Die Musterschule -er Zweijährigen
Früh übt sich, was ein Meister werden will
Amerika hat wieder eine neue Errungenschaft zu verzeichnen, basierend auf der Erkennt» nis, daß man ein liebel bet der Wurzel packen müsse und daß Fortbildungsschulen und Jugendfürsorge erfolglos sind, wenn ungünstige Erziehung in den ersten Jahren so stark auf das Kind wirken, daß die Eindrücke sich nicht verwischen lasten.
Und Amerika beginnt systematisch — seine Babys zu erziehen, und da es der berechtigten Meinung ist, Kinder hätten Anspruch darauf, auf der Sonnenseite des Lebens solange zu stehen und zu spielen, bis die Schatten des Lebenskampfes von selbst ihren Weg verdunkeln, ist ein Heim geschaffen worden unter dem Namen „Sunnyside". „Sonnenseite".
In „Sunnyside" auf der Insel Long-Jsland bei Rewyork, der fortschrittlichste, Kleinkinderschule Amerikas, werden schon Kittder im Alter von 18 Monaten ausgenommen. Die höchste Altersgrenze ist das achte Lebensjahr. Der Grundsatz der Schule: Erziehung zur Selbständigkeit und zu sozialem Gefühl. Kinder, die als Einzige oder Jüngste zu Haus schwer, lenkbaren Charakters sind, beginnen hier schon von den ersten Schrittchen ins Leben an sich an das Gemeinschaftsleben zu gewöhnen und Rücksichten auf die Kameraden zu nehmen. DaS Wesentliche ist, datz die Kleinen diese Anpas- sungssähigkeit, die in höherem Alter nur mit viel Kummer und Schmerzen erworben wird, unbewußt und spielend lernen.
Die Klassen sind nicht starr abgegrenzt, sondern nach den unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Kleinen eingeteilt. Für die Kinder bis zu drei Jahren bedeutet Sunnyside in Wahrheit ein Paradies, denn der ganze Tag dient nur oen schönsten Spielen. Eine Unzahl Spielzeug steht ihnen zur Verfügung, allerdings meist einfache Holzklötzchen, .die der Phantasie der Kinder freien Spielraum lassen. Die Aelteren genießen schon eine Art Unter- richt, ausgehend von künstlerischen Gesichtspunkten. Da wird geknetet in Ton und in Plastelin und mit schönen großen Anstreicherpinseln gemalt. Im übrigen werden die Kinder schon früh zum Verantwortungsgefühl erzoyen und erhalten Aufsicht und kleine Pflichten über die Jüngeren. In echt amerikanischer Weise lernen die Kleinen auch frühzeitig den Wert des Geldes schätzen. Jede Klaffe hat ihr eigenes Budget, über das die Kinder selbst bei ihren kleinen Besorgungen Buch führen. Auch mit den Lehrerinnen herrscht das beste Verständnis. Für Kinder, die unter diesen Verhälmiffen aufwachsen, dürfte die Kindheit in Wahrheit die schönste Zeit deS Lebens bedeuten.
Tauchen nach Gold
Zum ersten Mal hat man jetzt die Schwierigkeiten überwunden, die sich bisher der Gewinnung des Goldes in der Tiefe kalifornischer Flüsse entgegenstellten. Nach langen Versuchen hat man diese neue Form der Goldgewinnung jetzt in dem Feder-Fluß in der Nähe des Ka- naka-Damms in Kalifornien durchgesührt. Oie Ablagerungen von Gold in den Betten der Ge- birgsströme, besonders derer, die das ganze Jahr über viel Wasser führen, sind gewöhnlich auf eine so schmale und tiefe Rinne beschränkt, daß geringe Aussichten für eine Bergung dieser Schätze bestehen. Der goldführende Ka- naka-Damm ist in früheren Zeiten von Goldwäschern so weit ausgebeutet worden, als eS möglich war, in den Strom hineinzuwaten und den goldhaltigen Kies auszuwaschen. Unter dem Damm ist ein großes Becken von etwa 1000 Fuß Länge und 100 bis 300 Fuß Breite, in dem noch große Massen goldhaltigen Sandes vorhanden sind. Zum Ausbaggern dieses Sandes bedient man sich jetzt einer großen Säugpumpe, an der ein breiter Gummischlauch befestigt ist, der von einem Taucher unter Wasser bedient wird. Auf diese Weise kann man an jedem Puntt des Flußbettes bis zu einer Tiefe von 30 bis 40 Fuß arbeiten. Da das Wasser eiskalt ist, muß der Taucher außer der gewöhnlichen Taucherkleidung auch noch Handschuhe tragen; er lenft unter Wasser den aufsaugenden Schlauch ht dem steinigen Flußbett und beseitigt größere Felsstücke, die über dem Sande liegen. Drei Männer sind immer bet dieser Ausbaggerung beschäftigt: der Taucher, sein Gehilfe, der die Signalleine und den Luftzufuhrapparat bedient, und ein Ingenieur, der die Pumpe beaufsichtigt. Man hat mit dieser Art des „Goldtauchens" bereits so gute Gewinne erzielt daß eine derartige Ausbeutung des goldhaltigen Flußsandes auch bei anderen Flüssen erwogen wird.
Besuch auf Ellis Island
Von Dr. Erwin Stranik
W xii
bourg, Philadelphia, Washington, Rewyork, — von einem Ozean zum andern über einen Kontinent hinweg braucht man in Amerika keine Eisenbahnlinien mehr. Der „Bus" besorgt alles der wundervolle, herrlich bereiste, glänzend be» federte, lautlos über die schönsten Straßen da- hingleitende Autobus, der seine 100 bis 130 Kilometer spielend in der Stunde zurücklegt und einen, möchte man geradezu sagen, vom Hotel abholt und wieder bis vor das beste Hotel der nächsten großen Stadt befSrdert. Durchrast man auf so angenehme Weise dieses mächtige Reich und wird überdies noch in de» wichtigsten Orten stets von lieben Freunden und aufmerksamen Fachgenoffen empfangen, von Diner zu Diner, von Soiree zu Soiree geleitet, besucht Theatervorstellungen, Konzerte und Vorträge, dann fühlt man sich gar leicht veranlaßt, die Vereinigten Staaten als ein Dorado, zumindest in gesellschaftlicher und technischer, wenn schon nicht in geistiger Hinsicht zu betrachten und es der eigenen Heimat gegenüber als Musterbeispiel moderner Gesittung darzustellen.
„Aber", unterbricht in diesem Augenblicke Mr. Thomas Dodge, dem es beliebt, den Reisemarschall zu spielen und der meinen Gedanken- gang zu erraten schien, „aber das äußere Bild trügt zuweilen. Begehen wir nicht den Fehler, die stemden Gäste nur mit den Vorzügen, nicht aber auch mit den Schattenseiten unseres Regimes bekannt zu machen. — Kennen Sie Ellis Island näher?"
„Nein?"
^9lun, dann werde ich mich bemühen, eint Besuchserlaubnis zu erhalten.
Mr. Thomas Dodge verfügt über viele Beziehungen, und wenn er sich um etwas „bemüht", so kann man sicher sein, daß et es in wenigen Tagen auch tatsächlich durchsetzt.
„ElliS Island", erklärt er, ehe dar Boot auf der Insel landet, „tourbe vor noch nicht allzulanger Zeit von einem unserer Schriftsteller, Mr. Harrington, in einem aufsehenerregenden Artikel, den er über die hiesigen Zustande in der Monatsrevue „Forum" veröffentlichte, als das — „Schlachthaus der Seelen" bezeichnet. — Ob diese Klassifizierung stimmt, davon mögen Sie sich nun selbst überzeugen."
Wenn man Ellis Island betritt, jene Insel, auf der alle Menschen, die nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika einzuwandern gedenken, erst einer genauen Untersuchung unterzogen werden, sieht man noch die FreiheitS- statue von Rewyork. Dunstnebel und Rauchwolken umgeben die gewaltige Figur, die gleich einem lockenden Phantom hoch über dem Hafen in das Bleigrau des Himmels ragt. Werden die hierher Verbannten jemals an der Fret- heitSstatue borbeikommeu, ober müssen sie nach Europa zurückkehren, ohne amerikanisches Fest- lanb überhaupt betreten zu haben?
Jedermann weiß, wie st"eng die Union ihre EinwanderungSbestimmungen handhabt. Seit 1916 in Rewyork jenes Buch erschien, das so ungeheures Aufsehen erregte und das den Anstoß zur Einschränkung der Einwanderungserlaubnis für Ausländer gab, „Der Untergang der große Rasse" von Madison Grant und kurz darauf Lothrop Stoddards Schrift „Der Kulturumsturz", werden immer drakonischere-Maßnahmen eingeführt, um die Einwanderung nach Amerika, in der die Amerikaner selber den drohenden Verlust ihres Volkscharakters erblicken, einzuschränken. Hieß es anfänglich, es dürst« die Zahl der Einwandemden 3 Prozent ihrer bereits 1910 in der Union ansässigen LandSleute nicht übersteigen, so wurde 1924 diese Zahl abermals herabgesetzt, so daß jetzt alS Kontinaentziffer für Großbritannien nut noch-62 000 Visa, für Deutschland 51000, für Italien 4000, für Polen 3000, für Rußland 2000 und für die übrigen europäischen Staaten noch weniger Visa ausgestellt werden.
Aber selbst ein solcher ordnungsgemäß ausgestellter Einwanderungsschein, solch ein „Affidavit" genügt nicht, um sofort in Amerika zu landen. Die Auswanderer werden zuerst tu großen Trupps mit Frau und Kind in die Konzentrationslager von ElliS Island gebracht, um dort sowohl in körperlicher als auch in staatlicher Hinsicht nochmals revidiert zu werden.
Die Auswanderer stehen während dieser Zeit unter Aufsicht der amerikanischen Fremdenpolizei, der „Jnvestigators", und werden gruppenweise den verschiedenen Einwanderungsbeamten (Immigration OfftcialS) vorgeführt. Räch der Körpervisitation findet sogleich eine solche der Papiere statt, und wehe dem Aermsten, dessen Paß oder Einwanderungsschein auch nur die geringste Unstimmigkeit enthält! Sofort wird ihm eine Tafel mit den zwei Buchstaben „S. I." umgehängt. DaS heißt: Special Jnquirh, Spezialuntersuchung. Diese Tafel darf der Auswanderer nicht abnehmen, bevor er einer neuerlichen Kommission vorgeführt wurde, um dort die Rechtmäßigkeit seiner Einwanderung nochmals zu erweisen. Gelingt ihm dies, wird er „tafelfrei" und kann mit feiner Familie an den Ort abreifen, den er sich als erste Arbeitsstätte ausgesucht hat. Stellt sich heraus, daß der Einwanderer aus irgend einem Grunde nicht fähig ist, sich allein bis zu seinem Arbeitsplatz durchzuschlagen, so bekommt er eine neue Tafel, auf der diesmal die Buchstaben „T. A.", d. h. „Travellers Aid",
prangen. Diese Tafel, die er ebenfalls bis zu seinem Ziel nicht ablegen darf, verpflichtet die amerikanische Fremdenpolizeii ihn zu unterstützen.
Am schlimmsten sind aber Jene daran, bei denen die EinwanderungSberechiigung ernstlich angezweifelt wird. Diese bekommen die Buchstaben „T. D." umgehängt, d. h. temporarely detained, also für gewisse Zeit zurückbehalten. Diese Bemitleidenswerten werden nun auf unbestimmte Zeit in die Konzentrationsquartiere von ElliS Island zusammengepfercht und leben dort wie Gefangene. Hat man zwar die in
früheren Zeiten üblichen Einzelzellen für Widerspenstige Einwanderer abgeschafft, so wird doch auf den einzelnen Menschen als Mensch gar keine Rücksicht genommen. Der Unglückliche ist eine Nummer, nicht mehr. Man erlaubt ihm zwar, nach Hause zu schreiben, gestattet jedoch keinerlei Telephongespäche mit dem amerikanischen Festland. Ebenso ist eS den Einwanderern, die in großen Sälen untergebraHt sind und von Wärterinnen und Wärtern beaufstch- tigt werden, untersagt, sich irgendeine geistige Anregung zu verschaffen. In stumpfer Gleichmäßigkeit gehen ihre Tage hin, ihr einziger Ge- danke ist der, endlich auS dieser Hölle herauS- zukommen. Aber wie sollte dies möglich sein? Ständig bewacht, können sie das Lager nicht verlassen. Sie, die voll Hoffnung ins Land der Freiheit zu gelangen glaubten, befinden sich, ehe sie dieses betreten haben, in einem Sterin unerbittlichen Schergen gegenüber.
Daß natürlich auch die Verpflegung dieser Unwillkommenen viel zu wünschen Übrig läßt, kann man sich denken. Dazu kommt, daß die Frauen und Kinder in ihren Schlafsälen auch während der oft sehr kalten Rächte nur ein« dünne Decke erhalten, während die Männer, bte auf übereinandergebauten Pritschen liegen,
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meist nicht einmal diese bekommen. Täglich um 9 Uhr müssen alle Einwanderer schlafen gehen, beim Morgengrauen wieder aufstehen. Rur die Passagiere erster Klaffe haben das Vorrecht, gegen Bezahlung kleine Einzelzellen zu bewohnen. Bezeichnend ist eS auch, daß die Fenster der Konzentrationslager wie in Gefängnissen vergittert sind.
Wandert man durch diese Säle und steht das unsägliche Leid auf den Gesichtern all derer, die hier wieder ihren Willen und auf so unsanfte Art zurückgehalten werden, dann kann man wohl verstehen, daß Mr. Harrington in seiner Kritik die Zustände auf Ellis Island als eine „nationale Schmach" bezeichnet. Nicht nur, daß allen Einwanderern, die mit dem Glauben an eine bessere Zukunft herüberkamen, dieser bei sämtlichen Verhören systematisch zu zerstören gesucht wird, indem man ihnen das Elend vor Äugen hält, das ihnen bei Erkrankung oder Arbeitslosigkeit bevorsteht, — man zermürbt auch ihre Seelen vollständig durch die Ungewißheit,- in der man sie über ihr Schicksal läßt.
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