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Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
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Mummer 148
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Mittwoch, 26. Juni 1929
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19. Jahrgang
Nächste Konferenz in London?
(Streit um den Tagungsort / Der 2)oung-J3Ian ein dehnbarer Begriff
Berlin, 26. Juni. Der ziemlich zäh geführte diplomatische Kampf um den Tagungsort der bevorstehenden großen internationalen Konferenz scheint sich allmählich zu Gunsten von London zu entscheiden. Während ursprünglich — übrigens von französischer Seite — Baden-Baden zur Debatte gestellt wurde, ein Vorschlag, der den deutschen Interessen natürlich am meisten gerecht worden wäre, forderte die französisch? Diplomatie auf das Eingreifen Poincarks hin sehr bald danach einen Konferenzort in einem neutralen europäischen Staat, wobei neben Holland (Haag) vor allem an die Schweiz (Ouchy am Genfer See) gedacht war. Das Britische Auswärtige Amt ließ jedoch erkennen,
daß sein Wunsch dahingehe, die Konferenz auf alle Fälle in London ftattfinden zu laffen.
Begründet wurde von britischer Sette her diese Forderung damit, daß die neue englische Regierung noch verhältnismäßig wenig Zeit gehabt habe, sich in die schwierigen Fragen der Repora- tionslösung, der Rheinlandräumung, des Saargebietes und aller sonstigen damit zusammenhängenden Probleme einzuarbeiten, so daß sie größten Wert darauf legen muffe, ihren ganzen Sachverständigen- und Beamtenapparat jederzeit bei der Hand zu haben.
Genau genommen ist diese Argumentation natürlich nicht stichhaltig. Wir weisen nur darauf hin, daß man ja auch von Deutschland leverzeit die Präsentation feiner Sachverständigen verlangt har. so mutzte ja erst kürzlich in Madrid wieder die deutsche Delegation einen großen Stab von Experten zur Stelle haben, um für alle vorkommenden Fragen sofort gerüstet zu sein. De facto läuft der Wunsch des englischen Kabinetts natürlich darauf hmmrs, der Lobaur-Regierung vor der Lfsentlichen Meinung des eigenen Landes von vornherein einen günstigen Start zu sichern. Das Beharren Mac- donalds aus London als Konferenzort ist demnach in erster Linie prestigepolitisch zu werten.
Für Deutschland liegt dennoch keine Veranlassung vor, die britischen Wünsche abzulehnen. Ja, wir «ehen nicht an, zu erklären, daß wir eine Tagung in Ouchy für nicht sehr erwünscht halten würden, trotz der günstigen klimatischen und geographischen Bedingungen, die die beiden deutschen Hauptdelegierten, Reichskanzler Müller-Franken und Außenminister Dr. Strese- mann angesichts ihres geschwächten Gesundheitszustandes dort vorfänden. Ouchy liegt aber absolut in der politischen und geistigen Einslutz- zone Frankreichs, was sich ja schon bei verschiedenen Gelegenheiten in Genf unangenehm bemerkbar gemacht hat. Wenn also Baden-Baden vollkommen aus den diplomatischen Erörterungen ausgeschaltet worden ist,
dann wü den wir einer neuen Konferenz in London unbedingt den Vorzug geben,
und es scheint auch, daß die maßgebenden politischen Kreise der Reichshguptstadt sich die Wünsche der britischen Regierung zueigen gemacht haben. Denn es ist weiter zu bedenken, daß bei einer Tagung am Genfer See natürlich Poincar» als dienstältester Ministerpräsident den Vorsitz der Konferenz führen würde, während in London der Vorsitz natürlich Mac-Do- nald gebührt. Es kann hiernach kein Zweifel fein, daß London unbedingt vorzuziehen ist.
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yofncor< ist für die Schweiz
Pari«, 26. Juni. Rach Beendigung seines Exposes erklärte Ministerpräsident Poincare in den vereinigten KammerauDschüssen im Hinblick auf die Besprechungen über die Wahl des Tagungsortes der bevorstehenden Regierungskonferenz, daß eS der Wunsch der englischen Regierung sei, diese Konferenz in London stattfinden zu lassen, daß es nach seiner Auffassung jedoch zweckmäßiger wäre, sie in einem neutralen Lande, am besten in der Schweiz abhalten zu laffen.
London, 26. Juni (Drahtbertcht). Ein diplomatischer Korresspondent, der in engster Verbindung mit der Regierung steht» teilt im Zusammenhänge mit den Erklärungen Poin- carsS im auswärtigen Ausschuß mit, daß der französischen Forderung nach einem Konferenz- ort in einem neutralen Lande sicher stattgegeben werde.
Der verworrene Aoung-Man
London, 26. Juni.
Wie Pertinax berichtet, hat hinsichtlich der Tagung der Internationalen Konferenz zur Inkraftsetzung des Aoung-Planes in Frankreich eine vollständige Meinungsänderung Platz gegriffen. Man sei sich nunmehr darüber klar geworden, daß der Aoung-Bericht sehr lose entworfen sei und vom juristischen Stand- punkte aus ungeheure Auslegungs-Schwieria- leiten bereite. Es werde daher wenigstens em ganzer Monat sehr schwerer Arbeit notwendig sein, um den sich aus dem Aoung-Plan ergebenden Verträgen und Uebereinkommen eine Form zu geben, die weniger Schwierigkeiten verursacht, als der Sachverständigenbe- richt selbst. Die französische Regierung hat sich daher entschlossen, in vollem Umfange für die Ratifizierung der Schuldenabkommen in den Bereinigten Staaten und Großbritannien ein- »utreteK, und sei bereit, ir> An'chl'ttz hieran an einer internationalen Konferenz teilzunehmen, die den ganzen August dauern dürfte.
Paris, 26. Juni. Der Londoner Berichterstatter des Echo de Paris meldet: Die britische Regierung ist der Ansicht, daß die Räumung des Rheinlandes sofort erfolgen muß. Die englische Regierung tritt fast offen für die deutsche These ein, daß Frankreich keine Garantie als Austausch für die vorzeitige Räumung in Form einer ständigen Feststellungs- und Aus- gleichskommiffion gegeben werden darf.
Stinnes-Vrozeß
Im Stinnes-Prozeß wurde am DienStag Landgerichtsrat Töplitz vernommen, der als Untersuchungsrichter an dem Verfahren beteiligt war. Der Zeuge schildert den AngeNag- ten von Waldow als einen sehr nervösen Menschen, der besonders über die ungewohnte Ge» fängniskost geklagt habe. Der Zeuge bittet um die Genehmigung, während der Mittagspause die früheren stenographischen Protokolle durchzusehen, jedoch in Anwesenheit der Verteidigung, damit nachher nicht behauptet werde, er bade etwas hinzugeschrieben. Gegen diese Bemerkung des Zeugen protestiert erregt R.-A. Alsberg, sodaß der Vorsitzende vermittelnd eingreifen muß.
Der Zeuge erklärt, er sei einmal von dem Angeklagten von Waldow gefragt worden, wieviel Strafe er denn zu erwarten habe. MS der Zeuge erklärte, er gebe darüber grundsätzlich keine direkte Auskunft, habe v. Waldow gesagt:
„Ra, nehmen wir an, ich bekomme zwei Jahrei Hindenburg ist ein naher Ber- wandter meiner Mutter, er wird mich schon begnadigen".
Ich war empört über diese Aeußerung, so betont der Zeuge, und hielt v. Waldow vor, tote ungeheuerlich es fei, die verehrungswürdige Person des Reichspräsidenten, der für jeden Deutschen ein Muster an Pflichterfüllung fei, in diese Geschichte Hineinzuziehen.
Die Folgen von Besaneon
Amnestie für alle Elsässer.
Paris, 26. Juni Der Ministerrat hat auf Vorschlag des Ministerpräsidenten Pöincaro und des JustlzurimsterS Barthou beschlossen, der Kammer einen Gesetzesvorschlag über eine Amnestie für Elsaß vorzulegen. Diese Maß- nähme, die nach oem Urteil von Besaneon von d'elen Seiten verlangt wurde, wird in dem Tert des Gesetzesvorschlages alS die Konse- quem deS Freispruchs der Geschworenen deS Doub-DepartementS begründet. Die Regte» rung sehe in dem Spruch von Desanyon, der das Kontumaz-Urteil gegen Dr. Roos aufhob, eine Kundgebung der Bolkstusttz, die sich sirr einen erneuten Versuch auSspreche, durch Ent- gegenkommen eine Beruhigung im Elsaß her- veizusühren. Diese Anregung wolle die Regierung sicht unbeachtet laffen. Alle Regierun-
Lver wird Botschafter in London?
Als Nachfolger für Botfchafter Sthamer, der im September dieses Jahres endgültig zurücktreten wird, werden genannt (von litt 18): Rudolf Breitscheid, sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter — Freiherr von Reurath, Botschafter in Rom — Generaloberst von Seeckt, ehemaliger Ches der HerreSleitu ng — Dr. von Schubert, Staatssekretär im Auswärtigen Amt.
gen Frankreichs seit dem Waffenstillstand hätten zwar in diesem Sinne gearbeitet, ohne ein anderes Ergebnis, als daß ihr Entgegenkom men von vielen Elsässern für Schwäche gehalten wurde. Obwohl also diese Haltung oft oen Anlaß zu neuen antinationalen Bewegungen gegeben habe,wolle die Regierung noch einmal den Weg der Versöhnung emichlagen, den der Spruch von Besaneon anzcigt.
Die eigenen Truppen bombardiert
16 Opfer eines Irrtums
Ä, 26. Juni. (Eigener Funkdienst), et der Bundestruppen entdeckte bei einem" Erkundungsflug in der Nähe von Snr- ranoa eine Truppenabteilung, die sich verschanzt hatte. In der Annahme, daß eS Auf- ständische feien, warf der Flieger Bomben ab.
In Wirklichkeit handelte es sich um Bundestruppen, von denen durch die Fliegerbomben ein Offizier und 15 Mann getötet und 15 Mann verwundet wurden.
Der SaHrwels
Berlin, 26. Juni. (Eigener Drahtbericht). In dem Disziplinarsenatprozetz gegen den früheren Leiter des Verlier FremdenamteS, Regie- rungsrat Barthels, hat der Disziplinarfenat für nichtrichterliche Beamte am Kammergericht nach zweitätiger geheimer Verhandlung Barthels wegen Disziplinarversehlungen zur Strafversetzung in ein anderes Amt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Vom Schöffengericht Berlin-Mitte war er wegen Bestechung durch den Russen Michael Holzmann zu einem Jahr 3 Monaten Gefängnis verurteilt, später aber in der Berufungsinstanz von der Straftammer des Landgerichts I auf Kosten der Staatskasse freigesprochen worden.
Wie Kriegslügen lebendig bleibe»
Bon Dr. HanS Draeger.
Im vergangenen Jahr hatte der englische Arbeiterführer und jetzige Unterstaatssekretar im englischen Kabinett Arthur Ponsonby ein Buch herausgegeben, in dem er alle Lügen und Greuelgeschichlen zusammengefaßt hat, die während des Krieges verbreitet wurden. Dieses Buch ist ein Beweis dafür, daß eine Behauptung durchaus nicht wahr, nicht einmal wahrscheinlich zu sein braucht, um nicht doch, wenn sie nur genügend propagiert wird, geglaubt zu werden. So wurde die Mär geglaubt, daß deutsche Soldaten belgischen Kindern die Hände abgehackt hätten; so wurde die scheußliche Lüge geglaubt, daß Deutschland die Leichen von Tieren und Menschen zur Fettgewinnung verwerte; so wurde den Deutschen die unmöglichsten Greueltaten zuaetraut. Deutschland sollte der Urheber des Weltkrieges sein und dies surchtbare Verbrechen gegen die Menschheit begangen haben. Diese offen- kundige Unwahrheit ist im Friedensvertrag im Artikel 231 niedergelegt, und es soll nach dem Wort von Lloyd George ein für allemal als festgestellt gelten, daß Deutschland für den Weltkrieg verantwortlich ist. Längst ist diese Behauptung wissenschaftlich einwandfrei widerlegt. Aber das falsche Urttil ist r..2\ aller deutsche» Bemühungen, es zu beseitigen, immer noch in Gültigkeit. Ja, es wird entgegen der immer wieder laut verkündeten Politik der Verständigung und der VersöhnuttK noch immer vieles getan, um die Lügen der Kriegszeit auch jetzt noch im Bewußtsein der Bevölkerung festzuyalten
Im Wald von Compiögne erinnert eine in den Boden eingefügte Platte an den 11. November 1918, den Tag der UnterzeichnungdeS Waffenstillstandes. Anstatt in würdigen «Botten der Beendigung des vierjährigen Krieges, des endlichen Aufhörens des Blutvergießens zu gedenken, enthält die Platte folgende hetzerische Inschrift:
„Hier unterlag am 11. November 1918 der verbrecherische Hochmut deS Deutschen Reiches, besiegt durch die freien Völker, die es unterjochen wollte."
In der Sorbonne in Paris ist ein großer Wandgemälde dem Krieg gewidmet. Daraus sieht man eine öoranftürmenbe Frau mit der Trikolore, Frankreich verkörpernd. Sie stürmt über die mit karikierten Gesichtern wiedergegebenen Körper des deutschen Kaisers, des Kaisers von Oesterreich und deutscher Soldaten hinweg. Im Hintergrund brennende Städte. Auch dieses Gemälde soll, wie das Denkmal von Compiögne, die Vorstellung festhalten, daß Deutschland in verbrechenschem Hochmut den Krieg entsesselt habe, um die Welt zu unterjochen.
Im britischen Kriegsmuseum in London ist eingangs unter Glas und Rahmen die Urkunde gesetzt, die 1839 die Neutralität Belgiens feststellte. Darunter ist die englische Kriegserklärung angebracht, mit der Begrün- düng des deutschen Einmarsches in Belgien. Es steht jedoch fest, daß die wahren Grunde für die Teilnahme Englands am Krieg die Bindung an Frankreich und die Sorge war, durch einen deutschen Sieg das „europäische Gleichgewicht" gestört zu sehen. Jeder, der das Museum besucht, wird somit Über diese wirklichen Gründe getäuscht.
Auch in den Vereinigten Staaten ist noch keineswegs derartige amtliche Propaganda geschwunden. Auf den Denkmälern der im Kriege Gefallenen steht, daß sie bett Tod im Kampf um die Freiheit gefunden haben. Die „Kreuzzugsidee", die seinerzeit Wilson pre- digte, ist verewigt in der Bibliothek der Harvard Universität, einer der größten Landes- bibliotheken. In der Gedenkhalle mit den Bildern der hinausziehenden Krieger sprechen Verse von Kreuzfahrern, die über die See gefahren sind, um denen zu helfen, die ihre ge- rechte Sache verteidigten.
Man muß sich in diesen Tagen, besonders am 28. Juni, dem zehnten Jahrestag der Unterzeichnung des Versailler Diktates, diese Tatsachen in Erinnerung rufen, nicht um nationalistische Leidenschaften zu wecken, sondern um jedem im deutschen Volke begreiflich zu machen, daß der Kampf gegen die Schuldlüge mit eiserner Energie geführt werden muß, und daß es In diesem Kampfe auf die Mitarbeit eines jeden von uns ankommt.