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Hessische Abendzettung

Kasseler Abendzeitung

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MSLRKW7SMN-LP bübr. Rückzahlung des Bezugsgeldes oder Änfvrüche wegen etwaiger matziger tiietetuag tft ausgeschlossen. Kür unverlangt erngelandte «' Redaktion eine Verantwortung oder Gewähr in keinem Kalle übernehm Beilag und Druckerei: ßafieL SLlachtüoiüratze Nr. 38.-30. Sernivr. 8601.

Nummer 174 Einzelpreis: Wochentag» 10 Pfennig.

Freitag, 26.2«N 1929

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Gerüchte um Poinearö

jtüdtrilt des Jltinifterpräfiöenten aus SesundheltSgründen im Bereich der Möglichkeiten?

Voincares Krankheit

Pari». 26. Juli.

Wie HavaS berichtet, soll in politischen Krei­sen das Gerücht in Umlauf gewesen sein, dass der Gesundheitszustand PolncarL gestern we­niger zufriedenstellend gewesen sei, als die erste Untersuchung der Aerzte es hätte hoffen lassen. Man habe sogar behauptet, dass nach der Unter­suchung die Möglichkeit eines chirurgischen Ein­griffes ins Auge gefasst worden sei. Entgegen diesen Gerüchten heisst eS in unterrichteten Kreisen, dass erst am nächsten Dienstag eine Diagnose der Erkrankung deS Ministerpräsiden­ten gestellt werden könne, da die vorgesehene Untersuchung des Kranken infolge der Ab­wesenheit eines der behandelnden Aerzte hin. ausgeschoben werden mutzte.

Pertinax schreibt weiter, nach der Aerztekonfe- renz von gestern vormittag, dass die Wieder­herstellung Poincars möglicherweise ziemliche Zeit erfordern werde. Der Rücktritt PoincarLs müsse als eine Möglichkeit angesehen «erden. Alles deute darauf hin, dass Poincars nicht m der Lage sein werde, persönlich an der kommen­den Reparationskonserenz teilzunehmen. Bri- and werde in diesem Falle die französische Delr- gation führen.

Geldquellen der „tzumanitö"

Pari», 26 Juli. Dem „Marin" zufolge haben die bei her Arbeiter- und Bauernbank beschlagnahmten Papiere den Zusammenhang der Bank, der kommrmistischen Partei und der „Humanits" erwiesen. Die Nachprüfung deR Bücher hat einen Fehlbetrag von 2,6 Millio­nen Francs ergeben, wovon zwei Millionen dem kommunistischen Blatte zugefloffen sein sollen.

Im Berlause deS gestrigen Tage« wurden ferner in Paris und in mehreren Provinz- städten zahlreiche Haussuchungen bei komm»- niftischen Organisationen und Mitgliedern der kommunistischen Partei vorgenommen. Da» Blatt der kommunistischen Jugend „Avant, garde" wurde beschlagnahmt. Die streikenden Untergrundbahnarüeiter haben gestern abend beschlossen, heute früh die Arbeit wieder auf» «»nehmen.

Die englisch-russische Ver­söhnung

London, 26. Juli. Die Unterhaltung zwi- scheu dem englischen Außenminister Henderson und dem bevollmächtigten Vertreter der Sow- jetunion zur Wiederaufnahme der diplomati­schen Beziehungen zwischen beiden Ländern sollen am Monrag beginnen. Beim Empfang einer Abordnung der Vereinigung der In- genieure und Schtfsbauaesellschaften versprach Henderson möglichste Beschleunigung dieser Verhandlungen, ohne sich indessen auf einen Termin festzulegen. Wie der Präsident des Handelsamtes Graham gestern im Unterhaus ankündiate, wird die Regierung im Rahmen des Arbeitslosen-Programms dem beratenden Ausschuß für di« Verwaltung der Experten­kredite die Genehmigung erteilen, vom l. Au­gust an Kreditgesuche für die Förderung der Ausfuhr nach Rußland zu fördern und zu be­willigen.

Steute in Aegypten über den Rücktritt Lord Lloyds.

Kairo, 26. Juli. Der Rücktritt Lord Lloyds als Oberkommissar von Aegypten har m na­tionalistischen Kreisen Aegyptens große Befrie­digung hervyrgerufen. In ihrem Kommentar I bringt die Zeitung „Al Ahram" zum Ausdruck, daß der Rücktritt Lord Lloyds als ein Beweis dafür ausgelegt werden könne, baß die eng- lische Regierung keinen Oberkommiffar in Aegypten wünsche, der das Land in Wirklich­keit regiere. In den weiteren Ausführungen erklärt Vie Zeitung, daß man sich in ägyptischen politischen Kreisen wiederholt gefragt habe, ob der Oberkommissar nur dte Instruktionen sei­ner Regierung ausführe oder ob er seine eigene Politik in Aegypten betreibe. Das Blatt ist überzeugt, daß selbst bei Fonbestand der kon­servativen Regierung Lord Lloyd um Ein­reichung seines Abschiedsgesuches gebeten wor­den «Öre. Zum Schluß kommt die Zeitung zu der Bermutung, daß der Rücktritt Lord Lloyds mit einem Wechsel der englischen Politik zu Aegypten gleichzusetzen sei.

Regierungskonserenz im Haag?

Eigene Drahtmeldung

werden.

PariS, 26. Juli.

London, 26. Juli.

In der Frage des Tagungsortes bet inter­nationalen Konferenz zur Inkraftsetzung des Aoungplams erwartet man in hiesigen poltti- schen Kreisen, oatz die beteiligten Mächte sich nunmehr auf den Haag einigen werden. Die französtsche Regierung hat em Haag zuge­stimmt. Es ist jetzt Sache deS britischen Bot- schafterS in Brüssel, die Z stimmung der belgi- schon Regi-rung zu erlangen.

Man glaubt aber mit Bestimmtheit, dass Belgien nicht die Verantwortung zu einem weiteren Aufschub he# Konferenzbeginns auf sich nehr en wird, und dass c» sich einem Wunsch der Mehrheit fügen werde. Der Haag ist, wie man hier betont, bedeutend näher al» Genf gelegen und besitzt die nötigen technischen Ein- richtungen zur Abhaltung einer so wichtigen Konserenz. Der Kanferenzbeginn dürfte nach allgemeiner Ansicht auf Mitte August gelegt

Botschafter von Hoesch hatte gestern wieder eine längere Unterredung mit Briand. Wie die Morgen presse übereinstimmend berichtet, haben auch diese Besprechungen daz-i 6eigetri- gen, uass nunmehr i i erster Linie der Haag als tagungW kür die RegierungSkonferen, in Frage kommt.

Französischer Versuchsballon

Dreiteilung der Konferenz?

Pari», 26. Juli. Wie aus der Umgebung deS Ouai d'Orsay verlautet, hat der deutsche Botschafter v. Hoesch in feiner Besprechung mit dem Außenminister Briand der französischen These zugestimmt, wonach dir bevorstehende Regierungskonferenz zur Inkraftsetzung des AoungplaneS in drei Teile zerfallen soll, nam- lich in eine diplomatische Konferenz, die die grundsätzlichen Beschlüsse zu fassen hat, m eine mit der Ausarbeitung der Einzelheiten beauf­tragte Sachverständigenkonferen, und schließ­lich in eine Konferenz aller interessierten Re­gierungen, auf der die Ergebnisse der Sachver» ständigettarbeiten gutgeheitze» wurden. Man

gibt in politifchen Kreisen weiter zu verstehen, daß die Möglichkeit einer weiteren Untertei­lung der Konferenz bestehe. (Man wird gut tun, eine deutsche Bestätigung dieser Meldung abzuwarten. Vorläufig möchten wir noch der Ansicht sein, daß es sich dabei um einen fran- zösischen Versuchsballon handelt. D. Red.).

Versteckte Wut

PariS, 26. Juli.

Zum Streit über den Ort der Regiemngs- konserenz schreibt der „Matin": »Für die Wahl deS Haag läßt sich nur eine einzige Erklärung finden, nämlich die. daß Frankreich, das die Gch.^iz vorschlug, nachdem Macdonald mit seinem Vorschlag von London nicht durchdrang, auch nicht siegen dürfte. Wenn man infolge ungenügender technischer Organisation nach acht Tagen in di« Schwei,, umziehen müßte, und wenn die Regierung--- und Pressevertreter große Schwierigkeiten hätten, dann werden ste sich mit dem Gedanken trösten können. Mac­donald die etwa fünf Stunden längere Reise rrspart zu haben, die er am 28. August, wenn sich zur Tagung de» VölkerbundSrate- Be­gibt, doch werde machen muffen.

Druck auf Belgien

London, 26. IM.

Die Geschäftsträger Großbritannien» und Frankreich» in Brüssel haben am Donnerstag bet der belgischen Regierung dringende Vor- Rettungen erhoben, den Haag als Tagungsort der Internationalen Konferenz anzunehmen. Der brigiftie Ministerpräsident erklärte, daß er außerstande sei. sofort eine Antwort zu ertei­len In politischen Kreisen Brufle s glaubt man jedoch allgemein, daß die belgische Re­gierung nunmehr ihre Wünsche zuruckstelle« und den gemeinsamen Forderungen Englands und Frankreichs nachgeben werde, umsomehr, als auch alle übrigen an der Konferenz be­teiligten Mächte den Haag aI8 Tagungsort annehmen würden.

grieltnslltoge aus dem Wen

(Eigener Drahtbericht).

Schanghai, 26. Juli.

Di« Gefahr einet russisch.chinefischen Krise dürste nunmehr als besettigt gelten, da sowohl von russischer als auch von chinesischer Seite bereit» bevollmächtigte Vertreter zur Ausnahme von btrttien Verhandlungen über den Kon- stitt genannt worden find.

«18 Vertreter der chinesischen Regierung wird der chinesische Beauftragte Tschau Schi Nang Nanking heute verlassen, um sich nach Charbin zu begeben, von den chinesischen Be­hörden in Chardin ist dem russischen Vertreter der astchincfischen Eisenbahn die Bewilligung erteilt worden, zweck» Aufnahme der Verhand­lungen in die Mandschurei einzureisen.

*

Pari«, 26. Juli. Der „Chicago Tribüne" wird aus Wukoen gemeldet, man nehme an, daß China bereit sei, wegen der Beschlagnahme der osichinesischen Eisenbahn eine Eniscbuldi- Sing vorzubringen. Auch fei die nationalistische «gierung bereit, die meisten der bet der Sc* icdla anahme verdrängten russischen Beamten wieder in ihre Posten einzusetzen. Die Ran- fingregierung erkenne also den Grundsatz der gemeinsamen Kontrolle der Eisenbahn a».

Rn' -t ngungen

London, 26, Juli. Rach den Verhandlungen des japanischen Außenminister» Baron Schide- hara mit dem russischen Botschafter in Tokio betonte der letztere erneut, daß Rußland an sei­ner Forderung aus Wiederherstellung des früheren Zustande«, in der Mandschurei al- unbedingte Voraussetzung für die Einleitung

von Verhandlungen feftgehalte« habe. Das amerikanische Staatsdepartement wird von Tokio aus über alle Besprechungen mtt den chinesischen und russischen diplomatischen Ver­tretern auf dem Laufenden gehalten.

(Empfang bei Stimfon

Rewyork, 26. Juli.

Staatssekretär Stimfon empfing am Don- nerStag die Botschafter Großbritannien-, Ja­pan-, Frankreichs, Italiens, sowie den deut- schen Gesandtschafisrat Seltner (der deutsche Dorschafter fowohl al« auch Botschaftsrat Kiep sind zurzeit auf Urlaub). Er unterhielt sich mtt ihnen ausführlich über die von ihm an die Außenministerien dieser Länder gerichteten Denkschriften hinüchilich deS Ostasten-Son- fltkteS. Die Denkschriften sind inzwischen bereits abgegangen.

Schmuggelware im DlplomatengepäS

Blagowjeschtschenst. 26. Juli. Jn dem als Archiv des abreisenden chinesischen Konsulats vermerkten Gepäck fanden dl» Zollbehörden Waffen, Geld, Wengegeichände und ander« Schmuggelware, darunter 42 Gewehr«, ver­schiedene Pistolen sonne große Mengen Pa­tronen, ferner fergfältig versteckte ausländi­sche Devisen, amerikanische Dollar, auch zehn Pfund Goldsand, 80 Pfund Silber Und 30000 Gold rubel TU Schmuggelware wurde kon­fisziert.

Der Geist der Abrüstung

Von

Rt Hon. Arthur Henderson

(Britischem Außenminister)

Die naÄfoIaenbeit Ausführungen des neuen englischen Autzenuiin-sters verdienen tat Hin­blick auf die von Macdonald verkündeten Pläne zur Rüstungsbeschränkung besondere Beachtung. Wir haben den Artikel um einige parteipolitisch gefärbte Stellen gekürzt.

Wenn wir das Abrüstungsproblem unter­suchen. können wir noch die Wirkungen des Chaos der Kriegszeil feststellen. Für uns Ver­treter der Arbeiterpartei war die Aechtung des Krieges von jeher nnzweiselhaft eine Vorbe­dingung für die Entfaltung jeglicher Tätigkeit Daher empfanden wir lebhafte Freude, als die Regierungen sich ihrerseits zu dieser Idee bekannten und um allgemeine Zustimmung für die Parole: ,Jn Acht und Bann mit dem Krieg!" warben.

Wir sind uns jedoch darüber im kla­ren, dass wir es augenblicklich nur mit einer grossartigen Erklärung zu tun ha­ben, während andererseits 6te Rüstun- Sn auf einer beunruhigenden Höhe ae- lten werden und fremde Truppen in­nerhalb der deutschen Grenzen stehen.

Aber als bloßes Gesinnungsbekenntnis be­deutet die Aechtung des Krieges eint wichtige Etappe, die gewaltige Folgen zeitigen kann. Wir wissen indes genau, daß die Aufgabe, tzie unser harrt, ungeheuer groß uns schwer zu lösen ist.

Die öffentliche Meinung hat überall einen Vorsprung vor den Regierungen. Denn sobald man den Völkern der Welt die Politik des allgemeinen Schiedsverfahrens, der Sicher­heit und der Abrüstung, der Beseitigung aller Kriege und der Notwendigkeit einer friedli­chen Beilegung internationaler Streitigkeiten unterbreitet har, sobald ihnen diese Politik als eine politische Wirklichkeit geboten wird, di« sie erhalten können, wenn sie nur wol­len, ist es nicht mehr möglich, die Forderung nach dieser Politik zu unterdrücken oder zu übersehen. Die reaktionären Kräfte haben ihr Möglichste» getan, um alle diesbezügli­chen Probleme zu untergraben oder zu um­gehen. Ihre Anstrengungen schlugen fehl. Und auch die Welt hat Las Projekt Kelloggs, dem Krieg als Instrument nationaler Politik zu entsagen, angenommen. Dieses Projekt verwirklicht außerdem einen anderen Punkt unseres Programms, indem er ein .Loch" -m Pakt verstopft, jeden Angriffskrieg als in* ternationales Verbrechen brandmarkt und die internationalen Beziehungen von der unbe­aufsichtigten Anwendung der Gewalt bewahrt

Wir alle wissen, daß viel mehr hätte getan werden können und müssen. Wenn alle Re­gierungen ernstlich gewünscht hätten, den Krieg ,u beseitigen, wäre die Fakultativklausel des Ständigen Gerichtshofes schon lange von allen angenommen worden. Schiedsverträge, die keinerlei Konslitt ausnehmen, wären un­terzeichnet worden, und zwar nicht eiwa bi­laterale Verträge, sondern solche, die von allen Nationen der Welt ratifiziert werden können. In erster Linie aber wären auf dem Gebiet der Abrüstung größere Fortschritte erzielt worden. Die Zeit der platonischen Beschlüsse, der unfruchtbaren Wünsche ist vorbei.

ES muß gehandelt werden. Das Datum der Abrüstungskonferenz wird bestimmt werden müssen, damit alle Vorbereitungen für eine ersprießliche Arbeit getroffen werden können. Wenn die Konferenz schliesslich zusammentrttt, muss der Rat. meiner Ansicht nach, be­auftragt werden, die vorbcreitendc Kom­mission für einen bestimmten Zeitpunkt einzuberufeu und ihr eine Frist zur Fertigstellung des Entwurfes des Ab­rüstungsvertrages, den ste ausarbeitet, sestzufetzen.

Die» ist da» minimalste Ausmaß deS Ak­tionsprogramms, das jedes Land zum Be- wei« seines guten Willens sofort verwirkli­chen muß, widrigenfalls eS die schwere Ver­antwortung für ein etwaiges Mißlingen zu tragen hätte, das bedeutend verhängnisvoller wäre all jene« der Genfer Seekonferenz. Wird' nämlich diese wesentliche Frage nochmals ver­schoben. so steht die ganze Zukunft des Völ­kerbundes aus dem Spiel. Er ist in seiner Entwicklung an einen Wendepunkt gelangt und seine Zukunft hängt von der Klugheit oder der Torheit der Entschließungen ab, zu denen man jetzt gelangen wird. Die Völker sind bet Gemetzel und de« Elends der Per- zangenheil müde.