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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Freitag, 2. August 1929

Einzelpreis; Sonntag« 20 Pfennig. 19« Jahrgang

Vorbereitungen für die Konferenz

Die abschließende Kablnrttsfltzung / Gtresemann Delegationsfüher / Iaspar Konferenzvotsttzender?

Pessimismus in London

Rund um den Haag

Eigene Drahtm-ldung

Von Dr. Paul Rohrbach

London, 2. August.

I» politischen Kreisen ist ein ziemlich auS» aesprochenel Pessimismus über den wahr­scheinlichen Ausgang der Haager Konferenz festzustellen. Wie es scheint, stützt er sich in erster Linie auf die vielfach aus Paris kam- menden Anzeigen, daß Frankreich auch dies- mal auf der Haager Konferenz eine Haltung einnehmen werde, die in Uebereinstimmung mit seinen Erfahrungen in den letzten vier Jahren von der Ueberzeugung ausgeht, daß der französische Standpunkt lOOprozentig durch­setzbar ist, wenn er in der alten Hartnäckigke t verfochten wird. Aus dieser Ueberzeugung heraus erklärt es sich, daß.mehr und mehr die Meinung vorherrscht, daß nicht nur in den finanziellen, sondern vielleicht auch in politi­schen Verhandlungen große Schwierigkeiten zu überwinden sein werden, so in der Frage der Rheinlandräumung und der des Feststel­lungsausschusses.

Washington, 2. August. Staatssekretär Stimson hat entschieden, daß Amerika einen inoffiziellen Beobachter zur internationalen Konferenz nach dem Haag sendte.

Rabinettsttzung in Berlin

Berlin, 2. August.

, $« Kabinettsitzuna, in der di- letzten Be. schlüsse der deutschen Regierung für die Haager Konferenz gefaßt werden, findet am heutigen Freitag voraussichtlich in den Mittagsstunden statt. Es ist zu erwarten, daß das Kabinett Außenminister Dr. Gtresemann mit der Füh. rung der deutschen Delegation betrauen und im übrigen die bekannten früheren Beschlüsse der Reichsregierung über die Grundlage der Ver­handlungen bestätigen wird.

Die technischen Vorbereitungen im Haag schreiten inzwischen weiter fort. ES ist ein Ge- neralsekretartat für die Konferenz errichtet wor­den, sodaß technische Schwierigkeiten zunächst nicht mehr erwartet werden. Die Konferenz dürfte also voraussichtlich am Dienstag vor. mittag 11 Uhr beginnen. Den Vorsitz der Kon- ferenz wird voraussichtlich der belgische Pre- mierminister I a s v a r, der älteste der anwe­senden Minister, führen, doch wird auch hier- über Beschluß voraussichtlich erst nach Eintref. fen der Delegationen der verschiedenen Länder gefaßt werden.

*

Paris, 2. August. Der deutsche Botschafter von Hoefch hatte gestern nachmittag eine ab­schließende Besprechung mit dem Ministerprä­sidenten Briano .die, wie die vorhergehende, der Haager Regierungskonferenz gewidmet war.

Mussolini

für -en yormgplair

Wien, 2. August.

Im Palazzo Ehiggi fand am Donnerstag unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Muflolini eine Ueberprüsung des Doungpla- nes statt. Muflolini erklärte nach einaebender Würdigung des Planes: Die italienische Re- gieruug ist bereit, den Uoungplan als unteil­bares Ganzes, wie bie anderen Regierungen anzunehmen, in der Absicht, den wirtschaft­lichen politischen Wiederaufbau zu erleichtern.

Englisch-russischeMitzver- ftSn-nisse"

London, 2. August.

In den Verhandlungen zwischen dem eng­lischen Außenminister Henderson und dem russischen Botschafter in Paris D o w g a - l-wski ist eine überraschende Wendung ein- getreten. Die Besprechungen find vorläufig abgebrochen worden und Dowgalewski hat be­reit» gestern nachmittag London wieder ver­lassen.

London, 2. August. Zum Abbruch der Ver- 5>andlungen zwischen Henderson und dem ruffi. ch-n Botschafter in Paris wird in englischen politischen Kreisen erklärt, daß es sich nicht um einen ausgesprochenen Abbruch der verhand­

lungen handele. Die gegenwärtige Lage sei lediglich durch ein Mißverständnis über den Zweck des Zusammentreffens zwischen dem Außenminister Henderson und dem russischen Vertreter zurückzuführen. Der nächste Schritt in der Frage der Ausführung der Verhandluu- gen werde allgemein von Rußland erwartet Nach einer Meldung aus Moskau tritt daS Präsidium des Zentral-VollzugsausschufleS der Sowjet-Union bereits am nächsten Mittwoch zu einer Sitzung zusammen.

Gin Vorschlag zur Güte

Vorah rät England, einenTeil feiner Flotte zu versenken".

Washington, 2. August. In gut unterrich- teten Kreisen verlautet, daß Präsident Hoover an die englische Regierung mit dem Vorschlag heranzutreten beabsichtige, das Londoner Ab­rüstungsprogramm, über das gegenwärtig in London verhandelt werde, auf sämtliche Schiffs» klassen, also nicht nur auf die Kreuzer, sondern auch auf die Großkampfschiffe auSzudehnen und das im Washingtoner Abkommen festae- setzte Bauprogramm anzunehmen. Staats­sekretär Stimson der von Pressevertretern dar­über befragt wurde, lehnte jede Mitteilung ab.

Senator B o r a h, der den Präsidenten Hoover in seinen Bestrebungen unterstützt, er» klärte gestern, um eine Flottenparität zwischen den Vereinigten Staaten und England zu et» reichen, sei es nach seiner anstcht das Beste, wenn England einen Teil seiner Flotte ver­senke. Dadurch würden nicht nur die ameri­kanischen Steuerzahler Geld sparen, sondern auch der Anreiz zum Kriege verhindert werden.

Die englische Delegation zur Young-Kon­ferenz soll vom Finanzminister Snowden ge- führt w-eden, »nh zu >br sollen außerdem der Äußenminister Henderson und der Handels­minister Graham gehören. Snowden ist von allen Labour-Miaistern am schärfsten gegen Frankreich eingestellt, und im Unterschied zu Henderson und auch zu Macdonald hat er den Franzosen gegenüber noch nicht klein beige­geben. Macdonald fand zuerst vaz bestehende Minderheitenunrecht unerträglich, um bald danach das Madrider Protokoll, da» dies Un­recht verewigen soll, für eine höchst glückliche Lömng zu erklären; Henderson verkündete zu­erst mit lauter Stimm«: Frankreich geht uns garnichts an, von Frankreich sind wir ganz unabhängig und einige Wochen später hatte er umgelernt und drückte sich über die von Frankreich verlangte Dauerkommiflion tm Rheinland mit unverkennbarer Rücksicht aus Paris aus; Snowden aber ist unentwegt bet seinem ersten Satz geblieben: Frankreich gebt es geschäftlich und finanziell viel besser als England, England hat nicht die mindeste Ver­anlassung, um der französischen Entlastung willen Verpslichtungen zu übernehmen!

Daß es den Engländern wirtschaftlich nicht aut geht, ist nur zu richtig. Unter der tatv I ervativen Regierung entbrannte der große Lohnkampf der Bergarbeiter, der mit Ihrer vollkommenen Niederlage, Verlängerung der Arbeitszeit und Verringerung der Löhne, en­dete. Ter englische Kohlenbergbau ist krank, und der Sieg, den die Bergwerksbesitzer vor einigen Jahren erfochten, wird ihn nicht sa­nieren. Das kann nur geschehen durch Still­legung der unrentablen kleinen Gruben und durch Rationalisierung pnd Zusammenfassung des Betriebes bei den großen. Vor dieser organisatorischen und finanziellen Riesenaus-

Graf Zeppelin" über dem Szean

Eigene" Drahtberlcht.

Friedrichshafen, 2. August.

Das Luftschiff »Graf Zeppelin" schlug bei seiner gestrigen Fahrt über Frankreich folgen« den Kurs ein: Nachdem es Besancon passiert hatte, fuhr es über Macon im Saonetal nach Lyon, das um 11,10 Uhr überflogen wurde. Eine Menschenmenge sammelte sich am Ufer der Rhone an, von wo aus daS sonnenbe­glänzte Luftschiff mit allen. Einzelheiten an Bord am besten zu sehen War. Nach Passie­ren der Saonemundung bog daS Luftschiff nach Osten ab, um dem Laufe der Rhone über dem rechten Ufer zu folgen. 12,20 Uhr wurde Valence mit KurS auf die Rhonemün­dung passiert. Um 15 Uhr wurde das Luft­schiff zwischen Marseille und den Balearen in südöstlicher Richtung fliegend gesichtet. Um 23 Uhr war Kap de Gafta bei Almena in Spa­nien erreicht. Ueber den weiteren Verlauf des Fluges am heutigen Vormittage sind folgende Meldungen zu verzeichnen:

BeimLuftschiffbau Zeppelin" find folgende Standortmeldungen desGraf Zeppelin" ein­gegangen: 230 Uhr Kap Ccuta, 30 Grad Wärme, 3 Uhr mitteleuropäischer Zeit Gibral­tar, alle« klar. Gras Zeppelin.

Das Luftschiff hat also das Festland nun- mehr verlassen.

Sonntag am Ziel?

Washington, 2. August. Rach dem Dafür­halten deS Sachverständigen des Martneamts für Luftnaviaarion wird derGraf Zeppelin* voraussichtlich am Sonntag in Lakehurst ein­treffen. Da die Tagesstunden für eine Lan­dung als wenig günstig angesehen werden, er­wartet man, daß der Zeppelin, falls er schon Sonntag ftüh den amerikanischen Kontinent erreicht, über den Stödten der Ostküsse bi» ge­gen Abend kreuzen werde. Nur das Heran- nahen einet Schlecht Wetterzone könnte den Graf Zeppelin* veranlassen, schon zur Mit» tag-zeit zu landen.

Eine Landung Sonnabend nacht Wird hier nicht erwartet, da die Winde aus den Bermu­das und den Azoren um diese Jahreszeit für einen Westflug ungünstig sind. Indessen rech­ne« die Marineexperlen mit der Möglichkeit,

daß Eckener den ungünstigen Winden durch Kursnehmen über Madeira ausweichen wer­de, sodaß er später,ausgenommen die letzten 800 Kilometer, Rückenwind haben würde Man erwartet nun eine Steigerung der Geschwin­digkeit, daGraf Zeppelin* offenbar die un­günstige Wetterzone verlassen und Aussicht hat, bereits westlich der Bermudas zu sein, ehe die sich tm Nordatlantik befindlichen Stö­rungen nach Süden ziehen und ihn erreichen können.

Der blinde Passagier

Friedrichshafen, 2. August.

Wie der Sonderberichterstatter der T. U. erfährt, lassen die verschiedenen Aussagen der Werftangehöriaen und zahlreicher Zuschauer beim Aufstieg derGraf Zeppelin* mit ziem­licher Sicherheit darauf schließen, daß es tat­sächlich jemand gelungen fein muß, an Bord der Luftschiffes zu gelangen. Wenn auch ket» nerlei Nachrichten über den Vorfall bis jetzt i« Friedrichshafen eingetroffen sind, so steht doch fest, daß der blinde Paflagter von dem Laufsteg der Hall« während der Ausfahrt des Luftichifses aus der Halle auf den Luftschifs- rücken gelangt ist. Wenn man den verschie­denen Aussagen Glauben schenken darf, haben sich kurz vor dem Emporsteigen des Luftschif­fe« mehrere Personen auf dem Rücken deS Luftschiffes ausgehalten. Der Eindringling dürste wahrscheinlich hier oben von der Be­satzung gefaßt worden sein. Offenbar ist sein Abtransport auf die Erde nur dadurch ver­hindert worden, daß man die Fahrt des Luft­schiffes von der Erde nicht mehr länger ver­zögern konnte. Nur diesem Umstande dürste es also der blinde Passagier zu danken haben, daß er doch noch die Reffe nach Amerika mit- machen kann.

Die Anwesenheit eines blinden Passagier» an Bord wird nach Rewhorker Meldungen durch den Funkspruch des amerikanischen Pas­sagiers Siobel bestätigt. Dr. Eckener habe er­klärt, der blinde Passagier werde von Amerika mit dem nächsten Dampfer nach Deutschland zurückgeschickt werde«, wo er eine strenge strafe zu gewärtigen habe.

gäbe schreckt man in England zurück, zumal dänn noch viel mehr Bergarbeiter arbeitslos werden würden, als es jetzt schon sind

Nun ist unmittelbar vor der Aouna-Kon- ferenz der Konflikt in der englischen Baum­wollindustrie ausge-brochen. Auch von dieser heißt es in England selbst:Die Baumwoll- Industrie ist durch und durch krank und kann nur durch eine Operation großen Stils geret­tet werden.* Die für notwendig erklärte Ope­ration ist bei der Baumwolle dieselbe, wie bei der Kohle. England hat für Baumwollspin­nerei zwei Vorzüge vor anderen Ländern: sein feuchtes Klima, da» ohne besondere Vor­richtungen sehr feine Nummern zu spinne« erlaubt, und die lange, von einer Spinner- Generation auf die andere vererbte Erfahrung gerade in dieser Arbeit. Beides zusammen hat lange genügt, den englischen Kattunen einen nicht einzuholenden Vorsprung vor de» festländischen im Welthandel zu geben. Auch dieser Vorteil aber ist erschüttert, weil die englische Baumwollindustrie im Vertrauen auf ihre jahrhundertealte Ueberlegenheil den Be­trieb ebenso wenig rationalisiert hat, wie der Kohlenbergbau.

Nun haben die Arbeitgeber erklärt, sie müß­ten, um zu bestehen, die Löhne um ein Achtel herabsetzen. Daraus sind die Arbeiter nicht ein- gegangen. Für die Labour-Regierung ist das eine unangenehme Sache: beinahe 2000 Spin­nereien und Webereien haben die Tore ge­schlossen. Dir Gewerkschaften sind vernünftig. Die Führer sagen, für eine wirkliche Monie­rung seien sie bereit, Opfer zu bringen, aber eine bloße mechanische Lohnherabsetzung könn­te» sie nicht annehmen. Sanierung heißt, wie bei den Kohlengruben, erstens Schließung der hoffnungslos unrentablen Betriebe und zwei­tens Umorganisation der übrigen. Dazu ge­hörten viel Geld und Verzicht auf den eng­lischen Individualismus, der auch im Unter­nehmertum tief eingewurzelt ist.

Leute, wie Snowden, Henderson und Gra- ham kennen diese Lage genau genug, und ihnen ist wenig behaglich zu Mut, wenn sie daran denken, daß sie gemeistert werden soll. Läßt man die Dinge laufen, so nehmen sie kein gutes Ende; macht sich die Labour-Re­gierung an eine wirkliche Reform, so ist eS eine Ausgabe von ungeheurer Tragweite, die, auch wenn sie schließlich glückt, auf Jahre hin­aus alle Kräfte Englands beansprucht. Ein­facher scheint es, neue Prinzipien in die aus­wärtige Politik einzuführen. Man hat gleich an zwei Stellen auf einmal angefangen, mit Rußland und Aegypten. Die Russen haben, wie zu erwarten, sofort zu verstehen ge­geben, daß ihnen an der Wiederaufnahme der Beziehungen nur dann etwas läge, wenn sie zugleich große Kredite bekämen (50 oder 100 Millionen Pfund) und RuffenkrMte in dieser Höhe verstehen sich auch in England immer mindestens mit einer starken Teilgarantie der Regierung für die Lieferanten wiederum eine starke Belastung des Schatzamtesl

Den ägyptischen Mitregenten Lord Lloyd hat Henderson halb mit Gewalt ausgeschifft, weil die Aegypter von ihm tyrannisiert wur­den. und er will auch die englischen Garni­sonen in Aegypten verringern. Aufheben aber will er sie auch nicht, und in auswärtige« Dingen soll Aegypten unter Kontrolle bleiben. Die Folge wird sein, daß die Aegypter, nach­dem sie einen Teil bekommen haben, alles for­dern werden, und daß die Labour-Regierung denselben Konflikt erleben wird, den die kon­servative erlebt hat. Dann werde» Macdonald und Henderson auch vor der Wahl stehen, ganz aus Aegypten hinauSzugehen. oder die Aegyp- ter mit Der Waffe zuberuhigen*.

Die Summe au» all dem ist, daß England auf der Konferenz nicht frei, sondern durch die stärksten innerwirtschaftlichen, innerpolitischen und auswärtigen Bindungen beeinflußt sein wird. Umgekehrt ist jetzt Frankreich, nachdem Poincari und Briand mit -en geschicktesien Mitteln die Ratifikation des Schuldenabkom­mens mit Amerika durchaesetzt haben, von der akuten Sorge befreit, sofort 400 Millionen Dollar an die Amerikaner zahlen zu müssen, denn dieser Betrag verteilt sich, kraft der Ra­tifizierung, nunmehr auf die übrigen JahreS- Zahlungen. Außerdem hat Briand sich nie Ra­tifizierung dadurch abkausen lassen, daß er der Opposition versprach, das Rheinland nur ge­genSicherheiten* zu räumen. Gleich zeitig nötigte er Henderson dazu, ihm die Bescheini- gimg auszustellen, daß über die Dauer und