der deutschen Tribute zu behalten. Unser östlicher Nachbar, Pol« wird alles tun, um fich in die großen deutschen Zukunstsprobleme hineinzumischett und ihrer Lösung Im deutsch« Sinne entget genzuarheiien. Vorläufig steht eS nicht so anS, als ob ihm bei diesem Bestreb« ein «am» Hafter Erfolg zu Teil werden wird, aber di« deutsche Delegation wird hier ganz besonders aus dem Poste» sein müssen.
Go dleiht ein Wort über Deutschland selbst zu sagen. Sie kann man angesichts der hier ganz summarisch skizzierten Bestrebungen