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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

Nummer 170 Einzelpreis: Wochentags 10 Psrnntg.

Montag, 22. Z«tt 1929

Ein^lprejs: Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

Brüssel rüstet zur Konferenz

Sie Einigung über den Tagungsort endgültig? / Die pariser presse zur Kammerabstimmung

im»

runi

Radi

der Reichseinnahmcn

bei der die radikale Fraktion gegen die Regte» !g gestimmt hat, seinen Austritt aus der sikalen Partei erklärt. Lamoureux, der

nur auf sehr schwachen Füßen stehen.

Interessant ist, daß Gilbert von einer „frappanten Zunahme der Reichseinnahmen trotz der Erwerbslosigkeit und der labilen Zu« stände im Wirtschaftsleben Deutschlands" spricht. Die Schlüsse, die er zieht, sind zwar schmeichelhaft für uns, doch hallen wir seine Folgerungen nicht für logisch. Gilbert glaubt ieraus aus daS Wachstum des Einkommens, der Kaufkraft und des besteuerungsfähigen Volksvermögens in Deutschland schließen zu können. Es kann nicht abgestritten werden, daß die Wirtschaftslage Deutschlands zur Zeit nid>t direkt ungünstig ist, andererseits aber lassen die erhöhten Anforderungen, besonders auch in steuerlicher Hinsicht, und die kommen­den Auswirkungen de» fast schrankenlos aus­tretenden Expressionismus der anderen Staa­ten keine günstigen Perspektiven zu. Durchaus richtig sind dagegen seine Ansichten über die ungesunde Verteilung der Reichseinnahmen auf di« Länder und Gemeinden. Er sagt, daß das Gleichgewicht des Haushalt» hauptsächlich durch schrankenlose Ueberweisung der Reichs­einnahmen an di« Lander und Kommunen einer hemmungslosen Finanzpolitik die Wege geebnet habe, ohne daß auf der anderen Seite eine Ermäßigung der Realsteuern, obwohl di«

am Sonntag nachmittag 5 Uhr durch Gehen rat (Enteilen vorgenommen wurde. Bel der Operation zeigte sich an der Gallenblase eine Durchbruchsstelle in die Bauchhöhle. Dl« Ope­ration nahm einen normalen Verlauf

Der Kanzler verbrachte em« angesichts 0«r schweren Operation befriedigende Rächt. Der Zustand des Patienten ist nach wie vor ernst.

Deutsche Studenten gegen -en youngplan

Hannover, 22. Juli.

Im Kuppelsaal der Hannoverschen Stadt- Halle wurde Sonntag vormittag die Festsitzung anläßlich des 12. Deutschen Stutententages ab- gehalten. Das nächste Hauptziel, so führte der Vorsitzende der Studentenschaft aus, fei die Ausmerzung der Zerrissenheit in den eigenen Reihen, die Aufrichtung von Gemeinschaft und Kameradschaft, um damit zugleich dem höheren Ziel der Einbeziehung der Hochschulen des ganzen deutschen Sprachgebietes in eine groß- deutsche Gemeinschaft näher zu kommen. Den Festvortrag hielt Dr. Kolbe-Berlin vom Deut- schen Schutzbund über das Thema „Probleme deutscher Volkspolitik."

In der Eröffnungssitzung am Sonnabend war eine Entschließung angenommen worden, die sich gegen den Aoungplan wendet und mit dem'Satze schließt: Mag die Universität deut­scher Männer unserem Volk neue Ketten auf­erlegen — die Welt soll es hören: »Die deut- schen Fugend bleibt frei!"

Aewyoek in Spannung

Wird die „Bremen" das blaue Band gewinnen?

Newyork, 22- Juli. Die gesamte amerika- nische Presse, an der Spitze die Newyorker Blätter, veröffentlichen, in Erwartung des deutschen Ozeanriesen spaltenlange Berichte über die Fahrt. Man erwartet, daß di« „Bre­men" in vier Tagen neunzehn Stunden und dreißig iDlinuten Newyork erreichen wird, und daß das „Blaue Band der Meere" für die „Bremen" gleich bei ihrer ersten Ozeanfahrt gesichert zu sein scheint.

Für Amerika bedeutet die Einfahrt dieses modernsten Schiffes der Technik eine Sensaton. Newvork hat daraufhin auch einen großen Empfang geplant. Ein Schlepper soll das Heinkel-Wafferflugzeug, daS vorauSfliegt, ein» holen. Der Empfangsausschuß der Stadt Newyork fährt zur Quarantäne aus Ellis Is­land, um von dort aus die „Bremen" bis zum Stadt-Ouai zu bringen.

Am Sonntag legte die „Bremen" 705 Mei­len, da» sind 28.2 Knoten in der Stunde zurück. Die Ankunft des Dampfers dürfte an der Quarantänestation um 5,30 Uhr amerika­nischer Zeit (11,30 Uhr deutscher Zeit) erfolgen.

Gilberts Kritik

Bon Kurt Paul.

Der Bericht GÄbertS, wahrscheinlich der letzte offizielle in seiner Eigenschaft als Repa­rationsagent liegt nunmehr vor. Er umfaßt die Zeit vom 1. September 1928 bs zum 31. 9)tat 1929 und trägt das Datum vom 1. Juli 1929. Um eS gleich vorweg zu sagen, brr Bericht enttäuscht nicht, soweit man ihm die früheren Berichte gegenüberstellt. Er „ent- "täuscht" lediglich durch das Fehlen jener Sensationen, die seit langem durch dl« auslän­dische, speziell durch die französische Presse, ongelündigt worden waren. Die Aussührun- gen Gilberts sind erfteulicherweise sachlich ge­halten, er hält sich frei von gewagten Per­spektiven, die Materie wird rein sachlich bar» gestellt.

Die Schrift umfaßt 188 Seiten. In ter Einleitung wird kurz, rein redaktionell, das Gesamtbild der deutschen Wirtschaft gestreift. Jnieresfant ist diesmal das Begleitschreiben an die Reparations-Kommission, in dem fest- gestellt Wirb, daß Deutschland „loyal und pünktlich" seine Zahlungen erfüllt habe. Be­kanntlich mutz Deutschland 1929/30 zum ersten Mal die Normal-Annuität in Höhe von 2% Milliarden zahlen. Für die Berichtszeit von 9 Monaten, also bis zum 31. Mai, standen 1990,1 Millionen Mark der Repara- tionÄommission zur Verfügung. Davon wur­den 701,7 Millionen in Reichsmark, hauptsäch­lich für Sachleistungen, überweisen, und 977Z Millionen in ausländischer Währung. Es verblieb demnach ein Rest von rund 310 Mil­lionen, für den zunächst die entsprechende Ver­wendung sehlte Durch diese Tatsache wird wiederum festgestellt, daß die Darüberweisung abhängig ist von der internationalen Geld­lage. Der restierende Betrag wurde aus der deutschen Wirtschaft herausgezogen» ohne daß andererseits die entsprechende Verwendung vorlag! Die Bedenken, die die deutsche Sach- vekständigen-Kommission schon bei den Ver­handlungen in Paris hinsichtlich ter Bar­überweisungen geäußert hatte, sind also durch­aus berechttgt gewesen.

Während die Ausführungen aus dem Ge­biete der Geldüberweisung mehr vom techni­schen Standpunkt aus zu werten sind, müssen seine Ansichten über den Reichshaushalt Hö­her gewertet werten. Daß das Bild ter deut­schen Finanzwirtschaft nicht besonders schmei­chelhaft ausfällt, darf nicht überraschen. An­dererseits aber vermißt man direkte Reform­vorschläge, die er, ohne sich dabei in über­heblichen Ansichten verlieren ;u müssen, durch­aus hatte geben können. Gilbert vermißt oie seit langem angekündgte Finanzreform. Diese Finanzreform vermißt auch die gesamte deutsche Wirtschaft. Ob allerdings einer sol­chen Flnanzresorm mit Hilserding alS Vater ein besonders glückliches Zeitalter beschieden ist, wollen wir dahingestellt fein lassen. Die Kassenschwierigkeiten des Reichs sind beson­ders durch die außerordentlich Hohe Belastung ter ArbtSlosenversichcrung mit hervorgerusen Worten. Wenn e» nicht gelingt, diese fast ins Uferlose wachsenden Verpflichtungen auf ein für die Wirtschaft erträgliches Maß zu redu­zieren, so würde auch die neue Finanzreform

Schwere

Erkrankung -es Ranzlers

Heidelberg, 22. Juli. Au» Heidelberg wird von autorisierter Seite mitgeteUt: Reichskanz­ler Müller ist in Bad Mergentheim, wo er zur Kur weilt«, plötzlich an einer schweren eitrigen Gallenblasenentzündung erkrankt.

Sonnabend wurden durch den dort behan­delnden Arzt Dr. H. Haug die Geheimräte (En­tertet und von Krehl aus Heidelberg und Prof. Hermann Zander aus Berlin am da» Krankenlager gerufen. Die Aerzte haben dem Kanzler die sofortige Operation empfohlen, die

schon widerholt bei Kabinettsneubildungen als Minister in Aussicht genommen war, scheint sich mit diesem Schritt die Möglichkeit offen halten zu wollen, bei der Umbildung des Ka­binetts, die vielfach nach Abschluß der Schul­dendebatte erwartet wird, in die Regierung einzutreten.

Melancholie iit Paris

Paris, 22. Juli. Die Pariser Morgen» »resse kommentiert die Annahme der Ratifi­zierung-Gesetze durch äie Kammer recht melan­cholisch. Das „Echc de Paris" stellt fest, di« Regierung werte aus den Kammer-Beratun­gen ernstlich geschwächt hervorgehen. Die Mehrheit sei ausernantergebrochen, und die geduldigen und langen Bemühungen zur Bil­dung einer großen nationalen Partei seien in dem unbeschreiblichen Wirrwar verloren ge- uanae,'

Die „soidoreä" meint, Pvincar« und Bri- aiib würden die Ergebenheit und die Treue ihrer gewohnten Dtehrheit, ter nationalen Union, kaum erhalten, wenn sie die vorzeitig« Rheinlandräumung nicht mit Bürgschaften und Vorsichtsmaßnahmen(!) umgeben, die die neue bittere Pille schmackhaft machten.

Die Linkspresse bedauert die geringe Mehr­heit. Die radikalsozialistische „Volonte" schreibt: Die öffentliche Meinung in Frankreich befreit sich allmählich von der Nachkrtegs- Psychbs«. Die Reue PoincarSS bildet für die Männer der Linken bett schönsten Triumph Der sozialistische „Populaire" schreibt von einer politischen Krise. Acht Stimmen Mehr- I)«t bei Stellung der Vertrauensfrage seien nicht viel.

London, 22. Juli.

Rach hier vorliegenden Meldungen sind alle bisherigen Behauptungen von Zusammen­stößen übertrieben und auch die anhaltenden Nachrichten über die Truppenzusammenziehun­gen sind mit Vorsicht aufzunehmen. Von chinesischer und japanischer Seite wird ein­wandfrei bestätigt, daß sich militärisch noch nichts ereignet habe, was zur Beunruhigung Anlaß geben könnte. Man glaubt, daß mit Rücksicht auf die finanziellen und innerpoliti­schen Schwierigkeiten sich für die Sowjetregie­rung ebenso wie für China «in kriegerische» Unternehmen verbiete. Die Ereignisse müssen al» gegenseitige Einschüchterung»versuche be­trachtet werden.

Eine Reuter-Meldung Weitz freilich folgen­de» zu berichten: General Tschanghsüliang habe am Sonntagmorgen um 8 Uhr entlang de» Suifenho-Flusse» an der Grenze der östlichen Mandschurei ein Treffen gegen die Russen ein­geleitet. Die russischen Truppen wären mit Giftgas und 32 Feldgeschützen ausgerüstet ge- wesen. Eine Bestätigung für diese Meldung liegt aber, wie schon au» den eingang» ge­machten Ausführungen hervorgeht, nicht vor. Die Meldung steht auch in erheblichem Gegen­satz zu anderen Mitteilungen auf Charbin, die gleichzeitig berichten, daß die russische« Streit­kräfte in den Grenzabschnitten zusammenge- zogen worden seien und gegenwärtig eine Ver­teidigungslinie bei Tsitsikar vorbereiten, wo

London, 22. Juli.

Als wahrscheinlichster Tagungsort der be­vorstehenden Regierungskonferenz für die In- kraftsetzung des Aoungplanes wird in den hie­sigen politschen Kreisen allgemein Brüssel an­gesehen.

Nach Meldungen aus Brüssel, sollten in den dortigen Hotels bereits Vorbereitungen für die Unterbringung der Delegierten zur Repara- tionskonferenz getroffen werden. Im Senate- gebaute, das für die Sitzungen der Konferenz, benutzt werden solle, habe schon ein große» Reinemachen begonnen. In Brüsseler Siegle- rungskreisen zeige man sich befriedigt, daß die belgische Hauptstadt zum Sitz de» inter­nationalen Zahlungswerkes bestimmt werde.

Wie der diplomatische Korrespondent de» „Daily Telegraph" mitzuteilen weiß, widersetzt sich die englische Regierung mit aller Entschie­denheit einer Verschiebung ter Reparations- konferenz bis zum Oktober und besteht auf der Innehaltung des auf den 6. August festgesetzten Konferenzbeginns.

Lnllnösche 5«iänöUer

England mahnt zvr Eile

(Eigener Drahtbericht).

etwa 60 000 Mann eingesetzt werden sollen. Sie Russen sollen vor allem reichlich mit Flug­zeugen versehen sein.

Uellogg lehnt Schie-srichteramt ab

Washington, 22. Juli.

Der britisch« Botschafter überaab Staat», sekretär Stimson eine Note, in ter Staats­sekretär Henderson zu dem amerikanischen Ein­greifen in den russisch-chinesischen Konslikt seine volle Billigung ausspricht und seine volle Mitarbeit zusagt. Eine Antwort ist au» Nan­king bisher nicht eingetroffen.

Der frühere Staatssekretär Kellogg, der hier eintras und eine mehrstündige Unter­redung mit Stimson hatte, dementierte die Ge­rüchte, datz er das Amt einet Schiedsrichtert im chinesisch-russischen Konflikt übernehmen werde. Kellogg ervärt«, ersten» käme er für diese» Amt nicht itt Frage und zweitens sei die Zeit für die Erörterungen von Einzel­heiten des Schiedsverfahren- noch nicht ge­kommen. Zunächst gelte es, beide Länder von dem Beginn feindlicher Handlungen abzuhal- tett, und er hoff«, daß der Kelloggpakt, obwohl er noch nicht in Kraft getreten sei, auch die moralische Wirkung haben werde. Er begrütze deshalb Sttmsons Ermahnung an di» beiden Regierungen aufs wärmste.

Einschüchterungs-Versuche

E i g e n e- o P r a h t b e r i ch t.

Paris, 22. Juli.

Der „Newyorker Herald" meldet als ein­ziges Morgenblatt: Außenminister Briand habe gestern bei dem Generalsekretär des Völ­kerbundes Sir Erich Drummond telefonisch an- gesragt, ob eine Verschiebung der Völkerbunds­sitzung, die am 1. September beginnen sollte, bis zum Oktober möglich sei, damit die Regie- rungskonferenz vorher ihre Arbeiten beenden könne.

Frankreich ratifiziert

Paris, 22. Juli.

Die Kammer hat in ihrer Nachtsttzung, die bis in die frühen Morgenstunden des Sonn­tags hinein dauerte, den Präfidenten der Re- publik zur Ratisizierung der Schuldenabkom- men mit den Bereinigten Staaten und Eng­land ermächtigt.

Das französisch - amerikanische Abkommen wurde mit 300 : 292 Stimmen, also mit nur 8 Stimmen Mehrheit, das französtsch-englische Abkommen mit Handaufheben angenommen. Vorher hatte daS Haus mit 282 : 274 Stimmen, also ebenfalls mit nur 8 Stimmen Mehrheit einen Antrag des Linksrepublikaners Heraus gebilligt, der den Zusammenhang zwischen den deutschen Reparationszahlungen und den Zah­lungen Frankreichs an fein« Alliierten Gläu­biger herstellt. Bei sämtlichen Abstimmungen stellte Außenminister Briand im Namen der Re­gierung die Vertrauensfrage.

Die Absicht der Regierung, die starke Oppo­sition gegen die Ratifizierung der Schulden­abkommen durch fortgesetzte Interpellationen zu zermürben, hat somit ihre Früchte getragen. Allein im Laufe des Sonnabend» ergriffen di« Minister Briand, ChSron und Barthou etwa zehn Mal da» Wort, mn der Kammer die Gefahren der Nichtratifizierung vor Augen zu führen, und sie unter dem Druck ständiger Demissionsdrohungen zur Annahme der von der Regierung eingebrachten oder gebilligten Anträge zu bewegen.

In der Nachtsttzung zog Delignes seinen Antrag, ter die Ausführung der Schuldenab­kommen von der Erfüllung ter deutschen Re­parationsverpflichtungen abhängig macht, auf Intervention des Finanzministers ,u Gunsten deS gleichlautenden Antrages Hsraud zurück, wobei letzterer trotz lärmenden Widerstande» der Linken mit 282 gegen 274 Stimmen An­nahme sand. Damit hatte die Regierung die Partie endgültig gewonnen und ihren Wil­len durchgesetzi, daß die Vorbehalte nicht in da» RatisizierungSg«fttz ausgenommen wer­ten sollen. _

Das Hau» kehrte nun zur Beratung de» aus einem einzigen Artikel bestehenden Ge­setzes zurück, das den Präsidenten der Repu­blik zur bedingungslosen Ratifizierung der beiten Schuldenabkommen ermächngt. Wie­derum drohte Briand mit einem Rücktritt der Regierung, fall» die Kammer da- Ransizle- rungSgesetz, zu dem er die Vertrauensfrage gestellt hatte, ablehnte. Darauf entschied sich die Kammer, wie etngana» mitgeteUt wurde.

Pari«, 22. Juli. Der ehemalige Unterrichts­minister Lamoureux hat im Anschluß an die Kammerabstimmung über den Anttag Malvy,