Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Dienstag, 16. Juli 1929
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Französische Rilttürkreife in Aufregung
Der „anstößige" Artikel de« Kriegsministers / Vainlevi und Briand sollen Rechenschaft ablegen
Äum Tobe Hans Delbrücks
Ser „Mhideie" Stieben
Eigene Drahtmeldung
Mit dem Geheimen Regierungsrat Pros. Dr. Hans Delbrück ist nicht nur ein großer Historiker der deutschen Gegenwart aus dem Leven geschieden, sondern auch eine Persönlichkeit von ausgesprochen politischem Gepräge. Bans Delbrück hat sich nie damit begnügt, die orgänge der Vergangenheit zu erforschen und wissenschaftlich darzustellen. Sein Tempera- ment hat ihn immer auf die Beeinflussung der Gegenwart und Zukunft, auf das politische Wirken, hingedrängt.
Seine hervorragendste wissenschaftliche Lei- Sing ist die „Geschichte der Kriegskunst im ahmen der politischen Geschichte^. Es ist dies eine Weltgeschichte von der Entwicklung und Gestaltung der Kriegskunst aus gesehen. Besonders bekannt geworden ist durch die Arbeit des Generaloberst v. Schliessen di« Analyse der Schlacht bei Cannae mit der Idee der doppelten strategischen Umfassung, wie sie bei Tannenberg in die Tat umgesetzt worden ist.
In seiner Lehrtätigkeit ist Delbrück der Nachfolger im Ordinariat Heinrich von Treitschkes an der Berliner Universität gewesen. Seine Tätigkeit als Herausgeber der „Preußischen Jahrbücher" führte ihn in das Gebiet der politischen Publizistik. Zur Bismarckzeit war er auch einmal Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses und Mitglied des Reichstages. Er gehörte damals der freikonservativen Partei an. Sein ausgesprochener Unabhängigkeitsdrang hat ihn aber bis in die letzte Zeit seines Lebens hinein immer wieder seine politische Stellung so wählen lassen, daß er einmal nach rechts hin, ein andermal nach links hin in Gegensatz geriet.
In der Klärung der Kriegsschuldfrage hat er sich besondere Verdienste erworben und Hai mit Schneid und Gründlichkeit immer wieder seine Thesen den Gegnern vorgehalten und sie zur Antwort zu zwingen versucht. Am 11. November 1928 konnte er mit allen Ehrungen, die das deutsche Volk zu vergeben hat, seinen 80. Geburtstag feiern. Bor kurzem noch sollte er in der dann abgesagten Kundgebung der Berliner Studentenschaft anläßlich der zehnjährigen Wiederkehr ves Versailler Friedensdiktates sprechen.
Mit Hans Delbrück ist wohl einer der Hervorragendsten aus dem Kreise derjenigen Persönlichkeiten dahingegangen, die in ihrer Wesensart ein Bindeglied zwischen dem alten und dem neuen Deutschland gewesen sind. Hans Delbrück konnte das sein, ohne sich selbst irgendwie untreu zu werden. Die Besten Mer Gesinnungsrichtungen stehen in Trauer an se-nem Sarge.
Neuer Befatzungszwlschenfall
Zweibrücken, 16. Juli. Am Montag nachmittag wurde eine 27 Jahre alte Ehefrau, die sich auf dem Heimweg von ihrer Arbeitsstätte befand, von einem Angehörigen der Besatzungsarmee angefallen. Der Soldat versuchte, die Frau zu vergewaltigen. Auf die Hilferufe der Frau eilten aber mehrere Arbeiter herbei. Der Täter entfloh und konnte bis jetzt noch nicht ermittelt werden.
Paris, 16. Juli. (Eig. Drahtmeldung.) Die Londoner Wochenschrift „Referee" veröffentlichte kürzlich Erklärungen des französischen Kriegsministers Painlevt zur Frage der Rheinlandbesetzung. Painleve spricht darin der Besetzung den Charakter der Sicherheitsgaran- tie ab.
Die Ausführungen PainlevkS haben in stanzöfischen Militarkrcisen einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Das dem Generalstab nahestehende „Echo de Paris" spricht von Gegensätzen in der Auffassung Painlevks und Briands und schreibt u. a.: Painleve breche völlig mit dem Protokoll vom 16. September, das als Voraussetzung für die Zurückziehung der französischen Truppen die völlige und endgültig« Kriegsentschädigung und die Einset- zung eines Feststellung«- und Versöhnungs- ausschuffes zur Ueberwachung der Rheinlandzone (???) habe.
Zur Vertuschung seines Misserfolges nehme Briand zu RednerkunftWckru seine Zuflucht. Painlevö aber trage die Schuld, das französische Heer auf eine so tiefe Stufe fallen gelassen zu haben, dass sogar die Erhaltung des Friedens wahrhaft gefährdet (!?) worden fei. Das Parlament solle endlich beide Minister, die unmittelbar für Frankreichs geschwächte Stellung veraniworUich seien, zur Rechenschaft ziehen.
Der erste Schritt
London, 16. Juli.
Der erste offizielle Schritt der englischen Regierung zur Wiederaufnahme der normalen diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrußland ist nunmehr getan. Wie der englische Außenminister Henderson gestern im Unterhaus erklärte, hat di« englische Regierung durch Der- mittlung der norwegischen Regierung Sowjet- rutzland die Aufforderung zugehen lassen, einen bevollmächtigten Vertreter nach London zu entsenden, um mit der englischen Regierung zwecks Regelung der wichtigsten Fragen zur
Wiederaufnahme der diplomatischen B^iehun- gen zwischen den beiden Ländern zu verhandeln. • •
Parker Gilberts
Zwischenbericht
Berlin, 16. Juli.
Nach unseren Informationen rechnen die Berliner zuständigen Stellen damit, daß die Veröffentlichung des sogenannten Zwischenberichtes des Reparattonsagenten, der die erste Hälfte des Reparationsjahres 1929 behandelt, am Mittwoch oder Donnerstag erfolgt.
Angesichts der kommenden Reparationsverhandlungen wird dem Bericht mit größter Spannung entgegensehen.
Das Lriegsbeil wirb begraben!
Unter den zahllosen Gegnern Deutschlands im Weltkriege befanden sich auch die Maori, ein Polynesterstamm, der im Süden Neuseelands beheimatet ist, und nach der letzten Volkszählung rund 50 000 Köpfe zählt. Das Kriegsbeil, das dieser Volksstamm zusammen mit seinen großen Verbündeten gegen Deutschland geschwungen hat, ist nun endgültig begraben worden.
Der Kreuzer „Emden", der in diesen Tagen Neuseeland einen Besuch abgestattet hat, kann diese Friedenstat für sich buchen. Mit besonderen FörmlMeiten wurde der Friedensschluß vollzogen. Der Kommandant des Kreuzers erhielt von den Maori eine Kiste, in der die von ihnen benutzte Kriegsflqgge enthalten ist, die zeigt, wie ein Maori einen deutschen Soldaten tötet. Kapitän Arnauld be la Perrier« wurde gebeten, di« Kiste zu verschließen, worauf die Maori sie in ihre Kirche brachten.
Russische Unterhändler unietioegs!
(Eigene Drahtmeldung).
London, 16. Juli.
Zn Peking sind Berichte eingegangen, wonach russische Friedensunterhändler im Flugzeug aus Moskau in Irkutsk in Sibirien eingetroffen sind. Es wird versichert, daß sie die Aufgabe haben, eine Konferenz mit Vertretern der chinesischen Regierung für den Fall, daß die Nanking-Regierung solche Verhandlungen wünschen sollte, um die an das sowjetruflische Ultimatum geknüpften ernsten Folgen zu vermeiden, herbeizuführen.
Sowohl in Nanking als auch in der Mandschurei wird die Lage günstig beurteilt.
Marschall Tschangsühliang befindet sich zurzeit aus Urlaub und zeigt auch keine Neigung, ihn abzubrechen.
lieber die nächsten sowjetruffischen Schritte nach Ablauf des Ultimatums besteht noch Ungewißheit. In Peking rechnet man vereinzelt damit, daß die Rote Armee Hailar besetzen wird, als erster Schritt zur Veranschaulichung der sowjetrussischen Entschließung, ihren Willen auch auf andere Weise als auf dem Wege der Verhandlungen durchzusetzen. Südlich von Tschita ist ein« starke militärische Aktivität zu verzeichnen. Die Nanking-Regierung glaubt offenbar, daß das sowjetrussische Ultimatum nur dazu bestände, die
chinesische Regierung zu Verhandlungen zu zwinge«.
Die Lage der Sowjet-Regierung wird als nicht ausreichend befestigt angesehen, um Moskau in die Lage zu versetzen, die Kriegsdrohungen gegenüber China durchzuführen
Amerika als Schiedsrichter?
Tokio, 16. Juli.
Nach einer Blättermeldung au« London berichten die amerikanischen Zeitungs-Korrespondenten aus Moskau und Riga übereinstimmend, daß die Aktion der russischen Regierung
gegen China einen heftigen Konflikt zwischen Litwinow und Karac^n veranlasst habe.
Litwinow soll die Auffassung vertreten, dass Russland'die Hand durch den Kelloggpakt gebunden sei. Karachan vertrete dagegen die Auffassung, dass Rußlands Unterschrift unter dem Kelloggpakt keine Verpflichtung bedeute.
Litwinow soll die Absicht haben, wenn China aus das von Karachan in Vorschlag gebrachte Ultimatum nicht durch sofortiges Rachgrben reagiere, Amerika zu bitten, einen Schiedsrichter in dem russisch-chinesische« Streit über die ostchinestsche Eisenbahn zu ernennen, da nur Amerika als wahrhaft neutral angesehen werden könne.
Unklare Ziele Pekings
London, 16. Juli.
In Kreisen deS diplomatischen Korps in Peking nimmt man an, dass die Pekinger Regierung die Einverleibung der äusseren Mongolei und Ostturkestans der militärischen Besetzung der Ostbahn vorziehen würde, da die in der ostchinesischen Eisenbahn investierten französischen und amerikanischen Finanzinteressen zu Schwierigkeiten mit den drei Mächte« führen könnten.
Steine gegen das
Berliner chinesische Konsulat
Berlin, 16. IM.
Der „Roten Fahne" zufolge versammelten sich gestern abend vor dem Berliner Chinesischen Konsulat mehrere 100 Arbeiter, aus deren Reihen Rufe gegen die Nankinger Regierung laut wurden Es flogen Steine gegen die Fenster des Konsulats, die sämtlich in Trüm- mer gingen. Bei Eintreffen des Ueberfallkom- mandos war die Demonstration bereits beendet.
Sturm filier Asien?
W. P. Die Nachrichten, die aus dem fernen Osten zu uns kommen, enthalten bestimmt keine hundertprozentige Wahrheit. Die Einzelheiten der Vorgänge, die sich dahinten in der Mandschurei und Mongolei abspielen, sind der Kontrolle des europäischen Lesers so sehr entzogen, daß den meist recht einseitig sestgelegten englischen und russisch. Stellen, die für Europa die
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PEKING >
Hauptlieferanten des Nachrichtenmaterials aus den fernöstlichen Gebieten sind, die Vermengung der Wahrheit mit einer kräftigen Dosis Dichtung nicht allzu gewagt erscheint. Gerüchte pflegen, je länger ihr Weg ist, umso mehr Fett anzusetzen; ihnen geht es umgekehrt als den Menschen, denen die Bewegung bekanntlich gerade als Mittel zur Erhaltung der Schlankheit anempfohlen wird. Man wird also gut tun, den Alarmnachrichten aus dem mon- golisch-mandschurifchen Gebiete, die nun einmal bei ihrer Ankunft in den Hauptstädten Mitteleuropas bereits eine Reise von mehreren tausend Kilometern hinter sich haben, mit einiger Vorsicht zu begegnen. Und man wird versuchen müssen, aus diesen Meldungen, ohne an den Einzelheiten zu kleben, das Shmtomatische, das Wesentliche herauszulesen.
Nicht das ist interessant, was sich bei der Beschlagnahme der in russischen Händen befind- lischen Ostbahn durch die chinesischen Behörden, bei der Verhaftung der dort tätigen russischen Beamten und bei der Besetzung der russischen Wirtschatfsbüros in Charbin an vielleicht pikanten Zwischenfällen ereignet hat. Bedeutsam find vielmehr allein die Tatsachen, daß China jetzt diese Tatkraft gegen eine ausländische Macht aufbringt, daß «8 jetzt seine Interessen im äußersten Norden des riesigen Reicher mit erhöhtem Nachdruck wahrnimmt.
Für die russische Ostpolitik bedeutet diese Erstarkung des chinesischen Abwehrwillens natürlich eine neue Enttäuschung; der russische Einfluß in China ist, seitdem Borodin, diesem geschickten Agenten des Kommunismus, von den Führern des neuen Chinas die Türen verschlossen worden sind, derartig zurückgegangen, daß die Männer des Moskauer Außenkommis- sariats sicherlich mit einigen Sorgen in die Zukunft blicken. Und man wird es auch den roten Militärs nicht allzu Übelnehmen dürfen, wenn sie jetzt, nach den Zwischeusällen an der ostchinesischen Bahn ein wenig mit den Säbeln rasseln. Klappern gehört nun einmal zum Handwerk. Auf der anderen Seite ist es freilich auch verständlich, daß den Chinesen die reichlich plumpen Keilmethoden der russischen Vertreter auf die Nerven gehen.
Trotz der Zuspitzung der Lgge, die durch das kurzfristige russische Ultimatum gekenn- zeichnet wird, darf man doch daran zweifeln, daß die Kanonen schon in diesen Tagen in dem von der ostchinesischen Eisenbahn durchquerten Gebiete losdonnern werden. Rußland hat mit der Beseitigung seiner wirtschaftlichen Röte gerade jetzt alle Hände voll zu tun, und China dürfte sich der Ruhe im eigenen Lande auch noch nicht so sicher sein, daß es den Mut zu einem Waffengang aufbringt. Es ist immer ein undankbares Geschäft, für derartig wichtige politische Entscheidungen eine Voraussage zu treffen, zumal wenn diese Entscheidungen auf so gewaltigen Räumen, wie sie im fernen Oste«