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Nummer 158

Einzelpreis: Wochentag» 10 Pfennig.

Montag, 8. Juli 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

England zur Saarfrage

Gaaidebatte auf der Regierungskonferenz wird fürunzweckmäßig" gehalten

Amerikanische Beobachter ans der Konferenz?

Eigene Drahtmeldung

und auf das große Interesse beider Mächte an der Erhaltung des Friedens auf dem Balkan hingewlesen.

Auch in Belgrad ist ein neuer Schritt un­ternommen worden, und in beiden Fällen dringend aus die Notwendigkeit hingewiesen worden, der Spannung durch gegenseitiges Entgegenkommen ein Ende zu machen.

London, 8. Juli.

Der diplomatische Korrespondent deS Daily Telegraph beschäftigt sich heute mit der Saar­frage und läßt mit der Bemerkung, daß Deutsch­land auf der bevorstehenden politischen Kon- fercnz berechtigt sei zu erfahren, welche Sum­me es für den Rückkauf der Saarbergwerke zu bezahlen habe, durchblicken, daß die englische Regierung der Aufrollung der Saarsrage auf der kommenden Konferenz grundsätzlich keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen gedenkt, wenn diese Aufrollung von Deutschland ge­wünscht wird. An derrrseits bestätigt der Mit­arbeiter, datz man auch in englischen Kreisen eine Debatte über die Saarfrage in diesem Augenblick als unzweckmäßig ansieht. Hinsicht­lich der französische Stellungnahme rechnet man damit, datz Frankreich eine Sicherung auf der kommenden Konferenz ablehnen werde.

Im übrigen erwartet man dem Korrespon­denten zufolge eine Erleichterung der Arbeiten der Konferenz durch die Teilnahme der Arbeiten mehrerer amerikanischer Beobachter. Der Korrespondent verweist in diesem Zusammen­hangs aus das Bei,piel der Lawes-Konferenz vom Jahre 1929, die nur durch die Anwesen­heit des amerikanischen Delegierten vor dem Zusammenbruch gerettet worden sei.

poinearös Furcht vor London

Paris, 8. Juli.

Ueber die Sonnabend-Besprechung zwischen dem englischen Botschafter Tyr eil und dem französiichen Außenminister B r i a n d. der übrigens, wie man erst jetzt erfährt, eine Zu­sammenkunft zwischen dem deutschen Botschaf­ter von Hoesch und dem Generalsekretär im Quai d'Orsay Berthelot vorausgegangen war, ist irgend eine offizielle Mitteilung nicht ge­macht worden.

Das wichtigste Ergebnis der Unterredung ist, datz man sich aus bte Einberufung der Kon­ferenz für die erste Augustwoche, höchstwahr­scheinlich vom 5. bis 8 August, geeinigt Hai Die Frage des Tagungsortes ist immer noch unentschieden, und es scheint, datz die franzö­sische Regierung noch einmal eine Note nach London schicken wird, bevor sie dem englischen Wunsch, die Konserenz in London abzuhalten, zustimmt.

Aus französischer Seite geht, wenn man demOeuvre" Glauben schenken darf, bei Widerstand gegen London weniger von Briand als von Poincarö aus, der die Absicht bekundet haben soll, seinen Außenminister aus die Kon­serenz zu begleiten, und der eher noch in einen deutschen Badeort, etwa Baden-Baden, als nach London gehen möchte, da er den Einslutz des englischen Schatzamtes und der englischen Presse fürchtet.

Gewissensfragen

-er belgischen Sozialisten

Brüssel, 8. Juli.

Auf dem gestern eröffneten Jahreskongretz der belgischen Arbeiterpartei kündigte Bander- velde an, daß die Partei die vorzeitige Ein­berufung des Parlaments fordern werde, da­mit es sich mit der Außenpolitik beschäftigen könne. Die Sozialisten wollten u. a. wissen, ob mit der RepariationSregelung die Räumung des Rheinlandes verbunden sei. Auf inner- politischem Gebtet möchten sie die Sprachen- srage auf der Grundlage der Gleichberechtigung der Wallonen und Blamen gelöst sehen.

Neuer Verhan-lungsführer für Polen?

Berlin, 8- Juli. Die Frage der offiziellen Wiederaufnahme der deutsch-polnischen Han­delsvertragsverhandlungen steht augenblicklich im Mittelpunkt der Arbeiten der Reichsregie­rung. Es handelt sich vor allem um die Frage, ob Reichsfinanzminister a. D. Dr. Hermes fernerhin die Führung der deutschen Delega­tion beibehalten soll. Durch seine Tätigkeit

für verschiedene landwirtschaftliche Verbände ist der bisherige deutsche Verhandlungsleiter sehr stark in Anspruch genommen, sodaß er kaum in der Lage ist, sich mit der gewünschten Intensität der Aufgabe als Leiter der Handels­vertragsverhandlungen mit Polen zu widmen. Als eventueller Nachfolger von Hermes werden Ministerialdirektor Ritter und Ministerial­direktor Dr. E r n st genannt.

Amanullahs Schütze

Paris, 8. Juli. Exkönig Aman Ullah von Afghanistan, der an Bord eines englischen Dampfers in Marseille eingetrossen ist, war von seiner gesamten Familie begleitet. Die Königin trug ihr erst 28 Tage altes Töchter- chen, Prinzessin Hindia, auf ihren Armen. Aman Ullah wird zwei dis drei Tage tn Marseille bleiben und bann zu einem längeren Aufenthalt nach Rom reisen.

Die Zeitungsnachrichten, daß Aman Ullah völlig verarmt sei, treffen nicht zu; vielmehr ist er im Besitz einer Summe von zwei Mil­lionen Pfund und wertvoller Sri,mucksachen. Drei Sekretäre trugen diese Schätze in Stahl­kassetten, die mit Riemen an ihren Handge­lenken befestigt waren, ans Land.

3taöilalen-$üBrer in Lebensgefahr

Paris, 8. Juli.

In einer bei Marseille gelegenen Ortschaft stießen gestern infolge Verschuldens eines Rad­fahrers zwei Automobile zusammen. In einem der Wagen befand sich der Vorsitzende der radikalen Partei Abg. Daladier. Der Zusam­menstoß hatte nur Sachschaden zur Folge.

In einer Rede, die Daladier in Avignon hielt, erklärte er u. a.t Die Radikalen würden unter keinen Umständen für die bedingungs­lose Ratifizierung der Schuldenabkommen stimmen. Sie müßten die Gewißheit haben, daß die Sache des Friedens eine neue Förde­rung dank einer Verständigung zwischen Frank­reich, England und Deutschland erfahre.

Das europäische Pulverfaß

Englisch-französische Schritte in Sofia und

Belgrad.

London, 8. Juli. Die Geschäftsträger Groß- britanniens und Frankreichs in Sofia haben im Zusammenhänge mit den in der letzten Zeit stark zunehmenden Streitfällen an der bulgarisch-südslawischen Grenze bei der bul­garischen Regierung Schritte unternommen

Pechvögel

Mißgeschick eines französischen OzeanflugzeugS

Paris, 8. Juli. Das französische Flugzeug France*, das mit den Fliegern Condouret und Maolouse einen Ozeanflug unternehmen wollte, her aber vom französischen Lustfahrt­ministerium untersagt wurde, hat am Sonntag vormittag Sevilla zum Rückflug nach Paris verlassen. Das Flugzeug, in dem noch zwei Spanier Platz genommen hatten, erlitt über Saint Angeau einen Motorschaden. Bei der Notlandung stieß das Flugzeug gegen einen Baum und überschlug sich. Die vier Insassen wurden schwer verletzt. Condouret ist inzwi­schen gestorben.

Panik beim Baseballspiel

lieber 100 Verletzte.

Rewyort, 8. Juli. Gestern abend entstand während eines BaseballspieleS in dem Augen­blick eine Panik, als unter der überfüllten Zu­schauertribüne Feuer ausbrach. Die ZusckMuer stürzten Hals über Kopf dem Ausgange zu, wobei ein furchtbares Gedränge entstand. Männer, Frauen und Kinder wurden von den nachdrängenden Massen niedergetreten. Jnsge- samt find 103 Verletzte, darunter 30 Arm- mV Beinbrüche, von den Aerzten behandelt worden

13 Rennpferde verbrannt!

Hamburg, 8. Juli.

Montag morgen gegen halb 3 Uhr brach in dem Pferdestall der Rennbahn Farmsen bei Hamburg, in dem eine große Anzahl Renn- Pferde untergebracht war, auS bis jetzt noch ungeklärter Ursache Feuer aus. Der schnell herbeigeeilten Feuerwehr gelang eS zwar, den Brand auf seinen Herd zu beschränken, doch konnten sämtliche Pferde nicht mehr gerettet werden, sondern dreizehn wettvolle Pferde fie­len dem Feuer zum Opfer. Der Gesamtschaden steht noch nicht fest.

Hitzewelle in Amerika

Newyork, 8. Juli.

Im Laufe des gestrigen Sonntags stieg daS Thermometer auf 32 Grad Celsius. In Rew- york selbst war die Hitze so unetträglich, daß Zehntausende Erholung an der ®ee und den schattigen Plätzen außerhalb der See suchten. Eine Person wurde vom Hitzschlag getroffen.

Gerüchte um Trotzki

(Eigene Drahtmeldung).

_ London, 8. Juli

Die Gerüchte, wonach mit Trotzki Verhand­lungen über feine Rückkehr nach Rußland ge­führt werden, bleiben nach einer Meldung der Rigaer Morgenpost" bestehen. Trotzki soll eine bedeutende Stellung in der Roten Armee ein- getäumt werden. Diese Meldung des Blattes wird dahin ergänzt, daß bereits mehrere aus­gewiesene Politiker in den letzte« Tagen wieder nach Rußland hätten zurückkehren dürfen. Man bringt diese Meldungen mit der Unzufrieden- heit in der Roten Armee in Zusammenhang.

Banbitenüberfall ober politisches Attentat?

Schüsse auf ein bulgarisches Regierungsauto

Sofia, 8. Juli. Auf der Sttaße Kritschim- Plowdiw (Philippopel) 9 Kilometer von Plowdiw entfernt, wurde Sonntagnacht um 1 Uhr ein Regierungsauto, tn dem sich der Prä­fekt des Bezirks Plowdiw, ein der Regierungs- Partei angehörender Abgeordneter, der Gene- ralfekretär im Ministerium für öffentliche Ar­beiten und einige Polizeibeamte befanden, von Banditen überfallen, die etwa 20 Schüsse gegen

Ibas in voller Fahtt befindliche Auto abgaben. Der mit der Leitung des persönlichen Sicher- heitsdiensteS des Ministers für öffentliche Ar­beiten Wassilesf betraute Beamte Simeon Alexandrow wurde von den Kugeln getroffen und erlag seinen Verletzungen.

Eine Stunde vorher hatte Minister Masst- leff in demselben Auto auf der Fahtt nach Plowdiw die Stelle passiert, ohne von irgend jemand angehalten worden zu sein.

Die eingeleitete Untersuchung hat bisher nicht ergeben, ob es sich um einen Ueberfall von Wegelagerern oder um ein politisches Attentat gehandelt hat.

Amerikanisches Interesse für Rußland

London, 8. Juli.

Wie aus Moskau gemeldet wird, erwattet man dort für den 16. Juli eine aus hundert Personen bestehende Abordnung der Newyorker Handelskammer. Die Abordnung beabsichtigt, ganz Rußland zu bereisen und besonders die Petroleumquellen bei Baku zu besichtigen.

Erfüllimgspolttik

Von Dr. Paul Rohrbach.

Der Reichsbankprästdent Dr. Schacht hat in seiner Münchener Rede vom 28. Juni mehr- fach das Wott .Erfüllung" gebraucht. Er hat gesagt, das Memorandum der deutschen Sach­verständigen vom 17. April sei davon ausge» gangen,daß Deutschland sich bemühen solle, die in den bestehenden Verträgen enthaltenen Ansprüche der Gläubigernationen bis zu einer vernünftigen Grenze der deutschen Leistungs­fähigkeit zu erfüllen," und an einer anderen Stelle:der Umstand, daß die deutschen Sach verständigen sich dem Urteil der übrigen Kon-tz ferenzmitglieder über die wirtschaftliche Trag­barkeit der Aoung-Annuitäten nicht haben'an­schließen können, entbindet uns und alle her» antworttichen Stellen in Deutschland nicht von der Verpflichtung, in ehrlichster Weise und mit ernstem Nachdruck alle Bemühungen da­rauf zu richten, die Zahlungen aus dem Aoung-Plan zu erfüllen."

Der hier ausgesprochene ernste Ersüllungs- Wille ist also zu verstehen mit dem selbstver­ständlichen Vorbehaltnachdrücklichste Bemü­hungen" und einervernünftigen Grenze" in Bezug auf die deutsche Leistungsfähigkeit. Die Frage, ob der Noung-Plan nicht über diese Leistungsfähigkeit hinausgeht, und ob unsere Bestrebungen ihn zu erfüllen, nicht viellelcht doch vergeblich sein Werden, bleibt in der Schacht schen Rede offen.

HErfüllungspolitik" ist seit zehn Jahren ein mehr oder weniger zum Schlagwort ge- wordenes deutsches Thema, zu dem es zwei grundsätzlich verschiedene Einstellungen gibt Die eine könnte tn bestimmtem Sinn pazi­fistisch genannt werden, die andere in ebenso beftimnuem Sinn politisch. Unter der pazi­fistischen Einstellung verstehen wir hier die- 'en'ge, die bereit ist, um ihres Prinzips willen alle Lasten der Liquidation des Krieges, ma­terielle und moralische, angesichts der Weige­rung der gegnerischen Stellen, sich gleichfalls zu beteiligen, auf die deutschen Schultern zu nehmen; unter dem politischen dagegen die­jenigen, die sich grundsätzlich Weigert, für Deutschland andere Verpflichtungen zu über­nehmen, als solche, die sich aus gegebenen deutschen Zusagen und aus der tatsächlichen deutschen Zwangslage ergeben.

Auch die Gesichtspunkte der internationalen Moral rechnen wir zu den politischen, und wir können es daher nicht verstehen, daß man kur­zer Hand erklärt, die deutschen Zahlungslasten hätten nichts mit der Frage der Schuld am Kriege zu tun,sondern feien einfach eine Folge davon, daß Deutschland den Krieg verloren habe. In dieser Frage haben sich die früheren Kriegsgegner Deutschlands zu einer anderen Ansicht bekannt; namentlich die verantwortli­chen französischen Stellen haben erklärt, wenn die Verantwortlichkeit dieSchuld' am Kriege geteilt wäre, so müßten allerdings auch die Lasten geteilt werden, da sie aber un­geteilt auf Deutschland siele, so sei es recht und billig, daß Deutschland allein zahle. ES scheint uns daher eine unnütze Preisgabe einer moralischen deutschen Rechtsanspruches zu fein wenn man den Zusammenhang zwischen Kriegsschuldfrage und Tributfrage von deut­scher Seite kurzer Hand beisetteschiebt.

Die Ersüllungspredigt im pazifistischen Sinn bedeutet die Aufforderung, sich willig in das größte Unrecht zu fügen, das fe einem Kulturvolk angetan worden ist. Der Friede Eurovas kann nicht damit erlauft werden, daß Deutschland sich einfach in die gewaltsame Verkümmerung seines Lebensraumes fügt, weil die Andern es fo wollen. Auch der ame­rikanische Staatssekretär Mellon hat seinerzeit bei den Verhandlungen mit Frankreich gesagt, wenn ein Abkommen die tatsächliche Zahlungs­fähigkeit eines Landes übersteige, so sei diese» Land berechtigt, das Abkommen zu verweigern Das gilt auch für Deutschland, wenn unser guter Wille, den Doung-Plan zu erfüllen, nur um den Preis Verwirklichung finden könnte, daß wir uns in eine Abstumpfung unseres Le­benswillens, also in eine tiefgehende national- sittliche Schwächung, ergeben.

Der Belgier Vandervelde hat es kürzlich ausgesprochen, kein Mensch mit gesundem Ver­stände könne sich vorstellen, daß ein Volk von 99 Millionen, ein Volk von großer Vergangen­heit, voll Schaffenskraft und Schaffenslust, sich auf immer damit abfinden werde, eine» großen Teils seines Gebietes und seiner Glie­der beraubt und auf viele Jahrzehnte Tributt