Meier Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Kasseler Abendzeitung
Dienstag, 23. Iutt 1929
Die Vorpost
Der To- in -en Wellen
Der Reichsarbeitsminister hat die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung beauftragt, durch die Präsidenten der Landesarbeitsämter auf eine zweckmäßige Verteilung der öffentlichen Aufträge im Sinne des Ausgleichs der Konjunktur- und Saisonschwankungen hinzuwtrken.
Als frühester Termin einer Steuerfenkungs- altion wird der 1. April 1930 genannt.
Auch in den finanzpalitischen Kreisen des Reichstags ist man sich darüber klar, daß eine Steuersenkung nur dann erfolgen kann, wenn eine Summe zur Verfügung steht, die mindestens 400—500 Millionen beträgt. Die Erspar- nifle des Uoung-Planes bringen diese Summen aber nicht auf, da durch Reichsbahn, Industrie-Obligationen und durch das Defizit des Haushaltsplanes diese Summe so vermindert werden wird, daß neue Einnahmequellen gesucht werden muffen.
Postsäcke aus den bereit gehaltenen Postkraftwagen geladen wurden, der sodann mit einer Eskorte von Polizisten auf Motorrädern nach oem Newyorker Hauptpostamt fuhr. Postbeamte versicherten, daß die für Rewyork bestimmte Post innerhalb weniger Stunden in die Hände der Adressaten gelangen werde
Chicago, 23. Juli.
Aus dem Michigansee stieße« gestern abend in der Dunkelheit drei Boote zusammen. 19 Personen sind ertrunken.
©trefemann vertritt Mütter
Berlin, 23. Juli. Infolge seiner Erkrankung Wild Reichskanzler Müller an der geplan
Berlin, 23. Juli.
Die Vorbereitungen des Haushaltsplanes für das nächste Jahr im Schoß der Ministerien haben bereits begonnen. Die für dieses Jahr unter Umständen ersparten 400 Millionen Dawes-Zahlungen werden voraussichtlich in erster Linie dazu Verwendung finden müffen. um die Kassenlage des Reiches zu bestem. Weiterhin wird mit dieser Summe das voraussichtliche Defizit des laufenden Haushaltsplanes beseitigt werden muffen
Dieses Defizit wird von Finanzkennern auf 250 Millionen geschätzt.
Es bleibt alsdann zu überlegen, in welcher Weise das Defizit des vorjährigen Haushaltsplanes, das sich auf 154 Millionen beläuft, beseitigt wird.
Mehreinnahmen sind nur durch die erhöhten Zölle zu erwarten. Diese Summe ist aber gering. Sie wird in diesem Jahre auf etwa 25 Millionen Mark geschätzt. Daß mit erheblichen Mindereinnahmen zu rechnen ist, zeigt die letzte veröffentlichte Uebersicht über die Reichseinnahmen im Juni 1929. Insgesamt zeigen diese Zahlen, daß selbst bei sparsamster Finanzwirtschaft mit den 400 Millionen Ersparnissen in diesem Jahr die geplante Steuersenkung wohl kaum durchzuführen sein wird.
Heidelberg, 23. Juli. Der Reichskanzler verbrachte eine ruhige Nacht. Der Zustand des Patienten wird von den Aerzten weiter als leidlich gut bezeichnet.
polnische Hetze
Warschau, 23. Juli.
Im Zusammenhang mit dem heute beginnenden Prozeß gegen den Abgeordneten Ulitz in Kattowitz meldet „Erpreß Poranny", daß außer Desernons-BeihiljV zur Fahnenflucht, die hauptsächlich Ulitz zur Last gelegt wird, gleichzeitig auch der Volksbund angeklagt wird, die polnische Bevölkerung in Oberschlesten durch ein Kormptions und Bestechungssystem entmoralifiert (!!?) zu haben. Der Volksbund habe sich in Oberschlesten eine Rolle angemaßt, die der einer zweiten Botschaft gleichkomme (Wo ist die erste Botschaft? D. Red.) und die in allen Fragen der Minderheiten des täg- lichen Lebens, sowie au chin der Regelung der Beziehungen der Staatsbürger polnischer Nationalität zum deutschen Reich und anderes mehr entscheidenden Einfluß bewiesen habe.
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Volitifche Groteske
Neue Schwierigkeiten in der Konferenzfrage.
Paris, 23. Juli. Der Streit um den Tagungsort der Regierungskonferenz für die Inkraftsetzung des Aoungplanes beginnt allmählich groteske Formen anzunehmen. So schreibt heute das „Oeuvre": Der neue Plan, die Konferenz nach Belgien einzuberufen, scheint am Widerstand der Deutschen gescheitert zu sein. Deutschland scheint dem Haag vor Brüssel den Vorzug geben zu wollen. Sollte diese Meldung zutressen, so sei mit einem Widerstand der Belgier zu rechnen, die mit den Holländern wegen der noch ungeklärten Scheldefrage nicht auf bestem Fuße lebten.
Londoner Meldungen schließlich besagen, daß die englische Regierung nach der Ablehnung einer belgischen Stadt durch die Deutschen, wieder zu ihrem ursprünglichen Plan, die Konferenz nach London einzuberufen, zurückkommen, oder daß sie nunmehr für ein Seebad an der französischen Kanalküste eintreten. Auch Baden Baden werde wieder genannt. Der „Excelsior" spricht nunmehr auch von Luxemburg.
Auch über das Datum des Konferenzbeginns herrsche von neuem Ungewißheit. Rach Londoner Meldungen soll es feststehen, daß die Konferenz nicht am 5. oder 6. August beginnen könne.
Das Heinkel-Postflugzeug des Schnelldampfers „ißremen* war bereits um 18 Uhr 35 Minuten In Slewyork eingetroffen. Es kreiste vor seiner Landung fiinf Minuten lang über dem Pier des Norddeutschen Lloyd in Brooklyn und ging sodann auf daS Wasser nieder, worauf sechs große und zwei kleine
Die Saffel« NeueSe« Nachrichten erscheine» wSchenttr» kdifm«! naeänttttaafc Der Abo». uementsoreiS beträgt fütTeu iJtonat 2.30 X bei freier Zustellung ins HauS. m der Ge- schäfrostelle abaeholt 2.10 X. Durch die Post monatlich 2.30 X auslchlietzltch Zuktelluussge. budr. Rückzahlung des BezuaSgeldeS oder «usvrüche wegen ctwalgei nicht ordnunas- mäßiger Lieferung ist ausgeschloffe». Sür «»verlangt etngeiandte Beiträge kann 6«
ten großen Konferenz zur Inkraftsetzung des Aoungplanes nicht teilnehrnen können. Die deutsche Abordnung wird somit lediglich nur aus den Reichsministern ©trefemann, Hilfer- ding, Curtius und Wirth bestehen. Da Dr. ©trefemann der älteste unter diesen Ministern ist, dürfte er an Stelle des Reichskanzlers die Leitung der deutschen Abordnung übernehmen.
Die Erörterung des Aoung-Planes und des Problems der interalliierten Verschuldung in den beteiligten Ländern, die ersten Amtshandlungen der neuen englischen Regierung, zuletzt die lebhaften Debatten in der französischen Kammer über die Gebundenheit gegenüber dem amerikanischen Gläubiger und Wohl überhaupt das tatsächliche Heraufkommen einer neuen Epoche der Nachkriegspolitik, haben es mit sich gebracht, daß in der parlamentarischen Sommerpause die Außenpolitik Trumpf ist und von ihr besonders viel geredet wird. In Deutschland hat sich dabei eine große weitverzweigte Organisation zur Bekämpfung des Aoung-Planes gebildet. Sie kritisiert die Ergebnisse der ganzen bisherigen deutschen Außenpolitik aufs Heftigste, will nichts darin anerkennen und vermag trotzdem keinen positiven Vor? schlag zu machen, wie denn ohne mühsames Ringen mit Frankreich und England um die Wiedererlangung deutscher Souveränität irgendeine deutsche Außenpolitik betrieben werden könnte.
In diese Situation hinein hat der viel- gewanote französische Außenminister Br fand feinen Vorschlag lanciert, noch in diesem Jahre nach Erledigung der Doungplan-Konferenz einen europäischen Kongreß einzuberufen, der die ersten Schritte zur organisatorischen Vereinigung sämtlicher europäischer Staaten beschließen soll. Noch ist es selbstverständlich zu früh, auf Grund vager und allgemeiner Formulierungen deutscherseits eine bestimmte Stellung zu der uns aus der internationalen Diskussion längst bekannten nub anscheinend amtlich in Paris vertretenen „Paneuropathese" zu nehmen. Wir werden aber immerhin mit einigem Nutzen schon jetzt grundsätzlich die allgemeine Frage aufwerfen können, welches eigentlich in der Gegenwart die hauptsächlichsten Kraftquellen und Tendenzen sind,
Newyork, 23. Juli.
Der neue Schnelldampfer „Bremen" hat Montag nachmittag nm 3 Uhr 2 Minuten New- yorker Sommerzeit (20,02 Uhr nach Berliner Zeit) daS Leuchtschiff iuiAmbrose-Kanal passiert. Die Fahrzeit der „Bremen" von Cherbourg nach Newyork betrug vier Tage, 18 Stunden, 17 MinÜten, wodurch die bisherige Rekordzeit des Cunard-Dampfers „Mauretania" um 8 Stunden und 17 Minute« unterboten wird.
Rach einem Funtspruch von Bord der „Bremen" hat der Dampfer von gestern mittag bis heute mittag mit einer Durchschnittsgeschwi^dig- keit von 29,5 Stundenknoten 713 Knoten zurück- gelegt. Auch diese Leistung stellt einen neuen Rekord dar. Die durchschnittliche Stundenge- schwindigkeit auf der ganzen Reise betrug 27,83 Knoten.
Die „Bremen" erreichte den Lloyd-Pier in Brooklyn gegen 18 Uhr. Das Eindocken erfolgte aufs glatteste. Riesige Menschenmengen umsäumten die Uferstraßen von Brooklyn und Staaten Island. Zahlreiche Schleppdampfer mit Photographen und Preffevertretern sowie eine Anzahl Flugzeuge waren der „Bremen" weit über die Quarantäne-Station entgegengefahren. Bei der Ankunft in der Quarantänestation war die „Bremen" von dem städtischen Schleppdampfer „Macon" begrüßt worden, auf dem sich das städtische Empfangs- komitee unter Führung des Polizeidirektors Grover A. Rhalen befand. Der „Macon" begleitete dann die „Bremen" ans Dock, während die zahlreichen im Hafen liegenden Fahrzeuge, Fähren und Schlepper, die „Bremen" mit lau- tem Sirenengeheul begrüßten.
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die auf die deutsche Politik von außen her ein- wirken. , , „ . r
Ein Gebiet können wir ganz kurz behandeln und — leider! — ausschalten: bett O ft e n. So richtig unb schicksalsschwer die These fit, daß hier unb nirgenbwo anbers bie deutsche Zukunft liegt und entschieden werden wird, so sehr zwingen Wahrheit und Klarheit zu dem Ergeb- nis, daß für das Heute unb bie Gegenwart von Osten her sich nichts regt, woraus Deutschland in seinem Ringen um die Wiederherstellung eines freien und selbständigen Staats- und Wirtschaftskörpers Kräfte schöpfen könnte. Nach Osten zu muß Deutschland zu- nächst einmal seinen gefährdeten Besitz halten. Darüber hinaus muß es vor bereit en, und soweit möglich geben — zu nutzen und zu nehmen vermag es nicht!
So bleiben für die Gegenwart tm wesent- lichen zwei andere Tendenzen übrig, die dem Gesamtkomplex deutscher Außenpolitik deutlich ihre Züge aufprägen: Die eine Tendenz ist die Auseinandersetzung mit alledem, was vornehmlich unter Frankreichs Führung sich unter Formel und Begriff „Europa" kristalllnert bat. Die zweite Tendenz kommt von jemU des Atlantischen Ozeans und bedeutet bie Wechselwirkung zwischenWeltfinanz-Welterwirtschaft unb deutschem Wiederaufbau. Und hieriit et= die Stimme der stärksten und reichsten Weltmacht am lautesten, diejenige Amerikas.
Wer wollte es leugnen, bie die europäischen Staaten und Volkswirtschaften nach der Verarmung durch Weltkrieg unb französische Gewalt- unb Rüstungspolitik in besonderem Matze aufeinander angewiesen sind? In dieser Gebundenheit und Verbundenheit liegt aber keineswegs grundsätzlich etwas Neues. In der Glanzzeit des alten Deutschland haben ein Bismarck und ein Bülow ganz selbstverständlich „europäische" Politik getrieben, weil damals „europäische" Politik getrieben, weil damals die politische, militärische unb wirtschaftliche Macht Amerikas für nur von sekunbärer Bedeutung war. Der Weltkrieg hat in der Bedeutung des Faktors Amerika einen grundlegenden Wandel herbei- gesührt. Aber wenn nun seit einigen Jahren „Europa" und „Paneuropa mit geschickter Agitation und Regie neu entdeckt worden sind, so ist es eigentlich eine Ironie des Schicksals, daß Graf Coudenhove, der Trompeter von „Paneuropa", im Jahre 1923 seine Propaganda auf dem Kampf gegen den Bolschewismus andante, während heute Herr Briand fein Ideal des von Frankreich beherrschten und endgültig befriedeten Europas in erster Linie auf die Verteidigung gegenüber dem mächtigen amerikanischen Finanzdruck zu verwirklichen sich bemüht.
Hat Deutschland wirklich ein Interesse an der Gestaltung dieses Briand'schen Ideals? Bestechend wirkt es, so scheint es, für viele das Argument des weiten bereinigten zollfreien europäischen Marktes und gegenüber den unendlichen Schwierigkeiten, die wir im deutsch- französischen Handelsvertrag unb bet ben nun jahrelang anhaltenden Verhandlungen mit Polen unb anderen Länder angetroffen haben, müßte man in der Tat ja von allen guten Geistern verlassen sein, wenn man nicht einer Handelspolitik das Wort reden wollte, die irgend einen Ausweg aus dem immer noch andauernden Prozeß der Erhöhung der Zollmauern aufzeigen würde. Aber genügt es nicht schon, das eine Wort „deutsche Landwirtschaft" auszusprechen, um auf unserer Seile die größte Vorsicht anzuraten? Und gibt es wirklich Volksgenossen, die so töricht sind, daß sie glauben können, die europäischen ©iegermächte würden sich auf eine solche handelspolitische Neuregelung einlaffen, bie ausgerechnet bem besiegten Deutschlanb Sondervorteile brächte? Sehen wir nicht, daß sich politische und militärische Macht heute an allen Ecken und Kanten wirtschaftliche auswirkt?
Der höchst realistische Schacher in den vergangenen Pariser Verhandlungen als Vorbereitungsepoche zur politischen Liquidations- Konferenz des nächsten Monats sind nach meiner Auffassuna wirklich nicht dazu angetan, um einer Wiederholung von Illusionen, wie sie leider im Herbst 1925 durch falsche Locarno- propaganda ausgestreut wurden, freie Bahn zu machen. Gerade well ich selbst in all diesen Jahren trotz Täuschungen seitens der Gegner
Zwei Tendenzen... ein 58eg
Von Staatssekretär Frhr. v. Rheinbaben (M. d. R.)
Die Finanznöte des Reiches
Das Defizit des jetzigen Haushaltsplanes Wied auf 250 Millionen geschätzt
Das Blaue Band
Durch die erste Fahrt des Schnelldampfers .Bremen" ist der Kampf um bas Blaue Band des Ozeans erneut in ben Vordergrund gerückt. Die Strecke, bie am schnellsten durchfahrenwerden muß, um das blaue Band zu erringen, umfaßt die Linie Cherbourg bis Ain- brose-Lenchtturm kurz vor Newyork. Die bisherigen Rekordinhaber des Blauen waren folgende: Von 1884 bis 1891 hielten das blaue Band bie erste Schnellbampferklasse des Nord- beutschen Llohb, „Aller", „Trave", „Saale" mit einer Geschwindigkeit von 17 Seemeilen in Hänben. Daraus holte sich ben Rekord der Dampfer „Fürst Bismarck" von der Hapag, der ihn von 1891 bis 1893 mit 20 Seemeilen innehalte. Hierauf folgte der Dampfer. „Lu- cania" von der Etmard-Linie mit 22 Seemeilen für bie Jghre 1893—97. Sodann ging das blaue Band wieder üt Besitz des Norddeutschen Lloyd mit seiner Schnelldampferklaffe „Kaiser Wilhelm der Große" über unb zwar mit 23 Seemeilen von 1897—1900. Von 1900 bis 1902 hatte ben Rekord mit 23p Seemeilen die Deutschland" her Hapag, hierauf folgte wieder ein Dampfer des Norddeutschen Llovd, nämlich „Kaiser Wilhelm II." mit 23,6 Seemeilen von 1902—09, worauf bann bie „Mau- retania" ber Cunard-Linie mit 26,07 Seemeile« ben Rekord bis jetzt halten konnrr.
Steuersenkung nicht vor 1. April 1930 (Eigener Drahtberich t>.
Her Triumph der „Bremen
Eigene Drahtmeldung