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Kasseler Neueste Nachrichten

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\ Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 176 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Montag, 2S. J«n 1929

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Briands Notlösung

Bildung einer „Konferenz-Regierung" / Verhandlungen über Erweiterung der Koalition vertagt

Brian- umwirbt -ie Ra-ikal-

der

Die Siaats-

aus dem Grunde nu

möglich sind.

mt er toter»

Amerikastart -es Zeppelins

In der Nacht vom 31. Juli bis 1. August

BriandS Haltung wird die gleiche fein, ote PoincarL vertreten haben würde.

London, 29. Juli.

Das zweite in England in Bau befindliche Luftschiff ist nunmehr ebenfalls soweit fertigge. stellt, daß mit der Füllung des 500 Kubikfutz

Shineslscher Rückzug

Washington, 29. Juli.

Hagelschlag vernichtet Ernte

Jechnitz i. Böhmen, 29. Juli.

lieber den Bezirk Jechnitz ging ein heftiges Gewitter nieder. Einem wollen bruchartiaen 'Regen folgte ein schwerer Hagelschlag, begleitet von einem orkanartigen Sturm. Das Un­wetter dauerte etwa eine Viertelstunde und richtete großen Schaden an Bäumen und Feld- früchten an. 75 dem Hundert der Ernte wurden vernichtet.

In einem kurzen Kommentar zu der ersten Rekordfahrt der „Bremen* bemerkt der „Ob- ferber", daß sich die Engländer dem Glück­wunsch der Eunard Line anschließen. In der Leistung der „Bremen" sieht das Blatt den ein- drucksvollsten und deutlichsten Beweis für die seit langem vertretene Ansicht, daß Großbritan­nien auf allen Gebieten gegen den heftigsten Wettbewerb zu kämpfen habe. Nur die Aus­rüstung aller verfügbaren Kräfte werde die Er- baktung der gegenwärtigen wirtschaftlichen Stellung Großbritanniens ermöglichen.

aufzunehmen, abgelehnt. Der Borfitzende der Partei Daladier hat den Auftrag erhalten, Briand hiervon in Kenntnis zu setzen. Briand begibt sich nun hiernach in das Elyste, um dem Präsidenten der Republik von diesem Beschluß

Lommunisten - Hungerstreik

Paris, 29. Juli. Die Verteidiger der neun» a Verhafteten und des Komplotts beschul- m Kommunisten teilen mit, daß ihre im Gefängnis befindlichen Klienten heute abend die Nahrung verweigert haben, mehrere we­gen anderer Angelegenheiten verhaftete Kom­munisten haben sich mit ihnen solidarisch er­klärt.

Peru und Ehile feiern Versöhnung

San Dingo de Chile 29. Juli. Im Präsi­dentenpalast wurden gestern die Rattfizierungs- urkunden des peruanisch-chilenischen Abkom­mens über die Erledigung des Tacna-Anca Konfliktes ausgetauscht. Peru war durch sei­nen Außenminister und seinen Botschafter, Chile durch seinen Präfidenten Ibanez und sämtliche Kabinettsmitglieder vertreten, auch das diplomatische Korps wohnte der Feier­lichkeit bei, in deren Verlauf der peruanische Botschafter dem Präsidenten Ibanez im Na­men deS Präsidenten der Republik Peru daS Großkreuz deS Sonneiorbens überreichte.

Die in der vorstehenden Meldung ange- deutete Möglichkeit ist, wie aus dem Folgenden zu ersehen ist, eingetreten: Di« radikale Partei hat das Angebot Briands, Mitglieder der Partei als Staatsminister in das Ministerium

renzarbeiten teilzunehmen.

Wenn die Radikalsozialisten auch ablehnen, so werden sie doch ihre Unterstützung Briand " ' -------* "icht versagen, weil sie mit

! Außenministers durchaus

ihnen zwei Ministerposten un staatssekretärposten angeboten. . Minister ohne bestimmtes Portefeuille sollten mit nach dem Haag gehen, um an den Konfe-

Paris, 29. Juli. Die Sicherheitspolizei entdeckte in HouilleS bei Paris eine geheim» kommunistische Druckerei, in der zur Vertei­lung an Soldaten und Matrosen bestimmte Flugblätter hergestellt wurden. Der Drucker, ein bereits wegen Spionage zu zwei Jahren Gefängnis vorbestrafter Kommunist, wurde verhaftet. Größere Mengen Drucksachen wur­den beschlagnahmt Außerdem wurden in Paris vier Gewerkschaftsmitglieder feftgenctnmeii, die sich angeblich in einer Autodroschke zu einer aebeimen kommunistischen Versammlung bege­ben Wollten.

Mitteilung zu machen.

Man kann nunmehr, wie Havas betont, als fast sicher annehmen, daß alle Mitglieder des zurückgetretenen Kabinetts dem neuen Ministe­rium angehören werden.

Der alte Kurs

sozialisten

Paris, 29. Juli.

lieber die Versuche Briands, die Radikal­sozialisten für sich zu gewinnen, verlautet, er habe einem Vertreetr bedeutet, daß angesichts der Notwendigkeit einer schnellen Lösung der Regierungskrise die Zeit fehle, vor der Haa­ger Konferenz die Mehrheitsfrage zu lösen, die eine Neuverteilung der Mtnistersitze erfor­dern würde. Da er aber auf die Unterstützung

Nach einem Besuch des chinesischen Ge­sandten Dr. Wu beim Staatssekretär Stimson erklärte Dr. Wu den amerikanischen Pressever- tretern, die Nankingregierung habe offiziell den amerikanischen Standpunkt angenommen, wo­nach die Beschlagnahme der Ostbahn zu Unrecht erfblgt sei. China habe niemals die Absicht gehabt, die alleinige Kontrolle der Bahn zu übernehmen ober das russisch-chinesische Ab­kommen vom Jähre 1924 zu verletzen.

der Außenpolitik des —— ,---------- E

einig gehen und innerpolitische Fragen und Erwägungen ausgeschlossen werden sollen. Immerhin ist daraus hinzuweisen, daß sich innerhalb der Radikalen, speziell im rechten Flügel und den „Jungtürken^ (Daladier), so starke Meinungsverschiedenheiten geltend ma­chen daß von dieser Seite Ueberraschungen

großen Luftschiffes begonnen wird, die etwa einen Monat dauern wird. Das Luftschiff, das mit Burney Rolls Roice-Motoren ausgerüstet ist, kann hundert Fahrgäste befördern. Bor einem Flug nach Kanada soll eine Reihe von Probeslügen über England durchgeführt werden.

London zum stanzösischen Kabinettswechsel

London, 29. Juli. Die Morgenblätter neh­men zum Teil ausführlich zum Rücktritt Poincarss Stellung. Sin Wechsel In der fran­zösischen Politik im allgemeinen und in der Haltung Frankreichs auf der Haazer Konfe­renz im besonderen wird nicht erwartet.

Amsterdam, 29. Juli.

Wie die Blätter berichten, find bereit« süi 300 Angehörige der zur Regierungskonferenz nach Holland kommenden ausländischen Dele- aaticnen Zimmer in Haager und Scheveninger Hotels bestellt worden. Die Mitglieder »et deutschen Delegation werden größtenteils im Oranje-Hotel, einem der größten Lchevemnget Hotels untergebracht werden. Inzwischen scheinen sich im Zusammenhang mit den Sit­zungen de» internationalen Gerichtshofes dock größere Schwierigkeiten hinsichtlich der Benut­zung des Friedenspalastcs als Kcnserenzgebän- de ergeben zu haben, sodaß dte Konferenz vet-

mutlich im Parlamentsgebäude insbesondere im Sitzungssaal der zweiten Kammer, tagen wird

500 000 Arbeiter ausgesperrt

Manchester, 29. Juli. Die Aussperrung von ungefähr einer halben Million Arbeiter in der Baumwollindustrie von Lancashire tft nunmehr Tatsache geworden Die durch Ver­mittlung des ständigen Sekretärs bei Arbeit-- Ministeriums bis in die späten Nachmittags- stunDen des Samstags geführten Verhand- lnugen zwischen den Vertretern der Arbeit- gebet und bet Gewerkschaften sind ergebnis­los ausgefprochen worden. Der Lohnausfall wird auf ungefähr 1 Million Pfund die Woche geschätzt. Allgemein wird erwartet, daß die Regierung mit allem Nachdruck Ichritte unternehmen wird, trat eine Verstän­digung herbetzustihren, da bei nur kurzer Dauer der Aussperrung die Folgen für die anderen Industrien katastrophal sein würden.

Englische Aonkurrenzsorgen

Aber doch Anerkennung für die „Bremen".

London, 29. Juli.

Henderson und Snowden vertreten England

London, 29. Juli. Die Vorbereitungen zu der internationalen Regierungskonferenz :m Haag werden von englischer Seite mit großer Beschleunigung unternommen. Man hält es für sicher, daß die Konferenz am 6. August be­ginnen wird. Außenminister Henderson und Schatzkanzler Snowden, bk von Professor Ba­ker, dem parlamentarischen Sekretär des Außenministers, begleitet werden, nehmen mit Bestimmtheit an den Sitzungen der Konferenz teil. Macdonald dagegen dürfte nur an der Eröffnungssitzung teilnehmen.

Pari», 29. Juli.

Außenminister Briand ist am Sonnabend vom Präsidenten der Republik mit der Neubil­dung des Kabinetts beauftragt worben. Briand nahm am Sonntag früh die Bespre­chungen mit den politischen Führern auf. Er fuhr über Mittag auf» Land, kehrte dann aber früher als erwartet in den Quai d'Orsay zu­rück. Ueber seine Pläne gab der neue Minister­präsident gestern abend bekannt, er beabsichtige, ein Kabinett „zu einem bestimmten Zweck" zu bilden. Er suche einen Weg, um die Basis, auf die dieses Kabinett sich stützen könne, zu er­weitern.

Diese Erklärung wird von der gesamten Morgenpreffe dahin ausgelegt, daß Briand im Hinblick aus die knappe Zeit, die ihm noch bis zum Zufammentritt der Haager Konferenz zur Verfügung steht, auf feine ursprüngliche Ab­sicht, ein stärker nach links orientiertes Kabi­nett zu bilden, im Laufe der Verhandlungen verzichtet hat und nunmehr nur eine Art „Kon­ferenz-Regierung" mit der erforderlichen Auto­rität zu bilden sucht. Eine bu.chgreisende Um­bildung des Kabinetts soll dann erst beim Wiederzusammentritt der Kammer erfolgen. In der in Aussicht genommenen Regierung würden sämtliche ehemalige Minister verblei­ben, sodaß es sich um ein Ministerium Poin- care ahne PoincarL handeln würde.

Man erwartet, baß bas Verhanblungskabi- nett Briands am heutigen Montag gebildet werde. Am Freitag wird es sich dann der Kammer vorstellen und angesichts seiner kaum veränderten Zusammensetzung ein Vertrauens­votum erhalten. Die Regierungserklärung soll sich auf die wesentlichste Aufgabe des neuen Kabinetts, die Durchführung des UoungplaneS beschränken. Die Regierung wird dann noch einige Steuererleichterungen von Kammer und Senat verabschieden lassen.

London, 29. Juli.

Der russische Botschafter in Paris ch ge­stern in Begleitung seines Sekretärs hier ein- getrosfen. Er wurde von dem Sekretär des Auswärtigen Amtes Monck und dem Sekretär der deutschen Botschaft, die bisher die russischen Interessen in London vertreten hat, empfangen Die erste Unterredung zwischen Henderson und dem russischen Botschafter wird heute statt- finben.

Der 6. August

Kabinett Poineartz ohne Poincarß

Eigene- Drahtbericht.

Friedrichshafen, 29. Juli.

Der Start deS „Grafen Zeppelin" zur Amerikafahrt wird in der Rächt vom 31. Juli zum 1. August erfolgen. An dieser Fahrt neh- men 21 Fahrgäste teil. Dr. Eckener sprach sich über das Arbeiten der Motore äußerst befriedi- gend auS. Bor der Amerikafahrt findet kein« Probefahrt mehr statt.

Englan-s neues Luftschiff

' “ ' in London

Eigene Draht««lbung

IerAdvolatFrankreichs

Paris, Ende Juli.

. In unzähligen Leitartikeln, Rückblicken und Nachrufen sucht die Presse des Erdenrunds jetzt der Bedeutung des erkrankten und abgedankten großen Lothringers gerecht zu werden. Eine Flut von Betrachtungen über PoincarL und sein Lebenswerk ergießt sich in die Oeffentlich- keit. Vielleicht wirkt es alS Erholung von der Ueberfülle, wenn man einfach nur ein äußeres Bild dieses merkwürdiaen ManneS gibt, wenn man seinen Charakter aus dem persönlichen Eindruck, auS seinem Benehmen und Auftreten erklärt.

Wer kennt Raymond PoincarL? Jeder hat ihn schon im Kino gesehen, wie er eine Aus­stellung eröffnete, mit einem Staatsbesuch im Wagen vorbeifuhr, ein Kriegerdenkmal mit einer jene'' deutschfeindlichen Sonntagsreden einweihte. Aber das waren nur Schatten. Man mutz ihn leibhaftig und häufig und lange be­obachtet haben, bei seiner Haupttätigkeit in der Kammer, im Senat oder im Elysee, um Ge­heimnisse seiner Seele erraten zu können.

Er stach im Typus immer von den Parla­mentariern ab die ihn umgaben. Er hat eigentlich garnichts von einem Franzosen. Sein Kupf ist eher jrr-..-r „C.“i'LxiS&Sh»!'*. bep .seine Landsleute den Deutschen als angebliches Äicri- mal aufsetzen. Mit dem kleingedrungenen Kör­per, der selbst in den großen Parlamentssitzun­gen nur im dunkelgrauen Sacco steckt, scheifik der eckige, aber durch eine mächtige Stirn auf­gewölbte Kopf in eins verwachsen zu sein. DaS Gesicht groß und fleischig, nicht fein in den Linien, umrahmt von einem spärlichen, ehemals rötlich-blonden, seit Jahren grau-weißen Bart, zeigt scharfblickende, beinahe hartblißende Augen. Em herrischer Zug tritt in diesem ein wenig an Emile Zola erinnernden Ober- lehrerSgesicht auf, wenn er spricht. Die Helle Stimme hat etwas Metallisches, doch ohne Schmelz. Sie ist scharf und klar wie der un­erbittliche Tatsachensinn und die nüchterne Lo­gik, ohne jedoch zu versuchen, dramatisch oder pathetisch zu werden, wie es z. B. der Meister­redner Briand so trefflich versteht.

Aber trotzdem, man wurde bei PoincarL nie das Gefühl los, daß er sich anders gibt, als feiner recht durchschnittlichen Erscheinung entspräche. Er hält den Nacken steif und sucht durch ausrechte Haltung zu wirken. Er setzt oft, wenn eS garnicht nötig ist, eine wichtig­tuerische Miene auf, will den Eindruck der Ab- geklärtb-'t machen, will, aussehen wie ein Mann, der'nie eine Dummheit begangen hat. Aber in Wahrheit spielen nur Eitelkeit und Selbstgefälligkeit dabei den Souffleur. Gewiß, mit den Jahren hat sich das etwas gegeben, und PoincarL zeigte in letzter Zeit, besonders bei den Ratifikationsdebatten, wenn er nicht gerade auf der Tribüne stand und „im Ange- sicht Europas" sprach, eine auffallende Scheu. Seine Augen gingen unruhig beobachtend nach rechts und links, und er dachte wohl dabei wie einst der alternde BiSmarck mißmutig: ES ge­lingt nichts mehr!

Im übrigen besteht nicht der mindeste An­laß, PoincarL mit BiSmarck zu vergleichen. Der große LebenSerfolg deS Politikers ist da, aber die Persönlichkeit? PoincarL, der kleine Mann, der immer versuchte, wie ein großer zu erscheinen, ist ein Beispiel dafür, wie ein Ge­hirn deformiert werden kann, wenn eS sich zu einseitig und ausschließlich auf eine bestimmte DeÄform beschränkt. Der Advokat PoincarL sah die Politik stets vom Gesichtspunkt einer Klage vor Gericht an. Nie war er eines künstlerisch- qenialen StaatsgedankenS, nie einer großmüti­gen Geste fähig. Solange er an der Macht war, alS Staatspräsibeni oder al8 Minister, führte er die Staatsgeschäfte, wie man einen Prozeß führt. Der Vertrag von Versailles war ihm vorn ersten Augenblick an über den Ruhr­krieg hinweg bis zur heutigen Räumungsfrage ein Gesetzbuch, auS dem man die Paragraphen und Klauseln herauSholen mutz, um die An­sprüche der eigenen Partei >urchzudrücken. Tar- dieu, der bisherige Innenminister, hat einmal, als er noch nicht im Kabinett saß, im Zorn gesagt: Frankreich unter PoincarL erinnert mich an eine Eisenbahngefellfchaft, die all« ihre Be- triebSfragen der — RechtSabteilung übertragen hat". Und ein anderer französischer Politiker, der sozialistische Abgeordnete Brizon schrieb mitten im Weltkrieg (Sommer 1916) einen bissigen, literarischen Scherz: „Der schlechte Präsident" — gemeint war angeblich der von China, in Wirklichkeit der damalige von Frank«